Costa Rica: Diese paradiesische grüne Hölle

Costa Rica: Diese paradiesische grüne Hölle

Drei Jahre ihrer Kindheit verbrachte Marie-Thérèse Kerschbaumer in Costa Rica. Die Erinnerung daran schimmert in vielen ihrer Werke durch - und hat die Autorin, wie sie selbst sagt, ihr Leben lang gerettet.

Farben, Töne, Empfindungen: verschwommen wie in einem halb vergessenen Traum, heraufgerettet aus dem Niemandsland zwischen Erinnerung und dem trügerischen Gefühl, sich erinnern zu können. "Grün“, sagt Marie-Thérèse Kerschbaumer, "grün und dunkel. Papageienrufe.“

Vor ihr im Wiener Café Schottenring dampft eine Kanne Tee, draußen glänzt ein heller Vormittag Mitte März, die Bäume stehen immer noch winterkahl, also kein Grün und Dunkel und schon gar keine Papageienrufe, aber in diesem Moment ist Kerschbaumer weit weg: eine halbe Welt und fast ein Dreivierteljahrhundert, in San José, Costa Rica, 1938.

Kaum drei Jahre war sie damals. Das Kind einer Liebe, die so abenteuerlich und unmöglich war, dass sich in ihr die ganze fiebrige Verwirrung widerzuspiegeln scheint, die Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erfasst hatte.

Die Mutter: Tochter eines in den Bankrott geschlitterten österreichischen Fabrikanten, verhinderte Schauspielerin, vor einer Vernunftehe von zu Hause nach Frankreich geflohen - dort der Umstände halber Coiffeuse, spezialisiert auf Maniküre und Pediküre.

Der Vater: Bankierssohn aus Kuba, wegen eines zeitlebens mysteriös gebliebenen Vergehens, das mit Geld zu tun gehabt haben könnte, aber vielleicht auch mit einer Studentenrevolte in Havanna, nach Europa geflüchtet - dort Handelsreisender für Parfum.

Die Eltern hatten sich in Paris kennen gelernt, in einer Atmosphäre des eleganten Niedergangs, der sie auf eine Odyssee durch halb Europa führte, zum Teil gemeinsam, zum Teil voneinander getrennt: nach Schweden, in den spanischen Bürgerkrieg und wieder zurück nach Frankreich, wo Marie-Thérèse geboren wurde, und wenige Wochen später nach Zentralamerika.

Mitte Oktober 1936 schob sich ein Passagierdampfer in den Hafen von Puerto Limón an der Karibikküste von Costa Rica. An Deck Vater, Mutter und Marie-Thérèse, ein Säugling von sechs Wochen; im Frachtraum ein Gepäckstück, das in der Familie noch heute aufbewahrt wird: der Amerikakoffer.

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Costa Rica liegt auf jener Landbrücke, die Süd- und Nordamerika miteinander verbindet. Es ist ein Staat, von dem die Welt nur selten Notiz nimmt.

Die aufregendsten Nachrichten, die in den vergangenen Wochen aus Costa Rica kamen, betrafen eine Demonstration von Staatsbediensteten, die sich gegen die Anhebung der Mehrwertsteuer von 13 auf 14 Prozent und eine als zu gering empfundene Lohnrunde für den öffentlichen Dienst richtete. Daneben wäre noch ein schwelender Grenzkonflikt mit Nicaragua zu erwähnen, der je nach innenpolitischer Lage in beiden Ländern einmal mehr und dann wieder weniger ernst genommen wird.

Kriminalität, Instabilität, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Drogenkartelle? Von den Problemen, die viele Staaten in Zentralamerika quälen, lässt sich in Costa Rica kaum etwas bemerken. Regiert wird das Land von einer Frau, es ist seit Jahr und Tag neutral und verfügt offiziell nicht einmal über eine eigene Armee.

