Familienrezepte, Teil 2: Die „Dynamit”-Linzertorte

Familienrezepte, Teil 2: Die „Dynamit”-Linzertorte

Nachspeisen sind oft gar nicht so süß wie ihr Ruf. Denn in ihrer Seele sind sie Diven ganz wie ihre Schöpferinnen und erzählen damit auch immer ein Stück Familiengeschichte. Michaela Ernst wärmt die Desserts ihrer Kindheit auf und begeht eine süße Form von Therapie.

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Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unterscheidet sich aber auf ihre Weise, wenn es um die Zubereitung von Nachspeisen geht. Hätte der Schriftsteller Leo Tolstoi dies im ersten Satz von „Anna Karenina“ beherzigt, wäre das von ihm geschaffene Stück Weltliteratur wahrscheinlich fröhlicher verlaufen. (Im Original gibt sich Russlands größter Literat nämlich relativ humorbefreit, sein Satz endet mit: „… jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“)

Jedenfalls gibt es Familien, in denen die Großmütter die allerbesten Desserts kochten, ohne je davon gekostet zu haben. Und andere, in denen diese zwar liebend gern naschten, aber nur an hohen Festtagen selbst den Schneebesen schwangen. In jener der Autorin fanden sich beide Formen dieser polarisierenden Mütterlichkeit vertreten. In Teil 2 dieser profil-Serie erfahren Sie (fast) alles über das Geheimnis der „Dynamit“-Linzertorte:

Die Dynamit-Linzertorte

Ich konnte noch nicht mal sagen, wo Linz lag, wusste aber bereits genau, was eine Linzertorte war: Dynamit für Erwachsene. Meine Großmutter väterlicherseits bereitete sie stets zu, wenn die Familie, und zwar die komplette, zu ihr auf Besuch ins niederösterreichische Maria Anzbach anreiste. Dort verbrachte sie, die während der Woche in der Firma meines ­Vaters arbeitete, gern ihre Wochenenden. So wie meine Oma ihre Linzertorte buk, war sie oft zu trocken und hatte auf ihre Kinder und Schwiegerkinder eine ähnliche Auswirkung wie ­Tageszeitunglesen oder „Zeit im Bild“-Schauen  – nämlich den exzessiv politischen Diskurs. > Dazu muss man wissen, dass meine Oma und mein Vater, der ein Kleinunternehmen führte, klassische ÖVP-Wähler waren. Mein Onkel, ein überzeugter Sozialdemokrat, arbeitete bei der ÖBB. Der andere, Deutsch-, Geschichts- und Französischlehrer, versteifte sich auf eine couragierte Mischform aus Monarchist und 68er-Rebell. Meiner Mutter und meiner Tante fiel abwechselnd die Rolle der Mediatorin zu, je nachdem, welche der beiden gerade bei Tisch saß – während die andere kurz mal zum Luftschnappen in die Küche Geschirrwaschen ging.

Sobald die ersten Krümel über das Tischtuch fegten, ertränkte mein Vater die Torte in Weißwein, „damit sie etwas saftiger ist“. Meine Oma, die das Ritual bereits kannte, schlug jedes Mal empört die Hände überm Kopf zusammen. Ich verstand zwar kein Wort in diesem Gewirr der Emotionen, beobachtete jedoch das Familienkino mit großem Interesse. Denn kaum war der Kuchen endgültig vertilgt, fielen sich alle um den Hals und fuhren wieder heim nach Wien.

Meine Großmutter, eine resolute Frau von nur 1,46 Metern Größe, trug in Familienkreisen den Spitznamen „Napoleon“. Nachträglich gesehen, habe ich sie stark im Verdacht, dass sie ihre Linzertorte konfliktstrategisch einsetzte, um ihre Kinder auch im Erwachsenenalter noch gut in Übung beim Hochschaubahnfahren zu halten. Als sie mir ihr Linzertorte-Rezept verriet, hatte ich bereits selbst eine Familie, und mir war klar: In der übermittelten Form konnte ich es keinesfalls anwenden, mein Leben war schon aufregend genug. Ich halbierte daher teilweise die von ihr angegebene Menge und beließ den Kuchen anstelle von 45 nur 35 Minuten im Rohr. Das machte ihn weicher und saftiger, was seinen Sprengstoffgehalt offenbar deutlich herabsetzte.

Das Rezept finden Sie im aktuellen "profil isst!"

Teil 1: Familienrezepte, Teil 1: Mein süßes Leben