Nachhaltig-Leid: Grüne Start-ups auf Investorensuche

Mit add-e lassen sich Fahrräder zu E-Bikes aufrüsten.

Mit add-e lassen sich Fahrräder zu E-Bikes aufrüsten.

Start-ups, die etwas für den Klimaschutz tun, werden zwar oft und gerne gelobt, doch der Kampf um Finanzierungen und Anerkennung wird deshalb nicht leichter.

"Es geht mir nicht ums Geld, ich will Werte schaffen: Wer nachhaltig arbeitet und wirtschaftet, soll Aufmerksamkeit bekommen." Was Andreas Miedaner da sagt, klingt verdächtig nach einstudierter Politphrase. Und weil der Gründer und Geschäftsführer der Wiener Design-Agentur Büro X ja hauptberuflich mit Corporate Design und Werbung zu tun hat, könnte man solche Sätze als Verkaufsschmäh abtun.

Doch Miedaner muss sich nicht verstellen, wenn er von seinem Start-up Treeday spricht - da mutiert er zum Öko-Fundi. Seine Geschäftsidee: Vor wenigen Monaten ging er mit der von ihm gegründeten Plattform für klimafreundliches Verhalten online, auf der gute Taten aufgezeichnet und verglichen werden; zugleich soll Treeday als Suchmaschine für Anbieter in diesem Bereich und als Social-Media-Portal für Grüngesinnte dienen. Anders gesagt: Eine Mischung aus Google, Google Maps, Facebook und Runtastic für all jene, die sich unter dem Begriff Klimaschutz mehr vorstellen können als nur die Start-Stop-Automatik beim SUV. Dieser Tage beginnt Miedaner mit einer gezielten Vermarktung der Plattform, für deren technische Ausweitung - etwa eine eigene App - nun Investoren gesucht werden.


Es geht mir nicht ums Geld, ich will Werte schaffen

Start-ups im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit müssten theoretisch jede Unterstützung bekommen, die sie benötigen: Sie tun nicht nur etwas für die Umwelt und gegen den Klimawandel, sie sorgen auch für Wachstum in einem Sektor, der schon seit Jahren als Zukunftsmarkt für Österreich angepriesen wird. Gerne wird mit Schlagworten wie Green Jobs, Green Investment und Umweltoffensive hantiert, die dann mit Fantasiezahlen zu Arbeitsplätzen und erhofften Umsatzsteigerungen unterlegt werden. Aus dem Konjunktiv wird aber nur selten der Indikativ, denn in der Realität endet der Klimaschutz dort, wo politische Interessen akut gefährdet sind - sichtbar etwa bei der Zurückhaltung der österreichischen Politik beim Umstieg auf Erneuerbare Energie.

Thermische Gebäudesanierung und Fußgängerzonen sind oft der Weisheit letzter Schluss, wenn es um Maßnahmen gegen den Klimawandel geht. So ist das Leben für grün denkende Start-ups nur auf den ersten Blick einfacher als für andere. Zwar gibt es für Jungunternehmen aus diesem Sektor einige Wettbewerbe mit bescheidenen Preisgeldern und ebensolcher Öffentlichkeitswirkung; zudem winken technisch herausragenden Projekten Förderungen. Doch das Klimaschutz-Engagement bedeutet nicht automatisch bessere Chancen bei Finanzierung und Vermarktung. Dabei mangelt es nicht an Beispielen für interessante Jungunternehmen in Österreich:

