Überlegenheitskomplex: Japan und die Welt – eine Beziehung voller Missverständnisse

Japan erlebt nach der Erdbebenkatastrophe das Mitgefühl der Welt – trotz seines beharrlich schlechten Rufs. Bis heute ist die japanische Kultur von tiefer Xenophobie geprägt.

Immerhin, Shintaro Ishihara konnte sich diesmal zurückhalten. Nach der Bebenkatas­trophe wurden keine ausländerfeindlichen Sottisen des Tokioter Gouverneurs publik. Das ist insofern bemerkenswert, als Shintaro, dem der australische Sender ABC den etwas ehrenrührigen Ehrentitel „Japans Le Pen“ verliehen hat, schon mehrfach einschlägig auffällig wurde. Ausländer, so erklärte der rechtsnationale Politiker etwa im April 2000, seien für die Mehrheit aller in Japan begangenen Straftaten verantwortlich, und man müsse sich darauf einstellen, dass sie im Fall einer Naturkatastrophe schwere Ausschreitungen verursachen würden – eine überdeutliche Anspielung auf die Ereignisse nach dem Kanto-Erdbeben von 1923, das Tokio zerstörte und dem ein rassistisch motiviertes Massaker an der koreanischen Minderheit folgte: Tausende vermeintliche Plünderer fielen damals der Lynchjustiz zum Opfer.

Japans eigenartige Stellung in der Welt wird im Licht der Bebenkatastrophe derzeit wieder einmal besonders genau ausgeleuchtet, die spezielle Mentalität seiner Bevölkerung vielfach ­bestaunt und bewundert. Das Image Japans als mysteriöses, bisweilen auch ein wenig unheimliches Land wird dabei in bunten Farben ausgemalt, allerdings ohne die dunklen Schattierungen, die traditionell über diesem Bild liegen. Erstaunlich selten wird in der aktuellen Berichterstattung darauf hingewiesen, dass Japans Verhältnis zu seinen asiatischen Nachbarn und zur westlichen Welt in weiten Teilen auch auf der gegenseitigen Verachtung und den rassistischen Vorurteilen fußt, die dieses Verhältnis seit Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten prägen.

Japan ist eine Insel
– mal mehr, mal weniger konsequent. Von den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts an war das Land unter der Sakoku-Doktrin („verschlossenes Land“) von ausländischen Einflüssen praktisch ­vollständig abgeschottet. Mit der Modernisierung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Grenzen geöffnet, gleichzeitig erblühte aber auch der japanische Nationalismus und entlud sich im chinesisch-japanischen Krieg 1894, der Kolonialisierung Koreas 1910 und schließlich im Zweiten Weltkrieg, der im Westen das Bild Japans als Nation von fanatischen Militaristen und gewissenlosen Schlächtern prägte. Im Zuge des japanischen Wirtschaftswunders der siebziger und achtziger Jahre änderte sich die Bedrohungslage, nun ging das Schreckgespenst der „gelben Gefahr“ um, die mit ihrem ökonomischen Einfluss den Westen überrolle.

Zum japanischen Inseldenken gehört auch der gern gepflegte Mythos von der ethnischen Homogenität der eigenen Nation, eloquent formuliert etwa im Jahr 1986 von dem damaligen Premierminister Yasuhiro Nakasone. Im strammen Wirtschaftswunder-Selbstbewusstsein erklärte der frühere Weltkriegsoffizier, dass seine Nation den USA schon allein deshalb überlegen sei, weil diese von Afroamerikanern und hispanischen Einwanderern ethnisch verunreinigt sei. Es handelt sich nicht um einen Einzelfall: Die Archive sind voll mit ähnlichen Aussagen japanischer Spitzenpolitiker, das Ressentiment gegenüber dem Anderen, Ausländischen ist in Japan breitenwirksam. Das komplexe japanische Gruppendenken, die vielfältige Einteilung der Gesellschaft in innere und äußere Zirkel, wirkt auch auf nationalem Niveau – beziehungsweise auf nationalistischem. Laut einer Langzeitstudie des Japanischen Instituts für Statistische Mathematik fühlten sich anno 1983 nicht weniger als 53 Prozent der japanischen Bevölkerung dem Westen überlegen, zuletzt lag der Wert, gedämpft durch die anhaltenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten Japans, immerhin noch bei 37 Prozent. Der Sozialwissenschafter Yoshio Sugimoto verweist in diesem Zusammenhang auf das ambivalente Selbstverständnis, das in weiten Teilen der Bevölkerung, vor allem aber unter japanischen Eliten herrsche, nämlich eine Art trotzig überspielter Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen und ein tief empfundenes Überlegenheitsgefühl gegenüber den asiatischen Nachbarn.

