Schocktherapie: Über die drei großen Kollateralschäden des Terrorismus

Frankreichs Flagge vor einem Restaurant in Bordeaux zum Gedenken an die 130 Todesopfer der Anschläge von Paris am 13. November

Frankreichs Flagge vor einem Restaurant in Bordeaux zum Gedenken an die 130 Todesopfer der Anschläge von Paris am 13. November

Die Allgegenwart des Schreckens ist wieder im Westen angekommen und entwickelt ein fatales Eigenleben. Sven Gächter über die drei großen Kollateralschäden des Terrorismus.

Die Assassinen waren eine mordsfidele ­Truppe. Ihr blutiges Unwesen trieben die islamischen Extremisten zwischen dem Ende des 11. und der Mitte des 13. Jahrhunderts in Persien und Syrien, wo sie einige neuralgische Bergfestungen in ihre Gewalt brachten und von dort aus die Umgebung mit Angst und Schrecken überzogen. Ihr Ziel war die Wiedererrichtung eines Gottesstaates im Geiste des Propheten Mohammed, ihr bevorzugtes Kampfmittel der politische Mord, ausgeführt meist mit einem Dolch und unter massivem Drogeneinfluss. Unerschrocken nahmen die Attentäter dabei sogar den eigenen Tod in Kauf.

Die grausige Fama der Assassinen drang bald bis nach Europa. Der venezianische Entdeckungsreisende Marco Polo berichtete von einer mysteriösen Sekte, deren charismatischer Anführer Hasan-i Sabbah junge Männer mit Opium benebelt, in einem edengleichen Garten fürstlich bewirtet, mit den „schönsten Jungfrauen und Edelknaben“ versorgt und schließlich in den Heiligen Krieg gegen die verhassten Sunniten geschickt habe, mit der Aussicht auf ein ewiges Leben im Paradies nach einem heldenhaften Tod.

Tatsächlich handelte es sich bei den verabreichten Rauschmitteln nicht um Opium, sondern um Cannabis, woraus auch der umgangssprachliche arabische Name der militanten Bewegung abgeleitet wurde: haššāšīn ­(„Haschischesser“). In den romanischen Sprachen sowie später im Englischen setzte sich das Wort als allgemeines Synomym für „Mörder“ durch – ein höchst beziehungsreicher lexikalischer Kurzschluss zwischen Gewaltbereitschaft und Drogensucht.

Knapp 1000 Jahre später ist im Osten nichts Neues zu vermelden: Die rabiaten Nachfahren der Assassinen nennen sich „Islamischer Staat“; auch sie haben ein Kalifat im Geiste Mohammeds ausgerufen, und auch sie verüben zur Durchsetzung ihres theokratischen Wahnsinns abscheuliche Morde, wobei sie in der Regel mit neuzeitlichen Bomben und Kalaschnikows hantieren und nicht ausgewählte Führungspersönlichkeiten im Visier haben, sondern danach streben, möglichst effektvoll möglichst viele Menschen zu töten. Entgegen den im Koran verankerten Abstinenzgeboten bringen sich auch IS-Krieger gern mit aufputschenden Drogen in Attentatslaune; offenbar steht derzeit Fenetyllin (besser bekannt als Captagon), ein extrem aufmerksamkeits- und leistungssteigerndes Amphetamin-Derivat, hoch im Kurs. Die Produktion von Captagon in großem Maßstab dürfte zudem eine nicht unergiebige Einnahmequelle für den IS sein.

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„Jetzt beginnt das 21. Jahrhundert“, schrieb der New Yorker Schriftsteller Paul Auster am 19. September 2001 in der deutschen „Zeit“: „Wir alle wussten, dass dies geschehen könnte. Jahrelang haben wir davon gesprochen. Aber nun, da die Tragödie eingetreten ist, ist es viel schlimmer, als sich irgendjemand hätte vorstellen können.“ Auster stand unter dem Eindruck des verheerenden Anschlags auf das World Trade Center, das er buchstäblich vom Fenster seiner Wohnung in Brooklyn aus miterlebt hatte. Nicht zuletzt dieser gespenstischen Unmittelbarkeit war das ­Pathos seiner Worte geschuldet. Sie sollten sich in der ­Folge als visionär erweisen. Tatsächlich markierte der 11. September 2001 eine historische Zäsur: Der Terrorismus, bis dahin ein durchaus verbreitetes, aber regional-punktuelles Phänomen, war endgültig in das Zeitalter seiner Globalisierung eingetreten.

