Wendejahr 1968: Abschied vom Proletariat

Friedensreich Hundertwasser (l.) bei der Aubesetzung im Dezember 1984

Friedensreich Hundertwasser (l.) bei der Aubesetzung im Dezember 1984

Wendejahr 1968 - Teil 3. Die Nachfolger der 68er waren bunt: Hausbesetzer, Au-Besetzer, Anti-AKW-Aktivisten. Den Traum vom Bündnis mit der Arbeiterklasse gaben sie auf.

Der Hausphilosoph der 68er-Bewegung, der in San Diego, Kalifornien, lehrende Herbert Marcuse, ein gebürtiger Berliner, hatte schon 1967 ganz klar dargelegt, warum mit dem Proletariat nicht zu rechnen sei. Es sei von "repressiver Toleranz" verblendet, von einer "Bewusstseinsindustrie" vernebelt. Das verhindere, dass ihm seine wahren Bedürfnisse klar werden. Die Studentenbewegung müsse daher den Staat provozieren, damit dieser seine "Charaktermaske" fallen lasse und zum Mittel der echten Repression greife. Dann werde auch die Arbeiterklasse dessen eigentliche Natur erkennen.

Möglich, dass Marcuse seine Illusionen in die revolutionäre Kraft der Arbeitermassen einfach deshalb früher verloren hatte als die europäische Linke, weil er mitansehen konnte, wie in amerikanischen Großstädten Bauarbeiter Demonstranten gegen den Vietnam-Krieg mit Dachlatten auseinandertrieben. Als Verbündete der fortschrittlichen Studenten und Intellektuellen kämen also nur die Entrechteten der Dritten Welt und geächteten Randgruppen in den Industrieländern infrage, so Marcuse.

In Österreich zeigte sich bald, dass Marcuses Visionen eine Schimäre waren.

Mini-Woodstock in der "Arena"

In Wien fand seit 1970 in einem ehemaligen Schlachthof in St. Marx der jugendliche Teil der Wiener Festwochen statt, die "Arena". 1976 sollten die alten Hallen geschliffen werden, um dem Textilkonzern Schöps Platz zu machen, an den die Stadt das Areal verkauft hatte. Nach der letzten Veranstaltung, einem Konzert der linken Kultband "Schmetterlinge" (Bandleader: Willi Resetarits, später "Ostbahn-Kurti"), blieb das Publikum einfach da: Diese "Arena" wollte man nicht aufgeben, sie sollte zu einem ständigen, selbstverwalteten Kulturzentrum werden. Einen Sommer lang wurde auf dem weitläufigen Gelände gefeiert: Wolfgang Ambros, Georg Danzer und sogar Leonard Cohen musizierten, Peter Turrini, Christine Nöstlinger und Axel Corti lasen - ein Mini-Woodstock in einem Wiener Glasscherben-Viertel. Die leitenden Aktivisten waren fast durchwegs schon 1968 zu Gange gewesen.

Problematisch wurde es im Herbst. Die Hallen waren unbeheizt, und die Stadt drängte auf Rückgabe. Fast ebenso große Probleme wie mit der Gemeinde-Bürokratie gab es mit jungen Obdachlosen und aus Erziehungsheimen kommenden Problemjugendlichen, die sich in der "Arena" angesiedelt hatten und die linken Selbstverwalter zunehmend überforderten. Aber waren das nicht die "geächteten Randgruppen", die Marcuse für die logischen Verbündeten der aufständischen Intellektuellen hielt? War diese Bündnisoption also ebenso wenig tragfähig wie jene mit der Arbeiterklasse? Schon bald nach dem Ende der Arena-Bewegung wurde klar, dass die neuen Themen auch völlig neue Koalitionen bedingen würden.

Seit Längerem war in politischen Aktivistenkreisen öfter über die umweltbeseelten Reports des Club of Rome diskutiert worden als über den Stand der Klassenkämpfe im kapitalistischen Europa. Der Plan der Bundesregierung, ein Stück stromaufwärts von Wien, in Zwentendorf, ein Kernkraftwerk zu eröffnen, führte bei dieser neuen Themenlage zu bisher noch nie dagewesenen Allianzen, die nun gegen Atomkraft auftraten. Da waren die reif gewordenen 68er, die inzwischen in Kammern, Ministerien und Redaktionen untergekommen waren; dazu gesellten sich kritische, aber weitgehend unpolitische und bisweilen etwas schrullige Naturwissenschafter, christliche Frauenorganisationen und erschrockene Landbevölkerung. Für die Kernkraft mobilisierten praktisch alle Arbeitnehmer-Organisationen, die ganze Betriebsbelegschaften aufmarschieren ließen, dazu kamen die Industriellenvereinigung und die Unternehmerverbände sowie die von Bruno Kreisky geführte Bundesregierung.

