Hollinetz: "Selbstständige merken oft nicht, wenn es zu viel wird"

Martin Hollinetz, Mit-Erfinder von Otelo eGen.

Martin Hollinetz, Mit-Erfinder von Otelo eGen.

Ein neues Modell der genossenschaftlichen Selbstanstellung verhilft Ein-Personen-Unternehmen zu mehr sozialer Absicherung. Mit-Erfinder Martin Hollinetz über Selbstausbeutung, kooperatives Unternehmertum und weitere ähnliche Initiativen.

profil: Aus welchen Motiven heraus wurde Otelo eGen - die erste österreichische Genossenschaft für Selbstständige - gegründet?
Martin Hollinetz: Wir fokussieren auf ein würdevolles Leben bei gleichzeitig unternehmerischer Haltung und definieren uns als Beschäftigungsgenossenschaft für Mitunternehmertum und Anstellung. Selbstständige haben durch den Druck, dem sie ausgesetzt sind, oft die Tendenz, sich auszubeuten - vor allem bei kleinen Unternehmen. Ganz übel ist es oft bei EPUs (Ein-Personen-Unternehmen, Anm.). Otelo eGen wurde somit auch gegründet, um frei verfügbare Zeit zu erwirtschaften. Denn Selbstständige merken oft gar nicht, wenn es zu viel wird.


Als Einzelselbstständiger wird man oft wie ein Praktikant behandelt

profil: Der große Vorteil Ihrer Genossenschaft liegt wohl darin, dass man angestellt ist?
Hollinetz: Genau. Wir sind unselbstständig und gleichzeitig Mitunternehmer. Damit verwirklichen wir ein Höchstmaß an Eigenständigkeit. Wir haben Dienstverträge mit allem, was dazugehört, und sind im ASVG-System sozialversichert. Wir sehen Arbeit als etwas mit dem Leben tief Verbundenes, da ist gute Balance notwendig. Wir haben regelmäßig gemeinsame Supervision, weil sich die Lebensphasen und Umstände ändern; drei von uns werden zum Beispiel jetzt Eltern.

profil: Aus welchen Bereichen stammen die Menschen, die beitreten?
Hollinetz: Aus klassischen Kreativbereichen wie Werbung, PR oder Film, der Hardware- und Software-Entwicklung, dem Bildungs-, Technologie- und Nachhaltigkeitsbereich und der Beratungsbranche. Unser Modell ermöglicht das Teilen von Wissen aus ganz verschiedenen Bereichen, ein Nutzen der unterschiedlichen Potenziale. Daher planen wir Projekte gemeinsam und können auch komplexere Aufträge annehmen. Als Einzelselbstständiger wird man oft wie ein Praktikant behandelt. Aber wer die Kompetenz einer größeren Organisation im Rücken hat, wird gleich anders angesehen. Mittlerweile haben wir 220 Kunden europaweit.

profil: Wie viele Interessierte und Selbstständige wollen im Jahr Otelo eGen beitreten?
Hollinetz: Fünf bis zehn.


Wir klären gemeinschaftlich ab, welche Grundbedürfnisse für ein gutes Leben vorhanden sind

profil: Nachdem die Genossenschaft gerade einmal zehn Mitglieder zählt - heißt das, dass Sie selektiv vorgehen?
Hollinetz: Nein, wir stellen einfach die richtigen Fragen in unserem Mentorenprozess. So unterstützen wir die wechselseitige Entscheidungsfindung, ob die neue Interessentin oder der neue Interessent zu unserer doch sehr besonderen Unternehmenskultur passt. Bei der Otelo eGen weiß jeder, was der andere verdient. Wir reden über Lebenssituationen. Wer diese Transparenz nicht will, ist bei uns nicht gut aufgehoben. Oder das kooperative Moment, dass man gern mit anderen teilt - viele wollen das nicht. Ein dritter Aspekt: Wenn in der Genossenschaft etwas investiert wird, dann gehört es der Genossenschaft. Ich bin nicht der Eigentümer dieses Tablets hier, ich nutze es. Das ist für manche emotional nicht packbar.