* die Wiener Gleam Technologies GmbH etwa entwickelte eine umweltfreundliche Fahrzeugflotte für den innerstädtischen Güterverkehr.
* In Linz hat vorigen Herbst ein verpackungsfreier Supermarkt eröffnet: Die Geschäftsidee von holis market umfasst auch einen Lieferservice und Rezeptboxen.
* Das Salzburger Jungunternehmen Polycular arbeitet an einem Spiel, bei dem die namensgebende Spielfigur EcoGotchi zu einem umweltfreundlichen Verhalten verleiten soll.
* Das Wiener Start-up Vienna Water Monitoring, das aus einem Forschungsprojekt an der Technischen Universität entstand, hat einen Test entwickelt, mit dem sich gefährliche Bakterien im Trinkwasser binnen einer Viertelstunde erkennen lassen.
Von einer Gründerwelle im grünen Bereich zu sprechen, wäre indes voreilig: Die Szene ist überschaubar, selbst wenn es einige wenige schaffen, Aufmerksamkeit zu generieren.

Zum Beispiel das Kärntner Start-up add-e, das es in die Endphase eines Wettbewerbs geschafft hat, bei dem Jungunternehmen aus dem Bereich der E-Mobilität prämiert werden. Die Geschäftsidee hinter add-e: Aus einem herkömmlichen Fahrrad soll mithilfe eines Nachrüstsatzes ein E-Bike werden, also ein Rad mit elektronischem Antrieb. E-Bikes sind derzeit der große Fahrradtrend, alle wichtigen Hersteller bringen entsprechende Modelle heraus. Doch was können Radler machen, die nur hin und wieder einen solchen Antrieb benötigen, sonst aber auf ihre Muskelkraft vertrauen? Mit einem sogenannten Reibrollenantrieb von add-e kann man sein Rad in ein Elektrorad umwandeln - damit wird die Kraft aus dem Zusatzantrieb direkt auf das Hinterrad übertragen, die Energie dafür steckt in einem Lithium-Akku. Derzeit stehen zwei Varianten zur Verfügung: 250 Watt und 600 Watt, die Preise liegen zwischen 770 und 940 Euro.


Schließlich geht es bei grünen Start-ups wie bei allen anderen Gründerprojekten anfänglich einmal nur ums Geld

Das E-Bike wird in vielen Städten als Möglichkeit gesehen, den Radverkehr anzukurbeln - und laut add-e-Gründer Fabian Gutbrod ist die Zielgruppe weitaus größer, als er gedacht hätte: "Zum Beispiel sind auch viele ältere Leute unter den Interessenten." Eine Crowdfunding-Kampagne im Vorjahr erreichte in kurzer Zeit das Doppelte der angepeilten 100.000 Euro. Nun ist Gutbrod damit beschäftigt, die Serienproduktion anzuwerfen - und gleichzeitig "die Qualität im Auge zu behalten“. Produziert wird in Österreich, zudem soll ein flächendeckendes Händlernetz aufgebaut werden. Trotzdem ist bei der Finanzierung auch weiterhin Kreativität gefragt. Das passiert grünen Start-ups oft: Die Resonanz bei den Konsumenten ist größer als das Interesse von Banken.

Durchhaltevermögen ist daher die wichtigste Eigenschaft, die grüne Gründer benötigen. Das hat Andreas Miedaner auch schon in der Vergangenheit bei seiner Suche nach Investoren erfahren: "Schließlich geht es bei grünen Start-ups wie bei allen anderen Gründerprojekten anfänglich einmal nur ums Geld." In Unternehmen werde erst dann investiert, wenn die Rendite stimme - diese Denkweise unterstütze jedoch ein System, dessen Auswüchse wir heute zu spüren bekämen, meint Miedaner. Es stecke also eine kräftige Portion Begeisterung dahinter, wenn sich Gründer ausgerechnet auf diese zumeist stark erklärungsbedürftige Sparte konzentrieren.


