Soziale Selektion: Wie man Schulabbrecher auffangen kann

Soziale Selektion: Wie man Schulabbrecher auffangen kann

Ausstieg, Abstieg, AMS: Schulabbrecher haben immer geringere Chancen auf Jobs. Gezielte Maßnahmen sollen den Drop-out verhindern.

Als engagierte Joberhalter sind McKinsey & Company üblicherweise nicht bekannt. Nun aber hat die Managementberatung, die bei Sanierungskonzepten Arbeitnehmern häufig einen dicken roten Strich durch die Rechnung macht, ihre weiche Seite entdeckt - zumindest für Menschen mit heikler Erwerbslage. "Generation" lautet der Name eines Projektes der im Vorjahr gegründeten Nonprofit-Organisation McKinsey Social Initiative.

Das Ziel klingt engagiert: Bis 2020 soll einer Million junger Menschen in Spanien, den USA, Indien, Kenia und Mexiko nachhaltige Berufsfitness verschafft werden. Zu diesem Zweck werden Jugendliche auf dem Weg zum Job von McKinsey-Spezialisten begleitet, gecoacht und mit brauchbaren Alltags-Werkzeugen wie digitalen Fertigkeiten ausgestattet. "Wir konzentrieren uns darauf, jungen Personen Skills und Unterstützung zu geben, damit sie reelle Chancen in ihren gewählten Berufen haben. Das Programm beinhaltet nicht bloß intensives Training, sondern auch die Hilfe unserer Community, die Menschen bis zum neuen Job begleitet", erklärt Mona Mourshed, die Chefin der Initiative.


Solche Schüler sind Arbeitslose von morgen.

Eine solche Hand-in-Hand-Strategie wäre wohl nicht nur in den Zielgebieten der McKinsey-Initiative zu begrüßen. Immer häufiger landen auch in Österreich junge Menschen, die ihre Karriere im Klassenzimmer abbrechen müssen oder das Tanken von Wissen als entbehrliche Beschäftigung werten, auf den Abstellgleisen des Arbeitsmarktes: Mangelnde Bildung bedeutet heute fast automatisch einen Stammplatz im sozialen Schatten des Erwerbslebens. "Solche Schüler sind Arbeitslose von morgen", beschreibt Gundi Wentner, Expertin des Beratungsunternehmens Deloitte Österreich, die traurige Realität.

Das "Generation"-Projekt von Human und der McKinsey Social Initiative.

Sie verweist auf den Systemfehler: "Wenn man die Langzeitarbeitslosigkeit betrachtet, weist ein hoher Prozentsatz der Betroffenen nur Pflichtschulabschluss auf - wenn überhaupt." Kinder aus Familien, in denen Bildung geringen Stellenwert aufweist, würden nach der Volksschule aussortiert, es kommt früh zur sozialen Selektion. "In Summe ist die Situation gefährlich. Kinder bekommen keine Chance, später keine Jobs und gehen für die Gesellschaft verloren", sagt Wentner.

Die Zahlen sind alarmierend: Laut Experten haben in Österreich rund 100.000 Menschen zwischen 15 und 24 Jahren keinen Abschluss über die Schulpflicht hinaus. Insider malen ein düsteres Bild, was die Schicksale hinter dem verharmlosenden terminus technicus "Early School Leavers" betrifft. Eine gewisse Zeit lang leben solche Jugendliche bei den Eltern; nach und nach steigt die Verzweiflung, denn ein Comeback im System bleibt oft Illusion.


Das Lehrpersonal muss die Defizite identifizieren, ansprechen und behandeln.

Männliche Betroffene erledigen Gelegenheitsjobs, während ihre weiblichen Pendants oftmals im Haushalt verschwinden. Ihre Zukunftsperspektive: finanzielle Abhängigkeit vom Partner oder Altersarmut. Hier gegenzusteuern erweist sich als Knochenarbeit für alle Beteiligten. Kenner der Materie orten eine latente Überforderung von Lehrpersonal und Nach-Lernenden gleichermaßen.

Trotzdem muss ein Absturz nicht unbedingt programmiert sein, sollte die schulische Laufbahn irgendwann ins Stocken geraten. "Es gibt lernmüde Schüler, die zwar maturieren wollen, doch mit Schwächen in bestimmten Fächern oder gesundheitlichen Problemen kämpfen“, weiß Michel Fleck, Direktor einer Schule in der Anton-Krieger-Gasse im 23. Bezirk in Wien, in der auf die Förderung der persönlichen Stärken statt auf das Ankreiden von Schwächen gesetzt wird. "Das Lehrpersonal muss die Defizite identifizieren, ansprechen und behandeln."

