Der Mensch: Das Pferd der Zukunft?

Der Mensch: Das Pferd der Zukunft?

Von der menschenleeren Fabrik über die entwertete Facharbeit bis hin zum Jubel über Tausende neue Jobs: Wenn es um Industrie 4.0 geht, herrscht viel Gerede und (noch) wenig Wissen. Erste konkrete Studien und Initiativen sowie ein klarer Blick auf die Wirtschaft aber zeigen, wohin es mit der Arbeit in Zukunft tatsächlich gehen könnte.

Was haben Finanzanalysten, Packarbeiter, Steuerberater und Schiedsrichter gemeinsam? Sie gehören einer vom Aussterben bedrohten Spezies an -zumindest, wenn es nach dem Ranking der US-Jobdatenbank Career Cast geht, die in einer 2014 veröffentlichten Studie zehn Berufe identifiziert hat, die in den kommenden 20 Jahren verschwinden sollen. Zeitungsredakteure sind übrigens auch dabei.

Beim US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" werten schon jetzt Computer die Bilanzzahlen diverser Unternehmen aus und verfassen für die Online-Ausgabe kleinere Artikel. Noch grimmiger sind die Prognosen des amerikanischen Zukunftsforschers und Gründers des Thinktanks DaVinci Institute Thomas Frey. Bei einer TEDx- Konferenz in Istanbul konfrontierte er sein Publikum mit folgender Hiobsbotschaft: Bis zum Jahr 2030 werden zwei Milliarden (!) Jobs verschwunden sein. Damit spricht er von etwa 50 Prozent der aktuellen Arbeitsplätze weltweit. Aber immerhin beschränkt sich Frey nicht auf Schwarzmalerei und wartet mit einer Liste sogenannter "neuer" Berufe auf: Robotertherapeuten, 3D-Druck-Designer, Smart-Traffic/City-Architekten, Datensicherheitsexperten und "vieles mehr".


Von 702 in den USA untersuchten Berufsgruppen sind in den kommenden zehn bis 20 Jahren 47 Prozent dem Untergang geweiht

Auf handfeste Untersuchungen stützen sich die beiden Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne in ihrer Studie über "Die Zukunft der Beschäftigung. Wie empfindlich reagieren Jobs auf die Digitalisierung?". Auch deren Kernaussage klingt nicht besonders erbaulich: Von 702 in den USA untersuchten Berufsgruppen sind in den kommenden zehn bis 20 Jahren 47 Prozent dem Untergang geweiht, weil Computer die Arbeit von Menschen ersetzen werden.

Und dann gibt es noch den 1999 verstorbenen Wirtschaftsnobelpreisträger Wassily Leontief, vermutlich einer der radikalsten Denker in diesem Zusammenhang. Leontief erklärte bereits 1983: "Die Bedeutung des Menschen als wichtigstem Produktionsfaktor wird zwangsläufig abnehmen -so wie Pferde in der Landwirtschaft durch die Einführung von Traktoren zunächst weniger und dann gar nicht mehr gebraucht wurden." Der Mensch - ein Pferd?

Wie überzogen oder berechtigt all diese Visionen auf unsere Arbeitswelt von morgen sind, darüber streitet freilich die Fachwelt. Einer der besonnensten Experten auf diesem Gebiet, Wilfried Sihn, Leiter des Forschungsinstituts Fraunhofer Austria, betont in Vorträgen und Diskussionen, dass es bei dem längst begonnenen Automatisierungsprozess nicht ums "Ersetzen", sondern "Verbessern" von Produktionsbedingungen geht: "Es muss uns klar sein, dass wir mit der 4.0-Bewegung Veränderungen hervorrufen, aber wenn wir es richtig machen, schaffen wir mehr Jobs." Das ist der springende Punkt: es richtig zu machen.


Wenn ich mir die USA oder Asien ansehe, machen die viel mehr aus ihrem digitalen Potenzial als wir

Vorerst lässt sich mit Sicherheit sagen: Seit die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2012 anlässlich der Eröffnung der weltweit wichtigsten Industriemesse, der Hannover Messe, "Industrie 4.0" als Zauberformel für das Wiedererstarken der europäischen Industrie ausrief, ist der Begriff im breiten politischen Diskurs angelangt.

Industrie 4.0 (im angloamerikanischen Raum spricht man von "CPS", Cyber Physical Systems) steht nämlich für sich selbst optimierende Automatisierungsprozesse, die vorerst hauptsächlich in der industriellen Produktion umgesetzt werden sollen -teilweise betrifft dies jetzt schon Branchen wie die Auto-, Papier-oder Lebensmittelindustrie. Auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat im Sommer 2014, gemeinsam mit der damaligen Technologieministerin Doris Bures, ein 250 Millionen Euro umfassendes Förderprogramm für die österreichische Industrie vorgestellt. Und Staatssekretär Harald Mahrer engagiert sich auf EU-Ebene für die Umsetzung eines gemeinsamen digitalen Regelwerks im Zusammenhang mit "Smart Industry" - "denn wenn ich mir die USA oder Asien ansehe, machen die viel mehr aus ihrem digitalen Potenzial als wir".

