<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Ohne Partei bin ich nichts

Rainer Nikowitz über das Glück – oder Elend –, in Österreich Politsatiriker zu sein.

Es gibt einige Berufe, deren Ausübung in Österreich ein Privileg darstellt, weil sie auf die eine oder an­dere Weise besonders gut zu dem Land, seinen Menschen und den sonstigen Gegebenheiten passen.

Beamter zu sein ist zum Beispiel in Griechenland oder Island sicherlich auch nicht schlecht, aber in Österreich kann man sich nach erfolgreich überstandener Pragmatisierung im Wesentlichen die paar Jahre, die zur Hackler-Frühpension noch fehlen, hinter ein „Komme gleich“-Schild zurückziehen, sofern man in dieser Art der Arbeitsausübung Erfüllung findet – weiß man doch, dass in der Regierung immer zumindest der Vizekanzler oder in besseren Zeiten sogar der Kanzler stets für einen da ist und dafür sorgt, dass so ein Biennialsprung bloß nicht singulär bleibt.

Man kann auch als Weinbauer oder Kampfhundezüchter sehr glücklich werden, erledigt man hier sein Tagewerk doch in der schönen Gewissheit, niemals, auch nicht in der ärgsten Wirtschaftskrise, Absatzschwierigkeiten fürchten zu müssen – ganz im Gegenteil! Und sollte die hunde­halterverachtende Gesetzgebung in ihrem Bestreben nach Hundeführscheinen und ähnlich diskriminierenden Papieren, die zumindest eine Teilalphabetisierung des Herrls ­voraussetzen, nicht Halt machen, kann ja immer noch für das Tierschutzhaus weitergezüchtet werden, das für die ­armen, von der Beißkorbpflicht schwer traumatisierten Viecherln verlässlich staatliche Subventionen und somit ein geregeltes Einkommen für den Produzenten herausschlagen wird. Wenn es einem vor allem um Ruhm und Achtung bei den Mitbürgern geht, ist die Entscheidung für eine Karriere als Skifahrer oder Fremdenpolizist naheliegend, wobei trotz der hervorragenden Erfolge, auf die wir als Skination verweisen können, festgestellt werden muss, dass die natürlichen Talente auf dem zweiten Fachgebiet fraglos wesentlich dichter gesät sind.

Was aber bedeutet es, werden Sie sich jetzt möglicherweise fragen – und wenn nicht, ist es auch egal –, in unserem so reich gesegneten Land den Beruf eines Politsatirikers auszuüben?

Nun, zum Ersten, dass es bei den Vollversammlungen der diesbezüglichen Fachgruppe in der Arbeiterkammer immer ziemlich leer ist – was nicht unbedingt als Nachteil zu werten ist, denn schließlich handelt es sich bei Satirikern – wie jedermann weiß – um traurige Clowns, die neben schwarzem Kaffee nur Antidepressiva frühstücken, aber andererseits bei Honorarverhandlungen immer gewinnen, weil sie so herzzerreißend weinen können.

Und zum Zweiten, dass man in der wahnsinnig angenehmen Lage ist, von keinem Generalsekretär, Klubobmann, Landesrat – oder noch schlimmer: von deren Pressesprechern – jemals irgendetwas wollen zu müssen. Das macht einen in der Kantine zwar nicht unbedingt beliebter, weil zirka zehn von zehn Kollegen empfinden, dass dieser Teil des Jobs bei ihnen eigentlich auch nicht unbedingt sein müsste, aber ganz ehrlich: Das ist es wert.

Der vergnügungssüchtige Leser indes ortet angesichts des Rohmaterials, das die in dieser Hinsicht sehr verlässliche politische Kaste im Idealfall im Wochentakt liefert – ein kürzerer Rhythmus, wie zum Beispiel in jüngster Zeit, ist schlecht, aber zu verkraften; ein längerer ist inakzeptabel, aber zum Glück ausgesprochen selten –, mit schöner Regelmäßigkeit zwei einander diametral gegenüberstehende Problemkreise.
These 1: Es grenzt an Unmöglichkeit, die Tollereien, die von unseren Politikern ständig abgeliefert werden, auch noch satirisch zu überhöhen. Diese Übung kann nur grandios misslingen – wollen Sie also nicht lieber was anderes machen? Den Ferrari des Herausgebers sauber lecken vielleicht? Oder gegen den Euro spekulieren?

