Teile und herrsche: Wie fair ist die Sharing Economy?

Teile und herrsche: Wie fair ist die Sharing Economy?

Die steigende Bedeutung der Sharing Economy hat längst Auswirkungen auf viele Branchen und auf den Arbeitsmarkt. Wie aber können deren Vorteile genutzt und zugleich faire Bedingungen für Konkurrenz und Mitarbeiter geschaffen werden?

Die Ferienwohnung in Venedig? Das Putzservice fürs Wochenende? Etwas rasch von Wien nach Graz bringen lassen? Das Essen für die kurze Mittagspause im Büro? Der kurzfristig notwendige Transport zum Flughafen? In unserer vernetzten Welt sind solche Wünsche mit denkbar wenig Aufwand zu erfüllen: Einige Mausklicks oder ein paar Wischer auf dem Tablet - und prompt stehen uns die passenden Angebote zur Verfügung. Und wir dürfen uns dabei sogar als Teil einer coolen "Community“ fühlen, denn Plattformen wie AirBnB, Checkrobin, Uber, Foodora oder Bookatiger behandeln uns nicht wie Kunden, sondern wie Freunde, die gemeinsam an einer Verbesserung dieser Welt arbeiten, Interessen teilen und sich informell vernetzen.

"Sharing Economy“ nennt sich diese Form des Wirtschaftens, bei dem Teilen und gemeinsames Arbeiten propagiert werden. Eine Idee, die nicht neu ist, die nun aber durch Breitband-Internet und Mobilgeräte zunehmend an Bedeutung gewinnt. Und die sich durch Umsetzung neuer Geschäftsmodelle teilweise von grundsätzlich hehren Ideen wie Demokratisierung und fairer Verteilung entfernt hat. Die Vermittlungsfunktion zwischen den einzelnen Akteuren - etwa den Anbietern und den Nutzern einer bestimmten Dienstleistung wie Transport - wurde nämlich von rasch wachsenden Unternehmen als lukrative Möglichkeit gefunden, sich abseits traditioneller Wege zu etablieren und ganz eigene Regeln aufzustellen. Das Besondere an den teilweise rasch wachsenden Ausprägungen dieser "Plattformisierung“ der Märkte: Sie sind kaum miteinander zu vergleichen und sie revolutionieren Bereiche, die bisher tabu gegen Änderungen waren. Das kann einerseits durchaus positiv sein, denn auf diese Weise entstehen Innovationen und Geschäftszweige. Andererseits können damit Probleme auftreten: Vermeidung von Abgaben, Umgehung arbeitsrechtlicher Bestimmungen, Abdrängen von Personen in schlecht bezahlte Bereiche, Auslagerung des geschäftlichen Risikos.

"Vom Prinzip her ist Sharing nichts Neues, auch ein öffentliches Freibad oder Mitfahrzentralen sind Sharing“, sagt Isabella Mader, Vorstand des Excellence Institutes in Wien und Expertin für die Sharing Economy. Heute muss man aber zwischen entgeltlichen und unentgeltlichen Formen des Teilens unterschieden. Michael Heiling, Experte der Arbeiterkammer Wien (Abteilung Betriebswirtschaft), sieht es nüchtern: "Bei den bekannten Beispielen der sogenannten Sharing Economy wie Uber oder AirBnB wird gar nichts geteilt, da wird eine Dienstleistung angeboten, und diese wird bezahlt - also etwa Transportleistungen oder kurzzeitige Miete einer Wohnung.“ Interessant sei, dass die Muttergesellschaften von Plattformen, die in Österreich auftreten, oft im Ausland sitzen und von Risikokapitalfonds gehalten werden. Leonhard Dobusch, Professor für Betriebswirtschaftslehre der Universität Innsbruck, will keine Unterscheidung in Gut und Böse treffen: "Sowohl marktliche als auch nicht-marktliche Formen können positive Effekte haben.“ So könnte das gemeinsame Verwenden von Autos, die sonst ungenutzt herumstehen würden, durchaus sinnvoll sein. Aber hat die Sharing Economy überhaupt Relevanz - abgesehen von einigen Fällen wie AirBnB oder Uber, das in Österreich bisher vergleichsweise wenig Popularität erreicht hat? Heiling findet, man muss sich auf alle Fälle mit diesen neuen Plattformen beschäftigen, denn die Auswirkungen sind bereits spürbar: "Die Umsätze, die 2015 dort angefallen sind, entsprechen in Österreich laut Schätzungen ungefähr dem Umsatzvolumen einer großen Handelskette.“


