Ursula Strauss: "Die Wirtschaft hat die Macht übernommen"

Ursula Strauss: "Die Wirtschaft hat die Macht übernommen"

Sommergespräch VI. Die Schauspielerin Ursula Strauss über soziale Hürden in unserer Gesellschaft, das Belastende an der katholischen Kirche und die mangelnde Warmherzigkeit gegenüber Flüchtlingen.

Interview: Herbert Lackner

profil: Frau Strauss, wir haben verwandte Berufe, Journalismus und Schauspielerei haben einiges gemeinsam.
Ursula Strauss: Was denn?

profil: Einen gewissen Exhibitionismus. Ich will von möglichst vielen Menschen gelesen werden, Sie wollen von möglichst vielen Menschen gesehen werden.
Strauss: So kann man es auch sehen. Das war aber nie meine Herangehensweise. Mich treibt eher der Spieltrieb an.

profil: Sie denken nicht an die Quote?
Strauss: Mit den Quoten wurde ich erstmals durch "Schnell ermittelt“ konfrontiert. Anfangs sagte ich mir, ich will mich von der Quote überhaupt nicht beeinflussen lassen. Aber natürlich kommt man dem nicht aus. Bei "Schnell ermittelt“ waren wir vom Glück verfolgt, wir hatten ja immer eine gute Quote. Ein Problem wird es, wenn Qualitätsgeschichten in dieser Mainstream-Gesellschaft keine Chance mehr bekommen. Man könnte die Quote ja auch manchmal vergessen.

profil: Sie sagten in einem Interview, bei Fotoshootings würde es Ihnen an Selbstsicherheit fehlen. Sie wurden doch mehrmals zur beliebtesten Schauspielerin des Jahres gewählt, wie kann es Ihnen da an Selbstbewusstsein fehlen?
Strauss: Gewählt wurde ich für die Figuren, die ich spiele.

profil: Das sind doch auch Sie.
Strauss: Ich bin die Interpretin. Eine laufende Kamera ist für mich wie ein drittes Augenpaar. Die Fotokamera friert Momente ein, das ist ein anderer Vorgang. Aber ja, Gott sei Dank habe ich mir eine gewisse Selbstsicherheit erarbeitet oder der Beruf hat sie mir geschenkt. Es ist wahrscheinlich eine Kombination aus beidem. Ich habe keine Angst mehr, als Erste auf die Tanzfläche zu gehen. Nicht, weil ich so exhibitionistisch bin, sondern weil ich weiß, dass es den anderen die Freiheit gibt, auch auf die Tanzfläche zu gehen. Wir sind alle Menschen, haben alle Liebeskummer, haben alle Angst vorm Sterben geliebter Menschen, Angst vor Niederlagen. Es verbindet uns vieles.

profil: Sie haben diese Angst einmal auf die uns vom Katholizismus eingeredeten Schuldkomplexe zurückgeführt. Hatten Sie da ein spezifisches Erlebnis?
Strauss: Es gibt in der katholischen Liturgie den Satz: "Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.“ Dadurch, dass der Katholizismus stark mit der Erbsünde verbunden ist, wird einem das Wort Schuld von klein auf eingebläut. Das manifestiert sich dann natürlich. Dabei sollte Religion den Menschen doch Halt geben und ihnen nicht ständig einreden, sie hätten sich schuldig gemacht.

profil: Sind Sie aus der Kirche ausgetreten?
Strauss: Nein, und ich weiß nicht, warum ich drinnen geblieben bin. Mein Kopf sagt, man muss austreten. Irgendwie bin ich aber so verwurzelt, weil die katholische Kirche ja auch Teil meiner Geschichte ist, ich wurde so sozialisiert.

profil: Vielleicht gibt es eine Restunsicherheit, dass es das Jüngste Gericht doch gibt und Sie dann für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren.
Strauss: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube nicht an die Hölle. Ich glaube, wenn es einen Gott gibt, dann ist er ein liebender Gott. Die Hölle machen wir uns schon selbst, dafür müssen wir auch die Verantwortung übernehmen. Ich glaube aber, dass es mehr gibt, als wir uns erklären können. Ich bin ganz froh darüber, denn es wäre wahnsinnig langweilig, wenn wir uns alles erklären könnten.

profil: Dafür muss man nicht religiös sein. Das glauben auch die Esoteriker.
Strauss: Die Esoterik, der Glaube - das muss jeder für sich selbst entscheiden. Man muss ja nicht immer alles benennen. Mir ist vieles zu dogmatisch.

profil: Eine universelle Ethik würde genügen?
Strauss: Das ist ein schöner Ausdruck. Ja, das trifft es.

