Studium mit Kind: Master, Mutter, Doktor

"Die perfekte Mutter ist eine Utopie"

"Die perfekte Mutter ist eine Utopie"

Arbeiten, studieren, Kinder haben - wie das geht? Österreichische Hochschulen sind zwar gut mit Betreuungsmöglichkeiten ausgerüstet, doch leider sind diese selten an die Lebensrealität studierender Mütter angepasst. Die Folge: eine starke Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen.

Eigentlich hatte sich Margareta P. alles genau überlegt. Kinder standen immer auf ihrem Plan, doch davor wollte sie noch ihr Studium beenden und beruflich so weit Fuß fassen, um wenigstens die Idee einer möglichen Karriere zu haben. Dann kam alles anders. Im vorletzten Semester an der Uni leuchteten auf dem kleinen Test, der allerdings nichts mit dem Studium zu tun hatte, zwei Streifen rot auf - positiv! Zwar überwog die Freude, doch gleichzeitig schossen ihr Tausende Fragen durch den Kopf: Wie ist das so, schwanger auf der Uni? Was bedeutet das für die Arbeitssuche? Ist man abgesichert, wenn man zum Zeitpunkt der Geburt zwar nicht mehr studiert, aber noch keine Arbeit gefunden hat?

Neun bis zehn Prozent aller österreichischen Studentinnen stellten sich im Laufe ihrer Uni-Laufbahn ähnliche Fragen wie Margareta P. Interessanterweise auffallend viele an den Universitäten Klagenfurt (20,8 Prozent) und Linz (16,7 Prozent), hingegen unterdurchschnittlich wenige an der Veterinärmedizinischen Universität Wien: Der Prozentsatz studierender Eltern liegt dort gerade einmal bei 3,9 Prozent. In der öffentlichen Wahrnehmung nehmen jedenfalls schwangere Studentinnen oder solche mit Kind nur einen kleinen Platz ein.


Das Bild der Bummelstudenten (...) gibt es nicht mehr.

Fast entsteht der Eindruck, als würde das Tabu einer Schwangerschaft während der Schulzeit gleitend ins Studium übergehen. Denn in einer von Rekordarbeitslosigkeit geplagten Gesellschaft, in der sich der Berufseinstieg als zunehmend schwierig gestaltet, dominiert der Trend, den Kinderwunsch aufzuschieben. Kein Wunder, dass das durchschnittliche Alter bei der ersten Geburt kontinuierlich ansteigt: Wurden Frauen 1980 im Durchschnitt mit 23 Jahren zum ersten Mal Mutter, liegt dieses Alter nun bei 30,5 Jahren. Bei Akademikerinnen dürfte der Zeitpunkt noch später sein.

Der Druck auf Studierende ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen: Auslandssemester, Praktika und Fremdsprachen zählen inzwischen zur Selbstverständlichkeit, obendrein sollte größtmögliche Flexibilität bewiesen und das Studium in Rekordzeit mit Bestnoten abgeschlossen werden. "Der Anteil jener, die neben dem Studium erwerbstätig sind und sein müssen, ist heute viel höher als bei den Generationen davor", weiß Martina Beham-Rabanser, Familienforscherin an der Johannes Kepler Universität Linz. "Das Bild der Bummelstudenten, die möglichst lange studieren und sich ein schönes Leben machen, gibt es nicht mehr."

Vor allem der Bologna-Prozess und die damit einhergehende Verschulung erschwert den Alltag studierender Eltern erheblich: Allein aufgrund der vermehrten Anwesenheitspflicht kann es für studierende Eltern zu stärkeren Verzögerungen kommen. "Beim jetzigen System herrschen viele Unklarheiten, es fehlen klare Regeln. Meistens ist man auf die Güte und das Verständnis einzelner Lehrveranstalter angewiesen", meint Cornelia Schadler, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Universität Wien über Elternschaft forscht. "Zum Beispiel erhält man automatisch eine negative Note, wenn man zur Prüfung nicht erscheint, ohne sich rechtzeitig abgemeldet zu haben. Wie das ist, wenn man fernbleibt, weil der Geburtstermin prompt auf den Prüfungstag fällt oder das Kind überraschend krank geworden ist, ist von Fall zu Fall verschieden", gibt Schadler zu bedenken.


