Sprechen Sie Python? - Programmierakademien boomen

Sprechen Sie Python? - Programmierakademien boomen

Anstatt jahrelang Computerwissenschaften zu studieren, entscheiden sich immer mehr Amerikaner für technische Schnellkurse an sogenannten Programmierakademien. Denn die Digitalisierung der Arbeitsplätze macht das Absolvieren von Programmierkursen zum neuen Karrieresprungbrett - ein nicht ganz unumstrittener Boom, der auch bei uns zu greifen beginnt.

Auf dem klobigen Aktenschrank vergammeln Obst und bunte Salate, auf grauen Sofas beugen sich junge Männer und Frauen in T-Shirts und Jeans über flimmernde Computerbildschirme. In dem Großraumbüro hockt auch Dan Friedman, ein schmächtiger Amerikaner mit wachen Augen und großen Plänen: Der 23-Jährige ist Manager bei der Online-Programmierakademie Thinkful, die er vor drei Jahren mit seinem Partner Darrell Silver gegründet hat.


Früher galt ein Uni-Diplom als Garantie für einen guten Job, das ist heute anders.

Ein Business, in dem Goldgräberstimmung herrscht, seit sich die Zahl der offenen Stellen für Computerwissenschafter und Softwareentwickler in den USA auf 500.000 erhöht hat und Programmierkurse als Karrieresprungbrett gepriesen werden. "Früher galt ein Uni-Diplom als Garantie für einen guten Job, das ist heute anders“, warnt Friedman und erklärt auch gleich, warum: "Universitäten sind nicht schnell und flexibel genug, um auf die neuen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu reagieren, und Firmen bilden viel weniger aus als früher.“

Daher solle man seine Softwareausbildung am besten gleich selbst in die Hand nehmen, wenn man Karriere machen wolle, so der Überflieger. Denn die Totaldigitalisierung der Produktionsstätten in den USA - eine Entwicklung, die auch als die "vierte industrielle Revolution“ oder als "Industrie 4.0“ in Deutschland und Österreich bekannt ist - begünstigt in hohem Maß Facharbeiter, die sich nicht nur in ihrem Gebiet auskennen, sondern auch mit digitalen Entwicklungen vertraut sind und sich von den neuen Möglichkeiten nicht einschüchtern lassen. Genau so ein Typ ist Friedman. Er war keine 20, als er sein Studium an der Yale Universität hinschmiss und ein Stipendium des deutschstämmigen PayPal-Gründers und Facebook-Frühinvestors Peter Thiel gewann - für Uni-Verweigerer, die Unternehmer werden wollen.

Begeistert nutzte Friedman die Chance, um Programmiersprachen wie Python und Javascript zu erlernen und ein Start-up-Konzept für seine heutige Firma zu entwickeln - während er in zwei Jobs gleichzeitig arbeitete.

Drei Jahre später logiert sein Unternehmen in einem Büro hoch über dem schicken New Yorker Stadtteil Soho. Seither haben die für ihn tätigen 300 freiberuflichen Webdesigner rund 4000 Nutzer von Online-Kursen wie "Modern Webdesign“ oder "Python and Webdevelopment“ mit Rat und Tat unterstützt. Die Kosten liegen bei 300 bis 500 Dollar pro Monat. Auch im Silicon Valley steht die Firma hoch im Kurs: Geldgeber wie Peter Thiel finanzierten die Internet-Plattform mit mehr als fünf Millionen Dollar. "Fürs Erste reicht das“, freut sich Friedman. "Mehr Geld brauchen wir momentan nicht.“

Die Aufbruchstimmung des Thinkful-Gründers ist typisch für die Branche, die von der wachsenden Digitalisierung der Berufswelt und mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten profitiert: Rund 300 Programmierunternehmen schossen laut Branchenbeobachter Course Report in den vergangenen vier Jahren in den USA wie Pilze aus dem Boden, um Studierenden aller Altersstufen Softwarekenntnisse zu vermitteln. Neu in New York: Die Codeacademy, eine digitale Akademie, die Nutzern aus der ganzen Welt kostenlos Programmieren beibringt, wenn sie sich ein Nutzerprofil anlegen und Sprachen wie HTML oder Javascript aus dem Kursplan auswählen. Oder die Flatiron School - das Institut ist stolz darauf, eine geringere Aufnahmequote als die Eliteuniversität Harvard in Boston zu haben, und gilt daher jetzt schon als Eliteschule.


Es ist alles sehr beängstigend, was hier auf einen zukommt, aber ich lerne sehr viel. Manchmal träume ich sogar in Programmiersprache.

Ein anderes erfolgreiches Beispiel ist die General Assembly, die 50 Millionen Dollar Startkapital von Geldgebern wie Amazon-Gründer Jeff Bezos und dem russischen Investor Yuri Milner benutzt, um Zweigstellen selbst in entfernten Ländern wie Australien und Großbritannien zu eröffnen. Ganz klar: Die private Softwareausbildung hat eine Dimension erreicht, die vor wenigen Jahren, als der neue Technologieboom mit der weltweiten Vermarktung von Tablets und Smartphones begann, noch niemand für möglich hielt. Inzwischen besteht kein Zweifel: Technische Wissensvermittlung im Eilverfahren ist in den USA zu einem Bildungskonzept geworden. Dass die privaten Programmierakademien in den USA gute Zukunftsperspektiven haben, verdanken sie auch Barack Obama. Gemeinsam mit 21 Städten und Gemeinden gründete der US-Präsident im März eine Initiative namens TechHire, der die US-Regierung 100 Millionen Dollar an Fördergeldern zur Verfügung stellen will, um den Programmierunterricht weiter auszubauen. In New York sollen Jugendliche ohne Collegeausbildung Stipendien erhalten, wenn sie Programmierkurse an der Eliteakademie belegen.

