Die sieben Leben des Werner Faymann

Die sieben Leben des Werner Faymann

Schweigen, klammern, abbiegen:

1. Die 14er-Regel

Für die Bilder-Galerie der ehemaligen SPÖ-Vorsitzenden in der Parteizentrale Löwelstraße reicht locker eine Wand. Seit der Gründung durch Victor Adler im Jahr 1889 brachte es die SPÖ auf nur zehn Parteichefs. Wie hätte da Übung im politischen Freifach Chef-Demontage aufkommen können? Die ÖVP ist wesentlich routinierter: Sie verschliss seit 1893 (mit ihrer Christlich-Sozialen Vorgängerpartei) mit erklecklichen 23 fast drei Mal so viele Chefs wie die SPÖ. Im statistischen Durchschnitt verweilt ein SPÖ-Vorsitzender 14 Jahre im Amt - demnach würde die Ära Faymann bis August 2022 dauern. Mindestens.

2. Ist da jemand?

Als Bruno Kreisky erschöpft abtrat, stand sein Vizekanzler Fred Sinowatz als Nachfolger parat, der wiederum einen Wirtschaftskapazunder als Nummer eins aufbauen wollte und Franz Vranitzky aus der Länderbank ins Finanzministerium holte. Dieser übergab an Finanzminister Viktor Klima, um dessen Nachfolge dann Innenminister Karl Schlögl und Wissenschaftsminister Caspar Einem ritterten. Nur in historische Ausnahmesituationen werden Spieler von der Reservebank an die Spitze gespült (Alfred Gusenbauer, als die SPÖ aus der Regierung flog) - im Normalfall wird an Stammspieler übergeben, die sich bereits in Ministerämtern bewährten. Infrastrukturminister Faymann lauerte auf Gusenbauers Abgang; als ÖVP-Obmann Josef Pröll 2011 aufgab, rückte Außenminister Michael Spindelegger auf - der weitgehend glücklos agierte, sich aber als grandioser Headhunter erwies. Nach seinem Out hätte es zwei Chef-Alternativen zu Reinhold Mitterlehner gegeben: den forschen Jungspund Sebastian Kurz und den kauzigen Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter.

Und in der SPÖ - ist da jemand? Finanzminister hat sie längst keinen mehr, Innenminister auch nicht, und auch sonst sorgt Faymann geflissentlich dafür, dass sich niemand profiliert. Sein Regierungsteam ist politisch angeschlagen (Verteidigungsminister Klug, Bildungsministerin Heinisch-Hosek), zu eng mit Faymann liiert (Kanzleramtsminister Ostermayer) oder verfügt von vornherein über keinerlei Starpotenzial (Infrastrukturminister Stöger). Schlecht für die Performance der Regierung, prima für die Überlebenschancen des Kanzlers. Starke Chefs umgeben sich mit starken Mitarbeitern - Faymann umgibt sich bevorzugt mit Kumpels aus Jugendtagen. Seinen neuen Bundesgeschäftsführer Gerhard Schmid, Typus sanftmütiger Rauschebart, kennt er seit 1976; andere Qualifikationen sind nicht gefragt. Nur in einer derartigen Familienaufstellung kann ein grundsolider Pragmatiker wie Sozialminister Rudolf Hundstorfer zum Mann für alle Fälle aufsteigen, der für jeden Spitzenjob genannt wird. Ob er allerdings als kraftvolles Signal der Erneuerung durchgeht? Daran zweifeln auch potenzielle rote Putschisten. Nicht umsonst stehen im Team Putsch Außenstehende wie ÖBB-Chef Christian Kern, Medienmann Gerhard Zeiler oder Ex-Siemens-Chefin Brigitte Ederer hoch im Kurs. Jemanden von außen an die Spitze zu hieven, gestaltet sich allerdings recht kompliziert - wie seit Monaten zu besichtigen ist.