Mit der geeigneten Unterstützung könnten solche Schüler durchaus wieder auf Schiene kommen. Fleck verweist auf die realen Schwächen des Bildungssystems: "Manche Pädagogen neigen dazu, schwache Schüler leichtfertig abzuschreiben. Wenn Menschen gesagt wird: ‚Das schaffst du nie’, werden Aussteiger erzeugt." Manche Schule sehe das freilich durchaus positiv: Nachzügler werden aussortiert, Könner bleiben der Institution erhalten. "Die Schule selbst kann sich mit einer Maturaquote rühmen, die als Kriterium für Qualität gilt."


Schüler erhalten eine Chance, ihr Niveau zu steigern, ohne sich eingeschränkt zu fühlen.

Auf einer anderen Ebene wird in den Kaufmännischen Schulen des BFI Wien agiert, in denen Fachkräfte wie Emira Ahmedoska tätig sind: Die Studentin greift als Lerntrainerin in Ganztagsklassen den Kids unter die Arme, damit diese im Rahmen einer Zusatzstunde ihre Aufgaben und Übungen besser erledigen können. "Schüler erhalten eine Chance, ihr Niveau zu steigern, ohne sich eingeschränkt zu fühlen“, betont Ahmedoska. Die Schulfitmacher des BFI, die neben Deutsch zumindest eine weitere Sprache beherrschen, sind gleichzeitig als Role Models im Einsatz. Nach Angaben der Verantwortlichen gelten sie als Schlüssel zur Senkung der Drop-out-Rate.

Positive Verstärkung können so manche Betroffene dringend brauchen. Denn im schulischen Alltag regiert oft die Frustration. HAK-Schülerin Ezgi Kılıç kennt solche Situationen aus eigener Erfahrung: "Ich hatte in einer anderen Schule Probleme mit einem Lehrer und fast den Mut verloren, später studieren zu wollen. Heute helfen Gespräche mit dem Klassenvorstand oder mit den Lerntrainern, die mir von ihren eigenen Erfahrungen erzählen." Der persönliche Kontakt scheint seine Wirkung jedenfalls nicht zu verfehlen. "Lerntrainer zeigen, dass es möglich ist, mit viel Einsatz und Motivation die weiterführende Schule zu erreichen", sagt Helga Wallner, Leiterin der Kaufmännischen Schulen des BFI Wien. "Alle unsere Lerntrainer haben auch bei uns maturiert, was die Vorbildwirkung zusätzlich verstärkt."


Lerntrainer zeigen, dass es möglich ist, mit viel Einsatz und Motivation die weiterführende Schule zu erreichen.

Schulabbrecher-Schicksale sollen künftig auch durch Konzepte wie MOST (Modulare Oberstufe) verhindert werden. Diese Organisationsform läuft seit 2005 in mehr als 25 Lerninstitutionen ab der sechsten Schulstufe im Echtzeitbetrieb. Hier erfolgt der Unterricht im Gegensatz zur Regelschule in kleineren Einheiten. Neben den Basismodulen können Schüler aus einem breiten Angebot von Kursen wie "Videoschnitt" oder "Lernen fürs Leben" wählen, die jährlich im "Kursbuch" vorgestellt werden. Zudem sorgt das klassische Durchfallen hier nicht mehr für Angst und Schrecken, Ehrenrunden erfolgen auf völlig andere Art: Positive Leistungen bleiben erhalten, das Nachholen von Prüfungen in den folgenden Semestern vermeidet lästiges Wiederholen ganzer Jahre in allen Fächern und damit auch den Verlust wertvoller Lebenszeit.

Für Betroffene soll es dadurch einfacher werden, ihren Kurs zu korrigieren. Der heute 18-jährige Dietmar hatte in der sechsten Klasse einen Durchhänger mit fünf "Nicht genügend“. In jeder konventionellen Schule wäre ihm der Aufstieg verwehrt worden, doch im Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Wien 23, in dem MOST praktiziert wird, erhielt er die Chance, an seinen Schwächen zu arbeiten, statt frustriert auf das nächste Jahr zu warten. Die Methode zeigte Wirkung: "Jetzt hat er seine vorwissenschaftliche Arbeit abgegeben, die seit dem vorigen Sommer ein verbindlicher Auftakt für die neue Reifeprüfung ist", freut sich Direktor Georg Röblreiter.

Sollte die Matura zum Wintertermin klappen, hat Dietmar die Reifeprüfung nur ein halbes Jahr später absolviert als seine ehemaligen Mitschüler. In einer Regelschule hingegen hätte er als Repetent in der neuen Klasse möglicherweise die Motivation verloren und die Schule vorzeitig abgebrochen. "Das konnten wir jedoch erfolgreich verhindern", freut sich Röblreiter. So gesehen - und so geführt - kann Schule auch als Airbag wirken für all jene, die im österreichischen Bildungssystem ansonsten vielleicht ins Schleudern gerieten - und unter Umständen ihr ganzes Leben lang nicht mehr zurück auf die Spur fänden.