Die Banken-Bürokratie bringt Sparvereine zum Kippen

Die Banken-Bürokratie bringt Sparvereine zum Kippen

Die Banken-Bürokratie geht dem Geselligkeitssparen ans Eingemachte: Aus Sicherheitsgründen werden nun die Daten der Vereinsmitglieder verlangt. Doch dem verwehren sich die zumeist betagten Sparer.

Von Ruth Reitmeier

In der Pizzeria „Caorle“ in Wien-Hernals stehen Hascheehörnchen auf dem Menüplan. Gleich beim Eingang befindet sich der Pizzaofen. Die Speisekarte bietet italienische und österreichische Küche, das Lokal selbst sieht aus, wie ein Vorstadt-Gasthaus eben aussieht. So streng nimmt man es hier nicht, man will ein breites Publikum ansprechen. So passt es auch ins Konzept, dass die Pizzeria bis vor wenigen Monaten einen Sparverein beheimatete. Den gibt es allerdings nicht mehr, er wurde Ende November 2013, im Zuge der letzten Auszahlung, stillgelegt. Das plötzliche Aus des Sparvereins Pizzeria „Caorle“ hat nichts mit ermüdeten Vereinsfunktionären oder Mitgliedermangel zu tun. Es liegt an bürokratischen Auflagen der Bank – konkret der Bawag P.S.K. Die Bank verlangt ab sofort die Legitimation aller Sparvereinsmitglieder. Die „neuen“ gesetzlichen Anforderungen, die jetzt als Erklärung für den Papierkrieg im Sparverein herhalten müssen, sind so neu jedenfalls nicht. Es geht konkret um Paragraf 95 des Bankwesengesetzes, wonach die Gelder beim Kreditinstitut im Namen und auf Rechnung der einzelnen Sparvereinsmitglieder anzulegen sind. „Daher ist es notwendig, dass dem Kreditinstitut jeder Sparer bekannt und ihm das jeweilige Guthaben zuordenbar ist“, sagt Henriette Mußnig, Pressesprecherin der Bawag P.S.K.

Das Bankwesengesetz stammt aus dem Jahr 1993. Doch bisher hatte man es damit nicht so genau genommen: Auf dem Sparvereinskonto hatte jedes Mitglied eine Nummer für seine Einlagen, persönlich bekannt war der Sparer nur im Verein. Der Bank reichte ein Auszug aus dem Vereinsregister, eine Liste der Mitglieder sowie die Zeichnungsberechtigung jener, die für den Sparverein die Bankgeschäfte erledigen. Üblicherweise sind das der Obmann und der Kassier.

Anderen Geldinstituten genügt das weiterhin, wie etwa der Raiffeisen Regionalbank Gänserndorf. „Es ist derzeit keine Änderung geplant“, sagt Raiffeisen-Sprecher Peter Wesely. Neben der Bawag P.S.K. haben viele Sparvereine ihre Konten bei den Raiffeisenbanken.
Bei der Bawag P.S.K. reicht die Namensliste der Sparer jedenfalls nicht mehr. Begründet wird dies mit den im Rahmen der Einlagensicherung verpflichtend vorgesehenen Stresstests. Seit 2013 müssen die österreichischen Banken mit unangekündigten Prüfungen der Finanzmarktaufsicht rechnen und deshalb jederzeit in der Lage sein, den Ernstfall – also den Bankrott – zu simulieren. Dazu gehört, die Daten der Bankkunden und deren Einlagen auf Knopfdruck an die Einlagensicherungsbehörde zu senden. Und dazu zählen streng genommen auch die Guthaben im Sparverein. Aus Sicht der Bank hat sich damit die Dringlichkeit, den Gesetzestext wörtlich einzuhalten und Sparvereine nicht mehr im Paket, sondern jedes Mitglied quasi als Direkt-Kontoinhaber zu führen, erhöht. „Der Sinn der Sache ist der Schutz des einzelnen Sparers im Ernstfall“, betont Mußnig. Soweit, so plausibel. Das Problem dabei: So wurde es den Sparvereinen nicht erklärt, und diese sehen sich nun mit einer administrativen Herkules-aufgabe konfrontiert, deren Sinnhaftigkeit sich ihnen nicht erschließt.