Bei dem damals vorhandenen Angebot musste man auf all das verzichten, was Spaß machte

Die Erinnerung an ein Kindheitserlebnis gab Miedaner die Initialzündung zur Geschäftsidee: Als Bub zog er gemeinsam mit Freunden durch den Wald, um diesen von weggeworfenen Plastiksackerln, Aludosen oder Flaschen zu befreien. Das von Abenteuergeist durchzogene Müll-Patrouillieren habe in ihm das Gefühl geschaffen, als Gemeinschaft etwas für die Umwelt tun zu können. So begann er vor mehr als fünf Jahren, seine Ideen von einer Nachhaltigkeits-Plattform für Konsumenten in die Tat umzusetzen. Die üblichen Footprint-Rechner, mit denen die Auswirkungen des eigenen Handelns auf das Klima dargestellt werden sollen, hätten ihn frustriert. "Bei dem damals vorhandenen Angebot musste man auf all das verzichten, was Spaß machte."

Sein Gegenentwurf erstellt eine positive Visualisierung erzielter Effekte - sozusagen ein kollektives Daten-Feedback. "Wenn die Leute sehen, dass sie etwas verändern können", ist Miedaner überzeugt, "glauben sie an solche Projekte und engagieren sich gern." Denn Begriffe wie CO2 seien viel zu abstrakt, um eine dauerhafte Verhaltensänderung zu bewirken. Mithilfe von Treeday hingegen könne man auf spielerische Weise zum Öko-Apostel werden: Für jede grüne Tat bekommt man Pluspunkte in Form eines Treeds, also eines Zweigwerks. Wer etwa zu Fuß zur Arbeit unterwegs war statt mit dem Auto, wer brav Bio-Lebensmittel gekauft und seine vegane Mittagsmahlzeit aufgegessen hat, bekommt solche Treeds gutgeschrieben - diese sollen jener Menge CO2 entsprechen, die ein Baum täglich speichert. Miedaner will ein soziales Netzwerk schaffen, mit dem ein positiver Lebensstil dargestellt wird. Unternehmen wie etwa Hotels und Restaurants können Einträge auf der Treeday-Plattform machen. Für Unternehmen soll es Premium-Mitgliedschaften geben, auch über einen Marktplatz und Werbung auf der Online-Plattform sollen Umsätze generiert werden.

Über Umsätze macht sich hingegen Ahmed Adel, Absolvent der Technischen Universität Wien, noch keine allzu großen Gedanken. Vorerst steht bei ihm ein anderer Gedanke im Vordergrund. Er will nichts weniger als eines der größten Probleme der Menschheit lösen: Wie kann den Menschen in Entwicklungsländern geholfen werden, an günstige und gleichzeitig klimafreundliche Energie zu kommen?


Die Resonanz ist groß, ich bin überrascht

Im Prinzip ist die Nutzung von Sonnenenergie eine gute Möglichkeit, doch die Komponenten sind noch zu teuer. Adel hat Solarkollektoren entworfen, die sehr günstig zu produzieren sind und daher beispielsweise in afrikanischen Ländern auf breiter Basis verwendet werden könnten. "Auch die Entwicklungsländer sollen von der Entwicklung profitieren." Die von ihm entwickelten Sonnenkollektoren in Parabolform (Parabolrinnenkollektoren) können in Solarwärmekraftwerken eingesetzt werden - in diesen wird die Kraft der Sonne gebündelt, um Wärme oder Energie zu erzeugen.

Solabolic - Ahmed Adel im Interview beim ClimateLaunchpad Finale

Derzeit sind die Investitionskosten für solche Kraftwerke hoch, doch mit Adels Innovation - Markenname Solabolic - ist weniger Material nötig als üblicherweise, außerdem steigt der Wirkungsgrad. Zudem sollen Aufbau und Wartung durch lokales Personal möglich sein, das entsprechend geschult wird. Damit würden die laufenden Kosten eines Solarkraftwerks reduziert - alles Faktoren, die nicht zuletzt auch die politischen Entscheidungsträger in den Entwicklungsländern vom Einsatz umweltfreundlicher Energieversorgung überzeugen sollen.

