Politikverdrossenheitsverdrossen: Gastkommentar von Bernhard Winkler

Politikverdrossenheitsverdrossen: Gastkommentar von Bernhard Winkler

Ich habe einen Traum: Ich möchte mich über Politik unterhalten können, ohne zunächst eine Rechtfertigung für diese absonderliche Themenwahl zum Besten geben zu müssen. Ich möchte über Politik diskutieren, ohne in einem emotionalen Schlagabtausch frei von Argumenten zu enden. Ich träume von einer starken, fairen und reflektierten Zivilgesellschaft, die sich nicht von Banalitäten aufscheuchen lässt. Kurzum: Ich bin politikverdrossenheitsverdrossen. Sie auch?

Wenn Stürme übers Land ziehen, tragen sie üblicherweise harmlose Vornamen. Vor neun Jahren ist Hurrikan „Katrina“ als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte der USA über den Südosten des Landes hinweggefegt. 2007 wütete „Kyrill“ in Österreich. Im noch jungen Jahr 2014 sind ebenfalls bereits einige Vornamen im Zusammenhang mit Stürmen zu nennen: Etwa „Elke“, „Markus“ oder „Conchita“. Der Unterschied zu früher: Nicht sie haben das Land in Schutt und Asche gelegt, sondern sie wurden zu Opfern eines Sturms, eines „Shitstorms“. Über die eine, Elke, ergoss sich Spott und Hohn der Online-Community wegen eines dummen Kommentars, der die österreichische Musikszene verunglimpfte. Markus moderierte eine Samstagabend-Show nicht zur Zufriedenheit des Publikums. Und Conchita trat als Grenzgängerin zwischen den biologischen Geschlechtern auf, was ihr gnädigerweise mittlerweile verziehen ist, weil sie ihrem Land zu Ruhm und Ehre verholfen hat.

Doch was hat die Großwetterlage in den Internet-Communitys mit der Reputation politischer Themen in der Gesellschaft zu tun? Grundlegendes. Demokratische Politik lebt von Gegensätzen und der Vielfalt an Meinungen. Politik ist das System, mit dem wir unser Zusammenleben regeln. Mit einer Diskussionskultur, die nicht auf sachlicher, sondern emotional-persönlicher Ebene stattfindet, funktioniert es aber nicht. Im Bewusstsein, jederzeit von einer Meute aufgescheuchter Online-Kommentatoren hilflos zerfleischt werden zu können, ist nicht gut politisieren. Selbstzensur, um „Shitstorms“ zu entgehen, wird sogar unter Journalisten – also Profis – zur traurigen Realität. Zu politischen Themen lieber nichts zu sagen, als anzuecken, eine praktikable Lösung für den Durchschnittsbürger. Politik – das sollen die Trottel erledigen, die dafür bezahlt werden.

Es wäre ein Fehler, das Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten, Massen zu mobilisieren, für die neue Form der Treibjagd vermeintlicher Sündenböcke verantwortlich zu machen. Facebook und Twitter sind zur Abwechslung einmal nicht die Bösen. Sie machen lediglich bestehende Defizite der Offline-Welt für ein großes Online-Publikum sichtbar. Wurden öffentliche Persönlichkeiten wie etwa Politiker früher in Wohnzimmern und Stammtischen in Gegenwart weniger Personen mit Kraftausdrücken verwünscht, geschieht das heute im Internet, wo Tausende mitlesen. Unterstehen Leserbriefe in Zeitungen üblicherweise einer redaktionellen Vorauswahl, landen auch unsinnige, menschenverachtende und themenfremde Postings auf deren Internetplattformen. Sinnfreiheit statt Meinungsfreiheit. Sudern statt diskutieren. Online wie offline dasselbe.

Aber warum ist faires und reflektiertes Diskutieren dermaßen wenig verbreitet? Warum lassen wir die Fähigkeit, anhand von Argumenten zu kritisieren zu einem Geschwätz aus dem Affekt verkümmern? Sind weite Teile der Gesellschaft zu bequem, sich mit der Arbeit der Politik auseinanderzusetzen und die Mühe zu machen, vor dem Stellung beziehen nachzudenken? Haben die Skandale der vergangenen Jahre sachliche Diskussionen ein für alle Mal verunmöglicht? Ist unser Bildungssystem schuld, das uns die Eignung dazu verwehrt? Überfordert uns unser Alltag so dermaßen, dass wir uns nur noch anhand von reißerischen Schlagzeilen politisch auf dem Laufenden halten können und wollen?

Nein, auch die etablierten Medien sind nicht allein daran schuld. Aber ihr Einfluss auf die herrschende Diskussionskultur ist nicht außer Acht zu lassen. Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom greift selbst in Qualitätsmedien um sich. Wer auffällt, verdient Geld. Dringend benötigtes Geld, das vom Medienkonsumenten ohne neues Geschäftsmodell nicht zu holen ist. Es muss von Werbung kommen, deren Wert sich nach Zugriffszahlen richtet. Auch „Shitstorms“ bringen Aufmerksamkeit und damit Umsatz. Mit Besonnenheit und Reflexion erreicht man Eliten, aber nicht die Massen.

Zaghaft formiert sich eine Gegenbewegung. Shooting-Star der österreichischen Parteienlandschaft ist eine Gruppierung, die Konkurrenten in der Öffentlichkeit nicht ausschließlich Missgunst entgegenbringt. Ohne die Inhalte gutheißen zu müssen, die die Neos vertreten, lässt sich feststellen: Ihr vergleichsweise wertschätzender Umgang mit der Konkurrenz tut der Politik und damit der Gesellschaft gut. Daneben keimt eine Diskussion über eine Klarnamen-Pflicht zur Verbesserung des Miteinanders im Netz auf. Die eigene Meinung nur noch unter echtem Namen schreiben zu dürfen, wird zwar das Problem nicht lösen – auf Facebook finden sich zuhauf verhetzende Wortmeldungen, die unter bürgerlichen Namen veröffentlicht sind. Aber zumindest wird das Primat der Internet-Trolle nicht mehr widerspruchslos hingenommen. Der Weg wäre nun frei, in Form einer gesitteten Diskussion nach Lösungen zu suchen.

Das Gerangel um Aufmerksamkeit um jeden Preis verstellt den Blick auf jenen schweigenden Teil der Gesellschaft, der dem politischen Diskurs nicht abgeneigt ist, sich aus Scheu vor persönlichen Untergriffen aber nicht daran beteiligt. Es sind die Politikverdrossenheitsverdrossenen. Jene Menschen, die sich nach all den Shitstorms ein reinigendes Gewitter wünschen, um endlich wieder zivilisiert über Politik sprechen zu können. Dies ist nicht ausschließlich ein Auftrag an „die Politik“ oder an „die Medien“, sondern an jeden Menschen, der eine Meinung hat: Holen wir den politischen Diskurs auf die Sachebene zurück. Überzeugen wir Andersdenkende mit Argumenten anstatt mit Kraftausdrücken. Ziel muss es sein, dem anderen jederzeit in die Augen schauen zu können. Auch wenn wir ihm offline nie gegenüberstehen werden.

Bernhard Winkler (24)
ist Jus-Student und arbeitet als PR-Referent. 2013 veröffentlichte er das Buch „So nicht! Anklage einer verlorenen Generation" (erschienen im Verlag Kremayr & Scheriau). Er ist Vorstandsmitglied der deutschen Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Infos: www.bernhardwinkler.eu