3. Faymann kann Europa

Nach der Morgengabe an die "Kronen Zeitung“ zu seinem Amtsantritt, dem hochnotpeinlichen EU-Brief im Juli 2008, hätte niemand einen müden Cent darauf gewettet, dass Faymann jemals zum EU-Staatsmann mutieren würde. Das ist die wohl größte Überraschung seiner Amtszeit: Faymann kann Europa. Über EU-Angelegenheiten zu parlieren, diente schon manchem Kanzler als willkommene Fluchtmöglichkeit, wenn es zu Hause gerade ungemütlich war. Faymann hat sie perfektioniert. Bei kaum einem anderen Thema vermag er derart überzeugend und mit Verve zu argumentieren. In der Griechenland-Krise hat er oft Gelegenheit dazu, die er auch weidlich nutzt.

4. Schweigekanzler, reloaded

Als der Zorn über den rot-blauen Tabubruch im Burgenland in der Wiener SPÖ hochkochte und das Parteigremium Wiener Ausschuss einberufen wurde, tauchte Faymann dort auf - und referierte zur Überraschung aller weitschweifig über das Freihandelsabkommen TTIP. Auch auf diese Weise kann man lästige Diskussionen vermeiden. Aber Faymanns hat noch mehr im Repertoire: Er ist, wie seinerzeit Wolfgang Schüssel, imstande, lange den Schweigekanzler zu geben und Probleme auszusitzen - und dann zu sprechen, wann, mit wem und wo es ihm genehm ist. Er schaffte es sogar in die ORF-Parlamentssendung "Hohes Haus“, die eigentlich Themen der Nationalratsarbeit vorbehalten ist; in die "ZIB 2“ mit ihren hartnäckigen Fragestellern hingegen verschlägt es ihn selten, in die Diskussionssendung "Im Zentrum“, wo Widerspruch zu befürchten ist, noch kein einziges Mal. Das kann man mutlos und eines Kanzlers unwürdig nennen - oder geschickt.

5. Energiehaushalt

Rekordarbeitslosigkeit, Budgetmisere, Bildungsstillstand, Reformstau, abgesandelte Wirtschaft: Auf all diese Kalamitäten reagiert Kanzler Werner Faymann mit, freundlich formuliert, extremer Gelassenheit. Was er eigentlich will, worin seine politische Vision besteht, bleibt auch im siebten Jahr der Ära Faymann verborgen. Nur in einer Hinsicht setzt er ungeahnte Energien frei: wenn es um sein eigenes Überleben geht. Für keine Sachfrage entwickelt er derart viel Tatkraft. Hauptsache, Kanzler bleiben.

6. Der Klammergriff

Beim Boxen nennt man die Technik, den Gegner so fest zu umarmen, dass er nicht mehr zuschlagen kann, das Klammern. Faymann beherrscht diese Fertigkeit bis zur Perfektion. Wenn die Gewerkschaft aufmuckt, weil in Verteilungsfragen nichts weitergeht, übernimmt er flugs wörtlich ihr Steuerkonzept. Wenn das Wohl und Wehe Faymanns von einem Machtwort Michael Häupls abhängt, beruft der Kanzler den mächtigen Wiener Bürgermeister in die Bildungsreformkommission. Führungsstärke schaut anders aus. Aber wie im Boxen verschafft der Klammergriff Zeitgewinn.

7. Bin dann mal weg

16 krachende Wahlniederlagen in Serie können ihre Vorzüge haben: Das Lager der gewichtigen Faymann-Kritiker wird mit jeder Schlappe dezimiert. Salzburgs aufmüpfige SPÖ-Vorsitzende und Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (minus 15,6 Prozentpunkte bei der Landtagswahl 2013) ist Politgeschichte, der rebellische Steirer Franz Voves (minus 9 Punkte) ebenso, detto Oberösterreichs Erich Haider (minus 13,39 Punkte) und sein Nachfolger Josef Ackerl, die Faymann nie hofierten. Ihre Nachfolger sind nur Feinspitzen der Innenpolitik ein Begriff - oder kennen Sie Walter Steidl? Der Salzburger SPÖ-Vorsitzende bekommt, seit seine Partei aus der Landesregierung flog, wenig Podien, genau wie sein Tiroler Kollege Ingo Mayr, ebenfalls seit 2013 in Opposition. Wiens Bürgermeister Michael Häupl stellt, neben den roten Gewerkschaftern, das einzig verbliebene rote Kraftfeld dar, von dem ein Faymann-Sturz theoretisch ausgehen könnte. Bitter für die einst stolze Staatspartei SPÖ - aber recht kommod für Faymann.