The King’s Speech: Monarchie und Alltag

Hymnische Rezensionen, astronomische Einspielergebnisse, für zwölf Oscars nominiert: Die Welt liebt den stotternden König. "The King’s Speech“ ist ein Kino-Hype von ungeahnten Ausmaßen. Warum eigentlich?

Ein Mann wartet mit kreidebleichem Gesicht, in mühsam unterdrückter Panik auf seinen großen Auftritt. Er hat dem Volk etwas zu sagen, eine Rede zu halten. Aber er weiß, dass er das nicht können wird. Er muss dennoch vors Mikrofon, kein Weg führt daran vorbei. Er würde, wenn er könnte, wie er wollte, einfach davonlaufen. Aber seiner Pflicht entgeht der Duke of York nicht. Die Situation wird traumatisch, als er die Menschenmengen wahrnimmt, vor die er tritt, als ginge es um seine Hinrichtung. Es kommt, wie es kommen muss: Seine Rede gerät schon nach den ersten Worten ins Stocken, ausgerechnet am Begriff "King“ bleibt er hängen, stößt nur noch einzelne Laute aus, dann schweigt er. Das Fiasko ist perfekt, das Vereinigte Königreich blamiert, die Ouvertüre des Films beendet. "The King’s Speech“ springt eilig ein knappes Jahrzehnt weiter, in eine weltpolitisch sich verfinsternde Ära: ins Jahr 1934.

Antihelden sind im Kino bekanntlich populär, sogar Comics-Superheroes brauchen neuerdings psychische Bruchstellen, um in der Popkultur überhaupt noch ihre Nische besetzen zu dürfen. Scheue, vom Schicksal angeschlagene Männer gelten insbesondere bei der mehrheitlich weiblichen Kinokundschaft als überaus charmant, zumal wenn sie der herrschenden Klasse angehören: Kleine Schwächen erhalten die Freundschaft, und Könige sind auch nur Menschen. Insofern ist Albert, Duke of York, Vater der späteren Königin Elizabeth II und als King George VI von 1936 bis 1952 britischer Monarch, ein idealer Protagonist. Die Biografien der Royals sind als Filmstoffe seit Längerem schon wieder sehr beliebt - die beiden "Elizabeth“-Dramen um Cate Blanchett (1998/2007) und Helen Mirrens ironisierendes Königinnenporträt "The Queen“ (2006) sind da nur die exponiertesten Werke.

"The King’s Speech“ ist eine Tragikomödie der Impotenz:
Sie dreht sich um einen (von Colin Firth exzellent gespielten) Potentaten mit Sprachhemmung in einer Zeit, die inspirierende Reden dringend braucht. Zunächst ist "The King’s Speech“ ein Angstfilm, ein Neurosendrama. "I’m not a king!“, schreit Albert schon vor seiner Krönung verzweifelt in die Welt. Der Tonfall ändert sich aber bald: Denn er findet einen Sprachtherapeuten, den Geoffrey Rush, der den Film übrigens koproduziert hat, ein wenig zu lustvoll darstellt: als freundlichen, aber unorthodoxen Sprechtrainer, der dem Adel ohne gesteigerten Respekt begegnet und seine eigenen Bühnenambitionen gern in die Therapie mit einbringt - "jolly, but controversial“ eben, wie der Brite das (mit den säuberlichst voneinander getrennten Finalsilben "si“ und "al“) so unnachahmlich nennt. Der Mann beginnt seinen prominenten Patienten mit eher psychotherapeutischen als logopädischen Methoden zu behandeln. So nähert sich die Inszenierung ihrem Zentrum - einer ungleichen Männerfreundschaft, die der Einfachheit halber komplementär gehalten ist: der Entmutigte und sein Ermutiger, Biedersinn und Skurrilität, Monarchie und Alltag, high and low.