Die Fragen, die sich auf sozialer Ebene ergeben -selbst Technik-Befürworter Sihn räumt ein, dass "wir durch den vorübergehenden Arbeitsplatzverlust auf ein soziales Problem zulaufen" -, bearbeitet die Arbeiterkammer seit Dezember des vorigen Jahres in einem groß angelegten Forschungsprojekt. Der Ausgangspunkt der Untersuchung, die sich mit der Perspektive der Arbeitnehmer befasst, lautet: "Wie gestalten wir den digitalen Wandel gerecht?". Schließlich sollte vom digitalen Wandel "nicht nur eine kleine neue Elite, sondern die Gesellschaft als Ganzes" profitieren, so AK-Präsident Rudolf Kaske in seinem Vorwort. Darin liegt die große Herausforderung: Schon jetzt zeigen alle Studien, dass vor allem Niedriglohnarbeiter, teilweise aber auch unteres und mittleres Management sowie Fachkräfte die Verlierer der Entwicklung sein werden.

Bei den minderqualifizierten Arbeitnehmern erscheint die Bedrohung wenig verwunderlich. Denn der Automatisierung fallen vor allem Jobs zum Opfer, die mit hoher Routinetätigkeit verbunden sind. "Es ist davon auszugehen, dass Arbeitsplätze mit niedrigen Qualifikationsanforderungen und einfachen, repetitiven Tätigkeiten durch intelligente Systeme in hohem Maß substituiert werden", schreibt etwa der deutsche Wirtschafts- und Industriesoziologe Hartmut Hirsch-Kreinsen in einem Beitrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema Industrie 4.0.

Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation, für die 518 "Verantwortliche des verarbeitenden Gewerbes" befragt wurden, ergab, dass mehr als die Hälfte der Befragten (51 Prozent) durch die Einführung von Industrie 4.0 mit einer "Reduzierung einfacher, manueller Tätigkeiten" rechnen. 63 Prozent der Befragten gaben als Konsequenz der Digitalisierung eine "Flexibilisierung der Arbeitszeitsysteme" an.


Folgt man den Prognosen, werden selbst Facharbeiter durch den Wandel in Mitleidenschaft gezogen

Doch die ist bereits längst im Gange. Mit der zunehmenden Digitalisierung von Arbeitsvorgängen hat sich eine Diversifizierung der Beschäftigungsformen eingeschlichen -Teilzeit-und Leiharbeit sowie befristete Arbeitsverhältnisse steigen europaweit an. Auch in Österreich nimmt die traditionelle Form der Vollbeschäftigung ab. Waren 1994, laut Statistik Austria, in Österreich noch 827.400 "unselbständige Arbeiter" beschäftigt, ist diese Zahl 2014 auf 688.800 zurückgegangen. Als Grund werden der Umstieg auf arbeitssparende Maschinen genannt sowie die Auslagerung von Produktionsprozessen in Schwellenländer.

Empirische Befunde zeigen außerdem, "dass atypisch Beschäftigte deutlich häufiger von Niedriglohnbeschäftigung betroffen sind als Personen mit einem Normalarbeitsverhältnis", schreiben Tamara Geisberger und Käthe Knittler in der Publikation "Statistische Nachrichten" der Statistik Austria. "Im Jahr 2009 waren laut Mikrozensus- Arbeitskräfteerhebung rund eine Million unselbständig Erwerbstätige in ihrer Haupttätigkeit atypisch beschäftigt. Dies entspricht 29,6 Prozent der Unselbständigen; im Jahr 2004 waren es noch 26,1 Prozent", so die Autorinnen weiter.


Neben dem steigenden Bedarf an Überblickswissen erlangen auch soziale Kompetenzen einen erhöhten Stellenwert

Folgt man den Prognosen, werden selbst Facharbeiter durch den Wandel in Mitleidenschaft gezogen - was einigermaßen erstaunt (siehe auch Interview). Die "Tendenz zur Dequalifizierung" muss vor allem deshalb befürchtet werden, weil "Maschinenbedienung sowie verschiedene Kontroll-und Überwachungsfunktionen automatisiert werden", schreibt Wissenschafter Hirsch-Kreinsen in seiner Analyse. Und MIT-Wissenschafter Andrew McAfee, der als Co-Autor des Bestsellers "The Second Machine Age" eines der jüngeren Standardwerke zum Thema digitale Revolution verfasste, erklärte in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel":"Die Grenze dessen, was als Routine gilt, verschiebt sich ständig. Hard-und Software beherrschen immer mehr Dinge, die eben noch als einzigartige menschliche Fähigkeiten galten. Wir brauchen aber immer weniger gut bezahlte Buchhalter oder Produktionsleiter."

