Nina Proll: "Strache wird nie Kanzler"

NINA PROLL IM PROFIL-GESPRÄCH MIT HERBERT LACKNER: "Vielleicht spiele ich einmal Angela Merkel."

NINA PROLL IM PROFIL-GESPRÄCH MIT HERBERT LACKNER: "Vielleicht spiele ich einmal Angela Merkel."

Sommergespräche, Teil 1: Die Schauspielerin Nina Proll über Populismus, Feminismus und ihre Lieblingsrolle, die sie nie spielen durfte.

INTERVIEW: HERBERT LACKNER

profil: Gratulation! Das Gerda-Rogers-Horoskop sagt: "Nina Proll und Gregor Bloéb sind beide Steinböcke. Ihnen sind die Liebessterne hold. Ihr Liebessommer wird super.“
Nina Proll: Was für ein Glück! Wir müssen nur noch ausmachen, ob wir einen schönen gemeinsamen Liebessommer haben oder jeder für sich.

profil: Glauben Sie an Horoskope?
Proll: Letztes Jahr haben uns die Sterne ein "Liebes-Aus“ prognostiziert. Sie sehen also, man kann sich beim besten Willen nicht darauf verlassen.

profil: Wir sitzen hier in Heiligenstadt. Irgendwo in dieser Villengegend sind auch die "Vorstadtweiber“ angesiedelt. Ist Ihnen die Welt des Wiener Bürgertums geläufig?
Proll: Mein Bruder lebt hier, meine Mutter wohnt in Hietzing. Diese Welt ist mir also schon vertraut, auch wenn ich selbst nie in diesen Bezirken gewohnt habe. Es war nie mein erklärtes Ziel, im 19. Bezirk zu residieren. Wenn ich in Wien bin, wohne ich in der Nähe des Naschmarkts, ich möchte im Zentrum sein. Am Land bin ich sonst ohnehin die ganze Zeit.

profil: Sie kommen ursprünglich aus dem nördlichen Waldviertel. Es gibt nichts Entlegeneres in Österreich.
Proll: Richtig, Haugschlag ist das nördlichste Dorf Österreichs.

profil: Wie war es, dort aufzuwachsen?
Proll: Es hatte eine gewisse Tristesse. Meine Oma und mein Vater haben immer von der Nordautobahn gesprochen, die bald kommen sollte. Es gibt sie bis heute nicht. Darum ging es ja auch in den "Vorstadtweibern“. Gleich hinter unserem Haus war die tschechische Grenze, dort war die Welt für mich zu Ende. Hin und wieder hörte man die Tschechen schießen. Erstaunlich viele meiner Volksschulkollegen wohnen immer noch dort. Wenn man die Ruhe sucht, ist es ideal. Für einen Autor oder Maler ist es ein toller Rückzugsort. Aber wenn man mit Leuten zu tun haben will, ausgehen möchte oder kulturell etwas erleben will, ist es der falsche Platz.

profil: Oder wenn man einen Beruf ausüben will.
Proll: Stimmt. Ich habe für mich auch nie eine Zukunft gesehen. Als sich mein Wunsch entwickelte, Schauspielerin oder Sängerin zu werden, wusste ich: Hier darauf zu warten, entdeckt zu werden, ist sinnlos.

profil: Wie entwickelt sich in einer solchen Gegend der Wunsch, Schauspielerin zu werden?
Proll: Übers Fernsehen. Außerdem war ich alle zwei Wochen bei meiner Mutter in Wien. Sie nahm mich mit in "Cats“ und ins Kino. Das war für mich die Offenbarung einer anderen Welt.

profil: Sie leben mit Ihrem Mann und den beiden Kindern teils in Tirol, teils in Wien. Wie würden Sie den Unterschied zwischen dem Osten und dem Westen Österreichs beschreiben?
Proll: Die Tiroler waren immer ein Durchzugsland, sie haben diese Gastfreundschaft durch den Tourismus. Aus Gewohnheit sagen sie zu jedem "Du“.

profil: Felix Mitterer beschreibt das in der "Piefke-Saga“ etwas unromantischer.
Proll: Es stimmt schon, dass sie die Touristen vielleicht auch ein bisschen ausnehmen. Aber sie haben eine grundsätzliche Freundlichkeit. Das ist der markanteste Unterschied zu den Waldviertlern. Die sind grundsätzlich einmal schwer zugänglich. Im Gasthaus sitzt jeder allein vor seinem Bier, ohne mit dem Nachbarn zu reden. Die Tiroler sind geselliger, sie gehen auf den Berg, sie sind sportlich und musizieren viel.

