In der Abseitsfalle: Frauen in der Technikbranche

In der Abseitsfalle: Frauen in der Technikbranche

Von Unternehmerseite selten gefördert, oft verunsichert und mit zu wenig echten Vorbildern versehen: Frauen spielen in der heimischen Technikbranche immer noch eine Nebenrolle - trotz des allgemein bekannten Fachkräftemangels.

Mir war schon mit zehn Jahren bewusst, dass ich einen Job möchte, der mit Technik zu tun hat. Das Interesse hat sich also bereits früh gezeigt. Ich habe mich auch in der Schule sehr für Mathematik interessiert, was ja bei Mädchen als nicht so selbstverständlich gilt." Die Pausenglocke hat auf dem Karriereweg von Heidelinde Rameder offenbar nicht geklingelt: Sie arbeitet heute als IT-Security-Spezialistin. Im Wiener Konferenzraum ihres Arbeitgebers SEC Consult, einem internationalen Sicherheits-Dienstleister, sitzt diese selbstbewusste junge Frau in Jeans, T-Shirt und mit Laptop, die präzise formuliert und sichtlich nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Bemerkungen aus der Klischee-Rubrik ist sie schließlich gewohnt. "Manchmal kommen von Kunden Fragen in die Richtung: , Wie sind Sie als Frau zu so einem Job gekommen?' oder ,Warum machen Sie gerade diesen Beruf?', erzählt die 33-Jährige, die als "gute" Whitehat-Hackerin die Kundensysteme auf Schwachstellen abklopft. Nachsatz der HTL-Absolventin: "Es scheint heute immer noch ziemlich ungewöhnlich zu sein, dass eine Frau in dieser Sparte tätig ist. Männer hören solche Sätze bestimmt selten."


Frauen verfügen über andere Fertigkeiten als Männer. Sie sind oft besser in der Lage, ihr Gegenüber bei Projekten abzuholen und als Teil der Lösung zu gewinnen

Rameders Statement kann als Indiz für einen Zustand gelten, der von Konzernlenkern oder Politikern gerne mit den sattsam bekannten "Alles halb so wild, alles wird bald gut"-Beschwichtigungsreden unter den Teppich gekehrt wird: Weibliche Fachkräfte spielen in der heimischen Technikbranche weiterhin einen Nebenpart. Aber Rameder ist nicht bloß eine Vorzeigefrau, denn die Verantwortlichen von SEC Consult wollten nicht mit alten Rollenmustern auf der Recruiting-Tribüne verharren. General Manager Markus Robin plant eine Steigerung des weiblichen Anteils seines Hacker-Teams, das aus über 50 Profis besteht, von derzeit fünf auf zehn Prozent. "Frauen verfügen über andere Fertigkeiten als Männer. Sie sind oft besser in der Lage, ihr Gegenüber bei Projekten abzuholen und als Teil der Lösung zu gewinnen. Dieses Kontextverständnis ist besonders wertvoll", unterstreicht der General Manager. Leicht möglich, dass nicht jede Spezialistin solch guten Absichten wie bei SEC Consult sofort Beifall spendet - schließlich gab es in der Vergangenheit schon genug freundliche Wortspenden. Die konkrete Situation am Arbeitsmarkt spricht nämlich schon lange eine andere Sprache, sodass das Verharren in der Abseitsfalle auch weiterhin kein Ablaufdatum zeigt. So förderten etwa die Marktforscher von Soma im Auftrag des Mineralölkonzerns OMV ernüchternde Zahlen ans Tageslicht: Schwache 15 Prozent beträgt der heimische Frauenanteil in technischen Berufen.

An einer baldigen Änderung dieser Lage zweifeln viele Experten, trotz wiederkehrender Statements seitens der Wirtschaft, dass es so keinesfalls weitergehen kann. Und auch den wenigen punktuellen Initiativen zum Trotz, die Mut machen könnten, wie das Bildungsprojekt "Leonardino", das bereits vor fast zehn Jahren - 2017 begeht diese Einrichtung ihr Jubiläum - vom Industrieunternehmen Festo, der Wirtschaftskammer Wien, Industriellenvereinigung Wien sowie des FH Technikum Wien initiiert wurde. "Leonardino" soll Volksschüler, primär Mädchen, spielerisch für Wissenschaft und Technik begeistern.