Junge Mütter brechen im Regelfall ab, um sich um Kinder zu kümmern, junge Väter, weil sie Geld verdienen müssen


Julia Spiegl, Leiterin der Kinderbetreuungsabteilung unikid & unicare an der Universität Graz, beobachtet etwa, dass der Anteil studierender Mütter von sehr fragwürdigen Faktoren abhängig ist: "Wenn eine Professorin ein Kind bekommt, ist es eher wahrscheinlich, dass die bei ihr Studierenden ebenfalls Kinder bekommen. Denn bei ihr können sie auf Verständnis und Unterstützung zählen."

Prinzipiell sind die österreichischen Hochschulen gut mit Beratungsstellen und Betreuungsmöglichkeiten ausgerüstet. Im Fall einer Schwangerschaft oder Kinderbetreuungsverpflichtung gibt es die Möglichkeit einer Beurlaubung. Von dieser wird aber vielerorts abgeraten: Denn setzt man offiziell aus, kann man auch nicht in angepasstem Tempo weiterstudieren, selbst wenn es die Babyschlafphasen erlauben würden. So haben sich an der Universität Wien im vergangenen Jahr nur 25 Frauen aufgrund ihrer Schwangerschaft abgemeldet. Die meisten Hochschulen stellen zumindest ihren Mitarbeitern und immer häufiger auch den Studierenden Kindergärten zur Verfügung, und sogenannte Kinderbüros arbeiten an immer umfassenderen Betreuungsmöglichkeiten.

Allerdings wird nach Angaben der Mütter nur im Notfall auf diese Angebote zurückgegriffen: Denn die Öffnungszeiten sind nicht immer an die Zeiten der Universitätsseminare angepasst, die auch abends oder am Wochenende geblockt veranstaltet werden. Gerade Alleinerziehende und Eltern, die nicht auf ein familiäres oder anderwärtiges Betreuungsnetzwerk zurückgreifen können, stehen hier vor schwerwiegenden Problemen - mit eindeutigen Folgen: Jede dritte Mutter kann ihre Lehrveranstaltungen nicht besuchen, da sie keine entsprechenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten findet. 30 Prozent der Studentinnen mit Kind unterbrechen ihr Studium, während vergleichsweise die Abbruchsquote bei Frauen ohne Kind nur bei elf Prozent liegt, so eine Studienerhebung des Instituts für höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2011.


Natürlich schnauft man mehr, ist unkonzentriert und müde

"Junge Mütter brechen im Regelfall ab, um sich um Kinder zu kümmern, junge Väter, weil sie Geld verdienen müssen", weiß Julia Spiegl von unikid & unicare. In der Tat zeigt sich gerade bei Studierenden - einem ansonsten sehr aufgeklärt und egalitär denkenden Bevölkerungsgrüppchen - eine starke Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen: Die Kinderbetreuung liegt vor allem bei der Frau. Durchschnittlich 47 Stunden pro Woche widmet sich Mutter dem Nachwuchs. Ist das Kind noch unter drei Jahre alt, kommt sie gar auf 64 Stunden - während Papa knapp 25 Stunden nach dem Fortpflanz sieht. Drei Viertel aller Mütter und sogar 81 Prozent der alleinerziehenden Mütter von Kleinkindern geben an, Studium und Erwerbstätigkeit nur schwer vereinbaren zu können. Als wären diese Probleme noch nicht ausreichend, sind über die Hälfte der studierenden Mütter außerdem erwerbstätig. Manche Karriere-Coaches raten daher ganz bewusst nach dem Motto "zuerst Kind, dann Karriere" vorzugehen - als Maßnahme gegen die zunehmende Verschiebung der ersten Geburt ins höhere Alter.

