Ursula Stenzel, Habsburg, Marboe: Ein Traum-Team auf Reisen

Markus Huber über Ursula Stenzel, Karl Habsburg und Ernst Wolfram Marboe, die bunten Quereinsteiger, die nun als graue Mäuse durch den Wahlkampf ziehen.

Erschienen in profil 27/1996 vom 1.7.1996

Auf dem Weg vom Küniglberg ins Literaturhaus Mattersburg hat sich vieles geändert. Aus dem Vollholztisch wurden Resopalplatten. Statt eleganter Ledersessel stehen braune Holzstühle mit orangen Polsterbezügen im Saal. Dort, wo früher die Kameras waren, sitzen jetzt 100 Burgenländer. Nur der blaue Bühnenhintergrund ist fast gleich: Dort, wo sich im "Zeit im Bild"-Studio eine Erdkugel dreht, steht jetzt: "Das Burgenland zuerst - die neue Volkspartei".

Aber sobald Ursula Stenzel in das Mikrophon spricht, ist alles beim alten: diese warme, weiche Stimme, mit der sie selbst Worten wie "Sparpaket" und "Sozialabbau" ein Prickeln verleiht. Das feine Burgtheater-Deutsch, das mehr ans Traummännlein erinnert als an spröde Politik. Es ist, als würde gleich Klaus Edlinger auftauchen und sich neben die Stenzel setzen. Man hört, wird völlig eingelullt, die Gedanken schweifen ab, die Augenlider werden schwerer und schwerer.

Vergangenen Mittwoch, bei ihrem Auftritt vor Basisvertretern der Volkspartei im Literaturhaus Mattersburg, fand Ursula Stenzels Stimme nach exakt fünf Minuten und 30 Sekunden ihr erstes Opfer. Der Funktionär im schwarzen Anzug begann zu dösen, als Stenzel gerade Punkt zwei ihrer Europavisionen darstellte: "Gemeinsame Sicherheitspolitik". Nach weiteren fünf Minuten entschwebte der nächste ins Reich der Träume. Und als die Podiumsdiskussion nach dreißig Minuten mangels Wortmeldungen endete, waren drei Parteigänger fest eingeschlafen. ÖVP-Obmann Gerhard Jellasitz, der Initiator der Veranstaltung: "Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe ihr schon im Fernsehen immer gerne zugehört."

Vor knapp drei Wochen hat Ursula Stenzel das Metier gewechselt. Die 50jährige ehemalige Journalistin ist jetzt ÖVP-Spitzenkandidatin für die Europawahlen am 13. Oktober. Lange Jahre war sie Präsentatorin der "Zeit im Bild". Als sie bei Gerhard Zeilers ORF-Reform dem Starprinzip zum Opfer fiel, kehrte sie zum Radio zurück, moderierte dort das "Mittagsjournal" und ging in die innere Emigration.

ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel hat sie von dort zurückgeholt und mit einer neuen Aufgabe bedacht - aber nicht nur Stenzel kam für die ÖVP von der Reservebank zurück. Bei den EU-Wahlen kandidieren Stenzel und Karl Habsburg, Forstwirt und Kaiserenkel von Beruf, an den ersten beiden Listenplätzen. Für die Wiener Wahlen kehrte sogar Ernst Wolfram Marboe, der ehemalige Programmintendant des ORF, seinem Rentnerdasein den Rücken und tritt als 57jähriger in die Politik ein. "Quereinsteiger haben einen neuen, frischeren Zugang zur Politik", begründete Schüssel seine Wahl anläßlich der Präsentation seiner Kandidaten.

Stenzel, Habsburg & Marboe sollen für neuen Schwung sorgen - zur rechten Zeit für den Parteichef. Denn zu Beginn seines zweiten Jahres als ÖVP-Obmann ist Wolfgang Schüssel arg im Trudeln: Kopilot und Wirtschaftsminister Johannes Ditz ist ihm abhanden gekommen, Klubchef Andreas Khol gilt schon als geschäftsführender Obmann und treibt die Partei Richtung rechts. Und nun ist auch erstmals, seit Wolfgang Schüssel Obmann ist, die ÖVP in Umfragen nur noch drittstärkste Kraft im Land - hinter den Freiheitlichen. Bloß: Sind rüstige Rentner wirklich ein Aufbruch nach vorne?

Das Rezept ist altbewährt. Von Wahl zu Wahl zaubert die eine oder andere Partei aus Funk und Fernsehen bekannte Kandidaten aus dem Hut, die kraft ihrer Beliebtheit Stimmen bringen sollen. Im politischen Alltagsgeschäft bleiben diesen bunten Vögeln meist nur zwei Alternativen: Entweder sie verlieren Jahr für Jahr ihre Frische und passen sich an, oder sie verschwinden nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche. Wolfgang Schüssel hat jetzt die Quadratur des Kreises gefunden: Seine Zukunftshoffnungen sind bereits beim ersten Auftreten so konform, daß sie von erfahrenen Politfüchsen kaum zu unterscheiden sind.

