Von Bienen, Minibars und Lebkuchenrezepten

Lebkuchen und Honig, produziert von den Schülerinnen und Schülern der Berufsschule Längenfeldgasse.

Lebkuchen und Honig, produziert von den Schülerinnen und Schülern der Berufsschule Längenfeldgasse.

Symbiose mit Zuckerguss: Ein Besuch in der Berufsschule Längenfeldgasse in Wien, in der nachhaltig fürs Leben gelernt wird.

Selten genug kommt es vor, dass Besuchern einer Schule nicht das unverwechselbare Bildungsanstalten-Aroma entgegenschlägt - abgestandene Luft, der Geruch von Schweiß und Jausenbroten, untermalt von leisen Gesprächen, Pausenläuten und quietschenden Schuhen. Betritt man die Berufsschule Längenfeldgasse im 12. Wiener Gemeindebezirk, bleiben derlei Begleiterscheinungen freilich aus. Womöglich liegt es daran, dass im Alltag dieser Lehranstalt wenig typisch Schulisches betrieben wird. Vielmehr handelt es sich bei der Berufsschule für Lebensmittel, Touristik und Zahntechnik um ein Haus, in dem die Anforderungen des Berufs- und Erwachsenenlebens ganz besonders alltagsnahe erprobt werden.


Die Touristik verkauft das, was die Lebensmittelabteilung herstellt, und die Zahntechnik repariert, was der Tourismus verkauft.

Die Berufsschule mit ihren rund 1000 Schülern im Kernalter von 15 bis 19 Jahren feiert heuer ihr 50-jähriges Bestehen. Im Lauf der Zeit hat sich da ein organisches, buchstäblich naturnahes System entwickelt, man arbeitet nach allen Regeln der Nachhaltigkeit, verwertet die zur Verfügung stehenden Ressourcen optimal und mit minimaler Energieverschwendung.

"Ich sage immer: Die Touristik verkauft das, was die Lebensmittelabteilung herstellt, und die Zahntechnik repariert, was der Tourismus verkauft“, scherzt Direktorin Marion Stradal. Es ist weit mehr als Spaß, was sie da beschreibt: Auf dem weitläufigen Schulareal lässt man tatsächlich nichts verkommen. Stehen bei den Kochschülern Schweinerippchen auf dem Lehrplan, bestellt die Fleischhauerklasse den rosa Allesfresser beim lokalen Anbieter und übt in der gleichen Woche, das "Tier aus der Decke zu schlagen“, wie man im Fachjargon das Auseinandernehmen des Tieres nennt.

Der Panettone schmeckt erst dann wirklich authentisch, wenn er während des Italienischunterrichts gebacken wird, sind die Koch- und Italienischklassen überzeugt. Und was die Bäckerklasse frühmorgens erzeugt, verkauft sie vormittags zum Herstellungspreis an ihre Kollegen in der schuleigenen Kantine. "So lernen sie auch gleich Verkaufsskills“, erklärt die Direktorin.

Minimundus für die Arbeitswelt

Es scheint nichts an dieser Schule zu geben, bei dem nicht noch gleichzeitig die eine oder andere Zusatzfertigkeit erlernt wird: Flambieren die Kochschüler Bananen, üben sie zusätzlich, die Stichflamme unter dem stressfördernden Einfluss öffentlicher Aufmerksamkeit unter Kontrolle zu halten: Einer feinen Abendgesellschaft gleich, sitzen ihre Kameraden an der langen Tafel und nicken anerkennend. Und das hauseigene Modell-Hotelzimmer zeigt den Touristikschülern nicht nur, an welchen vertrackten Stellen zu wischen ist - auch die englischen, französischen und italienischen Wörter für "Minibar“ prägen sich ungleich schneller und intensiver ein, wenn man die Kühlschranktür mehrmals auf- und zuklappen lassen kann.

Für jede Berufstätigkeit, so scheint es, bietet die Schule eine lebensechte Übungsversion - eine Art Minimundus für die Arbeitswelt. Stolz führt die Direktorin in das Schulcafé, in dem sämtliche Kaffeespezialitäten erlernt und serviert werden, in die Küche, in das Restaurant und in die Fleischerei, in der das Schinkensortiment originalgetreu angerichtet wird. Im "Schokoladeraum" dominieren beständige Kühle und Nirosta; nebenan lernen Konditorschüler alle ihre Zunft betreffenden Fähigkeiten - von Ausstechen von Mürbteigkeksen bis zur hohen Kunst des Zuckerfädenziehens.

Neue Symbiose

Seit April vorigen Jahres ist die Berufsschule Längenfeldgasse um eine Symbiose reicher. Damals wurden auf Anregung von Thomas Klepp zwei Bienenstöcke auf dem Dach der Schule angesiedelt. Klepp ist ein Konditorlehrer wie aus dem Bilderbuch, mit freundlichen Augen und authentischem Interesse an seinen Schülern. Ausschlaggebend für die Aufnahme der neuen Gäste waren zusätzlich zum privaten Interesse des Lehrers das besorgniserregende Bienensterben und der Wunsch, den Schülern den natürlichen Kreislauf des Lebens näherzubringen.

