EU-Saatgutverordnung und Sortenvielfalt: Körner-Blues

Mit Liebe haben engagierte Züchter zahlreiche beinahe vergessene Obst- und Gemüsesorten wiederbelebt – mit großem Erfolg bei Konsumenten und Handel. Die neue EU-Saatgutverordnung droht jedoch die Feinarbeit der Züchter ­zunichtezumachen.

Von Peter Sempelmann

Sie heißen Brandywine, Himmelsstürmer, Oranger König, Teufelshörner oder Venusbrüstchen und sind der ganze Stolz des Burgenländers Erich Stekovics. Die Namen stehen für fünf von inzwischen mehr als 3500 Paradeiser- und Chili-Arten, die der Vorzeige-Landwirt anpflanzt. Die Früchte der Sorten sind so unterschiedlich wie ihre Namen. Manche sind klein wie Ribiseln, andere groß wie zwei geballte Fäuste. Einige sind saftig-süß wie Kirschen, dann gibt es wieder mehlig-fruchtige mit einem so intensiven Geschmack, wie ihn viele bloß von konzentriertem Tomatenmark kennen.

Im Sommer, wenn der ehrfürchtig „Kaiser der Paradeiser“ genannte Stekovics zu seinem jährlichen Paradeiser-Festival nach Frauenkirchen lädt, leuchten seine Früchte in bunten Gelb-, Rot- und Grüntönen, und die paradiesische Vielfalt lässt die Besucher ebenso staunen wie die ursprünglich-archaische Form, in der die zehntausenden Pflanzen auf den Feldern wuchern. Stekovics hält nichts von Regeln, nach denen Paradeiser an Stäben oder Schnüren hochgezogen werden müssen. Auch nichts davon, dass die Pflanzen ausgegeizt, also die Seitentriebe entfernt werden müssen, damit sie mehr und größere Früchte tragen. Stattdessen lässt er sie auf Strohmulch am Boden kriechend wuchern, wie es der Natur beliebt. Der Ertrag, den seine Pflanzen abwerfen, spricht für sich. „Die alten Sorten sind wesentlich widerstandsfähiger als hochgezüchtete Industriesaaten. Für das Ausgeizen und Hochbinden spricht eigentlich nur, wenn man eine Beschäftigung braucht oder die Nachbarn mit meterhohen Stauden beeindrucken will“, sagt Stekovics und erklärt, dass seine Pflanzen wesentlich weniger anfällig für Krankheiten wie die Braunfäule sind.

„Dann können wir zusperren"
Die Leidenschaft des Burgenländers für die Natur und deren Sortenvielfalt ist unerschöpflich. Laufend kultiviert er weitere alte Saaten und Raritäten. Kein Wunder, dass der Paradeiser-Kaiser bereits ein beliebter Lieferant der Spitzengastronomie und des Handels ist. Seine Früchte werden etwa im „Steirereck“ in Wien oder im „Floh“ in Langenlebarn verkocht und in Wien beim Meinl am Graben und im Bio-Sortiment der Supermarktkette Spar verkauft. Trotz des Erfolgs fürchtet Stekovics aber jetzt um seine Existenz. Seine Passion für die Geschmacksvielfalt könnte von einem Gegner gestoppt werden, der für ihn schlimmer ist als jeder Pflanzenschädling und zerstörerischer als jedes Hochwasser: die von der EU-Kommission in Brüssel angestrebte neue Saatgut-Verordnung, die vor den Europawahlen im Mai nächsten Jahres verabschiedet werden soll. „Der Gesetzesentwurf macht den Handel mit den alten Saaten beinahe unmöglich. Wenn er in dieser Form kommt, können wir zusperren“, sagt Stekovics.
Für Stekovics und alle anderen, die Pflanzenraritäten pflegen und sie als Bereicherung des von Normen geprägten Angebots in den Obst- und Gemüseregalen der europäischen Supermärkte sehen, wäre die neue Saatgutverordnung der EU tatsächlich eine Katastrophe. Der Gesetzesentwurf vom 6. Mai hat die schon im Vorfeld europaweit massiven Proteste der Gegner weiter verstärkt. Die paneuropäische Initiative „Seed For All“, die in Österreich von den Initiativen Global 2000 und der Arche Noah – dem Verein zur Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt – angeführt wird, befürchtet dadurch dramatische Auswirkungen auf die Biodiversität. In einem offenen Brief wurden die EU und ihre Kommissäre aufgerufen, die Verordnung zu überarbeiten. Auch in der Öffentlichkeit formiert sich Protest. Global 2000 hat alleine in Österreich über 250.000 Unterschriften gegen die geplanten Bestimmungen gesammelt. Österreichs Biolandwirte und ihr Verband BAF (Verband für biologische Ackerfrüchte) laufen Sturm gegen die Verordnung, und nicht zuletzt hat sich auch der Handel eindeutig auf der Seite der Gegner positioniert. Prominente Unterstützung bekommen die Kritiker etwa von Gerhard Drexel, dem Vorstandsvorsitzenden von Spar Österreich. „Das ist der größte Anschlag auf die Artenvielfalt und auf den Feinkostladen Österreich, seit es die EU gibt“, ist Drexel empört.