Bei der Volksabstimmung 1978 votierten 50,5 Prozent gegen die Inbetriebnahme des Kraftwerks.

Generation Hainburg

Umweltthemen waren 1968 noch gar nicht thematisiert worden. Die Linke hatte keine gewachsenen Positionen dazu, das war ein neuer, komplexer Themenbrocken, mit dem sich selbst theoriefeste Haudegen von damals schwer taten: Waren diese Umweltmenschen nun Fortschritts- und Wachstumsfeinde oder waren sie vielleicht gar modernere Kapitalismuskritiker? Noch weniger vom alten 68er-Geist war einige Jahre später zu erkennen, als es gegen den die Au gefährdenden Bau eines Donaukraftwerks bei Hainburg ging. Diesmal gab nicht mehr - wie sonst üblich - eine Plattform aus linken Jugend- und Studentenorganisationen, angereichert durch kritische Katholiken, die Richtung vor. In Hainburg hatte 1984 die von ÖVP-nahen Studenten dominierte Hochschülerschaft das Sagen; Sprecher nach außen war der gute alte Günther Nenning, der schon oft dabei war: Zuerst bei den Rechten in der SPÖ, dann bei den Linken in der SPÖ, bei den 68ern, bei den kritischen Katholiken, in der Frauenbewegung ("Ich bin ein Feminist") und eben bei den Umweltschützern. Ein "Fettauge auf der Suppe des Zeitgeistes" nannte ihn Anton Pelinka einmal. Und doch war Nenning ein Katalysator für alles Neue. Seiner Partei, der SPÖ, gefiel das oft nicht. Der ÖGB schloss den langjährigen Präsidenten der Journalistengewerkschaft aus.

Natürlich waren auch die Linken in Hainburg. Und selbst Gottfried Küssels rechtsradikale VAPO schaute vorbei. Aber bestimmend waren weder die einen noch die anderen.

Die Gewerkschaften drohten, Arbeitertrupps mit Zaunlatten in die Au zu entsenden, um sie von Besetzern zu säubern. Innenminister Karl Blecha ließ dann doch lieber die Gendarmerie zur Räumung ausrücken. Gebaut wurde das Kraftwerk nie.

Die Heterogenität des neuen grünen Lagers hatte sich ein Jahr vor Hainburg bei den Nationalratswahlen gezeigt, bei denen zwei verschiedene Listen kandidierten: Die "Vereinten Grünen Österreichs" (VGÖ), die auf 1,9 Prozent kamen, und eine linke Grün-Alternative-Liste, die 1,3 Prozent schaffte. 1986 traten die beiden Parteien gemeinsam an und erreichten acht Mandate (4,8 Prozent). Die Vergabe der Sitze spiegelt die Geschichte seit 1968 wider: Klubobfrau Freda Meissner-Blau war mit dem SPÖ-Linken Paul Blau verheiratet, den Kreisky 1967 zum Chefredakteur der "Arbeiter-Zeitung" gemacht hatte. Peter Pilz kam von der Gruppe revolutionärerer Marxisten, einer trotzkistischen 68er-Nachfolgeorganisation. Andreas Wabl als ländlicher Grüner, Manfred Srb als Sozialarbeiter und Karel Smolle als Kärntner Slowene vertraten angepeilte Wählersegmente. Walter Geyer, der als Staatsanwalt entsprechende Fälle behandelt hatte, wurde als Antikorruptionsexperte in den Nationalrat geholt. Josef Buchner und Herbert Fux verkörperten schließlich den Flügel der grünen Bürgerlichen, die nach der Anti-Atom-Bewegung Zulauf bekommen hatten.

"Auf der Straße seid ihr Bullen ..."

Dass unter den acht grünen Parlamentariern sieben Männer und nur eine Frau waren, fiel damals noch nicht besonders auf. Wie die Umwelt- war auch die Frauenfrage 1968 nicht wirklich thematisiert worden. Als eine der Ersten griff die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof das Thema auf. Meinhof war eine erfolgreiche Journalistin und ab 1967 Chefredakteurin von "Konkret", der damals angesagtesten Polit-Zeitschrift Deutschlands. Im Dezember 1968 schrieb Meinhof einen programmatischen Artikel zum Frauenthema - natürlich im Jargon des Revolutionsjahrs -, in dem es auch gegen die eigenen linken Männer ging: "Die Frauen haben angefangen, die Privatsphäre, in der sie leben, zu analysieren. Sie fanden heraus, dass die Männer in dieser Privatsphäre objektiv die Funktionäre der kapitalistischen Gesellschaft zur Unterdrückung der Frau sind, auch dann, wenn sie es subjektiv nicht sein wollen." Im Manifest des Weiberrats des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wurde die Parole ausgegeben: "Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen." Bei Demonstrationen verhöhnten die linken Frauen die Polizisten: "Auf der Straße seid ihr Bullen, doch im Bett, da seid ihr Nullen."

