Schaulustige: Warum bleiben sie bei Unfällen stehen?

Schaulustige: Warum bleiben sie bei Unfällen stehen?

Immer mehr Menschen machen Fotos von Unfällen und Opfern und behindern dabei Einsatzkräfte. Was steckt hinter dem Reiz des Gaffens? Eine profil-Spurensuche.

Als eine schwangere Frau bei einem Unfall in Wien Anfang Juli um ihr Leben kämpfte, zückten zahlreiche Schaulustige ihre Handys und machten Fotos und Videos von dem Geschehen und dem Opfer, zudem behinderten sie die Einsatzkräfte. Eine Woche später gab es bei einem Unfall erneut zahlreiche Schaulustige, als eine Familie auf der A2 mit ihrem Auto verunglückte. Die Feuerwehr musste einen Sichtschutz aufstellen um die Opfer zu schützen. Auf der Gegenfahrbahn bildete sich ein Stau, da zahlreiche Fahrer dem Geschehen zuschauten.

In den vergangenen Wochen häufen sich Fälle, bei denen Schaulustige in Österreich Fotos und Videos von Unfällen und Verletzten machen und dabei sogar Einsatzkräfte beeinträchtigen. Aber warum bleiben Menschen bei Unfällen stehen und schauen zu? Was steckt hinter dem Reiz des Gaffens?

Der Verkehrspsychologe und klinische Psychologe Wolf-Dietrich Zuzan nennt für für dieses Phänomen zwei Gründe: „Die Suche nach Information und Schockbewältigung“.


Diese Tendenzen muss man unterdrücken, und sich denken ‚Es ist das beste wenn ich einfach weiterfahre’

Personen, die bei einem Unfall auf der Autobahn vorbeikommen, sind eigentlich selbst nicht von dem Unfall betroffen. Dennoch nennt der Psychologe hier dieselben zwei Gründe, warum Personen stehen bleiben um Fotos zu machen. Laut Zuzan hat man innerlich das Bedürfnis nach Information: Was ist da passiert? Bin ich dadurch auch in Gefahr? Was ist der Person passiert? Was ist wenn mir das passiert wäre?. „Diese Tendenzen muss man unterdrücken, und sich denken ‚Es ist das beste wenn ich einfach weiterfahre’“, sagt der Psychologe im Gespräch mit profil.

Das Bedürfnis die Attraktion einzufangen und weiterzuschicken ist laut dem Psychologen ebenso „ein Teil der Schockbewältigung. Der Beteiligte muss irgendetwas machen um das Gesehene zu verarbeiten. Diese Schockbewältigung ist natürlich kontraproduktiv für die Rettungskräfte und Leute die helfen wollen.“

Besonders auf Autobahnen häufen sich Fälle bei denen Fahrer abbremsen oder stehenbleiben um Fotos und Videos von Unfällen zu machen, das beobachtet auch Raimund Schweigerlehner, Polizist der Landesdirektion Niederösterreich. „Die Leute haben keine Hemmungen mehr. Jeder will nur das beste Foto oder die meisten Klicks haben. Die Menschen denken nicht nach was sie da machen, da muss man sich auch fragen in welcher Gesellschaft wir leben“, sagt der Polizist im Gespräch mit profil.

"Unverschämtheit der Menschen ist größer geworden"

„Die Schaulustigen hat es immer gegeben, die sind immer herumgestanden. Aber mit den neuen Technologien - dadurch, dass man mit Smartphones alles sofort online stellen kann – ist es einfacher geworden. Auch die Unverschämtheit ist größer geworden", beklagt der Polizist.

Die Wiener Berufsrettung beobachte, dass es mehr Zwischenfälle mit Schaulustigen gäbe. „Zugeschaut haben die Menschen schon immer. Das ist jetzt nicht neu, aber mit der fortschreitenden Technik werden die Leute nochmal etwas mehr angefeuert, zu fotografieren", sagt auch Corina Had, Pressesprecherin der Berufsrettung Wien im Gespräch mit profil.

„Wir haben immer wieder Vorfälle wo Leute von den Einsatzkräften weggewiesen werden und recht ungehalten sind und Unverständnis zeigen, dass sie da nicht stehen dürfen", sagt der Polizist. Da kommen Antworten wie: „Ich darf fotografieren wo und was ich will."

Das stimmt so jedoch nicht ganz. Den Menschen ist laut Schweigerlehner "nicht bewusst, dass sie verantwortlich sind, dass sie durch ihr Verhalten die Rettungskräfte beeinträchtigen und dass sie nicht einfach Leute fotografieren dürfen und die Fotos verbreiten."

Welche Strafen können Schaulustigen drohen?