Ab dem Kindergarten gibt es kaum Rollenbilder für technische Berufe

Denn Gundi Wentner, Expertin der Managementberatung Deloitte Österreich, ortet den Beginn sämtlicher Probleme schon an der Basis: "Ab dem Kindergarten gibt es kaum Rollenbilder für technische Berufe. Mädchen wird von klein auf eingetrichtert, dass Buben in Mathematik ohnehin besser seien, damit wird ein Verständnis erzeugt und gefestigt, das später nur mehr schwer durchbrochen werden kann." Irene Marx, Country Managerin Österreich von Fortinet, einem Spezialisten für Netzwerksecurity, kann besagte Defizite nur bestätigen: "Meist mangelt es an Maßnahmen bereits im Kindesalter, damit Technik und Wissenschaft deutlich greifbarer werden. Die Entscheidung, eine solche Laufbahn einzuschlagen, bleibt damit eine Reise ins Ungewisse, klassische Berufsfelder erhalten letztlich den Vorzug. Das Männerimage dieser Industrie lässt ein falsches Berufsbild entstehen, weshalb viele Frauen ein unattraktives Arbeitsumfeld vermuten." Ihr eigener Aufstieg an die Spitze zeigt, dass es ebenso viel Zielstrebigkeit wie Konsequenz braucht: "Die Leiter zur Chefetage lässt sich nur mit sehr viel Ehrgeiz sowie Elan erklimmen. Offene Gespräche mit den Vorgesetzten über die Bereitschaft zu deutlich mehr Verantwortung sind genauso wichtig wie Weiterbildung. Es sollte aber auch keine Scheu vorhanden sein, neue Aufgaben zu übernehmen. Letztlich habe ich mit Begeisterung und Hartnäckigkeit dieses Ziel erreicht."

Andere können von solchen Höhenflügen nur träumen -teilweise aufgrund von mentalen Barrieren, wie die Analyse der Unternehmensberatung Bain & Company signalisiert. Demnach zeigen junge Frauen zu Beginn ihrer Laufbahn Ehrgeiz, später lässt der Elan nach. 43 Prozent der Einsteigerinnen wollen in das obere Management, fünf Jahre danach sind nur mehr 16 Prozent sicher, dort anzukommen. Hingegen starten 34 Prozent der Männer mit Selbstvertrauen und bleiben auf diesem Kurs. Die Untersuchung verweist auf den hohen Grad an Verunsicherung bei den weiblichen Fachkräften. Einen wesentlichen Teil des Aufstiegs-Ballasts verkörpert nämlich die subjektive Ansicht, nicht in das Klischeebild vom idealen Angestellten zu passen. Mangelnde Unterstützung der direkten Vorgesetzten macht sich ebenfalls negativ bemerkbar.


Frauen, die mit Ambition auf den Arbeitsmarkt gehen, benötigen die Technik als potenzielles Einsatzgebiet

Frust statt Förderung -ein Phänomen, das angesichts der Jobsituation Fragen aufwirft, denn in Österreich herrscht ein Engpass an technischem Personal. "Zukunftsfragen wie Sicherheit oder Mobilität erfordern aber genau dieses Know-how, und technisch gebildete Frauen bilden hier ein großes Potenzial", meint Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende des Halbleiterherstellers Infineon Technologies Austria. Das Gleiche gelte auch umgekehrt. "Frauen, die mit Ambition auf den Arbeitsmarkt gehen, benötigen die Technik als potenzielles Einsatzgebiet. Das ist ein Königsweg weg von den traditionellen Berufen mit ihren häufig begrenzten Chancen", so Herlitschka weiter. Allerdings benötigen weibliche Fachkräfte gewisse Nehmerqualitäten, wenn altbekannte Ressentiments den Arbeitsalltag erschweren.


Die oft ablehnende Haltung mir gegenüber habe ich eher als Ansporn genommen

Ulrike Haslauer ist Eigentümerin von compact electric, einem mittelständischen Wiener Elektrotechnik-Betrieb. Sie musste vor 25 Jahren in sehr jungem Alter, nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters, dessen Geschäfte übernehmen. "Als Newcomerin in der Technikbranche wird man mit den unterschiedlichen Reaktionen konfrontiert. Das reicht von Bewunderung bis zu Unverständnis. Aber auch Misstrauen gehört dazu - leider waren die Zweifler anfangs häufiger anzutreffen." Doch Rückzug war nie eine Option für Haslauer. "Die oft ablehnende Haltung mir gegenüber habe ich eher als Ansporn genommen. Es ist eben immer noch die Ausnahme, wenn eine Frau ein derartiges KMU leitet. Man muss seine Kompetenz wesentlich intensiver unter Beweis stellen. Das gilt für Betriebswirtschaft ebenso wie für detailliertes technisches Wissen. Sollte ein Mann irgendwo als Führungskraft antreten, hinterfragt kaum jemand seinen technischen Background." Betriebe, die Frauenpower nur aus TV-Serien kennen, verschenken daher auch viele Chancen. Eine Studie der Managementberatung EY zeigt, dass Firmen, die sich für Recruiting-Emanzipation engagieren, auf Vorteile hoffen dürfen. Sogenannte "High Performers", das sind Unternehmen mit einer Wachstumsrate von über 20 Prozent, zeigen gemäß EY deutlich stärkeren Einsatz von weiblichem Personal als "Moderate Performers" mit bis zu 20 Prozent Frauenanteil oder gar stagnierende "Low Performers", die Frauen primär als Putztruppe einsetzen.