profil: Wie gestalten sich die Einkommen neuer Mitarbeiter?
Hollinetz: Wir klären gemeinschaftlich ab, welche Grundbedürfnisse für ein gutes Leben vorhanden sind, was man verdienen möchte und welches Kooperationspotenzial es gibt. Und dann schauen wir genau, was erwirtschaftet werden muss, um dieses Gehalt zu finanzieren.

profil: Das heißt, man legt selbst sein Einkommen fest?
Hollinetz: Festgelegt wird das Einkommen vom Arbeitskreis Personal, wobei die Berechnung der Einkommen auf den Umsatzerwartungen basiert. Da sind wir ganz normale Angestellte. Das Unternehmen, in unserem Fall die Genossenschaft, ist der Arbeitgeber. Wir, die Mitarbeiter, zeichnen unsere Arbeitszeiten auf, listen die Reisetätigkeit auf. Mittlerweile ist das ein gutes Instrument zur Selbstreflexion, denn das tun Selbstständige normalerweise nicht. Und es ist interessant, zu sehen, wo die Zeit aufgeht. Auch unsere Ausgaben werden im Vorfeld budgetiert.


Was mich etwas überrascht hat, war, dass die finanzielle Balance in Summe funktioniert

profil: In welcher Einkommensklasse ist es für Selbstständige sinnvoll, der Otelo eGen beizutreten?
Hollinetz: Die Frage ist vielmehr, wie viel Umsatz ich durch meine Mitarbeit erwirtschaften und davon gut leben kann. Beispielsweise müssen für ein Nettogehalt von 2000 Euro rund 5200 Umsatz erwirtschaftet werden.

profil: Gab es etwas in der Entwicklung, das Sie selbst überrascht hat?
Hollinetz: Was mich etwas überrascht hat, war, dass die finanzielle Balance in Summe funktioniert und dass sich, wenn eine bestimmte Anzahl von unterschiedlich tätigen Menschen zusammenkommt, eine finanzielle Stabilität ergibt.

profil: Was passiert, wenn ein Mitarbeiter seine Beiträge auf einmal nicht mehr bezahlen kann oder sich im Einkommen verschätzt hat?
Hollinetz: Die ersten zwei Jahre baut sich jeder einen Sicherheitspuffer auf, damit man zumindest drei Monate überbrücken kann, wenn es einmal nicht so gut läuft. Weiters gibt es einen solidarischen Puffer - eine Solidarabgabe von drei Prozent. Läuft es einmal bei mehreren Mitgliedern schlecht, können aus diesem gemeinsamen Geldtopf bis zu drei Monate überbrückt werden. Wir können aber auch ein Gehalt vorübergehend reduzieren - bis hin zur Geringfügigkeit. Oder den Mitarbeiter zum Aufbau zusätzlicher Kompetenzen in Bildungskarenz schicken, oder wir müssen den Dienstvertrag lösen, dann kann man um Arbeitslose ansuchen.

profil: Und was passiert, wenn man über Plan verdient?
Hollinetz: Wenn jemand mehr Umsatz gemacht hat, als geplant, kann er sich Zeitausgleich nehmen oder das Geld in unseren freiwilligen Solidarfonds geben. Auch der Anstellungsumfang kann erhöht werden.

profil: Ist dieses Projekt europaweit einzigartig, gibt es schon weitere Initiativen?
Hollinetz: In Belgien gibt es eine Künstler-Genossenschaft, die an die 100.000 Mitglieder zählt. Da geht es allerdings mehr um soziale Absicherung als um kooperatives Unternehmertum. In Kärnten wollen jetzt ein paar Leute aus dem Kreativbereich eine Genossenschaft gründen - gerade in diesem Bereich ist das Prekariat stark verbreitet. In Wien besteht mittlerweile eine Künstlergenossenschaft.

profil: Waren Sie je mit Anfeindungen konfrontiert?
Hollinetz: Überhaupt nicht. Seitens der Wirtschaftskammern gibt es sogar sehr viel Wertschätzung. Erst unlängst hat mir dort ein Mitarbeiter gesagt: Lieber ist mir ein solides Unternehmen als Genossenschaft, als zehn kleinere, die es in zwei Jahren nicht mehr gibt.