profil: Man hat bisweilen den Eindruck, dass die Tiroler etwas geringschätzig auf die Ostösterreicher schauen. Stimmt das?
Proll: Mein Mann schon. Er sagt, die Wiener glauben immer, alles drehe sich nur um Wien. Er fand den Kasperl im Kinderfernsehen mit seinem Wiener Akzent total schrecklich. Die Wiener sind für die Tiroler auch ein wenig verweichlicht, weil sie keine Berge bezwingen müssen und immer mit dem Auto fahren.


Die Austreibung des Katholizismus hat schon in meiner frühesten Kindheit begonnen

profil: Ist das auch Ihre Meinung?
Proll: Nein, um Gottes willen! Ich liebe Wien von Herzen und würde jederzeit wieder hierherziehen. Aber ich habe auch Tirol liebgewonnen.

profil: Eine Gemeinsamkeit von Waldviertel und Tirol ist, dass beide ziemlich katholisch sind.
Proll: Auf mich trifft das jedenfalls nicht zu. Die Austreibung des Katholizismus hat schon in meiner frühesten Kindheit begonnen. Der Zwang, jeden Sonntag um acht in die Kirche zu gehen, hat mir den Glauben von Anfang an verleidet. Beim Beichten ist mir beim besten Willen nichts eingefallen. Als sich meine Eltern scheiden ließen, durfte mein Vater nicht mehr zur Kommunion. Das fand ich seltsam. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum wir den Leib Christi essen. Mit 13 weigerte ich mich, zur Firmung zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dass der christliche Glaube, der am Sonntag gepredigt wird, nicht gelebt wird. Die Menschen gehen hin und holen sich die Absolution, das Beten hat sich automatisiert. Das Gebot "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ finde ich toll. Aber gerade die Katholiken bringen das nicht zustande. Man muss sich selbst immer bestrafen. Im selben Atemzug heißt es dann: "Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“

profil: Warum hat man Sie dann in ein katholisches Gymnasium gesteckt?
Proll: Mein Vater wollte sicherstellen, dass seine Kinder gut behütet waren. Wir kamen als Landeier nach Wien, mein Bruder ging ins Theresianum und ich ins Sacre Coeur. Das waren einfach gute Schulen. Er wollte, dass wir Kontakte knüpfen, die uns irgendwann helfen.

profil: Haben Sie Ihre Kinder taufen lassen?
Proll: Meinen ersten Sohn schon, meinen zweiten nicht. Ich wollte eine Willkommensfeier für mein Kind. Mir ist kein anderes Ritual eingefallen als eine Taufe.

profil: Sie treten gerne mit Liedern der 1920er-Jahre auf. Politisch waren die eine eher dunkle Zeit. Warum herrschte damals solche Heiterkeit in der Kunst?
Proll: Wenn die Zeiten düster sind und man nicht weiß, ob man morgen noch lebt, ist man total im Hier und Jetzt. Man will den Moment auskosten, man fühlt sich lebendig.

profil: Die Arbeitslosigkeit ist heute extrem hoch. Glauben Sie, dass es wieder eine Entwicklung geben könnte wie damals?
Proll: Nein. Im Gegensatz zu damals haben wir in Österreich heute eine soziale Mindestsicherung. Niemand muss Hunger leiden, auch wenn er arbeitslos ist. Ich habe ein Interview mit Teddy Podgorski über die Nachkriegszeit gesehen. Er sagte, damals hatte man zwar weniger als heute, aber man wusste, wofür man kämpfte. Man hatte eine Aufgabe: die Welt wiederaufzubauen. Diese Bestimmung gibt es nicht mehr. Die Menschen haben zwar theoretisch alle Möglichkeiten, aber es fehlt eine tiefere Motivation. Viele scheitern an dem Privileg der Freiheit.

