Sascha Köllnreitner: „Extremsport ist ein Wohlstandsphänomen“

Der österreichische Filmemacher Sascha Köllnreitner, der einen Dokumentarfilm über Extremsport drehte, über Selbstaufgabe, Heldentum und die Lust, der Endlichkeit ein Schnippchen zu schlagen.

Interview: Georges Desrues

profil: Ein Ausdauer-Radfahrer, ein Taucher und ein Wingsuit-Springer – auf den ersten Blick scheint die drei Protagonisten ihres Dokumentarfilms kaum etwas zu verbinden. Außer, dass sie alle drei ziemlich extreme Outdoor-Sportarten an spektakulären Schauplätzen betreiben. Ging es Ihnen als Regisseur etwa nur darum, starke Actionszenen in schöne Bilder zu packen?
Köllnreitner: Was die drei vor allem verbindet, ist die Selbstaufgabe ihrem Sport gegenüber und die Leidenschaft für ihre Tätigkeit. Freilich sind die prachtvollen Schauplätze gewissermaßen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, und es ist ein ziemliches Vergnügen, eine Geschichte mit solchen Bildern erzählen zu dürfen. Aber in Wahrheit ging es uns gar nicht darum, einen Film über Extremsportarten zu drehen, sondern Fragen zu stellen, wie zum Beispiel, was den Menschen dazu treibt, etwas Übermenschliches zu leisten und mehr Risiko als andere einzugehen.

profil: Inwiefern spiegeln solch extreme Sportarten den Zustand der Gesellschaft wider, obwohl sie von der Mehrheit der Bevölkerung nicht praktiziert werden?
Köllnreitner: Es gibt dazu ein Zitat von Jürgen Habermas: „Sport ist die konzentrierte Darstellung der Grundprinzipien unserer Gesellschaft.“ Dass in unserer modernen westlichen Welt so etwas wie „Extremsport“ überhaupt existiert, sagt schon sehr viel aus und ist zweifellos ein Wohlstandsphänomen. Aber äußerstes Engagement wird heute von zahlreichen Menschen verlangt, etwa in wirtschaftlichen und anderen Berufen. Da stellt sich die Frage, ob jene, die mehr Risiko eingehen, schlussendlich tatsächlich auch erfolgreicher sind. Das ist es, was der Extremsport eindringlich ausdrückt, weil der Grat zwischen Erfolg und Scheitern besonders schmal ist.

profil: Dennoch handelt es sich um Outdoor-Sportarten, die anders als etwa das Wandern, das Schifahren oder normales Radfahren von kaum jemandem betrieben werden. Geht es da nicht doch einzig und allein um das Spektakel?
Köllnreitner: Nicht in unserem Film, da geht es darum, dass drei konkrete Menschen erzählen, was sie antreibt, wie sie mit ihrer Leidenschaft leben und wie weit sie dafür gehen würden. Um sehr persönliche Erzählweisen also, fast wie in einem guten Spielfilm.

profil: Sie sprechen von Heldentaten – darunter verstand man in früheren Zeiten Handlungen, die die gesamte Menschheit oder zumindest eine Gruppe von Menschen weitergebracht und bereichert haben. Hier aber geht es doch nur um für den Normalverbraucher kaum reproduzierbare Einzelleistungen.
Köllnreitner: Dass sie nicht reproduzierbar sind, macht diese Taten ja erst zu Heldentaten. Menschen, die Grenzen überschritten haben und sich dafür gequält haben, galten immer als Pioniere und haben im idealen Fall neue Länder oder Medikationen entdeckt. Ob es nun der Menschheitsgeschichte in irgendeiner Weise dienlich ist, wenn jemand knapp an einer Felsklippe entlang fliegt, wie das ein Wingsuit-Springer tut, bleibt freilich dahingestellt. Dennoch denke ich, dass der Geist dieses Menschenschlages essenziell ist für ein Vorankommen unserer Spezies.

