Durch Mentoring auf die Elite-Uni

Durch Mentoring auf die Elite-Uni

Wer sich an einer Elite-Uni wie Oxford, Cambridge oder Harvard bewerben möchte, sollte bei bereits aufgenommenen Studenten wie dem Salzburger Peter Wimmer nachfragen. Ein neues Mentoring-Programm lotst Kommilitonen durch den hochselektiven Aufnahmeprozess.

Hier die Frage Nummer drei aus einem schriftlichen Aufnahmetest an die britische Oxford-University. Sie lautet, im Original natürlich auf Englisch: "Jedes Jahr kommt es in Großbritannien zu fast 25.000 Autobränden, aber Schätzungen zufolge sind nur fünf Prozent der Fahrer mit einem Feuerlöscher in ihrem Auto unterwegs. Könnte man mehr von ihnen dazu bewegen, ihr Fahrzeug mit einem Feuerlöscher auszustatten, könnte die Zahl der Auto-Brände erheblich reduziert werden. Welche der folgenden Aussagen beschreibt die Schwäche dieses Arguments am besten?*

a) Es ignoriert die Tatsache, dass Millionen von Fahrern nie einen Auto-Brand erleben.
b) Es geht von der Annahme aus, dass durch einen Feuerlöscher im Auto ein Feuer auch tatsächlich gelöscht wird.
c) Es impliziert, dass das Auftreten von Autobränden mit dem Mangel eines Feuerlöschers zusammenhängt.
d) Es übersieht die Möglichkeit, dass Brände auch mit einem Feuerlöscher nicht ausgemacht werden könnten.
e) Es ignoriert den Umstand, dass es unterschiedliche Feuerlöscher für verschiedene Arten von Bränden gibt.

Wenn Ihnen diese (vergleichsweise leichte) Frage Kopfzerbrechen bereitet oder Sie für ihre Lösung zu lange brauchen, sollten Sie auf eine Bewerbung an dieser Elite-Uni vielleicht verzichten. Ein Standard-Fragebogen umfasst dort 50 solcher Aufgaben, für deren Antworten nur 90 Minuten Zeit ist. Diese Multiple-Choice-Tests sind die wahrscheinlich brutalste Hürde, um an Universitäten wie Oxford, Cambridge, Stanford, Harvard, Berkeley oder anderen Spitzen-Hochschulen akzeptiert zu werden. Im Schnitt werden dabei etwa 75 Prozent der Bewerber ausgesiebt. Aber sie sind bei Weitem nicht die einzige Hürde. Überall lauern potenzielle Fallstricke: von einem schlecht formulierten Bewerbungsschreiben bis zu mangelhafter Vorbereitung auf das finale Interview -so man es bis dahin schafft.


Die Fähigkeit zu lernen ist gleich verteilt. Der Zugang zu akademischen Top-Institutionen aber nicht

"Dabei nehmen viele dieser Eliteuniversitäten internationale Studenten mit offenen Armen auf", sagt der gebürtige Salzburger Peter Wimmer, 21, der am Christ Church Collage in Oxford Ökonomie im zweiten Jahr studiert. "Leider wissen das zu wenige Maturanten, und viele lassen sich auch von den vermeintlichen Schwierigkeiten abschrecken." Deswegen hat sich Wimmer einer Initiative von Studenten angeschlossen, die potenzielle Kommilitonen im Bewerbungsprozess an der Hand nimmt und ihnen hilft, ebenfalls an den besten Universitäten der Welt studieren zu können. Und zwar völlig gratis und mit beachtlichem Engagement. Das Motto dieses "Project Access": "Die Fähigkeit zu lernen ist gleich verteilt. Der Zugang zu akademischen Top-Institutionen aber nicht." Schluss damit.

Peter Wimmer, Oxford-Student und Mentor.