profil: In der Steiermark wurde eine Partei gewählt, die forderte, dass man nicht noch mehr Geld für Moscheen ausgeben sollte, obwohl es dort gar keine Moscheen gibt. Wie kommt das?
Proll: Da blühen wohl die Fantasien und Ängste. Tatsache ist, dass 26,76 Prozent der Steirer massive Ängste haben - ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt. Ein Wahlergebnis drückt den Zustand aus, in dem sich offensichtlich der Wähler befindet. Und man sollte aufhören, das ständig zu verurteilen, sondern sich endlich damit auseinandersetzen. Ich gehöre zu den wenigen Privilegierten, die ihren Beruf aus Leidenschaft machen. Aber die meisten Menschen machen ihren Job, um zu leben und Geld zu verdienen. Und wenn dann am Ende des Monats nur 1200 Euro netto rausschauen, stellen sie sich die Sinnfrage.

profil: Sind die Menschen deswegen so anfällig für Strache?
Proll: Ja, es bleibt ihnen zu wenig. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz und dass der Druck auf sie noch größer wird. Ich bin davon überzeugt, dass die meisten Strache aus Protest wählen, weil sie sich von den Regierungsparteien nicht verstanden fühlen, und nicht, weil sie wirklich sein komplettes Programm unterstützen.

profil: Viele fragen sich derzeit, wie der Aufstieg der FPÖ zu stoppen sei.
Proll: Indem man die Probleme, die es mit Migration, Sozialtourismus, Asylpolitik ganz offensichtlich gibt, nicht den Blauen überlässt. Das Problem ist, dass über diese Themen nicht ehrlich gesprochen werden kann, ohne dass man sofort in das linke oder rechte Eck gestellt wird. Jemand, der mir gut gefällt, ist Sebastian Kurz. Er traut sich, auch über unangenehme Dinge zu sprechen. Ein kleiner Lichtblick.


Fakt ist, mit Popograpsch-Gesetzen und Genderstumpfsinn wird der Aufstieg der Blauen nicht zu verhindern sein

profil: Was halten Sie von der SPÖ/FPÖ-Koalition im Burgenland?
Proll: Ich weiß nicht. Ich bin kein Freund der Freiheitlichen, aber wenn man nur auf sie schimpft, wird sich nichts ändern. Ich muss auch oft mit Menschen zusammenarbeiten, mit denen ich privat kein Bier trinken würde. Andererseits habe ich Angst, dass Ausländerfeindlichkeit dadurch salonfähig wird. Fakt ist, mit Popograpsch-Gesetzen und Genderstumpfsinn wird der Aufstieg der Blauen nicht zu verhindern sein.

profil: Glauben Sie, dass Strache je Bundeskanzler wird?
Proll: Nein, das glaube ich nicht. Ein Bundeskanzler muss doch ein abgeschlossenes Studium haben, um ein Land zu regieren. Da bin ich konservativ.

profil: Das hat der jetzige aber auch nicht. Die erste Erwähnung von Ihnen in einer Zeitung stammt aus dem Jahr 1995. Sie spielten damals im Theater Akzent "die aufreizende Barsängerin Monique“, wie die "Presse“ danach schrieb. Stört es Sie, bis heute immer wieder auf die Sexy-Woman-Rolle festgelegt zu werden?
Proll: Ich bin darauf nicht festgelegt. Meinen größten Erfolg hatte ich mit dem Film "Nordrand“, in dem ich weiß Gott nicht sonderlich attraktiv ausgesehen habe. Trotzdem genieße ich es, in "Cabaret“ in einem Sektglas schwimmend "Bye, bye, mein lieber Herr“ zu singen.

profil: Haben Ihnen andere Frauen schon einmal vorgeworfen, Ihre Rollen seien antiemanzipatorisch?
Proll: Ja, aber diese Diskussion langweilt mich. Wenn eine Frau in Strapsen und Stöckelschuhen ein Joghurt präsentiert und der Mann dann nicht mehr klar denken kann und dieses Joghurt dann deshalb kauft - ist diese Werbung dann frauenfeindlich oder doch eher männerfeindlich? Emanzipation drückt sich nicht dadurch aus, dass ich einem Mann keinen Kaffee oder keinen Blowjob mehr mache, sondern dadurch, das zu tun, was ich selber will, und meine Rechte einzufordern. Mein Vorbild ist Marlene Dietrich. Sie war die bestverdienende Frau ihrer Zeit, in ihrem Sexualverhalten und in ihrem Karrieredenken männlicher als jeder Mann und trotzdem eine wunderschöne Frau und Mutter.

profil: In Spitzenpositionen gibt es immer noch wenige Frauen. Müssen strengere Quoten her?
Proll: Viele Frauen sind auch deshalb nicht in Toppositionen, weil sie es selbst einfach nicht wollen oder es sich nicht zutrauen.

profil: Sie hätten nicht gern eine Topposition?
Proll: Nein, auf keinen Fall. Ich möchte nicht Kathi Zechners Job. Nicht mit all den Konsequenzen, die er mit sich bringt.