Sowohl marktliche als auch nicht-marktliche Formen können positive Effekte haben

Ein Beispiel für die Sharing Economy ist der Wien-Ableger des Berliner Start-ups Foodora. Das Geschäftsmodell: betuchte Privatpersonen und Firmen mit Essen aus gehobenen Restaurants beliefern. Die Fahrer sind mit Fahrrädern und im auffälligen Pink unterwegs. 300 solcher Fahrer, vorwiegend freie Dienstnehmer, liefern die Speisen aus derzeit 200 Restaurants an Kunden in die Wiener Bezirke 1 bis 9 sowie in Teile des 18. und 19. Bezirks. "Wir erschließen einen komplett neuen Markt, so etwas gab es vorher noch nicht“, behauptet Foodora-Sprecherin Laura Sänger. "Wir befinden uns in einer Wachstumsphase, das Interesse ist nicht nur wegen der Zustellung auf umweltfreundliche Art groß, sondern weil erstmals andere Arten von Restaurants mitmachen.“ Die Fahrer, die mit dem eigenen Rad unterwegs sind, könnten auf Infrastruktur (etwa Reparaturen, Ausrüstung) des Unternehmens zurückgreifen. Fahrer kämen auf einen Verdienst bis zu zwölf Euro pro Stunde, heißt es - in der Praxis ist die Tätigkeit vor allem als Nebenjob für Studierende interessant. Es gibt auch Vollzeitkräfte, die laut Sänger nach dem Kollektivvertrag des Kleintransportgewerbes angestellt sind. Foodora selbst verdient an den Zustellgebühren, die die Kunden bezahlen, und an Provisionen, die das Restaurant bezahlt. Das Beispiel Foodora zeigt es: Zunehmend sind es nicht nur Unternehmen mit Hauptsitz in den USA und kaum greifbarer Europa-Repräsentanz, die durch Teilen herrschen wollen: Die Botendienst-Plattform Checkrobin, gegründet von Hannes Jagerhofer, hat prominiente Investoren wie Niki Lauda, René Benko, Attila Dogudan und Dietrich Mateschitz. Das AirBnB-Modell will der deutsche Ferienwohnungsvermittler Wimdu kopieren, dahinter steckt das Unternehmen Rocket Internet der Samwer-Brüder; bisher sind die großen Erfolge von Wimdu aber ausgeblieben, und zuletzt wurde bereits über einen Verkauf spekuliert. Kein Einzelfall: Wer in der Sharing Economy einmal seinen Markt dominiert oder einen ganz neuen erschaffen hat, lässt wenig Platz für weitere Anbieter - die Tendenz zur Monopolisierung ist unübersehbar.


Wir erschließen einen komplett neuen Markt, so etwas gab es vorher noch nicht

Faktum ist auch: Die Plattformen schaffen sich meist ihre eigenen Regeln, weil die Konkurrenz und der Gesetzgeber von den neuen Geschäftsmodellen überrumpelt werden und spät oder gar nicht reagieren. Es gebe auch Anbieter, die sich das Label Sharing Economy draufschreiben, aber eigentlich Regulierungsumgehung als Geschäftsmodell haben, meint Leonhard Dobusch. "Es handelt sich ja nicht um freie Märkte, sondern es wird bis zum Preis viel reguliert - aber halt nicht von gesetzmäßigen Behörden, sondern vom Eigentümer der Plattform“, sagt Heiling. Wie sollte man aber mit den neuen Anbietern umgehen? Für Leonhard Dobusch geht es auch um die Frage, wo man möglicherweise Regeln beschützt, die gar nicht mehr aktuell sind. "Allzu viel zu verbieten, ist falsch. Wir müssen schauen, dass nicht moderne Formen des Wirtschaftens verhindert werden.“ Die Regulierung sollte sich an der Gewerbsmäßigkeit und einer möglichen Scheinselbstständigkeit der ausführenden Personen orientieren, sind sich Experten einig. Ein faires Spielfeld für alle, gleiche Regeln für alle - darauf wird es wohl ankommen. Heiling: "Kooperation funktioniert dann, wenn beide kooperieren wollen. Man sollte die vorhandenen Daten nutzen, um Fragen der Regulierung lösen zu können.“