Ursula Stenzel, die nach einem Crash-Kurs in Sachen Europapolitik durch die Bundesländer tourt, soll der ÖVP "bürgerliche Wähler" zurückbringen: "Ich werde noch nicht so mit einer Partei identifiziert. Ich bin für viele Menschen vielleicht etwas Neues." Das Neue beschränkt sich freilich auf die Funktion, inhaltlich hat sie den Umstieg rasch geschafft. Bei der Diskussionsrunde in Mattersburg beherrscht sie ihr Vokabular so gut, daß vielleicht nur die Wirkung ihrer Stimme ihren Ruf als Quereinsteigerin retten kann. Sie wolle ein "Transmissionsriemen zwischen EU und Österreich sein", erklärt sie den verdutzten Burgenländern, das Europäische Parlament ist "deswegen wichtig, weil man darin die Bürger näher an Europa bringen kann". Das Publikum hat wenig Fragen, und wenn, bekommt es nur ungenaue Antworten. So will sich Stenzel für die Osterweiterung einsetzen, "die Grenzen müssen aber schon sicher bleiben". Zwar hat "Europa eine gemeinsame kulturelle Identität, das Europa der Regionen muß aber gesichert bleiben". Wie sie zu einem Nato-Beitritt steht, will dann ein besonders mutiger Bürgermeister aus dem Südburgenland wissen: "Man muß alles offen diskutieren, man darf aber nicht leichtfertig sein. Man soll über alles reden, aber man darf nicht vorschnell agieren." Der Unterschied zu ÖVP-Landeschef Gerhard Jellasitz ist marginal. Der feierte den eben geschlagenen Landtagswahlkampf als "großen Erfolg: Wir haben immerhin den Vizepräsidenten der Mörbischer Seefestspiele, den stellvertretenden Vorsitzenden im Raumplanungsbeirat, den Aufsichtsratsvorsitzenden des Kurparks Tatzmannsdorf."

Mit seinem Wunsch, Quereinsteiger zur "Blutauffrischung" heranzuziehen, hat sich ÖVP-Chef Schüssel in der eigenen Partei nicht nur Freunde geschaffen. Schon bei der Präsentation wurde die Kritik der einzelnen Bünde und Landesorganisationen laut. Vor allem Habsburg ist umstritten. Ein Wiener Vorstandsmitglied: "Mit dem werden wir keine Wahl gewinnen."

Und auch Stenzel zweifelt im kleinen Kreis, ob Schüssel tatsächlich zwei Quereinsteiger nominieren mußte: "Mir wäre es lieber gewesen, hinter mir hätte ein EU-Experte kandidiert, dann gäbe es jetzt diese leidigen Diskussionen nicht."

Ernst Wolfram Marboe, der ebenfalls von zahlreichen Bezirksparteien kritisiert wird, tourt indes emsig durch Wien. So emsig, daß sein Wiener Spitzenkandidat Bernhard Görg bereits mißmutig Marboes Auftritte beäugt, aus Angst, dieser könnte ihm die Show stehlen. Vergangenen Dienstag abend machte der ehemalige Intendant an der Wiener Wirtschaftsuniversität halt - und diskutierte mit FPÖ-Chef Jörg Haider über 1000 Jahre Österreich.

Voller Begeisterung formulierte Marboe im vollen Auditorium maximum der Wirtschaftsuniversität seine Thesen von der "Erotisierung der Politik" und attackierte Haider in einer Sprache, die der bisher nicht kannte. Statt Ausgrenzung zitiert der Marboe im kahlen Audimax das "Handorakel des Crassian" und Friedrich Heer: "Höre deine Gegner."

Obwohl Marboe als Präsident des Akademikerbundes die Diskussion organisiert hatte, hat Haider die Lacher auf seiner Seite. Da outet sich der ehemalige Geschäftsführer der Wiener ÖVP, Christian Zeitz: "Herr Haider, in vielen Punkten sind wir einer Meinung. Bei der vorletzten Wahl habe ich Sie sogar gewählt." Da polemisiert Haider nahezu unwidersprochen gegen Sparpaket und Regierung. Und da provozieren in der WU selbst Witzchen Beifallsstürme, die bisher nur bei Veranstaltungen am Mexikoplatz zogen. Stichwort Sicherheit - Haider: "Den Vranitzky bewachen im Kanzleramt 27 Polizisten, zwölf Staatspolizisten und zwei Portiere - wer nimmt uns denn den weg, daß er so bewacht werden muß?" Da kann sich selbst Marboe das Lachen nicht verkneifen. Stichwort Dienstautos: "In der Schweiz gibt es acht Dienstautos, bei uns Tausende - unsere Politiker brauchen die Dienstautos wahrscheinlich, damit sie der Arbeit davonfahren können." Mit seinen Schlagworten "Erotische Stadt" und "Ende der Polarisierung" hat Marboe da keine Chance.

Karl Habsburg hat es da schon leichter. Wohin er auch kommt, es ist überall das gleiche. Alte Menschen umzingeln ihn, erzählen ihm ebenso alte Geschichten, belästigen ihn mit alten Fragen: "Wie geht's Ihrem Vater, dem Kaiser?" Karl Habsburg, Sohn von Otto Habsburg und damit Enkel des letzten wirklichen Kaisers Karl, kennt das alles zur Genüge. Sein Wahlkampf beschränkt sich auf Händeschütteln und Erzählungen aus der Familienchronik - immerhin die kann er aus dem Effeff.

Nun tourt Habsburg für die ÖVP vor allem durch Westösterreich, besucht Almen in Tirol, besichtigt Altersheime in Salzburg, fährt zu Volksfesten und verteilt Prospekte. Immer einen Scherz über die Vergangenheit auf den Lippen.

Gemeinsam treten die ÖVP-Quereinsteiger nur selten auf. Nur ein einziges Mal kam es bisher zur Konfrontation: Ein "Europa Picknick" der ÖVP moderierte Ernst Wolfram Marboe am Wiener Stephansplatz und interviewte Stenzel und Habsburg. Die erste Frage hatte es jedenfalls in sich - nicht nur für den Kaiserenkel, sondern auch für den Zustand der neuen Volkspartei. Der ehemalige ORF-Informationsintendant hatte "Herrn Habsburg" auf die Bühne gebeten und ihn mit den Worten begrüßt: "Wie fühlt man sich so, Herr Habsburg, in der Nähe der Kapuzinergruft?"