Die Attentate gingen auf das Konto von Al Kaida, einem seit 1993 aktiven dschihadistischen Netzwerk, das mit dem generalstabsmäßig geplanten Massaker in New York ­einen Spektakelerfolg verbuchte, von dem selbst die in propagandistischen Fragen nicht unambitionierten IS-Strategen nur träumen können. Die Singularität des Ereignisses bestand darin, dass es weltweit live im Fernsehen übertragen wurde und dadurch eine ganz unmittelbare Wirkungsmacht entfalten konnte. Der wahre, weil dauerhafte Triumph des Terrorismus islamistischer Prägung bemisst sich weniger nach der Zahl der Opfer, die er forderte und weiterhin fordert; er beruht vielmehr darauf, dass er die kollektive Fantasie besetzt und verseucht hat. Angst ist zum zuverlässigsten Komplizen der unheiligen Krieger geworden. Sie regiert das Denken aller direkt oder indirekt Betroffenen und hat die Art und Weise, wie wir unser öffentliches Leben gestalten, nachhaltig verändert.

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Durch die IS-Attentate in Paris – das Massaker in der ­Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. ­Jänner 2015 und die Anschlagsserie rund um das Länderspiel Frankreich-Deutschland am 13. November – ist der Terror jäh wieder ins Epizentrum der westlichen Hemisphäre gerückt. Der Ausnahmezustand, der vor einem ­Monat über Frankreich verhängt wurde, gilt de facto für ganz Europa – zumindest in psychologischer Hinsicht. Man kann keinen Weihnachtsmarkt, keine Sportveranstaltung, kein Konzert, kein Café, keine Bar, keinen Club mehr ohne das latente Unbehagen besuchen, im Ernstfall eine willkommene Zielscheibe abzugeben. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Anschlags zu werden, mag, statistisch betrachtet, gering sein, verglichen etwa mit der Wahrscheinlichkeit, einem Verkehrsunfall oder einer Krebserkrankung zum Opfer zu fallen. Doch sie ist, gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse, virulent genug, um eine präventive Schockstarre herbeizuführen.

Das ist der erste große Kollateralschaden des Terrorismus: Er instrumentalisiert den Schrecken der Überlebenden für die psychologische Kriegsführung und erweitert den Konflikt damit in die Dimension des Bewusstseins, wo die Grenzen zwischen diffuser Angst und vorauseilender Panik zusehends verschwimmen. Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk spricht von einer „Atmosphärenwaffe“, die nicht so sehr auf den Körper des Feindes als auf dessen Umwelt ziele, die „spirituelle Umgebung“.

Dass die freiheitlichen Gesellschaften des Westens durch die Anschläge von New York (2001), Madrid (2004), London (2005) und Paris (2015) nicht traumatisiert worden wären, kann niemand ernsthaft behaupten. Daraus leitet sich der zweite große Kollateralschaden des Terrorismus ab: Er betrifft die Integrität demokratisch verfasster Staaten. Der kranke dschihadistische Masterplan von der Vernichtung aller Ungläubigen, ihrer gottlosen Werte und Institutionen wird zwar nicht in vollem Umfang aufgehen, doch einen Teil der einschlägigen Terroragenden haben wir mittlerweile geflissentlich selbst übernommen. In dem – durchaus legitimen – Streben nach Schutz vor existenziellen Bedrohungen werden immer mehr jener Freiheiten, die für unsere Lebensart konstitutiv sind, zur Disposition gestellt. Darin bestehe nun einmal der unabdingbare Preis für maximale Sicherheit, sagen die amtlichen Verantwortungs- und Bedenkenträger dann gern, um einen halben Atemzug später schulterzuckend zu ­relativieren, dass es maximale Sicherheit leider ohnehin nie geben könne. Trotzdem wird seit 9/11 das Orwell’sche Mammutprojekt flächendeckender Überwachung druckvoll vorangetrieben – mit dem prekären Systemfehler, dass die Überwachten und die Beschützten in Wahrheit identisch sind.

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Nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ traten in Frankreich die europaweit schärfsten Anti-Terror-Gesetze in Kraft. Die Ermittlungsorgane wurden mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet. Sie reichten aber offenbar ­immer noch nicht weit genug, um die Attentate vom 13. November zu verhindern. Oder war dieser Super-GAU ­womöglich gar nicht auf unzureichende exekutive ­Rahmenbedingungen zurückzuführen, sondern schlicht auf unzureichende Qualität der exekutiven Arbeit innerhalb dieser Rahmenbedingungen? Sicherheitspolitiker forschen Zuschnitts wischen derlei defätistische Spitzfindigkeiten gern weg und fordern reflexartig noch rigidere Anti-Terror-Maßnahmen.