Es handelt sich ja nicht um freie Märkte, sondern es wird bis zum Preis viel reguliert - aber halt nicht von gesetzmäßigen Behörden, sondern vom Eigentümer der Plattform

Neben der Frage der Besteuerung - viele Anbieter machen offiziell geringe oder gar keine Umsätze in den einzelnen Staaten - geht es vorwiegend um die Stellung der einzelnen Mitarbeiter, die meistens Unternehmer oder wenigstens Selbstständige sind. Michael Heiling: "Sehr oft erscheint es so, als wäre der Preisvorteil im Vergleich zu konventionellen Anbietern gar nicht auf technische Innovation, sondern eher darauf zurückzuführen, dass die Entlohnung nicht die Gleiche ist und beispielsweise Steuern gespart werden können.“ Der Vorwurf der Scheinselbstständigkeit steht oft im Raum, kann aber ebenso häufig kaum bewiesen werden - eben weil die Formen der Arbeit so neu sind. Der Trend zur freien Mitarbeit als Fahrer, Bote, Vermieter, Reinigungskraft ist ein Zeichen der Zeit, unter anderem für die Prekarisierung des Arbeitsmarktes. Die Formen der Beschäftigung ändern sich radikal, ist Isabella Mader sicher - dazu müsste man sich nur die Mitarbeiterzahlen der Konzerne mit der größten Marktkapitalisierung ansehen. Doch Arbeit - etwa um Innovationen zu schaffen - wird dennoch benötigt, diese wird aber stärker von Freelancern erledigt.


Sehr oft erscheint es so, als wäre der Preisvorteil im Vergleich zu konventionellen Anbietern gar nicht auf technische Innovation, sondern eher darauf zurückzuführen, dass die Entlohnung nicht die Gleiche ist

Zu beobachten ist, dass Akteure der Plattformen verstärkt versuchen, sich zu organisieren und gemeinsam gegenüber dem Vermittler auftreten - ein Trend, der den Unternehmen nicht unbedingt gefällt, aber gerade in Europa nicht aufzuhalten ist. Ein weiterer Faktor bei der Beurteilung der Sharing Economy ist nämlich die Verlagerung des Risikos auf die ausführenden Personen: Die Plattformen bestimmen zwar weitgehend die Regeln und die Preise, die auf den neu entstandenen Geschäftsfeldern gelten, das Risiko tragen sie aber nicht; von einem freien Markt kann daher nicht automatisch die Rede sein.

Transparenz ist jener Faktor, der für die Einschätzung der weiteren Entwicklung der Sharing Economy in Europa wichtig ist: Man müsste beispielsweise wissen, wie viele Fuhren wirklich durch die Stadt fahren oder wer welche Appartements für welche Zeiträume vermietet. Gerade mit der Transparenz hapert es bisweilen bei den Anbietern, die generell nicht allzu viel über ihre Tätigkeiten erzählen, von 08/15-Jubelmeldungen mal abgesehen. Ebenfalls typisch: Jeder neue Akteur ist anders zu bewerten, und ein allgemeiner Trend ist noch nicht zu erkennen: Die neuen Formen der Sharing Economy können ebenso Positives bewirken, wie sie negative Folgen haben können. Möglicherweise liegt es auch an jedem selbst, ein wenig hinter die Kulissen der einzelnen Angebote zu blicken und sich zu fragen, wer letztlich dafür bezahlt.