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Kamikaze oder Harakiri

Team Stronach - <small><i>Sven Gächter</i></small>
Kamikaze oder Harakiri

Politik als Hochamt des Dilettantismus: Das Team Stronach betreibt seit seiner Gründung brachiale Selbst­demontage. Es sollte sich am besten gleich ganz abschaffen.

Pünktlich zu Redaktionsschluss überschlugen sich die Ereignisse wieder einmal. Am Freitag gab das Team Stronach Niederösterreich bekannt, dass Landesrätin Elisabeth Kaufmann-Bruckberger und Klubobmann Ernest Gabmann mit sofortiger Wirkung aus dem TS ausgeschlossen werden. Als Gründe dafür machte der Bundesparteivorstand „fortwährendes parteischädigendes Verhalten“ sowie „das Abqualifizieren von Organen und Mandataren der Landespartei“ geltend. Das wären durchaus gravierende Anschuldigungen – hätte das Team Stronach in den 14 Monaten seines Bestehens nicht buchstäblich im Wochentakt den Verdacht genährt, in Wahrheit nichts anderes als ein politisches Vehikel zur fortwährenden Selbstbeschädigung zu sein.

Vergangene Woche stellte profil eine kleine chronique scandaleuse zusammen . Sie fiel allerdings gar nicht so klein aus und füllte fast eine ganze Druckseite, obwohl nur einschlägige Vorkommnisse seit dem 1. Oktober 2013 berücksichtigt wurden. Die Highlights im Schnelldurchlauf: Frank Stronach feuert Klubobmann Robert Lugar. +++ Monika Lindner erklärt überraschend, entgegen ihrer Ankündigung vor der Wahl ihr Nationalratsmandat nun doch anzunehmen. +++ Der Kärntner TS-Landesrat Siegfried Schalli wechselt zur FPÖ und sagt TS-Landesrat Gerhard Köfer eine Affäre mit seiner, Schallis, Frau nach. +++ Marcus Franz, im Hauptberuf ­Primararzt, geißelt im profil-Interview Homosexualität als „genetische Anomalie“ und Kinderlose als „amoralisch“. +++ Die Tiroler TS-Landesräte spalten sich ab. +++ Fortsetzung folgte: Am Mittwoch der Vorwoche erklärte Monika Lindner überraschend ihren Rücktritt als Nationalratsabgeordnete, unter Berufung auf die „gegen mich geführte Kampagne“. Zwei Tage später rollten, wie vermeldet, die Köpfe in Niederösterreich.

Man kann dem Team Stronach nicht vorhalten, wenig zur Alltagsfolklore der heimischen Innenpolitik beizutragen. Tatsächlich beschränkt sich das Wirken der Partei ganz auf alltagsfolkloristischen Aktionismus, was immerhin einen soliden (und vor allem verstörend dauerhaften) Unterhaltungswert garantiert. Ob es allerdings Kernaufgabe einer im Parlament vertretenen Gruppierung sein sollte, die Mechanismen politischer Kultur permanent ad absurdum zu führen, wenn auch unfreiwillig, ist eine Frage, die das Team Stronach mit so brachialer Dringlichkeit aufwirft wie keine Bewegung vor ihr – und die Geschichte des österreichischen Parlamentarismus ist durchaus reich an skurrilen Auswüchsen.

Andererseits: Wie viel Vision und Ordnungssinn will man von einer Partei erwarten, deren Geschicke einzig und allein den Launen eines milliardenschweren Patriarchen mit dem Hang zu konfuser Willensbildung unterworfen sind? 10,7 Millionen Euro – ein Drittel der Kampagnenkosten sämtlicher Parteien! – investierte Frank Stronach in den Wahlkampf, mit dem erklärten Ziel eines Erfolgs weit jenseits der Zehn-Prozent-Marke. Es reichte am Ende nicht einmal für sechs Prozent. Seit dem Wahlabend bietet die Partei ein atemberaubendes Spektakel der Selbstdemontage, demgegenüber sogar die unterirdischsten TV-Auftritte des Gründervaters noch ein gewisses Grundmaß an Noblesse für sich beanspruchen konnten. Wo man hinschaut, regiert das blanke Chaos. Von der Existenz eines TS-Mitglieds nimmt die Öffentlichkeit in der Regel erst dann Notiz, wenn es abenteuerlichen Unsinn verbreitet, zum politischen Gegner überläuft oder schlicht zum Teufel gejagt wird.

Was wie ein höllisch aus dem Ruder gelaufener Kindergeburtstag wirkt, ist im Parlament mit elf Mandaten vertreten und genießt Klubstatus. Programmatische Inhalte sind nach der Wahl so wenig zu erkennen wie davor.

Stronach pendelt weiterhin zwischen Kanada und dem sinnfreien Raum, sein ständig wechselndes Personal zwischen Kamikaze und Harakiri. Politik als Hochamt des Dilettantismus.

Vor diesem Hintergrund avanciert Monika Lindner gleichsam zur Lichtfigur. Am 12. August wurde sie als Besetzungscoup des Team Stronach präsentiert. Drei Tage später zog sie ihre Kandidatur zurück, weil sie nicht als „Speerspitze der Partei gegen das System ORF, Raiffeisen und Pröll“ dienen wollte. Von ihrem Listenplatz konnte sie jedoch nicht mehr gestrichen werden. Am 14. Oktober erklärte sie, ihr Mandat nun doch ausüben zu wollen, als freie Abgeordnete – eine Entscheidung, die einen Orkan der Entrüstung entfachte. Am 27. November gab sie auf (nicht ohne sich dreist zum wehrlosen Opfer zu stilisieren). Lindner legte ihr Mandat zurück. Die elf Abgeordneten des Team Stronach sollten sich geschlossen ein Beispiel an ihr nehmen. ­Österreich braucht diese Partei nicht.

sven.gaechter@profil.at