Dass die "Reiche Küste“ ein besonders friedlicher Flecken Erde ist, fiel schon frühen Forschungsreisenden angenehm auf. So notierte etwa der österreichische Entdecker Karl von Scherzer bereits in seinem 1856 erschienenen Buch "Die Republik Costa Rica“, das Land empfehle sich "vor allen andern Staaten im spanischen Amerika durch den glücklichen Verein vieler günstiger Umstände, nämlich … eines milden und gesunden Höhenklimas, einer unerschöpflichen Fruchtbarkeit und Fülle seines Bodens, einer Bevölkerung von vorherrschend weißer, spanischer Race und von harmlosem und freundlichem Charakter, endlich einer politischen Ruhe, Ordnung und Sicherheit des Eigenthums, wie sie in gleichem Grade nur in wenigen glücklichen Staaten Europa’s und Nord-Amerika’s gefunden wird“ (siehe auch Kasten Seite 88).

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Dass die Eltern von Marie-Thérèse Kerschbaumer nach Costa Rica aufbrachen, hatte vermutlich nur zum Teil mit diesem komfortablen Gesamtklima zu tun. In erster Linie wollte der Vater, der Europa nicht mehr leiden konnte und in Kuba noch nicht gelitten war, das Ende seiner Verbannung anderswo abwarten als im windigen, kalten Europa.

An den Tag, als der Dampfer im Hafen von Puerto Limón einlief, hat Kerschbaumer keine Erinnerung mehr - wie denn auch. Aber es mag eine Szene gewesen sein, wie sie die Schriftstellerin später im Roman "Ausfahrt“ schildert. Dort ist es ein Hafen auf Kuba, in dem ein Schiff anlegt: "Wasser. Die Bucht von Habana ruht im gleißenden Licht. Küstenschiffe am fernen Horizont. Bananendampfer und Steamer weit draußen, Barken und Karavellen auf tiefem Grund. Fangboote laufen aus.“

Kerschbaumer sollte ihre ersten drei Lebensjahre in Costa Rica verbringen. Dieser Phase der Kindheit fehlt das autobiografische Gedächtnis zwar weitgehend, dennoch hat die Zeit Erinnerungen hinterlassen - wenn auch so ferne, dass Kerschbaumer sie lange Zeit für Träume hielt. Was zudem geblieben ist: eine schmerzende Leerstelle in ihrem Leben.

Beides schimmert immer wieder in Kerschbaumers zwischen 1992 und 2000 entstandenem Zyklus "Die Fremde“, "Ausfahrt“ und "Fern“, den die Autorin selbst einmal eine "schief autobiografische Trilogie“ genannt hat. Die drei Bücher handeln vom Mädchen Barbarina, das aus der Ferne in ein Tiroler Dorf kommt und dort zur Frau heranwächst: ohne zu wissen, woher sie kommt, aber begleitet von der Ahnung, dass sie in frühester Kindheit etwas verloren hat. "Der Anfang lag weit zurück, … verlor sich über dem Wasser, vor dem Vergessen, vor dem Untergang der Welt“, heißt es in "Die Fremde“.

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Vom Hafen Puerto Limón hinauf nach San José, dem Regierungssitz Costa Ricas, der in der zentralen Hochebene des Landes auf über 1100 Meter Seehöhe liegt: eine reizlose Ansiedlung, von der selbst Reiseführer knapp anmerken, sie sei "keine Stadt zum Verlieben“.

Auch daran hat sich seit 150 Jahren nicht viel geändert. Schon der Forschungsreisende Karl von Scherzer macht 1856 keinen Hehl daraus, dass er San José als enttäuschend erlebte: "Unter den öffentlichen Gebäuden existiert nicht eines, das dem Europäer durch Schönheit oder Größe auffällt. Das Regierungsgebäude, die Kaserne mit der hölzernen Gallerie und hohen Fahnenstange, die Universität, das Theater, all das sind ganz unansehnliche Bauwerke, welche selbst als Privathäuser in jeder europäischen Hauptstadt für klein und armselig gelten würden.“

Das Kleinkind Marie-Thérèse kann das noch nicht bewusst wahrgenommen haben. In seinem Bewusstsein setzt sich vielmehr ein umfassendes Gefühl von Wärme, Schönheit und Geborgenheit fest. "Ein kleines Haus im Grünen. Bunte Bodenfliesen“, sagt die Autorin an diesem Märztag mehr als 70 Jahre später in Wien. "Und ein geliebter Mann mit wunderbaren schwarzen Locken“ - ihr Vater, der jetzt als Buchhalter arbeitete. In "Die Fremde“ wird Barbarina einer abwesenden Männergestalt nachtrauern, der sie den Namen "Costarica“ gibt.