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Seit mehreren Jahren führt Spar Pflanzen, Samen und Früchte aller Sorten im Sortiment. In Kooperation mit der Arche Noah bietet die Handelskette etwa seit 2012 Samen von Bio-Raritäten wie der „Etsdorfer Buschbohne“ oder der „Bio-Gurke Dekan“ an. Zudem vertreibt Spar in seinen 1500 Märkten österreichweit Bio-Pflanzen und Gemüse des Paradeiser-Kaisers Stekovics. Die stark steigende Nachfrage nach den alten Sorten ist für Drexel ein Beweis für das Geschmacks-, Gesundheits- und Traditionsbewusstsein der Konsumenten. Drexel: „Der Wahnsinn ist, dass der Entwurf der Saatgutverordnung unsere Bemühungen zur Bewahrung und Verbreitung alter Sorten zunichtemacht! Nach der vorliegenden Verordnung müssten wir all diese Produkte in unseren Märkten aus den Regalen nehmen, da der Verkauf nur noch Kleinbauern in Ab-Hof-Verkäufen erlaubt wäre. Die Kunden werden damit vom Angebot an Sortenraritäten komplett abgeschnitten. Ihre Wahlmöglichkeit wird massiv eingeschränkt, statt sie zu schützen.“

„In ihrer letzten Form wurde die Verordnung zwar leicht nachgebessert, das ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein“, attestiert auch Iga Niznik, politische Referentin der Arche Noah, und erklärt die gröbsten Mängel in der geplanten Saatgutverordnung: „Das Bereitstellen von Saatgut von Nischensorten wäre demnach nur noch Betrieben möglich, die maximal zwei Millionen Euro Jahresumsatz und höchstens zehn Mitarbeiter haben.“ Eine weitere unzulässige Einschränkung wäre, dass die bereitgestellten Mengen von Saatgut „klein“ sein müssen, wobei „klein“ nicht näher definiert ist. Niznik: „In der Praxis bedeutet das, dass nicht-industrielles Saatgut und damit auch die Pflanzen und Früchte zum Nischendasein verdammt sind, egal wie groß die Nachfrage ist.“ Mengenbeschränkungen für den Anbau von Vermehrungsgut von nicht-industriellen Sorten gibt es jetzt schon. Sie liegen im Promille-Bereich der für die jeweilige Art bestimmten Flächen. Künftig soll Saatgut von alten Sorten nur noch in der „Ursprungsregion“angebaut werden dürfen. Wer den Handel beliefern will, müsse daher selbst über mehrere Jahre hinweg Saatgut kultivieren, um dem Gesetzesentwurf zu entsprechen. „Das kommt den großen, multinationalen Konzernen zu Gute. Dabei werden bereits heute 75 Prozent des weltweiten Saatgut-Marktes von zehn Konzernen bestimmt“, entrüstet sich die Arche-Noah-Referentin: „Wir stellen infrage, warum Behörden vorschreiben, welches Obst, Gemüse und Getreide verfügbar sein soll und welches nicht. Stattdessen sollen die Konsumenten und der Markt entscheiden, welche Früchte sie kaufen können und wollen.“

„Die EU will künstliche und unsinnige Restriktionen einführen
Auch im Rewe-Konzern steht man dem Entwurf zur neuen EU-Saatgutverordnung fassungslos gegenüber. Rewe-Vorstandsvorsitzender Frank Hensel hat gemeinsam mit Martina Hörmer, der Geschäftsführerin der Bio-Marke Ja! Natürlich, einen offenen Protestbrief an die EU verfasst. Hensel zu profil: „Der Entwurf ist in weiten Teilen unbefriedigend und schadet der Vielfalt, die die Natur uns bietet. Die EU will künstliche und unsinnige Restriktionen einführen. Es kann nicht Ziel der EU sein, einen vorhandenen Reichtum an Nahrungsmitteln bewusst und absichtlich zu zerstören und in einen Puritanismus überzuführen.“ Der Erhalt der Sortenvielfalt betreffe schließlich nicht nur Hobbygärtner und Menschen, die gerne mal etwas Ausgefallenes probieren möchten. Hensel: „Hier geht es um eine grundlegende Thematik, nämlich die zukünftige Ernährungssicherheit, und die betrifft uns alle.“ Die EU gebe vor, die Verbraucher vor unsicherem Saatgut schützen zu wollen, dabei sei die Verordnung besonders für kleinere, innovative landwirtschaftliche Betriebe eine unzumutbare Belastung. Viele unter ihnen würden vor dem Aus stehen. Hensel: „Die gesamte Rewe International AG bekundet daher die hundertprozentige Unterstützung für die Bemühungen von Global 2000, Arche Noah und den anderen Mitstreitern. Wir engagieren uns unermüdlich für eine vernünftige Lösung.“