Die Polizei und die Wiener Berufsrettung planen derzeit keine verstärkten Maßnahmen gegen Schaulustige. Das sei eine Frage der Politik, meint Schweigerlehner. Die Polizei könne die Schaulustigen nur wegschicken. Angezeigt können Person nur werden, wenn sie gegen ein Gesetz verstoßen.

Benutzung des Handys während dem Fahren
Beispielsweise können Personen angezeigt werden, wenn sie während sie Auto fahren mit dem Handy fotografieren. Da es verboten ist, ein Handy zu benutzen, während man ein Fahrzeug lenkt. Jedoch sind die Einsatzkräfte eigentlich nicht dafür da, Schaulustige abzuwehren, sagt der Polizist.

Unterlassene Hilfeleistung
Wer es unterlässt, bei einem Unfall erforderliche Hilfe zu leisten oder Hilfe zu holen, kann laut Paragraph 95 des Strafgesetzbuches mit einer "Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen, wenn die Unterlassung der Hilfeleistung jedoch den Tod eines Menschen zur Folge hat, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 720 Tagessätzen" bestraft werden.

Es sei denn, "die Hilfeleistung ist dem Täter nicht zuzumuten." Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Hilfeleistung "nur unter Gefahr für Leib oder Leben" möglich wäre.

Verletzung des Persönlichkeits- und Datenschutzrechts
Fotos und Videos, die von Schaulustigen in den sozialen Netzwerken hochgeladen werden, können ebenso ein rechtliches Nachspiel haben. Kritisch sind vor allem Bilder, die die Identität von Personen bzw. Verletzten zeigen.

Wenn jemand ein Foto einer Person - auf dem diese erkenntlich ist - beispielsweise auf sozialen Netzwerken ohne deren Einverständnis veröffentlicht, verstoßt derjenige gegen zwei Dinge – zum einen gegen das Persönlichkeitsrecht – dem Recht am eigenen Bild und zum zweiten gegen das Datenschutzrecht der Person, das schildert Martin Hoffer, Leiter der Rechtsdienste des Öamtc im Gespräch mit profil.

Wegen gaffender Autofahrer musste die Feuerwehr Wiener Neustadt bei einem Unfall auf der A2 einen Sichtschutz aufstellen.

Wenn ich nun ein Bild von mir online finde, das mich beispielsweise bei einem Unfall zeigt, kann ich Schadenersatz verlangen und eine Strafe nach dem Datenschutzgesetz veranlassen, erklärt Hoffer. Den Personen sei nicht bewusst, dass sie mit ihrem Verhalten gegen diese beiden Gesetze verstoßen.

"Wir appellieren an das Gewissen der Menschen, dass man sich die Frage stellt: Würde ich das wollen, dass man von mir Fotos oder Videos macht wenn ich verletzt bin?", sagt Had von der Berufsrettung Wien. Die Berufsrettung appelliert in einem Video unter dem Motto "Hab Anstand, halt Abstand" an die Vernunft der Menschen. Das Video wurde auf Facebook über 240.000 mal aufgerufen.

Video der Wiener Berufsrettung

Aktuelle Fälle:

  • 7. Juli - Eine schwangere Frau und ihr eineinhalb jähriger Sohn sind bei einem Unfall in Wien durch eine Straßenbahn ums Leben gekommen. An die 300 Schaulustige beobachteten den Unfall, einige machten aus nächster Nähe Fotos und Videos von dem Opfer, einige behinderten sogar die erste Hilfe Maßnahmen. Auch die Zufahrt für die Einsatzkräfte war durch die Schaulustige nicht gleich frei.
  • 4. Juli - Bei dem Transporter-Unfall, bei dem tausende Hühner auf der Westautobahn (A1) umhergelaufen waren, bildete sich auf der nicht betroffenen Fahrtrichtung wegen Schaulustigen ein kilometerlanger Stau.
  • 29. Juni - Schaulustige hätten laut Polizei einen Rettungseinsatz in Innsbruck dermaßen massiv behindert, dass vier Polizeistreifen notwendig waren, um diese zurückzudrängen und den Patienten abzuschirmen, der reanimiert werden musste. Die Schaulustigen sollen zudem Aufnahmen mit ihren Handys gemacht haben. Dafür hätten einige auch die von den Beamten zur Abschirmung gehaltene Decke umgangen.
  • 02. Juni - Zwei ältere Fußgängerinnen sind in Niederösterreich auf dem Gehsteig vom Anhänger eines Pkws erfasst worden, eine der beiden Frauen starb bei dem Unfall. Zahlreiche Schaulustige, die das Geschehen an der Unfallstelle mit ihren Mobiltelefonen dokumentieren wollten, behinderten laut Polizei die Einsatzkräfte. Sie mussten von Beamten weggewiesen werden.