profil: 14 Prozent der Österreicher sind nach jüngsten Studien armutsgefährdet, Tendenz steigend. Leben wir in einer ungerechten Gesellschaft?
Strauss: Ja. Und es wird immer ungerechter. Das Problem ist, dass die Wirtschaft die Macht übernommen hat. Man muss immer funktionieren, alles geht ganz schnell. Die Menschen stehen unter immer größerem Druck. Wird man in sozial schwache Familien hineingeboren, wird es immer schwerer, sich herauszuarbeiten. Ein Taxifahrer hat mir heute erzählt, er sei Goldschmied, könne aber nicht in dem Beruf arbeiten, weil er das Handwerk bei seiner Familie in einem anderen Land gelernt hat. Und er hat keine Papiere, wo das draufsteht. Das ist doch völlig absurd.

profil: Noch eine Gemeinsamkeit unserer beiden Berufe: Wir brauchen keine Papiere. Aber wer ist schuld an der Misere?
Strauss: Nehmen wir nur die Finanzkrise. Da ging es nicht um reales Geld, sondern um erdachte Summen, das ist alles Fiktion. Ein erdachtes Konstrukt beherrscht die Welt. Das muss man sich einmal vorstellen. Gleichzeitig gibt es immensen Reichtum und furchtbar viele Menschen, die hungern. Was wird da gespielt?

profil: Thema Frauenpolitik: Was halten Sie von der Diskussion über das Binnen-I?
Strauss: Da muss ich jetzt sehr vorsichtig sein. Sagen wir es so: In einer Zeit, in der Frauen für die gleiche Leistung noch immer weniger verdienen als Männer, sich an so einem Thema aufzuhängen, finde ich eher seltsam. Wenn man weiß, wie mit einer Frau, die vergewaltigt wurde, in diesem Rechtsstaat umgegangen wird, wenn man weiß, dass Frauen noch immer das Doppelte leisten müssen, tu ich mir schwer mit dieser Diskussion. Die Energie für diese hitzige Debatte sollte man auf wichtigere Themen lenken.

profil: Was halten Sie von Frauenquoten bei gleicher Qualifikation?
Strauss: Ich wünsche mir eine Zeit, in der wir Quoten nicht mehr nötig haben. Aber bei gleicher Qualifikation sollen auf jeden Fall die Frauen die Chance kriegen. Natürlich. Ich bin eine Frau, was soll ich mir anderes wünschen? Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder Mensch seine Freiheit leben kann und in der jeder Mensch die gleichen Chancen hat. Dieser Gedanke ist eine Utopie, aber es wäre wunderschön.

profil: Sie sind in Pöchlarn aufgewachsen, jetzt leben Sie in Wien. Sind Sie ein Stadt- oder ein Landmensch?
Strauss: Ich möchte weder die Stadt noch das Land missen. Ich werde unruhig, wenn ich zu lange nicht draußen war. Ich bin regelmäßig daheim in Pöchlarn, das tut mir sehr gut.

profil: Schauspieler müssen doch von den ganz großen Megacitys träumen, von New York, von Hollywood.
Strauss: Müssen Schauspieler das? Ich möchte gute Geschichten erzählen. Wo das ist und wie es stattfindet, ist zweitrangig. New York ist eine tolle Stadt. Aber es macht nicht mein Lebensglück als Schauspielerin aus, dort einen Film zu drehen. Vielleicht wäre es mir auch viel zu stressig.

profil: Eine, die in die USA gegangen ist und mit deren Liedern Sie unlängst aufgetreten sind, ist Marlene Dietrich. Wie sind Sie auf die Dietrich gekommen?
Strauss: Ich wurde von der Veranstalterin des Attergauer Kultursommers eingeladen, das zu machen. Es war eine ganz andere Zeit, als Marlene Dietrich nach Amerika ging. Das ist nicht wie heute, wo es in jedem Genre ein Überangebot an Projekten gibt. Marlene Dietrich ging mit dem Regisseur Josef von Sternberg, der bereits in Hollywood war. Sternberg hat sie entdeckt und mitgenommen.

profil: Dietrich nahm 1939 die US-Staatsbürgerschaft an und trat bei der Truppenbetreuung der Alliierten auf. Nach 1945 wurde ihr das in Deutschland und Österreich sehr übel genommen. Glauben Sie, dass man sich in Österreich zu wenig mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat?
Strauss: Ja, absolut.

profil: Wurde in Ihrer Familie darüber diskutiert?
Strauss: Ja, immer wieder. Mein Großvater mütterlicherseits war Soldat, und ich habe väterlicherseits einen Onkel im Krieg verloren. Aber sie waren nicht bei der SS oder in gehobenen Positionen der Wehrmacht. Sie wurden wie alle damals eingezogen. Wir haben in der Familiengeschichte keine belasteten Vergangenheiten. Es wäre interessant, wie es wäre, wenn wir sie hätten. Es war wohl für meine Eltern belastend genug, dass sie den Krieg als Kinder erlebt haben. Nahe Pöchlarn gibt es die Friedenslinie, an der sich die Rote Armee und die US-Truppen bei Kriegsende trafen. Dort gibt es das Denkmal. Geschichte macht auch Zukunft. Wenn man sich nicht damit beschäftigt, was war, dann läuft man blind in die Zukunft. Das hat in Österreich viel zu wenig stattgefunden.

