Familienrezepte, Teil 3: Das Eierlikör-Sehnsuchtsparfait

Familienrezepte, Teil 3: Das Eierlikör-Sehnsuchtsparfait

Nachspeisen sind oft gar nicht so süß wie ihr Ruf. Denn in ihrer Seele sind sie Diven ganz wie ihre Schöpferinnen und erzählen damit auch immer ein Stück Familiengeschichte. Michaela Ernst wärmt die Desserts ihrer Kindheit auf und begeht eine süße Form von Therapie.

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Der Eierlikör, den beide Großmütter, mütterlicherseits wie väterlicherseits, gern in den Wochen vor Ostern ansetzten, war so picksüß, dass ich als Kind meine Bastelarbeiten damit kleben hätte können. Auf meiner persönlichen Naschliste wurde er aus diesem Grund als unbrauchbar eingestuft und somit rasch aus meinem kulinarischen Gedächtnis verbannt.

Bis mir eine Freundin anlässlich einer Essenseinladung eine Flasche Eierlikör als Mitbringsel schenkte. Plötzlich war das zartgelbe Dottergesöff wieder ein Thema. Jeder kramte an dem Abend seine ganz persönliche Familien-Eierlikörgeschichte hervor, nahm andächtig ein Stamperl zu sich und verdrehte schon nach dem ersten Schluck die Augen.

Der Geist in der Flasche musste also irgendwie verarbeitet werden. Die griffbereite, inzwischen gut bestückte Kochbuch-Sammlung gab nichts zum Thema her, also suchte ich unter chefkoch.de, wo es immerhin ein Forum „Eierlikör rockt“ und 1999 Eierlikör-Rezepte gibt (z. B. „Eierlikör nach DDR-Tradition“ oder „Heiße Oma mit Eierlikör“). Die Wahl fiel auf ein tadelloses, in späterer Folge von mir leicht abgeändertes Eierlikör-Parfait.

Diese intensive Beschäftigung mit Eis beziehungsweise Halbgefrorenem führte mich aber ganz woanders hin, nämlich in eine alte Welt zurück, die ich nur mehr in unscharfen Umrissen erkenne: Solange ich noch ans Christkind glaubte, brachten mich meine Eltern jedes Jahr an Weihnachten zu meiner Urgroßmutter mütterlicherseits (es gab auch eine weitere väterlicherseits!), damit sie in aller Ruhe den Baum schmücken konnten.

Kaum angekommen, wurde ich wieder zusammengepackt und mit der Straßenbahn fuhren Nonni, wie ich sie nannte, und ich zum „Urbis Conditor, den Stadtzuckerbäcker“ – so pries Friedrich Torberg den berühmtesten Zuckerbäcker der Stadt in seiner gleichnamigen Anekdote an: „Am besten kommt man bereits als Kind eines richtigen ‚Demel‘-Besuchers auf die Welt. Man wird dann meistens auch das Enkelkind eines solchen sein und wird sich sogar erinnern, dass einem der Großpapa beim ersten ‚Demel‘-Besuch wehmütig davon erzählt hat, wie er von seinem Großpapa das erste Mal zum ‚Demel‘ mitgenommen wurde …“

Bei mir war es eben die Nonni. Sie bestellte zweimal „Crème du jour“ – gefragt wurde ich damals nicht – und verdarb mich damit für den Rest meines Lebens. Denn diese „Crème du jour“, deren damaliges Rezept nie schriftlich festgehalten wurde und daher von späteren „Demel“-Patissiers auch nicht in der von mir erlebten Form übernommen werden konnte,  war weder Creme, noch Eis, noch Halbgefrorenes, sondern alles auf einmal und von allem > das Beste. Als ich vor einigen Jahren beim „Demel“ einmal nachfragte, warum die „Crème du jour“ nicht mehr so schmecken würde wie früher, bekam ich zur Antwort: „Die Köchin hat das Rezept im Kopf gehabt, und niemand hat sie gebeten, es aufzuschreiben, bevor sie in Pension ging.“ Unglaublich.

Nach dem Tod meiner Urgroßmutter ist auch mein Verhältnis zu Gefrorenem abgekühlt, ich habe nie wieder etwas ähnlich Perfektes gegessen. Die chefkoch.de-Parfait-Sache regte jedenfalls zum Experimentieren an und hat mich an einer eigenen „Crème du jour“-Variante basteln lassen, einer „Crème du jour“ 2.0. sozusagen. Auch sie kommt natürlich nicht annähernd ans verschollene Original heran – aber sie schmeckt.

Das Rezept finden Sie im aktuellen "profil isst!"

Teil 1: Familienrezepte, Teil 1: Mein süßes Leben

Teil 2: Familienrezepte, Teil 2: Die Dynamit-Linzertorte

Teil 3: Familienrezepte, Teil 3: Das Eierlikör-Sehnsuchtsparfait