Lern-Blockade: Innovativ lernen in Österreich

"Cooperatives offenes Lernen" an der HAK Steyr.

"Cooperatives offenes Lernen" an der HAK Steyr.

Geheimcodes, Lernwerkstatt, coole Schule: Innovative Bildungsprojekte, die Impulse für Reformen liefern, sind auch in Österreich vorhanden – doch nur als rare Spezies.

Spannung und Staunen sollten garantiert sein. Denn das Skytale der Spartaner oder die Cäsar-Scheibe sind keine Erfindungen aus einem hippen Hollywood-Mystery-Thriller, sondern die ersten bekannten Verschlüsselungsmethoden der Geschichte. In Berührung mit den Geheimcodes gelangt jene Zielgruppe, die man überwiegend bei Rolf-Rüdiger oder Tom Turbo vermuten würde: Volksschüler.

Als Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart fungiert dabei Know-how über digitale Stoppschilder. Die Kids lernen unter anderem, wie wichtig es heutzutage ist, raffinierte Passwörter zu bilden, um beispielsweise E-Mail-Accounts effizient zu schützen. Schauplatz der ersten zarten Gehversuche in Richtung elektronischer Alltag ist die „Wiener Zauberschule der Informatik“, ein Projekt der Österreichischen Computer Gesellschaft, gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien.

Bis Jahresende werden rund 1000 Kinder mehr als 40 Workshops in Schulen der Hauptstadt absolviert haben. Dann verstehen einige Angehörige jener Generation, die völlig selbstverständlich mit Google Maps oder E-Banking aufwächst, ein wenig besser, wie die geheimnisvolle Computerwelt funktioniert – initiiert durch Aufgaben wie den Blick hinter Geheimcodes, die mit Rechnen, Zeichnen oder Basteln kombinierbar und ohne Einsatz von Rechnern spielerisch zu bewältigen sind.


In Österreich finden sich wegweisende Projekte in Form einzelner Initiativen. Was jedoch gänzlich fehlt, sind große Innovationen und grundlegende Systemänderungen.

Doch solche Perspektiven ändern wenig daran, dass Projekte am Puls der Moderne und abseits des Wissens-Mainstreams in Österreich als Mangelware gelten – trotz der Diskussionen um echte Verbesserungen wie eine gemeinsame Schule für 10- bis 14-Jährige als Schlussakkord für eine soziale Vorauslese. Und trotz Mahnungen von Profis, wenn Tests auf die latente Schieflage der – im Vergleich zu anderen Staaten – kostspieligen Austro-Strukturen hinweisen.

„Österreich sollte sich an den Schulsystemen jener Länder orientieren, die bei internationalen Vergleichstests zu den Besten zählen. So wie Finnland mit seiner gemeinsamen Schule bis 16 Jahre. Dort gelingt es besser, Nachteile der Kinder auszugleichen, die durch den Familienhintergrund entstehen“, erläutert Kurt Kremzar, Bildungsexperte der Arbeiterkammer Wien, der ein weiteres Beispiel nennt: „In Polen wurde ein neuer Typus der gemeinsamen Schule eingeführt, der Kompetenzen fördert und nicht das reine Auswendiglernen von Fakten. Damit ist dieses Land sehr rasch vom Mittelfeld in die obere Liga aufgestiegen.“ Was hierzulande noch Wunschprogramm darstellt.

Es tauchen zwar vereinzelt Silberstreifen am Horizont auf, doch diese werden oft schnell wieder verdeckt. „In Österreich finden sich wegweisende Projekte in Form einzelner Initiativen. Was jedoch gänzlich fehlt, sind große Innovationen und grundlegende Systemänderungen“, weiß Gundi Wentner geschäftsführende Partnerin im Beratungsunternehmen Deloitte Österreich.


Innovation in der Schule bedeutet, dass kein Einheitslehrplan über alle gestülpt wird.

Für geniale Ideen wird aber eine klare Richtungsänderung kaum vermeidbar sein. Bildungsexperte Andreas Salcher: „Innovation in der Schule bedeutet, dass kein Einheitslehrplan über alle gestülpt wird. Sondern dass für jeden ein individueller Lehrpfad möglich ist.“ In eine ähnliche Richtung argumentiert Michael Schratz, Dekan an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck: „Integrative Schulentwicklung ist ein Schlüssel zur Next Practice. Dafür ist aber eine Einstellungsänderung erforderlich: Weg von der Defizitorientierung, was Kinder und Jugendliche nicht können, hin zum Ansetzen bei ihren individuellen Stärken.“

Zumindest in kleinen Biotopen finden solche Botschaften Gehör, das demonstriert die "Integrative Lernwerkstatt Brigittenau“. An dieser Pflichtschule im 20. Wiener Bezirk mit 370 Schülern von der ersten bis zur achten Stufe, davon fast 100 mit sehr hohem pädagogischem Förderbedarf, arbeitet Sonderschulpersonal ebenso wie Gymnasiallehrer oder Freizeitpädagogen. Kinder und Jugendliche sitzen in Kleingruppen gemischt an Tischen und lösen verschiedene Aufgaben - und zwar ganz ohne obligatorisches Pausenklingeln nach 50 Minuten, denn das Pauken erfolgt in Lernblöcken.

Integrative Lernwerkstatt Brigittenau

Integrative Lernwerkstatt Brigittenau

Dabei kann jeder Zögling gemäß seinem Fähigkeitsprofil die im Lehrplan festgehaltenen Kompetenzen in seinem Tempo ansteuern. Schüler sollen einander auch gegenseitig helfen, um ihre sozialen Ressourcen und Selbstvertrauen zu stärken. "Ein echtes Highlight ist es, wenn zum Beispiel ein Bursche, der durch sein Verhalten aus mehreren Schulen geworfen wurde, seit zwei Jahren bei uns erfolgreich die Lehre für ein ausgefallenes Handwerk absolviert“, begeistert sich Lernwerkstatt-Direktor Josef Reichmayr.