Geld für die Enkelkinder
Konkret: Die Sparvereine müssen die persönlichen Daten des einzelnen Sparers sowie des Vereins in ein Formular eintragen, jedes Mitglied muss ein gültiges Ausweisdokument vorlegen sowie eine Kopie abgeben. Im Zuge dessen werden weitere Kontoverbindungen mit der Bawag P.S.K. erfasst. Am Ende soll der Sparer unterschreiben. Und daran scheiterte letztlich der Sparverein Pizzeria „Caorle“. Denn obwohl Obmann Siegfried Böhm willens war, quasi als Freiwilliger im Dienste der Bawag P.S.K.-Filiale Thaliastraße die Daten von 67 Mitgliedern aufzunehmen, die Ausweise zu kontrollieren, die Kopien einzusammeln und die Unterlagen sauber gebündelt der Bank zu übergeben – die Sparer spielten nicht mit. Böhm: „Rund 80 Prozent unserer Mitglieder wollten das nicht unterschreiben. Und darum haben wir beschlossen, aufzuhören.“ Seit 1978 betreut er den Sparverein, der pensionierte Gastwirt hat ihn in mehreren Wirtsstuben, die er in seiner Berufslaufbahn innehatte, geleitet. In der letzten Station des Vereins, der Pizzeria „Caorle“, von Sohn Manfred Böhm geführt, zeigt der Obmann ein wenig wehmütig, wer bei den Clubtreffen wo saß: Der große Tisch in der Mitte war jedenfalls für den Vorstand reserviert. Einmal im Monat kam man hier zusammen, elf Monate wurde gespart, Ende November ausbezahlt – zuletzt kamen 71.000 Euro zusammen. Die Mitglieder waren fast ausschließlich Pensionisten, zwischen 65 und 85 Jahre alt. Die monatlichen Einlagen bewegten sich zwischen 20 und 150 Euro pro Sparer. „Viele von uns haben das Geld für die Enkelkinder für Weihnachten weggelegt“, sagt Böhm.

In der „Gaswirtschaft Floh“ im niederösterreichischen Ort Langenlebarn ist die Welt der Geselligkeitssparer intakt, ein schmucker Sparvereinskasten ziert das „Einheimischen-Eck“, wie Wirt Josef Floh es nennt, in der Gaststube. Wer eines der begehrten Abteile im Sparvereinskasten bekommt, muss allerdings regelmäßig einzahlen. Über Platzvergabe und Spareifer wacht Gerda Floh, Schwester des Wirts und Obfrau des Sparvereins. Zirka alle sechs Wochen werden die Abteile entleert und die Ersparnisse bei der Raiffeisenbank Tulln eingezahlt. „Diese Art des Sparens ist wie ein Ritual, und jeder hat dabei sein eigenes System“, sagt Josef Floh.
Bereits im März 2013 hat die Bawag P.S.K. mit der Legitimation langjähriger Sparvereinsmitglieder begonnen, zunächst im Pilotprojekt mit rund 500 Vereinen, gegen Jahresende wurde die „Operation“ dann umfassend durchgezogen. Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt. Denn in die letzten Wochen im ausgehenden Jahr fallen auch die Auszahlungstermine der Vereine, und dabei schauen fast alle Mitglieder persönlich vorbei. Ein guter Zeitpunkt also, um die unfrohe Botschaft zu verbreiten. Binnen weniger Wochen sollen die Vereine nun die aufwendige Administrationsaufgabe erledigt haben, Deadline ist der 31. März 2014. Dann muss die Legitimation der Sparer bei der Bawag P.S.K. abgeschlossen sein.

Das jähe Ende des Sparvereins Pizzeria „Caorle“ ist kein Einzelfall. Auch der Sparverein im „Schutzhaus Döring“, im zwölften Wiener Gemeindebezirk, wurde am 22. November 2013, nach 26 Jahren, aufgelöst. Geführt wurde er von der Tante des Gastwirts, die sich außerstande sah, den bürokratischen Aufwand zu stemmen, den die Legitimation der rund 130 Mitglieder bedeutet hätte. Laut Gastwirt Siegfried Döring traf sich der harte Kern des Vereins gar wöchentlich. Für ein Gasthaus bringt ein Sparverein verlässliche Umsätze. „Sie wollen sich zwar weiterhin hier treffen, aber der Bezug ist jetzt nicht mehr da“, sagt Döring.

„Ihr Sparverein hat lange Tradition …“
Szenenwechsel nach Kärnten, wo sich Sparvereine großer Beliebtheit erfreuen. Gernot Pernull, Obmann des Ende November 2013 aufgelösten Sparvereins Landskron, berichtet vom Schreiben der Bank, das mit den Worten begann: „Ihr Sparverein hat lange Tradition …“ – „Und genau diese Tradition wurde zerstört“, sagt Pernull. Das Bankwesengesetz, hieß es weiter, sehe eine Ausweispflicht für alle Sparvereinsmitglieder vor. Damit solle Geldwäsche und Terrorismus vorgebeugt werden. „Mehr als die Hälfte unserer Mitglieder war dann nicht mehr bereit, weiterzumachen. Der Sparverein Landskron war 1958 gegründet worden und zählte zuletzt rund 400 Mitglieder.