Ähnlich wie Barack Obama glauben auch die Absolventen, auf eine Goldgrube gestoßen zu sein. Das mag sein, doch die junge Branche ist unreguliert, daher besteht kein Rahmen für die Ausbildungs- oder Aufnahmekriterien. Angehende Teilnehmer sollten sich vor Kursbeginn genau über die verschiedenen Lehrinstitute informieren. Auch den Arbeitgebern gefällt der Trend: Laut dem Course Report liegt das Durchschnittsgehalt nach Abschluss eines Programmierkurses bei 76.000 Dollar - durchschnittlich betrachtet entspricht das einer Steigerung von mehr als 40 Prozent.

Kein Wunder, dass sich die Zahl der Kursabsolventen (laut Course Report) bereits in diesem ersten Halbjahr mehr als verdoppelte - selbst wenn das Erlernen der Anweisungen beim Programmieren Knochenarbeit ist. "Es ist alles sehr beängstigend, was hier auf einen zukommt, aber ich lerne sehr viel. Manchmal träume ich sogar in Programmiersprache“, seufzt Efosa Osamwonyi, ein 26-jähriger Student bei General Assembly in New York, der fast den ganzen Tag hinter dem Computer verbringt. Gemeinsam mit 24 Studienkollegen erlernt der ehemalige Datenarbeiter das Programmieren von Websites - in einem dreimonatigen, ganztägigen Kurs.


Ich habe meinen Job gekündigt und den Kurs belegt, weil ich in meine Zukunft investiere.

Seine Mitschüler sind im Schnitt 30 Jahre alt, 70 Prozent haben eine College-Ausbildung, sind aber der Ansicht, dass sie Programmiersprachen wie Swift oder Ruby beherrschen müssen, um voranzukommen. Pausenlos beschäftigen sie sich mit Algorithmen, Abläufen und Modellen. Dass sie 11.500 Dollar für den Kurs bezahlen müssen und zwölf Wochen lang kein Einkommen haben, weil sie ihren Job hingeschmissen haben, um das harte Pensum zu erfüllen, scheint sie nicht sehr zu stören. "Ich habe meinen Job gekündigt und den Kurs belegt, weil ich in meine Zukunft investiere“, erklärt etwa die 26-jährige Julia Becker. Sie strebt dasselbe Ziel wie ihre Mitstudierenden an: eine hoch qualifizierte Programmiererin zu werden, vielleicht sogar in einem Job, den es vor ein paar Jahren noch gar nicht gab: Screen Designer etwa, die Unternehmen bei Internet-Verbindungen zu Kunden und Mitarbeitern helfen, oder Spiele-Programmierer.

Noch aber ist völlig offen, ob sie nach Kursabschluss ein Jobangebot erhält - auch wenn auf der Internetsite von General Assembly steht, dass 90 Prozent der Teilnehmer spätestens drei Monate nach Kursabschluss eine neue Stellung finden. Sie arbeitet jeden Tag mit Hochdruck an ihren Softwarekenntnissen und stellt gerade ihre erste App, ein Anwendungsprogramm, her. Ihr Lehrer ist Jeffrey Konowitch, ein ehemaliger Schauspieler, dem die Diversität seiner Auszubildenden gefällt. "Unsere Studenten haben ein weites Erfahrungsspektrum, einige sind Techniker, haben aber keine Programmiererfahrung, andere waren im Finanzwesen oder als Ingenieur tätig“, so der 26-Jährige, der sich das Programmieren selbst beigebracht hat. "Einige Schüler haben wenig technisches Verständnis, aber in unserer Klasse verfolgt jeder das gleiche Ziel, wenn auch in unterschiedlichem Tempo“, sagt er.

Die Europe Code Week findet erneut im Oktober 2016 statt.

Auch in Europa wird technisches Wissen immer wichtiger. Bis 2020 soll sich die Zahl der offenen Stellen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik laut Schätzungen der Europäischen Kommission auf 900.000 erhöhen, während 90 Prozent aller Jobs schon heute gewisse IT-Kenntnisse erfordern. Um sich fit zu halten für die digitale Zukunft, können Österreicher an Veranstaltungen wie der Europe Code Week im Oktober 2016 teilnehmen. Hier werden unter anderem Schnupperkurse zur Entwicklung von Apps, Websites und Spielen angeboten. Andere Hilfe gibt es von der Online-Job- und Weiterbildungsplattform Academy Cube, die voriges Jahr mithilfe der EU-Kommission gestartet wurde. Sie informiert über viele offene Stellen in ganz Europa und bietet zu jedem Jobangebot die passenden Weiterbildungskurse an - fast alle kostenlos oder sehr kostengünstig.


Um in der Technologiebranche nach oben zu kommen, reicht es nicht aus, einfach nur Programmieren zu lernen.

Doch wie jeder Boom hat auch dieser seine Skeptiker. Während Privatanleger Millionen in die neue Branche investieren, zweifeln einige Experten am langfristigen Erfolg der Schnellkurse der Programmierakademien. "Um in der Technologiebranche nach oben zu kommen, reicht es nicht aus, einfach nur Programmieren zu lernen“, warnte Adam Cannon, Professor für Computerwissenschaften an der Columbia Universität.

Natürlich ständen die Akademien derzeit hoch im Kurs, weil Softwareentwickler zu den begehrtesten IT-Spezialisten gehören. Doch das könne sich schnell wieder ändern, wenn die Technologieblase platzt. "Dann verschwinden viele Schulen und Jobs wieder, weil sie nicht mehr gefragt sind“, prophezeit Cannon.