"Viele denken, dass von der Wohnung bis zum Job alles perfekt sein muss, wenn man ein Kind bekommt. Diese Karrierefrauen gehen durch den Druck, den sie verspüren, oft verkrampft und ‚verkopft‘ an die Geburt heran. Jüngere lassen sich eher natürlich und etwas lockerer darauf ein", meint Sandra Walter, Stationsärztin der Gynäkologie und Geburtshilfe bei "YoungMum" im Krankenhaus Göttlicher Heiland. Die Sexualmedizinerin bekam ihren Sohn als 28-Jährige während ihres Medizinstudiums: "Nachdem ich bei der Visite eines Patienten mit offener Beinwunde erbrechend aus dem Zimmer gestürzt war, musste ich den Professoren dann doch meine Schwangerschaft mitteilen“, lacht die 42-Jährige heute.


Zum Glück hatte ich in der Phase der Morgenübelkeit wenige Projektarbeiten

In den überfüllten Hörsälen wurde stets Platz gemacht, wenn sie mit dickem Bauch ankam: "Natürlich schnauft man mehr, ist unkonzentriert und müde, aber der Körper steckt das in jungen Jahren leichter weg." Um nach der Geburt nicht aufzugeben, waren viel Selbstdisziplin und familiäre Unterstützung nötig: "Irgendwie geht’s immer - denn die Kinder kommen meistens dann, wann sie wollen." Elternschaftsforscherin Schadler teilt die Beobachtung, dass sich eine Schwangerschaft und eine Karriere nicht immer ideal planen lassen: "Gerade deswegen muss die Gesellschaft hier junge Frauen unterstützen."

Genau dafür kämpft Magdalena Goldinger an vorderster Front: Das 29-jährige Mitglied des ÖH-Vorsitzteams steckte mitten in ihren Studien des Wirtschaftsrechts an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Raumplanung an der Technischen Universität, als sie mit 21 schwanger wurde. "Zum Glück hatte ich in der Phase der Morgenübelkeit wenige Projektarbeiten oder Präsentationen", erinnert sich Goldinger. Die Schwangerschaft war für sie kein Grund lockerzulassen: "Ich war sogar fokussierter mit meinen Gedanken, da ich jetzt wirklich etwas weiterbringen musste." Ihre letzte Prüfung in Wirtschaftsrecht absolvierte sie fünf Tage vor der Geburt ihrer heute sechsjährigen Tochter Pauline.

Die bessere Vereinbarkeit von Studium, Kind und Beruf war eines der zentralen ÖH-Wahlkampfthemen der alleinerziehenden Mutter, die sich nun umorientiert hat und Erziehungswissenschaften an der pädagogischen Hochschule studiert. Denn Studierende mit Kindern - vor allem Alleinerziehende unter ihnen - leiden eindeutig häufiger unter finanziellen Schwierigkeiten als ihre kinderlosen Kollegen. Sind sie zum Zeitpunkt des Uni-Abschlusses über 27 Jahre alt (und daher auch nicht mehr bei den Eltern mitversichert), stellt sich das Problem der Absicherung. Der Eintritt in das allgemeine Sozialversicherungssystem (ASVG) oder den Versicherungsschutz für Selbstständige (SVA) setzt eine Berufstätigkeit voraus - etwas schwierig für schwangere Frauen kurz vor der Geburt. Ist das Kind allerdings schon auf der Welt, bekommt die Mutter Kinderbetreuungsgeld und ist damit automatisch krankenversichert. "Aus diesem Grund wählen die meisten jungen Mütter die längste Version, nicht weil sie drei Jahre zu Hause bleiben, sondern um in dieser Zeit versichert zu sein", so Goldinger.


Während mein Sohn geschlafen hat, habe ich gelernt.

Um den Alltag studierender Eltern zu erleichtern, würden schon kleine Maßnahmen reichen: etwa auf Seminare abgestimmte Betreuungszeiten oder ortsnahe Krippen, um Wegzeit zu sparen. Wie eine Mutter mit Kleinkind in den Hörsälen empfangen wird, unterscheide sich von Hochschule zu Hochschule. "Wir brauchen ein generelles gesellschaftliches Umdenken dahin, dass Kinder eben Teil unserer Gesellschaft sind", hofft Goldinger. Ihr Team arbeitet gerade an einem Forderungskatalog über die Vereinbarkeit von Kind und Studium, der demnächst an das Familienministerium übergeben wird.