profil: Die Deutschen scheinen da konsequenter gewesen zu sein.
Strauss: Die Deutschen mussten es auch sein. Sie hatten keine andere Chance.

profil: Damals waren Österreicher Asylwerber in der Schweiz und den USA, jetzt haben wir Asylwerber hier bei uns. Sollte Österreich großzügiger sein?
Strauss: Ja, absolut.

profil: Auch wenn es nicht die entsprechende Akzeptanz in der Bevölkerung gibt?
Strauss: Ja. Die Menschen vergessen die Geschichte, sie vergessen, dass es zum guten Teil Menschen aus anderen Nationen waren, die unser Land wieder aufgebaut haben. Man vergisst, dass man selber einmal darauf angewiesen sein könnte, irgendwo willkommen geheißen zu werden. Die Zustände, in denen Asylwerber leben müssen, sind schrecklich. Ich frage mich, warum man nicht eine Aktion startet, Leute im Privathaushalt aufzunehmen. Hätte ich ein Haus oder eine größere Wohnung, würde ich schauen, ob es Kinder gibt, denen man zumindest eine Zeit lang ein sicheres Zuhause geben kann.

profil: Ein Problem scheint zu sein, dass jene Partei, die gegen Zuwanderung ist, die FPÖ, immer mehr dazugewinnt.
Strauss: Ja, weil es einfach ist, Ängste zu schüren, Menschen damit zu manipulieren Es liegt aber nicht in der Natur des Menschen, die eigenen Wurzeln auszureißen. Das ist keine schöne Situation. Die Flüchtlinge kommen ja nicht freiwillig. Die würden ja auch gern zu Hause ein freies Leben führen. Asylwerber kommen in Angst und Verzweiflung, um hier Schutz zu suchen, und sie begeben sich in Lebensgefahr, um hierher zu kommen. Schutzbedürftigen Menschen muss man mit offenen Armen begegnen und ihnen das Gefühl geben, dass sie durchatmen können. Wir könnten es uns leisten, ein wenig warmherziger zu sein und weniger angstzerfressen.

profil: Aber dahinter stehen wie eine Drohkulisse die Rechtspopulisten à la Strache und Le Pen.
Strauss: Es ist ganz wichtig, diesen Ideologien und Kräften etwas entgegenzuhalten. Angsterfüllte Menschen sind leichter zu regieren als Menschen mit eigener Haltung und starker Meinung.

profil: Wie lange werden Sie noch die Fernsehkommissarin Schnell sein? Ist es nicht gefährlich, einen Stempel aufgedrückt zu bekommen?
Strauss: Wir haben 40 Folgen gedreht, und vor zwei Jahren haben wir aufgehört. Jetzt machen wir nur noch eine Folge in Spielfilmlänge im Jahr.

profil: Sonst wären Sie der "Columbo“ des ORF geworden. Der arme Peter Falk wäre ohne Trenchcoat gar nicht mehr erkannt worden.
Strauss: Natürlich kann man einen Stempel aufgedrückt bekommen. Die Serie ist auch aus inhaltlichen Gründen beendet worden. Wir hatten von der ersten bis zur letzten Folge einen roten Faden, die Figur durfte sich mit jeder Folge weiterentwickeln. Nach vier Staffeln musste man sagen: Der Bogen ist rund, wenn wir jetzt noch weitermachen, würde es absurd werden. Dafür war unsere Arbeit zu wertvoll.

profil: Haben Sie einen Lieblingsfilm?
Strauss: Mehrere.

profil: Sagen Sie uns drei.
Strauss: Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist "Es war einmal in Amerika“. Auch "Pulp Fiction“ habe ich sehr gern, weil ich damit eine große Freundschaft verbinde, die beim Anschauen dieses Films entstanden ist. Die Frage ist schwierig, weil es so wahnsinnig viele tolle Filme gibt.

profil: Die meisten lieben "Some like it hot“.
Strauss: Das ist natürlich ein großer Film, absolut top.

profil: Wenn Sie sich einen Regisseur aussuchen könnten, wer wäre das?
Strauss: Gus Van Sant. Er hat "Milk“ gemacht, und "Elephant“, "Restless“ und "Good Will Hunting“. In Österreich habe ich ja das Glück, mit Größen wie Götz Spielmann und Barbara Albert zu arbeiten. International würde ich mir Gus Van Sant wünschen, weil man merkt, dass er mit Schauspielern arbeiten kann.

profil: Woody Allen wäre nichts für Sie?
Strauss: Doch natürlich, großartig. Er wäre super. Dass mir der nicht gleich eingefallen ist!

Zur Person
Ursula Strauss, 40. Die gebürtige Niederösterreicherin startete ihre Schauspielkarriere am Theater. Ihre erste Film-Hauptrolle spielte sie 2003 in Barbara Alberts "Böse Zellen“, den großen Durchbruch hatte Strauss als Kommissarin in der ORF-Krimiserie "Schnell ermittelt“.

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Foto: Walter Wobrazek