Die Idee des im Februar 2015 vom dänischen Oxford-Studenten Rune Kvist, 24, gestarteten Project Access ist denkbar einfach: Erfolgreich akzeptierte Studenten sammeln ihre Erfahrungen in einer Datenbank, tauschen sich regelmäßig aus und geben all die so zusammengetragenen Tipps und Tricks für die beste Bewerbung als "Mentoren" an Uni-Bewerber, den "Mentees", in ihrem jeweiligen Heimatland weiter. Inzwischen hat Project Access über 1000 Mentoren, darunter 40 österreichische Studenten an Elite-Unis in den USA und Großbritannien, die derzeit etwa 500 Mentees aus 17 Ländern betreuen. Wimmer, der bereits 20 Anwärter aus Österreich beraten hat, ist beispielsweise gerade dabei, eine Info-Tour durch ein Dutzend Matura-Klassen in Wiener und Kärntner Gymnasien im Dezember sowie eine Reihe von Webinars vorzubereiten.


Natürlich schwankt die Aufnahmequote von Kurs zu Kurs sehr, aber im Schnitt liegt sie an diesen Hochschulen bei etwa zehn Prozent

Was er ihnen dabei erzählen wird, könnte ihre zukünftige Karriere mit entscheiden. Derzeit studieren etwa 65 Österreicher in Oxford und Cambridge, den berühmten britischen "Oxbridge"-Unis, und ungefähr gleich viele an der US-Ivy-League-Universität Harvard. "Natürlich schwankt die Aufnahmequote von Kurs zu Kurs sehr, aber im Schnitt liegt sie an diesen Hochschulen bei etwa zehn Prozent", sagt Wimmer, in dessen Jahrgang von über 1000 Bewerbern aus aller Welt letztlich bloß 85 akzeptiert wurden. "Mit der Hilfe von Project Access wollen wir diese Quote deutlich nach oben schrauben." Abgesehen von einer Matura mit Auszeichnung -zwar kein Muss, aber eine sehr hilfreiche Voraussetzung - sind dabei einige wesentliche Hürden zu nehmen.


Matura-Englisch reicht meist nicht aus

Die erste liegt in einer gründlichen Vorbereitung. Neben Zeugnissen und Lebenslauf sollten sich in den Bewerbungsdokumenten auch Referenzen von Lehrern und vor allem der Nachweis ausreichender Englischkenntnisse befinden. "Matura-Englisch reicht meist nicht aus", sagt Wimmer. Anerkannt sind erfolgreich abgeschlossene TOEFL-oder IELTS-Tests, die vom Wifi oder den British Councils angeboten werden. Noch wichtiger ist indes das sogenannte "Personal Statement".

Diese Art Motivationsschreiben - in Englisch verfasst -sollte nicht länger als 4000 Zeichen oder 650 Wörter sein und schreckt bereits viele Möchtegern-"Oxbridger" ab. "Damit haben die meisten Probleme", sagt Wimmer. "Sie wissen nicht, was sie reinschreiben oder wie sie dessen Struktur anlegen sollen." Die Project-Access-Mentoren nehmen sich für Beratung und Lektorat oft mehrere Stunden pro Mentee Zeit, nicht selten werden Entwürfe zum Redigieren hin und her geschickt oder im Zuge von persönlichen Skype-Sessions Wort für Wort feingeschliffen.

Ist das vollbracht, werden die Bewerber bei den meisten Studienrichtungen zu den viel gefürchteten Multiple-Choice-Prüfungen eingeladen. Das ist zwar nicht mehr als ein ausführlicher IQ-Test, der die Fähigkeit zu selbstständigem Denken abklopfen soll, aber der Zeitdruck ist enorm, und viele werfen allein wegen des Stresses die Nerven weg. Auch diese Angst versucht Project Access zu nehmen.