Wenn man eine Tochter hat, sollte man ihr gleich das ‘Gefallenwollen‘ abgewöhnen

profil: Man könnte ja daran arbeiten, dass Frauen mehr Selbstbewusstsein entwickeln.
Proll: Das kann man ganz sicher. Wenn es etwa um Gehaltsverhandlungen geht, trauen Frauen sich nie, so tough einzufordern wie die Männer. Sie wollen nur das, was angemessen ist. Männern hingegen macht es Spaß, mehr herauszuholen, als ihnen eigentlich zusteht. Wenn man eine Tochter hat, sollte man ihr gleich das "Gefallenwollen“ abgewöhnen. Meine Erfahrung ist, dass man den Männern am besten gefällt, wenn man nicht versucht zu gefallen - egal ob auf der Leinwand oder im Privatleben.

profil: Bei den "Vorstadtweibern“ kommt das nicht so rüber.
Proll: Bei den "Vorstadtweibern“ definieren sich die Frauen auch nur über den Mann. Da gibt es die schöne Szene mit der Gerti Drassl, als sie draufkommt, dass ihr Mann sie mit einem Mann betrügt. Sie weigert sich, diese Realität anzuerkennen, und beginnt um ihre Ehe zu kämpfen. Dabei überrascht sie ihren Gatten mit einem Dildo. Diese tolle Szene bringt den Masochismus der Frauen auf den Punkt: Sie verbiegen sich völlig für den Mann und sind dann überrascht, wenn es nicht funktioniert. Das können nur die Frauen ändern und nicht die Männer - und schon gar keine Quoten.

profil: Sie leben in einem Haushalt mit drei Männern: ein Erwachsener und zwei kleine.
Proll: Erwachsen ist relativ. Es ist nicht immer leicht, alle unter einen Hut zu bringen.

profil: Muss man da als Frau standfest sein?
Proll: Ja, schon. Ich muss immer einen Plan haben und den durchziehen. Sonst komme ich zu kurz und werde von der männlichen Energie überrollt.

profil: Im Herbst spielen Sie wieder die Sally Bowles in "Cabaret“. Was wäre Ihre Lieblingsrolle?
Proll: Ich hätte immer gern die Marianne in den "Geschichten aus dem Wiener Wald“ gespielt. Leider hat mir das nie wer angeboten. Da geht es um ein Mädchen, das von einer Unterdrückung in die nächste gerät - von der des Vaters in die des Strizzis - und die daran zerbricht. Sie endet beim Fleischer, der zu ihr sagt: "Du wirst meiner Liebe nicht entgehen.“ Eine unglaublich tolle Rolle.

profil: Schauspieler altern ja mit ihren Rollen. Für die Marianne muss man 25 sein. Was werden Sie mit 60 spielen?
Proll: Bitte bohren Sie nicht in offenen Wunden. Ich orientiere mich an Frauen wie Catherine Deneuve, Iris Berben und Senta Berger. Ich würde mich freuen, in diesem Alter auch so große und schöne Rollen zu spielen.

profil: Helen Mirren spielte sogar die Queen.
Proll: Vielleicht spiele ich dann Angela Merkel. Wer weiß?

Nina Proll, 41

Die gebürtige Waldviertlerin ist eine der meistbeschäftigten Schauspielerinnen des Landes. Sie war etwa in "Hinterholz 8“, "Nordrand“, "Braunschlag“ und zuletzt in der Serie "Vorstadtweiber“ zu sehen. Im Oktober tritt Nina Proll mit ihrem Programm "Lieder eines armen Mädchens“ zu Musik und Texten von Kurt Weill, Bertolt Brecht und Friedrich Hollaender im Wiener Musikverein auf. Sie ist mit dem Schauspieler Gregor Bloéb verheiratet.