Christian Bammer vom Verband Österreichischer Sparer (VÖS), ist sich der Problematik bewusst: „Die Leute denken: Jetzt komme ich seit 20 Jahren in den Sparverein, und auf einmal werde ich gefragt, wer ich bin.“ Im VÖS laufen seither die Telefone heiß. Doch das Gros der Vereine, die wegen der Legitimierung im Verband anriefen, ließen sich überzeugen weiterzumachen. War man ursprünglich von Verlusten von bis zu vier Prozent der im VÖS organisierten Vereine ausgegangen, zeigen die aktuellen Zahlen, dass diese deutlich höher liegen werden. Bisher haben laut Bammer gut acht Prozent das Handtuch geworfen. Zwar sei die Legitimationsprozedur nicht der einzige Auflösungsgrund, sie ist aber der mit Abstand gewichtigste.

Der VÖS positioniert sich als Interessensverband von aktuell 2560 Sparvereinen. Im Vorjahr kamen rund 2,4 Milliarden Euro an Einlagen zusammen. Dabei sind bei Weitem nicht alle österreichischen Sparvereine im Verband organisiert, Schätzungen der Gesamtzahl liegen zwischen 14.000 und 16.000. Auch der VÖS selbst ist ein Verein, arbeitet allerdings seit 48 Jahren exklusiv mit der Bawag P.S.K. zusammen und ist beim Bawag P.S.K. Betriebsservice beheimatet – jener Sparte also, die große Kundengruppen wie die Mitglieder des ÖGB, des Pensionistenverbands und des Zentralverbands der Kleingärtner Österreichs betreut. Zirka drei Viertel der Sparvereine im VÖS sind in Betrieben angesiedelt, die übrigen vor allem in Gasthäusern.

Dass den Sparern die Neuerung nicht geheuer ist, verwundert nicht. Wie beschrieben, wurde den Vereinen und ihren Mitgliedern nicht plausibel erklärt, warum die Legitimation plötzlich notwendig sei. Zum Kommunikationsdesaster gesellt sich schließlich noch ein Marketingunfall, der vor allem ältere Sparer verschreckt. Es geht dabei um das Legitimationsformular der Bawag P.S.K. Das Blatt ist beidseitig bedruckt, auf der Vorderseite wird eine Maestro-Karte beworben, direkt darunter sind die Daten des Sparvereinsmitglieds einzutragen. Auf der Rückseite des Formulars wird ein separates Sparkonto mit dem verheißungsvollen Namen VorteilsweltCard Anlagekonto eröffnet und eine dazugehörige Sparkarte beantragt. Es handelt sich dabei um eine Bankomatkarte, also mit Chip und PIN-Code. Konto und Karte sind zwar kostenlos, der Schönheitsfehler des Pakets liegt tiefer: Bei vielen Sparvereinsmitgliedern entsteht der Eindruck, dass sie diese Karte nehmen müssten. Auf Anfrage bei der Bawag P.S.K. stellt sich heraus, dass dem nicht so ist: „Dieses Produkt ist selbstverständlich ein Angebot und muss nicht zwingend im Zusammenhang mit der Legitimation abgeschlossen werden.“

Selbstverständlich ist hier das falsche Wort, denn selbst Profis macht das Formular stutzig: „Man kann nicht erkennen, dass die Karte für die Legitimierung des Sparvereinsmitglieds gar nicht notwendig ist“, betont Konsumentenschützerin Benedikta Rupprecht von der Arbeiterkammer Wien. Rupprecht weist zudem darauf hin, dass viele Ältere keine weiteren Bankkarten mit PIN-Code wollen – nicht einmal gratis.

Indessen soll der Sparverein entstaubt, der Spargedanke ins 21. Jahrhundert übersetzt werden. „Wir wollen ihn weiterentwickeln, neue, jüngere Zielgruppen ansprechen“, sagt Bammer. So wird beim VÖS etwa an eine Sparvereins-App gedacht. Soweit, so gut, nur gehören eben viele Stammmitglieder einer Generation an, die an der Glitzerwelt des digitalen Banking nicht teilnehmen mag – zumindest nicht vollzählig. Den Reiz des Sparvereins macht gerade dieses unkompliziert Unmittelbare aus: regelmäßig ein paar Euro in bar auf die Seite zu legen, ohne dabei Maschinen bedienen zu müssen, und dabei ein wenig Abwechslung in geselliger Runde im Gasthaus zu erleben. Hinzu kommt der Gruppendruck, der von einigen durchaus geschätzt wird. „Natürlich kann jeder auch ohne Sparverein regelmäßig ein paar Euro auf die hohe Kante legen. Das Problem ist nur: Man tut es nicht“, sagt Ex-Sparvereinsobmann Böhm.

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Bild: Michael Rausch-Schott für profil