Jenen rund 25 Prozent, die diese Hürde genommen haben, steht dann noch das alles entscheidende Interview mit einem Vertreter des Lehrstabes bevor. In dieser letzten Phase bleiben im groben Schnitt noch einmal etwa drei Viertel der Elite-Unibewerber, die es bis dorthin geschafft haben, auf der Strecke. Tatsächlich ist das Interview einigermaßen tricky. "Fachwissen steht dabei überhaupt nicht im Vordergrund", fasst Wimmer die Erfahrungen der Project-Access-Mentoren zusammen. "Die Tutoren versuchen vielmehr herauszufinden, wie klar, stringent und rasch die Denkprozesse der Bewerber ablaufen. Meist musst man eine These aufstellen und diese dann gegen deren Widerspruch verteidigen. Inhaltlich vorbereiten kann man sich darauf nicht wirklich. Wichtig sind die Fähigkeit zur Analyse, das Problem von allen Seiten zu beleuchten und out of the box zu denken."

All diese kostenlosen Leistungen von Project Access sind Gold wert. Denn rund um den begehrten Zugang zu Elite-Universitäten in den USA und Großbritannien hat sich eine regelrechte Nachhilfe-Industrie etabliert. Allein das Basispaket einer "Oxbridge Application" - ein vierstündiger Lehrgang mit simulierten Aufnahme-Interviews -kostet mindestens 700 Euro. "Und viele sind bereit, noch weitaus mehr zu zahlen", so Wimmer, "weil sie glauben, so bessere Chancen zu haben." Dennoch denkt Project Access nicht daran, ebenfalls Service-Fees zu verlangen. Vielmehr soll dieses freiwillige Mentoren-Programm noch deutlich ausgeweitet werden.

Rune Kvist, "Project Access"-Gründer

"Auf der einen Seite wollen wir unsere Plattform auf jedes Land dieses Planeten hochskalieren", sagt Gründer Kvist. "Wo jemand geboren ist, soll keinen Einfluss darauf haben, ob er in den Genuss einer Weltklasse-Ausbildung kommt oder nicht." Andererseits soll nun auch versucht werden, durch Drittmittel Bewerbern aus einkommensschwachen Schichten den Zugang zu Elite-Unis zu erleichtern. Zwar werden von all diesen Institutionen jede Menge Stipendien angeboten, aber die Barriere der Studienkosten ist nach wie vor hoch. Wimmer etwa kostet seine Oxford-Ausbildung Studiengebühren von rund 10.000 Euro pro Jahr, an amerikanischen Top-Hochschulen liegen die Gebühren zwischen 60.000 und 80.000 Dollar jährlich. Exklusive Lebenserhaltungskosten, die von Stadt zu Stadt schwanken. Wimmer rangiert dabei mit jährlichen Aufwendungen von etwa 15.000 Euro dank der günstigen Miete im Christ Church Collage -rund 600 Euro pro Monat -am unteren Rand des Spektrums.

Aber weil sich das natürlich zu einer beachtlichen finanziellen Belastung für seine Eltern summiert, studiert er im Eiltempo. Das erste Jahr hat der Pongauer mit Auszeichnung absolviert, abseits vom Pauken bleibt gerade mal Zeit für den College- Sport Rugby, im "Bridge", dem angesagtesten Studenten-Treff in Oxford, sieht man ihn nur selten. Dafür aber, wie er immer öfter im typischen Studenten-Umhang mit einer rosa Rose im Revers über den Campus von Prüfung zu Prüfung eilt. Das ist eine der vielen seltsamen Oxford-Traditionen. Früher trug man bei Prüfungen eine weiße Rose. Irgendwann ist die einem Studenten in ein Fass mit roter Tinte gefallen und hat dabei sich langsam verfärbt. Seither steckt sich jeder Oxford-Student bei der ersten Prüfung eine weiße Rose an, bei allen weiteren eine rosa Rose, und bei der Abschlussprüfung eine knallrote Rose. Noch so eine Sache, die man bei Project Access lernen kann.


*Die Auflösung wurde bei der Testvorlage nicht verraten. Redakteur Heinz Wallner vermutet die richtige Antwort in c.).