Nein, noch denken die Jugendlichen nicht, dass die Kuh lila ist, aber trotzdem: "Viele waren erstaunt, dass der Honig nach dem Schleudern fertig rauskommt und nicht erst verarbeitet werden muss", erzählt Klepp. Wann immer der Lehrer seinen Imker-Anzug überstreift und aufs Dach steigt, um Honig zu holen oder seine fliegenden Schützlinge von der berüchtigten Varroamilbe zu befreien, kleben seine Schüler an den Fensterscheiben und beobachten jeden Handgriff.


Am Ende verkosten und besprechen wir das recherchierte Produkt. Die Schülerinnen und Schüler lernen so, dass nicht alles, was aus dem Internet kommt, zwangsläufig gut ist.


Demnächst wird Klepp seine Tätigkeiten via Head-Set live ins Klassenzimmer kommentieren können. Gemeinsam mit der Uni Klagenfurt und der HTL Rosensteingasse wurde der Dachhonig analysiert - mit dem Ergebnis, dass es sich um Akazienhonig handelt, vermutlich aus dem Wienerwald. Diesen Akazienhonig - 90 Kilogramm erzeugten die beiden Stöcke im vorigen Jahr - müssen die Schüler nun mithilfe selbst recherchierter Lebkuchenrezepte verarbeiten. Und weil in der Längenfeldgasse, wie bereits erwähnt, keine Aufgabe nur für sich allein steht, gibt es auch in diesem Fall einen Doppeleffekt: "Am Ende verkosten und besprechen wir das recherchierte Produkt. Die Schülerinnen und Schüler lernen so, dass nicht alles, was aus dem Internet kommt, zwangsläufig gut ist", sagt Klepp mit einem Augenzwinkern.

Melanie Steiner, 18, und Lola Zaglmayer, 20, haben diese Lektion bereits hinter sich. Sie stecken in der Halbzeit ihrer Ausbildung und finden den Unterrichtsbeginn um 7.10 Uhr durchaus menschlich - zumindest im Vergleich zu den restlichen vier Wochentagen, an denen sie ihrem Beruf nachgehen. Melanie werkt beim Gastronomie- und Cateringanbieter Eurest, Lola im Kuratorium der Wiener Pensionisten-Wohnhäuser: "Die alten Leute bekommen fast immer Kuchen. Frühstückskuchen. Nachmittagskuchen. Abendkuchen. Na ja, vermutlich ist es schon egal“, erzählt das Mädchen mit rührender Aufrichtigkeit.

Dass die Schüler neben ihrem Schulbesuch beinahe Vollzeit arbeiten, erscheint unwirklich. Denn glaubt man dem Angebot der Schule, jetten sie wie nebenbei auch noch zum Schüleraustausch nach Helsinki oder Mailand, besuchen den freiwilligen Marzipanmodellierkurs oder lernen beim Getreideanbau im Garten hands-on, woher eigentlich der Rohstoff kommt, aus dem Semmeln gemacht werden. Einzig die Tierpfleger-Klasse muss in diesem Paradies der Kompetenzorientierung bei der Praxisanwendung noch ein wenig zurückstecken. "Weil wir nun mal keinen Elefanten im Innenhof halten können", sagt Direktorin Stradal trocken.

Aber immerhin gibt es ja Bienen.

Gewusst, wie!

Kompetenzorientierte Lehrpläne stellen nicht nur das Was, sondern auch das Wie ins Zentrum.

"Die Schulen entfernen sich von sogenannten Lexikon-Fragen, in denen zehn Hauptstädte aufgezählt werden, sondern vermitteln die Anwendung des Wissens gleich dazu", sagt Renate Belschan-Casagrande, Arbeiterkammer-Bildungsexpertin für berufsbildende Schulen. Im Vorjahr fand in Österreich die erste kompetenzorientierte Zentralmatura statt; im Bereich der berufsbildenden Schulen wurden bisher mehr als 200 Lehrpläne geändert.

Im internationalen Umfeld sorgte zuletzt die Schweiz für Aufsehen, als der Kanton-übergreifende, kompetenzorientierte "Lehrplan 21" in Kraft trat. Und das Bildungsvorzeigeland Finnland will sich bei der Konzentration auf das angewandte Wissen demnächst nicht einmal mehr von Schulfächern einengen lassen.

Trotzdem stößt die Allheil-Versprechung der Kompetenzorientierung nicht überall auf Unterstützung: Der Schweizer "Lehrplan 21" musste aufgrund heftiger Kritik mehrmals überarbeitet werden, hierzulande wettern Kritiker wie der Bildungsphilosoph Konrad Paul Liessmann gegen die neue Ausrichtung im Lehrplan: Im Geiste der humanistischen Allgemeinbildung solle Wissen auch rein um des Wissens willen geschätzt werden – nicht nur aufgrund seiner unmittelbaren Anwendungsmöglichkeiten. Wie die Kompetenzorientierung bei abstrakter Philosophie oder höherer Mathematik funktionieren kann, bleibt dem Laien ohnehin ein Rätsel.