Deren Nutzen ist für Außenstehende schwer zu ermessen. Wie viele Attentate aufgrund verschärfter Gesetze tatsächlich frühzeitig aufgedeckt und vereitelt wurden, unterliegt der geheimdienstlichen Schweigepflicht und entzieht sich somit einer objektiven Bewertung. Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière ließ nach der Absage des Testspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden am 17. November in Hannover die Frage nach den konkreten Gründen verstörend vieldeutig offen: „Ein Teil der Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ Die Bevölkerung dankte es ihm mit noch tieferer Verunsicherung. De Maizières kryptische Aussage verschob das terroristische Bedrohungspotenzial ins Ungefähre und nahm ihm dadurch wenig von dessen Virulenz – im Gegenteil: Nichts ist so beklemmend wie der fantasierte Schrecken.

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Am Tag nach den Attentaten in Paris zeigten einige Unverzagte schon wieder Flagge und trafen sich zum ostentativen Pernod-Trinken in den Terrassencafés der großen Boulevards. Ihre Botschaft an die IS-Bestien war klar: Wir lassen uns von euch nicht unterkriegen! Dieser widerständige zivilgesellschaftliche Reflex hat durchaus etwas Tröstliches, denn er erweckt die Illusion einer Normalität, die in Wahrheit schon lange nicht mehr existiert, so hartnäckig der freie, pluralistische, genuss- und konsumfreudige Westen sich das auch einzureden versuchen mag. Man kann dem Terror todesmutige Gelassenheit oder panischen Trotz entgegensetzen – in beiden Haltungen schwingt das dumpfe Bewusstsein einer ebenso abrupt wie blutig ­erzwingbaren Endlichkeit mit.

Außerdem: Von welcher Norm sprechen wir überhaupt, wenn wir Normalität beschwören? „Wir sollten uns jetzt daran erinnern, dass wir unter ­einer Art Kuppel leben, in der die terroristische Gewalt eine Bedrohung darstellt, die von Zeit zu Zeit explodiert, während in vielen anderen Ländern das alltägliche Leben (mit Beteiligung oder Mitwisserschaft des Westens) aus ununterbrochenem Terror und allgegenwärtiger Brutalität besteht“, schrieb der Philosoph Slavoj Žižek in einem Beitrag für „Die Zeit“ am 23. November. Die devastierende Allgegenwart des Terrors ­betrifft immer noch vorwiegend andere, weit von uns entfernte Krisenregionen des Globus, doch das Grauen scheint näher zu rücken – und im selben Maße auch der Schrecken darüber, dass wir in unserer Wohlstands- und Vergnügungskuppel keinesfalls mehr sicher sind.

Im gleichen Artikel zitiert Žižek einen Flüchtling, den es nach Frankreich verschlagen hat: „Stellen Sie sich eine Stadt wie Paris vor, in der der Ausnahmezustand, der dort jetzt herrscht, über Monate, wenn nicht über Jahre einfach ein beständiges Merkmal des täglichen Lebens bildet. Das ist es, wovor wir fliehen.“ Umso absurder und niederträchtiger erscheint die vorsätzliche Vermengung der Flüchtlings- mit der Terrordebatte, die in gewissen politischen Kreisen, mit tatkräftiger Unterstützung durch fanatisierte Online-Schergen, mittlerweile ganz unverhohlen betrieben wird. Dankbar registrieren die rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien in Europa den atmosphärischen Aufwind und arbeiten fieberhaft auf eine Neuordnung der Machtverhältnisse hin. Das demokratische Projekt wackelt, die Symptome sind nicht zu übersehen: Radikalisierung des Diskurses, Polarisierung der öffentlichen Meinung, Sabotierung des Integrationsprozesses, ­Destabilisierung der gesellschaftlichen Strukturen. Das ist der dritte und nachhaltigste Kollateralschaden des Terrorismus.

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Die Assassinen sind übrigens nicht ausgestorben. Rund 18 Millionen Menschen in aller Welt bekennen sich heute zur ismailitischen Lehre, der im 12. Jahrhundert auch die Mörderbande um Hasan-i Sabbah folgte. Im Unterschied zu damals sind die Assassinen jedoch frei von ­jeglichen militanten Begehrlichkeiten und gelten als ­besonders liberale Gruppierung innerhalb des Islam. Ihr religiöses Oberhaupt, Prinz Karim Aga Khan IV, der in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstammen soll, engagiert sich weltweit für gemeinnützige, friedensstiftende Projekte.