profil: Nun sind zumindest der Apnoe-Taucher und der Wingsuit-Springer regelrechte Stars im Internet, wo ihre Videos millionenfach angeklickt werden. Könnte man also nicht annehmen, dass das ihre wahre Motivation ist: durch spektakuläre Aufnahmen einfach herauszuragen aus der Bilderflut, die heute allerorts herrscht?
Köllnreitner: Zum Teil ist das sicher richtig. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann, der in unserem Film wiederholt zu Wort kommt, spricht in diesem Zusammenhang von Ikonomanie. Damit meint er, dass in unserer Gesellschaft so etwas wie ein Wahn, eine Sucht nach Bildern herrscht. Liessmann glaubt darin den Versuch zu erkennen, der Endlichkeit über die Bilder ein Schnippchen zu schlagen. Die berühmten 15 Minuten Ruhm, die jedem Menschen im Laufe seines Lebens angeblich zustehen, haben sich heute auf noch weniger Minuten reduziert. Viele Leute überlegen sich, was sie Verrücktes tun können, um auf Internetseiten wie etwa YouTube für die Dauer einiger weniger Minuten oder gar nur einiger Sekunden möglichst viel Aufsehen zu erregen.

profil: Als Felix Baumgartner seinen Stratosphärensprung absolvierte, haben Wissenschafter gemeint, dass es sich dabei um ein spektakuläres, aber rein mediales Ereignis handelte, das der Wissenschaft nichts an Erkenntnissen bringe. Würde das nicht bedeuten, dass es bei solchen Leistungen um viel Effekt mit wenig Inhalt geht?
Köllnreitner: Da ist sicher was dran. Bei Baumgartner kommt noch der ganze technische und finanzielle Aufwand dazu, der aufgebracht wurde, um diesen Effekt zu erzielen.

profil: Wie erklären die Männer, dass sie sich für solche Sportarten entschieden haben und nicht etwa für Tennis oder Fußball, wo das Verletzungsrisiko geringer und der Verdienst höher ist?
Köllnreitner: Aufgefallen ist mir bei so gut wie allen Extremsportlern, dass sie sich nicht als solche bezeichnen würden. Diese Menschen betrachten das, was sie machen, als natürliche Progression – und nicht als etwas Extremes. Für einen Wingsuit-Springer etwa gab es früher den Fallschirm, danach kam Basejump und jetzt eben der Wingsuit, mit dem man sich irgendwo runterlässt. Diese Menschen durch- und erleben willentlich Dinge auf sehr persönlicher Ebene, die rational nicht zu erklären sind und die mit Sicherheit ihr Dasein bereichern. Offenbar ist es ihnen wert, dabei eventuell frühzeitig das Leben zu verlieren.

profil: Sehen Sie nicht auch in den sich häufenden Dopingskandalen das Problem, dass stetiges Wachstum, wie in anderen Bereichen des Lebens unaufhörlich gefordert, in dieser Form gar nicht mehr möglich ist?
Köllnreitner: Das ist genau der Punkt. Die Dopingfälle sind ein Zeichen dafür, dass alles irgendwo ansteht. Und dass selbst in Breitensportarten wie Laufen oder Radfahren ohne Doping kein Weiterkommen mehr möglich ist. Aber offenbar ist es stark in uns verwurzelt, dass wir dennoch versuchen, um jeden Preis schneller, höher und weiter zu kommen und immer mehr herauszuholen. Und genau das stellt unsere Gesellschaft auf eine harte Probe.

Zum Film
Der Kinofilm „Attention – A Life in Extremes“ setzt sich in kritischer Distanz mit dem Phänomen Extremsport auseinander. In eindrucksvollen Bildern berichtet die 80-minütige Dokumentation über das Leben dreier Extremsportler – des norwegischen Wingsuit-Fliegers Halvor Angvik, des französischen Apnoetauchers Guillaume Néry und des österreichischen Extremradfahrers Gerhard Gulewicz – sowie ihr Streben, an die eigenen Grenzen zu gehen und neue Rekorde aufzustellen. Anhand dieser Geschichten und mit Hilfe von Interviews mit Philosophen wie Konrad Paul Liessmann und Sportmedizinern wie Professor Hans Holdhaus bieten die Macher des Films einen ungewöhnlichen Blickwinkel auf die immer extremer werdenden Ausprägungen unserer Gesellschaft. „Attention – A Life in Extremes“ wird im April in den heimischen Kinos anlaufen.
www.attentionalifeinextremes.com

Zur Person
Sascha Köllnreitner, 29, ist gebürtiger Oberösterreicher und lebt in Wien, wo er als freier Regisseur für Werbespots, Fernsehreportagen und -dokumentationen arbeitet. „Attention – A Life in Extremes“ ist sein erstes Kinoprojekt. Er selbst ist Hobby-, und kein Extremsportler.