Deren Verhältnis zu Japan leidet bis heute unter den Kriegsgräueln der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Symbol das Massaker von Nanking wurde: Mehr als 200.000 Bewohner der ostchinesischen Stadt fielen Ende 1937 dem Blutrausch der japanischen Besatzer zum Opfer, bis heute leugnen Japans Nationalisten das Ausmaß dieses Kriegsverbrechens. Und bis heute sorgen Besuche japanischer Politiker am Yasukuni-Schrein für internationale Verstimmung: An der Gedenkstätte werden japanische Kriegshelden verehrt, darunter auch 14 verurteilte Kriegsverbrecher. Die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg blieb in Japan weitgehend unaufgearbeitet.

Artikel 14 der japanischen Verfassung sieht vor, dass kein Bürger des Landes wegen seiner Rasse, seines Geschlechts oder seines Glaubens diskriminiert werden dürfe. Juristische Mittel zur Durchsetzung dieses Grundsatzes sind allerdings nicht vorgesehen, was den UN-Sonderberichterstatter für Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung, Doudou Diène, in einem Bericht im Jahr 2008 zu einer äußert kritischen Einschätzung der japanischen Minderheitenpolitik veranlasste.

Auch westliche Ausländer bekommen die Reserviertheit der Mehrheitsbevölkerung zu spüren, die durchaus auch in offenes Ressentiment umschlagen kann. Die Diskriminierung von Ausländern bei der Wohnungs- und Jobsuche wird von Maklern und Arbeitgebern alles andere als schamhaft betrieben; an japanischen Bädern, Nachtclubs, selbst Imbissstuben finden sich häufig „Japanese Only“-Schilder. Weniger als zwei Prozent der Gesamtbevölkerung Japans sind Ausländer, insgesamt nur etwas mehr als zwei Millionen Menschen. Dazu zählen freilich auch die Nachkommen chinesischer und koreanischer Einwanderer, die während der Kolonialzeit als Zwangsarbeiter ins Land kamen und deren Kinder und Kindeskinder bis in die dritte und vierte Generation nicht als echte Japaner akzeptiert werden und angehalten sind, ihre Ausländer-Registrierungsausweise ständig mitzuführen.

Doch die Globalisierung ist unerbittlich.
Aktuelle Umfragen unterstreichen den Eindruck, dass Xenophobie und Nationalismus unter jungen Japanern deutlich weniger gesellschaftsfähig sind als noch in ihrer Elterngeneration. Und auch auf politischer Ebene wird das Thema allmählich ernst genommen. Das UN-Komitee zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung stellte Japan in einem Bericht 2010 ein vorsichtig optimistisches Zeugnis aus, mahnte aber zu weiteren Antidiskriminierungsmaßnahmen. Die offizielle Mission des Komitees besteht dar­in, die Einhaltung der UN-Konvention zur Beseitigung rassistischer Diskriminierung vom 21. Dezember 1965 zu überwachen. Japan ratifizierte die Konvention im Dezember 1995.

Zur aktuellen Lage seines Landes hatte der Tokioter Gouverneur Shintaro Ishihara übrigens auch eine seiner eigenwilligen Theorien parat: Das Beben und der nachfolgende Tsunami seien eine himmlische Strafe für die Verkommenheit des modernen Japan: „Die Identität Amerikas fußt auf Freiheit. Die Identität Frankreichs auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die Identität Japans auf Gier. Wir sollten den Tsunami nutzen, um diese Gier wegzuwaschen.“ Xenophobie und Selbsthass liegen manchmal recht nah beieinander.