These 2: Bei dem vielen Material schreibt sich ja das bissl Spaßigkeit quasi von selbst, die paar Buchstaben könnte auch ein einigermaßen aufgeweckter Schimpanse mehr oder minder sinnstiftend zusammenfügen – was machen Sie eigentlich mit den restlichen 167,5 Stunden der Woche? Den Ferrari des Herausgebers sauber lecken? Oder sind am Ende Sie das, der da dauernd gegen den Euro spekuliert?

Welche dieser beiden Thesen ist nun die zutreffende? Die Antwort darauf liegt für den Wissenden natürlich klar auf der Hand, sie lautet ohne jeden Zweifel: Rosebud!
Es gibt natürlich immer wieder Volksvertreter, deren erklärtes Ziel es ist, zwölfmal im Jahr zum Mitarbeiter des Monats gekürt zu werden, und die in ihrem unermüdlichen Eifer vielleicht das eine oder andere Mal ein wenig übers Ziel hinausschießen. Und dann kann es schon einmal ein wenig eng werden.

Denn es ist wirklich nicht leicht, sich mit einem Gerhard Dörfler in Hochform zu messen. Oder nehmen wir die Amtszeit von Alfred Gusenbauer: Sie dauerte kaum länger als eine Staffel einer guten Sitcom und unterschied sich auch sonst nur unwesentlich von einer. Dafür beschäftigen die in Hollywood normalerweise ein ganzes Heer von Gagschreibern – wie soll man da allein dagegen­halten?

Oder wenn Peter Westenthaler, den ansonsten durch ein hartes Rückgrat kerzengeraden Rücken von hochgradiger Besorgnis gramgebeugt, in einer TV-Wahlkampfkonfrontation seinen vermeintlich größten Trumpf ausspielt und mit zitternder Stimme vor der drohenden ­Gipfel-Halbmondflut warnt, kann man sich nur in stiller Bewunderung ergehen und sich fragen, warum man bloß nicht rechtzeitig die richtigen Drogen zur Hand gehabt hat, um diesen Coup vor ihm landen zu können.
Wer könnte in diesem Zusammenhang auch auf die nachgerade übermenschlichen Leistungen eines Herbert „IchholeerstwiederLuftwennichallehierinsWachkomagefaselthabe“ Haupt vergessen? Wer das bis zum heutigen Tage unermüdliche Wirken eines Karl-Heinz Grasser?

Ganz zu schweigen vom Größten aller. Ja, vor zwei Jahren ist nicht nur in Kärnten die Sonne vom Himmel gefallen. Auch in einer euphemistisch als spartanisch zu bezeichnenden Schreibstube im dritten Wiener Gemeindebezirk ist es seither erheblich dunkler geworden.

Sie sehen: Es ist natürlich in jedem Fall ein verdammt harter Job. Gehen Sie auf eine Ölplattform, graben Sie im kambodschanischen Dschungel nach Diamanten, werden Sie Leibwächter von Mahmoud Ahmadinedschad – aber werden Sie bloß nicht Politsatiriker! Lassen Sie mich das machen, ich bin im Marchfeld aufgewachsen, mich bedrückt so schnell nichts mehr. Jetzt stellt sich aber natürlich langsam die bange Frage: Sind wir am Ende etwas Besonderes? Sind unsere Politiker schlimmer als andere?

Die Antwort darauf ist schnell ausgesprochen. Sie lautet: Berlusconi. Oder auch: Sarkozy. Bush. Brown. Oder überhaupt: Belgien. Wenn es denn stimmt, dass jedes Volk die Politiker hat, die es verdient, dann sollten durchaus ein paar Leute auf dieser Welt einmal ein bisschen länger vor dem Spiegel stehen. Und zwar nicht zum Mitesserausdrücken.

Manchmal keimt natürlich schon so eine unanständige Versuchung auf. Sie geht so: „Ich will nichts hören. Wenigstens für einen Tag. Oder auch 300. Und nein, ich will das jetzt nicht lesen. Und bevor ich’s vergess: Heute ist H. C. Strache in der ,Pressestunde‘ – dass mir bloß keiner erzählt, was er dort gesagt hat!“

Das ist aber natürlich ein klarer Fall von Leiden auf ­hohem Niveau.
Der ehemalige Bundeskanzler Fred Sinowatz hatte nicht nur völlig Recht, als er einst feststellte, dass alles sehr kompliziert sei. Sondern auch, als er sagte: „Ohne Partei bin ich nichts.“

Das gebe ich der Partei auch gern immer und immer wieder schriftlich.
Und zwar jeder.

rainer.nikowitz@profil.at