Der gebürtige Ägypter Adel hat am Institut für Energietechnik und Thermodynamik an der TU Wien studiert; schon während seiner Diplomarbeit entwickelte er seinen Parabolrinnenkollektor. Die Technologie hat er sich patentieren lassen. "Die Resonanz ist groß, ich bin überrascht." Im Mai will er aus dem Einzelunternehmen eine GmbH machen, ein Investor aus den Arabischen Emiraten zeigt sich interessiert an seiner Entwicklung.


Die Konkurrenz durch Nachahmer ist sicher gegeben, da steigt der Druck auch weiterhin

In Österreich darf er auf Förderungen hoffen, im Ausland auf Investoren - auch das ist typisch für grüne Start-ups. Für add-e-Gründer Gutbrod hat sich daher Crowdfunding als Möglichkeit herausgestellt, zugleich etwas für die Finanzierung der Produktion und für das Marketing zu machen. "Es dient dazu, die erste Hemmschwelle zu überwinden." Es sei in Österreich prinzipiell leicht, den ersten Schritt als Firmengründer zu machen - obwohl er von Business-Plänen wenig hält: "Ich bin einfach mal losgefahren.“

Die Frage ist nur: Wie weit kommt man? Denn eine Idee zu haben und Innovationen auf den Markt zu bringen, ist nur der halbe Erfolg. Was können die Gründer tun, damit ihre Ideen später nicht abgekupfert werden? "Die Konkurrenz durch Nachahmer ist sicher gegeben, da steigt der Druck auch weiterhin", macht sich add-e-Gründer Fabian Gutbrod diesbezüglich keine Illusionen. Zwei Jahre gibt er sich und seinem Team längstens, in denen er sein Alleinstellungsmerkmal nutzen muss, um sich am Markt zu etablieren.

Derzeit geht es Solabolic-Erfinder Ahmed Adel darum, die Technologie weiterzuentwickeln, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Dabei biete die Patentierung bis zu einem gewissen Grad Schutz vor Nachahmern. "Ich werde die Technologie auch lizenzieren. Bestimmte Teile werden jedoch immer nur wir herstellen können." Für Treeday-Erschaffer Miedaner wiederum stellt sich die Frage nach der Konkurrenz im Moment nicht - er hat sich durchaus unbescheidene Ziele gesetzt, so visiert er bereits die USA als möglichen Zielmarkt an. Klimaschutz ist ja tatsächlich nichts, das an den Landesgrenzen enden sollte.

Grüne Ideen


An Wettbewerben für Start-ups mangelt es in Österreich nicht, doch nur wenige davon sind dezidiert für Unternehmen aus den Themenbereichen Umweltschutz und -technologie gedacht.

greenstart: Erneuerbare Energie, Energieeffizienz, Mobilität und Landwirtschaft sind jene Bereiche, die Einreichungen für den greenstart-Bewerb des Klima- und Energiefonds betreffen müssen. Anfang März erfolgt der Auftakt für den heurigen Bewerb, bei dem die zehn besten grünen Start-up-Ideen gesucht werden.
greenstart.at

E-Mobility Challenge: Der Klima- und Energiefonds führt diesen Bewerb für Start-ups und Einzelunternehmen gemeinsam mit dem Verkehrsministerium durch, um Elektromobilität - also etwa Elektroautos oder E-Bikes - anzukurbeln. Bis zum Herbst konnten Unternehmen ihre Ideen einreichen, nun wurden zehn davon in die Endrunde gewählt, die Top 3 sollen im April feststehen.
start-emobility.at

Climate Launchpad: Bei diesem europaweiten Wettbewerb für Businesspläne zum Thema Klimaschutz gab es im vorigen Herbst drei Teilnehmer aus Österreich, darunter Solabolic. Heuer wird der Bewerb erneut europaweit durchgeführt, eine eigene Österreich-Ausschreibung wird es nach derzeitigem Stand laut WWF, einem der Initiatoren, diesmal aber nicht geben.
climatelaunchpad.org