Die Sorge um die in den letzten Jahrzehnten zu bedeutenden Marktteilnehmern gewordenen österreichischen Bio-Landwirte ist tatsächlich nicht unbegründet. Günter Achleitner, der von seinem Biohof in Eferding aus den österreichischen und den süddeutschen Biohandel und zahlreiche Gastronomiebetriebe beliefert, versteht die Welt nicht mehr. „Eine der Bestimmungen in der Verordnung sagt beispielsweise, dass alte Sorten nur dann angebaut werden dürfen, wenn sie in einem Gebiet schon seit jeher angebaut wurden. Aber für welche Pflanzen gilt das schon? Auch Tomaten und Erdäpfel sind erst aus Übersee nach Europa gekommen.“ In den vergangenen Jahren habe er erfolgreich eine russische Gurkenart kultiviert, die besonders aromatisch ist und unter den klimatischen Bedingungen im Eferdinger Becken sehr gut gedeiht. „Was ist damit? Darf ich die dann nicht mehr anbauen?“, fragt Achleitner und fürchtet einen langen, aussichtslosen Kampf, der ihn noch schlimmer treffen könnte als das Hochwasser, das seine Felder meterhoch überflutet hat. Selbst wenn die Schäden enorm sind und das Wasser einen Großteil seiner Ernte vernichtet hat: Mit Überschwemmungen und deren Folgen hat Achleitner zu leben gelernt. Die neuen EU-Richtlinien drohen seinen Betrieb dagegen in den Grundlagen zu zerstören.

Ja! Natürlich-Geschäftsführerin Martina Hörmer sieht das ähnlich. „Wenn für die Biobetriebe, die wir als Partner haben, die Bürokratie und der Kostenaufwand zu hoch sind, beraubt man sie ihrer Basis. Für diese Betriebe, aber auch für uns alle steht viel auf dem Spiel“, erklärt sie. Als Biomarke sei man sich der Verantwortung für den Erhalt der biologischen Arten- und Sortenvielfalt bewusst und engagiere sich daher dafür, alte Sorten und Raritäten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen: „Das ist sehr wichtig, weil die Raritäten verschwinden, wenn man sie nicht fördert, breitflächig anbaut und damit nutzt“. Die über ein Jahrzehnt andauernde Aufbauarbeit sei nun allerdings bedroht. Hörmer: „Durch die neue Saatgutverordnung würde die Arbeit zum Erliegen kommen. Alles, was wir aufgebaut haben, wäre in dieser Form in der Zukunft nicht mehr machbar. Wir müssten das bestehende Angebot radikal einschränken. Für uns alle wäre das dezidiert ein riesiger Rückschritt.“

Gerhard Zoubek (Foto), der in Glinzendorf bei Wien den Biohof Adamah bewirtschaftet und die Bewohner der Großstadt mit seinen BioKistln beliefert, hofft angesichts der massiven Unterstützung aus der Bevölkerung, der Wirtschaft und auch von Teilen der österreichischen Politik – Anfang Juni wurde die Saatgutverordnung im EU-Ausschuss des österreichischen Bundesrats diskutiert – auf langwierige und zähe Verhandlungen in der EU, die am Ende zu nichts führen. „Das einzige Saatgut, dessen Handel von der EU reglementiert sein sollte, ist industriell aufbereitetes, genmanipuliertes oder jenes mit speziellem Pflanzenschutz. Die Natur hat doch immer wieder neue Sorten hervorgebracht. Das ist die Evolution. Diese verhindern zu wollen, ist doch Unsinn“, sagt er. Und er setzt auch auf die Intelligenz und die Geschmackssicherheit der Konsumenten: „Die suchen doch den besonderen Geschmack und nicht Früchte, die aus dem globalen Saatgut kommen und nur einem Mittelwert entsprechen. Es geht dabei um die grundsätzliche Wertschätzung der Nahrungsmittel, nicht um den Ertrag und Früchte, die alle gleich aussehen.“

Wenn alles nichts helfe, dann werde Zoubek seine alten Sorten eben ohne offizielle Genehmigung anbauen. Ein Schritt, den auch Paradeiser-Kaiser Stekovics ankündigt. „Ich kann doch nicht für jede meiner über 3500 Sorten 18-seitige Genehmigungsformulare ausfüllen und für jede Sorte 1000 Euro Genehmigungsgebühr bezahlen. Da müsste ich jedes Jahr über 60.000 Seiten Papier bearbeiten und dreieinhalb Millionen Euro zahlen“, sagt er und hofft, dass die Stimmen zugunsten der Artenvielfalt auch in anderen europäi-schen Ländern noch weiter zunehmen. Vorerst sind jedoch in der EU noch die Befürworter der neuen Saatgutverordnung in der Mehrzahl. Stekovics: „Leider wird das Thema in der EU nicht vom Umweltausschuss, sondern vom Landwirtschaftsausschuss behandelt, und dort sind bisher nur Österreich, Dänemark und Großbritannien dagegen.“