Wirkungsmächtiger wurde der neue Feminismus in Deutschland und zunehmend auch in Österreich allerdings erst durch nachhaltigere Aktionen, etwa jene zur Reform der Gesetze über den Schwangerschaftsabbruch. 1971 mobilisierte Alice Schwarzer, die spätere Gründerin der Zeitschrift "Emma", in Deutschland 350 Frauen, die in einem Artikel im "Stern" bekannten: "Wir haben abgetrieben." Die 28 Prominentesten kamen auf das Cover, darunter Romy Schneider, Senta Berger und Schwarzer selbst.

In Österreich entstand im Kampf gegen den §144 erstmals eine von den Parteien abgegrenzte Frauenbewegung , die "Aktion Unabhängiger Frauen" (AUF). 1974 wurde die Fristenregelung Gesetz.

Da hatte sich Ulrike Meinhof schon dem bewaffneten Untergrundkampf der RAF verschrieben gehabt und war verhaftet worden. 1976 erhängte sie sich in ihrer Zelle in Stammheim.

Der einzige linksradikale Terrorakt in Österreich, die Entführung des Unternehmers Walter Palmers im Jahr 1977, war im Vergleich zu den RAF-Aktionen eher wie ein Bubenstück inszeniert und ging glücklich aus. 1968 hatten die drei Entführer - anders als fast alle deutschen RAF-Terroristen - keine Rolle gespielt.

Und die Arbeiter, um die es 1968 ja schließlich auch ging und die sich in Frankreich sogar mit den aufständischen Jungen vereinigt hatten? Wie hatten sie in all diesen Jahren reagiert?

Der gewerkschaftliche Organisationsgrad lag in Österreich 1968 bei rund 55 Prozent und sank bis 1995 auf 35 Prozent. Heute liegt er bei etwa 26 Prozent - in dieser Zahl ist der besonders gut organisierte öffentliche Dienst bereits enthalten.

Entfremdung von den Arbeitern

1968 lebten rund 65 Prozent der SPÖ-Wähler in Arbeiterhaushalten. 1983, beim letzten Antreten Bruno Kreiskys, stimmten immer noch etwa 60 Prozent der Arbeiter und Arbeiterinnen für die Sozialdemokraten. 30 Jahre später, bei den Nationalratswahlen 2013, kamen die Sozialdemokraten in dieser Wählergruppe auf bloß 24 Prozent, 33 Prozent wählten FPÖ, weitere zehn Prozent das Team Stronach. Im Dezember 2016 stimmten 85 Prozent der Arbeiter und Arbeiterinnen bei der Bundespräsidenten-Stichwahl für Norbert Hofer.

Ist im 50. Jahr nach 1968 also alles verpufft? Ist nichts geblieben von den großen Träumen von damals? War 1968 doch nur ein - bisweilen durchaus interessantes und amüsantes - Zwischenspiel, eine Vignette der Zeitgeschichte?

Mitnichten. Der Geist von damals floss in die Reformen und das Straf- und Familienrecht ein, das Heer wurde reformiert, die Wissenschaft und später die Frauen bekamen eigene Ministerien. Vielfältige Formen des Zusammenlebens werden heute als selbstverständlich akzeptiert, die Diskriminierung von Randgruppen wird geächtet. Gesellschaftliche Rollenmuster wurden infrage gestellt. Das politische System musste sich den Frauen öffnen. Die begabten und umfassend gebildeten Aktivisten von damals leisteten und leisten in Kammern, Forschungseinrichtungen, Hochschulen oder als Spitzenbeamten dem Staat gute Dienste. Der Journalismus schaut den Mächtigen auf die Finger, ob es denen passt oder nicht.

Bei den "Women's marches" nach der Inauguration von US-Präsident Donald Trump trat im Jänner 2017 geradezu symbolhaft die Bürgerrechtskämpferin Angela Davis auf, die seinerzeit als Dozentin an Herbert Marcuses Institut in San Diego gearbeitet hatte. Die rund um das Jahr 1968 bei Demonstrationen tausendfach skandierte Parole "Vietnam wird nie / Ami-Kolonie" hat sich bewahrheitet . Und die kommunistischen Regime Osteuropas, 1968 von großen Teilen der Linken hart kritisiert, sind untergegangen.

Die Welt ist ein Stück besser geworden.

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