Unkenrufe.
Man kann "The King’s Speech“ einen Erfolgsfilm nennen. Aber das wäre schwer untertrieben: Die Rezensionen in der US-Presse waren nahezu unisono hymnisch, und mit derzeit fast 180 Millionen Dollar an weltweiten Einspielergebnissen hat der Film schon jetzt, lange vor dem Ende seines Triumphzugs, das Zwölffache seines Budgets lukriert. Unkenrufe sind rar: US-Regisseur Paul Schrader etwa hat "The King’s Speech“ im Rahmen seines Wien-Besuchs vor wenigen Wochen einen "regelrecht beleidigenden Film“ genannt. Aber so sei das Kino eben - angepasst, scheintot und vor allem redundant: "Erst wird besprochen, was passieren wird, dann sieht man, wie es passiert, und anschließend wird rekapituliert, was gerade passiert ist.“ In dieser Hinsicht sei "The King’s Speech“ ein sehr typisches Werk, wie es die angloamerikanische Filmindustrie jedes Jahr im Multipack auf den Markt schieße: eine Geringschätzung der Aufnahmefähigkeiten jedes halbwegs intelligenten Zuschauers.

Man muss nicht so weit gehen wie Schrader; beleidigt wird man sich angesichts dieses Films kaum fühlen - wenn es auch wahr ist, dass an "The King’s Speech“ alles augen- und ohrenfällig ist, ganz absehbar und unmittelbar verständlich. Nur keine Ambivalenzen! Butterweich umgarnen Klavier und Violinen das in blassen Farben fotografierte, halb lustige und halb melancholische Geschehen. "The King’s Speech“ ist jedenfalls alles andere als ein bestechend inszenierter Film: Er wird in erster Linie von Kostümschneidern, Bühnenbildnern und Schauspielern getragen, die ihre Lust an betont schmissig formulierten Dialogen demonstrieren. Regie führte übrigens ein 38-jähriger Brite namens Tom Hooper, ein als Fernsehroutinier bislang nicht weiter aufgefallener Mann.

Wenn sein Film nun, im Beisein des ikonischen Hauptdarstellers, bei der Berlinale läuft, dann ist dies nur der Auftakt zu einer professionell konzertierten Promotion-Veranstaltung: Am Mittwoch dieser Woche geht er im Berliner Friedrichstadt-Palast vor knapp 2000 Besuchern über die Bühne, zwei Tage später startet er in deutschen und österreichischen Kinos - und am 28. Februar wird er absehbar um ein paar gewichtige Auszeichnungen reicher sein: Stolze zwölf Mal wurde "The King’s Speech“ für die Oscar-Gala 2011 nominiert, unter anderem in den Kategorien für den besten Film, das beste Drehbuch, den besten Schnitt, für beste Regie, beste Kamera, beste Ausstattung, besten Haupt- und beste Nebendarsteller; mit zwölf Nominierungen bleibt "The King’s Speech“ nur knapp hinter dem bisherigen Rekord: das Bette-Davis-Meisterstück "All About Eve“ (1950) und James Camerons "Titanic“ (1997) hatten jeweils 14 erhalten.

Man kann am Fall dieses Films erleben, wie Instant-Kanonisierung funktioniert. Natürlich ist Colin Firth das Hauptkapital des Werks: Der Oscar wird ihm, nach dem Golden Globe vor wenigen Wochen, kaum noch zu nehmen sein. Aber "The King’s Speech“ ist, bei allem virtuosen Schauspiel, ein Triumph der Harmlosigkeit. Die psychologischen Problemstellungen des Films sind überschaubar, seine Dramaturgien durchsichtig und seine künstlerischen Mittel nicht genuin filmisch zu nennen: Es knarrt das Parkett unter den Füßen der noblen Akteure. Den letzten Beweis, dass das Theater nicht tot ist, führt derzeit befremdlicherweise das Kino.

Und ein wenig frivol mutet das heitere Unterfangen am Ende doch an: ein Feel-good-Movie vor dem Hintergrund des Nazi-Terrors? Die Komödie einer Sprachstörung vor der Kulisse des tobenden Weltkriegs? Im Finale tritt das kleine Glück des eingedämmten Stotterns gegen das große Unheil des nationalsozialistischen Massakers an. Die Produzenten dieses Films wussten sehr genau, worauf sie sich im Zweifelsfall zu konzentrieren hatten.