Auf der Siegerseite werden jene stehen, die mit der Flexibilisierung mitziehen und, so Hirsch-Kreinsen, "ein breiteres Verständnis über das Zusammenwirken des gesamten Produktionsprozesses" einbringen: "Neben dem steigenden Bedarf an Überblickswissen erlangen auch soziale Kompetenzen einen erhöhten Stellenwert, da mit der intensivierten Integration früher getrennter Funktionsbereiche der Bedarf an Interaktion mit unterschiedlichen Personengruppen und Funktionsbereichen ansteigt."


Ich glaube daher, dass diese Entwicklungen nur schrittweise vollzogen werden

Dass bei dem Phänomen Industrie 4.0 - häufig auch als die "Vierte Industrielle Revolution" bezeichnet - derzeit noch heißer gekocht als gegessen wird, zeigt ein Fakten-Check. Denn was am Puls der Produktion geschieht, ist eher Evolution als Revolution. Alles andere wäre Unsinn:

"Wenn Konzerne ihre Fabriken niederreißen würden, um etwas komplett Neues mit neuester Technologie aufzubauen, wäre dies ja mit einem Wahnsinnsrisiko verbunden", meint Roland Lang, Industrie 4.0-Experte in der Arbeiterkammer Wien. "Ich glaube daher, dass diese Entwicklungen nur schrittweise vollzogen werden", ist Lang überzeugt. Wie recht er hat, belegt etwa ein berühmtes Beispiel aus der Vergangenheit -jenes der "Halle 54", in der Volkswagen im Jahr 1983 das Experiment einer menschenleeren Fabrik startete, das radikale Konzept aufgrund von wirtschaftlicher Ineffizienz aber bald wieder einstellte.


Durch Umschulungen und Pensionsabgänge konnten wir die Situation so lösen, dass niemand freigestellt werden musste

Auch der Lokalaugenschein beim steirischen Autozulieferer Pankl, der unter anderem Motor-und Antriebssysteme für Porsche, Ferrari und die Formel I herstellt, zeigt, dass Veränderung in Stufen passiert. So wurden in der großen Produktionshalle in Kapfenberg -neben von Menschen betriebenen Werkbänken und Maschinen - vor drei Jahren drei große Roboter installiert. Sie muten wie geheimnisvolle, gigantische Stahlkästen an und werden von vier Mitarbeitern im Schichtbetrieb betreut. Vorher standen an dieser Stelle ebenfalls Maschinen, die von der vier-bis fünffachen Anzahl Personal bedient wurden.

"Durch Umschulungen und Pensionsabgänge konnten wir die Situation so lösen, dass niemand freigestellt werden musste", betont CEO Wolfgang Plasser. In den kommenden zwei Jahren stehen weitere, ähnliche Veränderungen ins Haus, "dann sollten wir den Mitarbeiterstand in dieser Abteilung von derzeit 65 auf gesamt 55 reduzieren", sagt Bernd Kögler, technischer Leiter der Pankl-Serienproduktion in Bruck/Mur. Er zeigt sich zuversichtlich, dass "wir es auch diesmal wieder durch nicht nachbesetzte, natürliche Abgänge schaffen".

Und wie sehen die Beschäftigten die Veränderungen im Betrieb? Eine Umfrage, die im Zuge einer demnächst veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit* durchgeführt wurde, brachte Bemerkenswertes zutage: Obwohl sich die Mehrheit durch die Automatisierung stärker gefordert fühlt und der Druck, dem eigenen Empfinden zufolge, deutlich zugenommen habe, macht die Arbeit mehr Spaß als früher. Auf die Frage, ob sie ihren Job unter solchen Umständen nochmals ergreifen würden, antworteten fast alle mit: Ja.

* Die Autorin dieser Story, Michaela Ernst, untersuchte im Zuge eines berufsbegleitenden Studiums, wie Industrie 4.0 die traditionellen Beschäftigungsformen verändert. Die Arbeit, für die 159 Fabriksarbeiter befragt wurden, erscheint im Sommer dieses Jahres.

Adam Smith

Der schottische Nationalökonom Adam Smith (1723- 1790) nannte die Arbeitsteilung als eine der zentralen Ideen für Wohlstand. Am Beispiel einer Nadelfabrik zeigte er auf, wie durch die Spezialisierung von einzelnen Arbeitsvorgängen die Produktivität um ein Vielfaches gesteigert werden konnte. Allerdings schrieb er auch, dass diese zu einer "Monotonie", sprich "Entseelung" der Arbeit führen könnte.