Vielleicht sind solche Einblicke, selbst wenn sie übertrieben erscheinen, auch der Chefetage von Schneider Electric bekannt. Jener weltweite Spezialist für Energiemanagement und Automatisierung hat 2015 in Österreich seinen "Talent Club" eröffnet, wo Manager der Geschäftsleitung als Mentoren für High Potentials fungieren. Individuelle Beratung und Information von Top-Führungskräften betreffend Job und Business sollen mehr Wind in berufliche Segel bringen. "Mitarbeiter können auf diesem Weg ihre Karriere forcieren und durch ein erweitertes Netzwerk profitieren", erläutert Alexandra Hailzl, Personalchefin der österreichischen Dependance. Jenes Projekt weist aber auch eine Besonderheit auf: Die Mentorenpaare bilden immer ein gemischtes Doppel - sozusagen ein Basissignal in Richtung Chancengleichheit. Emanuela Parisse, Financial Controller bei Schneider Electric Austria, berichtet über positive Erfahrungen: "Ich habe von meinem Mentor Rat und Tipps erhalten, wie ich mit bestimmten Situationen umgehen und wie ich mich auf unterschiedliche Meetings vorbereiten kann. Kontakte zu Personen außerhalb der Abteilung sind auch entstanden. Solche Modelle bringen dich ebenfalls auf das Radar der Geschäftsleitung. Häufig benötigen Frauen diesen Effekt."

Sofern die Verantwortlichen nicht ohnehin pro-aktiv ihre Fühler ausstrecken. Die ÖBB-Infrastruktur AG richtet sich jedenfalls gemäß den Diversity-Vorgaben des Konzerns bei Stellenausschreibungen gezielt an Frauen. Ob die Bemühung Früchte trägt, liegt wohl im Auge des Betrachters: 8,38 Prozent beträgt der weibliche Anteil am Technik-Personal in diesem Betrieb aktuell. Tätig sind die Spezialistinnen unter anderem in Bereichen wie Bautechnik, Telematik, Energietechnik oder Maschinentechnik.

Die emanzipatorischen Aktivitäten des Unternehmens basieren dabei auf handfesten strategischen Überlegungen: "Wir setzen auf gemischte Belegschaften, da diese laut Studien eine bessere Performance zeigen als reine Männer-oder Frauenteams. Gleichzeitig gibt es immer mehr Frauen, die ein technisches Studium absolvieren. Auf diese gut ausgebildeten Fachkräfte möchten wir keinesfalls verzichten", betont Norbert Krausner, Leiter Personalentwicklung des Mobilitätsnetzbetreibers. Auch die Verbindungen mit diesem zukünftigen Personal-Potenzial werden von der ÖBB-Infrastruktur AG durch eine punktgenaue Maßnahme auf Schiene gebracht: Mit "infra:WOMENtoring", einem speziell für weibliche Masterstudierende konzipierten Stipendienprogramm, wird versucht, bereits im Laufe des Studiums eine Beziehung zu weiteren, möglichst vielversprechenden Technik-Mitarbeiterinnen aufzubauen.


Zielführend wären Role Models, welche Erfahrungen weitergeben und aufzeigen, dass Technik ein spannendes Feld darstellt

Solche Formen von konkreter Unterstützung, Mut zum Aufstieg sowie gesteigertes Selbstvertrauen gelten jedoch nicht als die einzigen Turbos für den Einstellungswandel in der Welt von Motoren, Chips und Co. "Zielführend wären Role Models, welche Erfahrungen weitergeben und aufzeigen, dass Technik ein spannendes Feld darstellt. Dafür müssen bereits existierende Initiativen, die Frauen und Mädchen für technische Berufe begeistern sollen, weiter ausgebaut werden", deponiert Managerin Irene Marx. Mit entsprechenden Impulsen seien erstaunliche Entwicklungen möglich.

Jidapa Unger kam vor vier Jahren aus Bangkok in die Steiermark. Die 35-Jährige arbeitete im Verkauf und begann in ihrer Freizeit, für Freundinnen und Bekannte Nagel-Design anzubieten. Die Hoffnung auf eine Anstellung in einem Grazer Studio erfüllte sich aber nicht.

Im Dezember 2014 kam die große Wende. Nicht zuletzt ihr technisches Interesse führte Unger in einen Betrieb, der mit verschönerten Händen nichts zu tun hat. Mides ist vielmehr ein heimischer Spezialist für Ultraschallsonden, für den die neue Arbeitskraft zuerst einfache technische Tätigkeiten erledigte. Aufgrund ständiger interner Schulung und Weiterbildung ist die Quereinsteigerin mittlerweile Spezialistin für Reparaturen von Ultraschallsonden.


In diesem Unternehmen macht es keinen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann im technischen Bereich tätig ist

Aus dem luftleeren strategischen Raum kommt dieser Karriereverlauf keineswegs. Der Frauenanteil bei Mides beträgt 43 Prozent - Tendenz steigend. Heuer wurde ein weiblicher Lehrling für Mechatronik-Medizintechnik aufgenommen, eine Absolventin der TU Graz ist im Bereich Biotechnologie als Projektmanagerin tätig. Unger: "In diesem Unternehmen macht es keinen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann im technischen Bereich tätig ist. Entscheidend ist, dass Fähigkeiten wie Teamgeist oder handwerkliches Geschick vorhanden sind."