Lehrer sollten sich auch untereinander austauschen, welche Methoden im Unterricht funktionieren und welche man besser bleiben lässt.

Sollten solche Triumphe auch Einzelfälle sein, so zeigt sich dennoch, dass eine Abweichung von starren Dogmen fruchtbaren Boden bereiten kann. Für Dünger müssen in hohem Maße die Know-how-Vermittler sorgen. "Wirksame Schulsysteme legen hohen Wert auf die Entscheidungskriterien zum Lehrberuf. Lehrer sollten sich auch untereinander austauschen, welche Methoden im Unterricht funktionieren und welche man besser bleiben lässt“, fordert Emanuel Schamp, Partner im Wiener Büro der Managementberatung McKinsey & Company.

Dann könnte etwas entstehen, was andere "COOL“ finden. "Cooperatives Offenes Lernen“ steht für ein 1996 an der Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule Steyr von Lehrern angesichts steigender Heterogenität in den Klassen entwickeltes Konzept, orientiert an dem von US-Reformpädagogin Helen Parkhurst kreierten "Daltonplan“. Dieser basiert auf mehr Freiraum für Schüler sowie gleiche Chancen für aufgeweckte und weniger aufgeweckte Kids.

In Österreich verfolgen etwa 150 berufsbildende Schulen diese ehrgeizigen Ziele: Förderung von Teamfähigkeit, Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Planungskompetenz. In der Praxis bedeutet das unter anderem Arbeit in Klassenlehrerteams mit regelmäßigen Teambesprechungen, schriftliche Arbeitsaufträge für die Schüler oder offene Lernphasen im Stundenplan, die eine entsprechende Wahlfreiheit für Schüler garantieren.


Die immer wieder verlangten Schlüsselqualifikationen der Arbeitswelt wie mehr Kooperationsfähigkeit, mehr Individualität oder mehr Eigenständigkeit werden hier vorweggenommen.

"Es ist eine der wenigen reformpädagogisch orientierten Initiativen im Regelschulsystem, die von Lehrpersonen initiiert und vom Ministerium wahrgenommen wurde, selbst wenn die Unterstützung oft halbherzig ausfällt“, erläutert Helga Wittwer, die "COOL“ zusammen mit HAK-Kollegen Georg Neuhauser ins Leben gerufen hat. "Die immer wieder verlangten Schlüsselqualifikationen der Arbeitswelt wie mehr Kooperationsfähigkeit, mehr Individualität oder mehr Eigenständigkeit werden hier vorweggenommen.“

Eine weitere Qualifikation wird bei der Jobsuche künftig breiten Raum einnehmen: Die Beherrschung des digitalen Universums. "Digitale Recherchemöglichkeiten und mediale Dokumentation von Lernfortschritten mit Videos oder Bildern können die Forschungsneugierde und Gestaltungsfreude von Schülern wecken und die Zusammenarbeit an gemeinsamen Lernzielen fördern“, betont AK-Experte Kremzar.

Mit dem Einsatz ensprechender Tools können selbst Institutionen ihre Effizienz steigern. So warfen an einer Universität im US-Bundesstaat Tennessee auffällig viele Studenten das Handtuch, weil ihnen der Blick dafür fehlte, ob ihr Studium auch langfristig für sie passend war.

Abhilfe schaffte der Einsatz von smarter Technologie. Informationen über den bisherigen Bildungsweg der potenziellen Akademiker wurden mit einer möglichst hohen Zahl von persönlichen Daten aus ihrer Vergangenheit vernetzt. Der Computer avancierte zum Karriere-Berater und lieferte auf Basis des Materials Hinweise für richtige Studium. Die Bildung von Nervenzusammenbrüchen wurde auf diese Weise in den Griff bekommen.

Tablet-Klassenzimmer

efit21 soll digitalen Technologien mehr Kraft im heimischen Bildungswesen verschaffen.

Es müssen nicht immer die Party-Fotos auf Facebook sein. Der digitale Trend breitet sich auch auf die Welt des Lernens aus, wenn auch bisher in homöopathischer Dosis. Die Strategie „efit21“ des Bundesministeriums für Bildung und Frauen soll nun dafür sorgen, dass Technologie verstärkt zum Werkzeug im heimischen Lehrbetrieb avanciert. So soll die Qualität des Lernens ebenso auf eine höhere Stufe gelangen wie die Techno-Kompetenz von Söhnen und Töchtern. Das Vermitteln berufsbezogener Digital-Fertigkeiten, die für den modernen Arbeitsmarkt wertvoll sind, zählt gleichfalls zur Stoßrichtung dieses Projektes.

Zu diesem zählt jetzt auch der Sektor „Mobile Learning“, bei dem das Bundesministerium für Bildung und Frauen sowie das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie den Einsatz von Tablets forcieren. Für 94 Schulen in 31 regionalen Clustern, die aus Einreichungen ausgewählt wurden, sollen heuer und nächstes Jahr rund 2000 Geräte bereit stehen. Doch die allfällige Freude am Rechner im Take-away-Format hält nicht ewig: Die milde Lern-Gabe muss Ende Juni 2016 wieder zurück an den Absender gehen. Bis dahin könnte um die generöse Menge von bis zu 20 Klein-PCs pro Schule ein heftiger Klassen-Kampf entstehen.