Wenige konkrete Szenen sind Kerschbaumer im Gedächtnis geblieben, auch sie nur dunkel: eine heftige Diskussion zwischen ihrem Vater und anderen Männern - Arbeitern? Geschäftspartnern? Ein Unfall mit einer Pfanne heißem Öl, in die sich das Mädchen hineinsetzt: Der Vater hebt es aus der brennheißen Flüssigkeit heraus, wütend auf die Mutter, der er vorwirft, nicht aufgepasst zu haben.

Ansonsten nur Angenehmes: sagenhaft grüne Blätter. Tierstimmen. Wärme.

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In den Wäldern von Costa Rica lässt sich erahnen, welches Elementargefühl das Leben des Kindes Marie-Thérèse damals bestimmt haben mag: Dort tut sich eine sanfte grüne Hölle auf. Wobei "grün“ nur ein hilflos gewählter kleinster gemeinsamer Nenner für die Schattierungen all dessen ist, was hier wuchert, sich schlingt und wächst - Blätter, deren Unterseite silbrig glitzert; Farne, die wie Neon leuchten; Moose mit einem Stich ins Graue; die grashellen Knospen von Orchideen auf den braun gesprenkelten Stämmen jahrhundertealter Bäume.

Mehr als ein Viertel des Staatsgebiets von Costa Rica steht unter Naturschutz, weit über hundert Nationalparks und Reservate finden sich zwischen der Grenze zu Nicaragua im Norden und jener zu Panama im Süden des Landes. 14.000 Spezies von Pflanzen gedeihen hier, und ebenso viele Schmetterlingsarten gibt es.

Die guten klimatischen Bedingungen machen den eklatanten Mangel an Bodenschätzen wett, unter dem das Land andernfalls wohl wirtschaftlich leiden würde. So aber, mit einer durchschnittlichen Temperatur von 25 Grad und ausreichenden Niederschlägen, lässt sich gut von landwirtschaftlichen Produkten leben: Bananen, Kaffee, Zucker, Ananas und Kakao etwa. Wie ein "unermesslicher Paradiesgarten“ schien das Land dem österreichischen Forschungsreisenden Scherzer, und ähnlich muss es, unbewusst, die kleine Marie-Thérèse empfunden haben - und den Abschied daraus als Vertreibung.

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1939 trennten sich Marie-Thérèse Kerschbaumers Eltern. Die Mutter war erkrankt, sie wollte zurück nach Europa, sie ließ sich auch nicht durch den Krieg daran hindern, der dort bereits wütete. Wieder eine Schiffspassage, wieder unscharfe Erinnerungen, diesmal an eine Musikgruppe, die an Deck spielt: "Wahnsinnige Töne, wie von Orgeln oder Glocken. Drei Riesen in Schwarz, einer davon hält mir etwas entgegen“, sagt die Schriftstellerin.

Mit ihrer Mutter kehrt sie über Hamburg nach Tirol zurück: in die Heimat der Großeltern, die inzwischen ein Hotel betreiben - das letzte, das noch Juden akzeptiert. Viele davon warten dort darauf, aus Nazi-Deutschland ausreisen zu können, ihr Ziel liegt manchmal dort, wo Marie-Thérèse, inzwischen vier Jahre alt, ihr Kindheitsparadies und ihren Vater verloren hatte: den, wie es in "Die Fremde“ heißt, "dunklen Mann mit den schönen Händen“, der das Kind "aufhob mit den Armen, wie es nie mehr aufgehoben wird“, und der von da an die schmerzende Leerstelle in ihrem Leben sein würde. Tirol, das war eine fremde Welt: kälter, härter und liebloser als alles zuvor.

Was blieb, ist der Amerikakoffer, in dem kleine bunte Federn liegen, winzige, aus hauchdünnem Holz herausgeschnitzte Fächer und eine Nuss, die ihr der Vater irgendwann geschenkt hatte: Artefakte wie aus einem halb vergessenen Traum.

Aber auch noch etwas anderes sei ihr aus der Zeit in Costa Rica geblieben, sagt Kerschbaumer: "Eine Grunderinnerung, die mich wahrscheinlich mein Leben lang gerettet hat.“

Das Land selbst hat sie seither nie mehr betreten.