Andere Frauen hingegen sehen keinen Bedarf, an der derzeitigen allgemeinen Lage etwas zu verbessern. Sie könnten sich sogar keine besseren Bedingungen für die Geburt ihres Kindes vorstellen als während des Studiums. Nina Irsigler etwa. Die Mutter eines drei Monate alten Buben hat soeben ihre Bakkalaureats-Prüfung an der Sigmund Freud Universität hinter sich und ist rundum zufrieden mit ihrer Situation: "Während mein Sohn geschlafen hat, habe ich gelernt. Und in der Zeit, in der Frauen normalerweise Karenz nehmen, werde ich meinen Magister abschließen", freut sich die Studentin. Das Klima an der Privatuniversität wäre sehr herzlich: "Wenn er schläft, ist es ohnehin kein Problem, ihn mitzunehmen. Und wenn er wach ist, sitzt er auf meinem Schoß - oder auf dem einer Studienkollegin."

Ihre Mutter wohne praktischerweise in der Nebenwohnung, der Freund, ein WEGA-Polizist, nehme sich viel Urlaub und habe seine Arbeitsstunden bereits reduziert. "Ohne ihn würde ich das nicht so gut schaffen", bekennt sie. "Wenn das Baby weint und ich den Kopf voll hab, übernimmt er oft und schickt mich raus, zu meinem Pferd. Da wird mein Kopf wieder frei." Hauptberuflich - also neben Studium und Baby - widmet sich Irsigler nämlich als Parelli-Trainerin dem Beziehungsaufbau zwischen Pferd und Mensch. Im Moment hält sie ihre Stunden eher unregelmäßig ab, aber das Baby sei kein grundsätzliches Hindernis. "Ich nehme den Kleinen mit, und die Kunden freuen sich."


Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich diese Situation akzeptieren konnte


Persönlich kenne sie keine anderen Studentinnen mit Kindern, tausche sich aber über das Babyforum mit anderen Jungmüttern aus: "Mein Eindruck ist sehr wohl, dass man als junge Mutter energischer auftreten muss, um ernst genommen zu werden." Vor allem in den Medien wird es den Frauen, die oft noch selbst auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind, nicht leicht gemacht. "Es entsteht das Bild: Egal wie man es macht, man macht’s falsch", klagt Irsigler. Deswegen versucht sie sich nicht darum zu kümmern, was andere über ihre Situation sagen: "Ich mache das, was mir das Baby zeigt und was sich richtig anfühlt. Damit fahren wir alle bis jetzt ganz gut."

Ob und wie gut sich ein Studium während der Schwangerschaft gestalten lässt, hänge sehr von deren Verlauf ab, erklärt Soziologin Cornelia Schadler: "Manche haben bis zum Tag der Geburt keine Beschwerden, andere kämpfen mit Übelkeit und Komplikationen."

In die zweite Kategorie fällt Danay Madera, eine strahlende, kugelbäuchige Mutter in spe. Ihr voraussichtlicher Entbindungstermin ist am 31. Jänner. Aufgrund vorzeitiger Wehen kam es in den vergangenen Monaten zu einer Unterbrechung ihrer sämtlichen Verpflichtungen: Sowohl ihr Teilzeitjob in einem Friseursalon als auch das Studium des Industrial Designs auf der Universität für angewandte Kunst Wien mussten vorerst auf Eis gelegt werden. "Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich diese Situation akzeptieren konnte", gibt die 25-Jährige offen zu. Angst vor Karriereeinbußen durch ihre Schwangerschaft mitten im Studium hat Madera nicht - "bei einem künstlerischen Studium hat man es da sicher leichter“, lacht sie. Weil ihr Freund, der als IT-Berater gut verdient, sie unterstützen kann, bleiben finanzielle Engpässe erst einmal aus. "Später möchte ich meinen Teil beitragen. Ich bin die Letzte, die als Hausfrau zu Hause sitzt."