Neue Visionen der Büroarbeit

Das Wiener Start-up Tableconnect vereint Schreibtisch und Tablet.

Das Wiener Start-up Tableconnect vereint Schreibtisch und Tablet.

Die Büroarbeit ändert sich und damit das Büro selbst. Die Visionen sind spektakulär, doch was von den hochtrabenden Konzepten kann tatsächlich realisiert werden?

Der Blick in die Zukunft hat Menschen immer schon fasziniert und all jenen, die glaubhaft versichern konnten, dieser Kunst mächtig zu sein, nette Einnahmen beschert. Seher und Orakel sind heute den Trendforschern samt ihren Umfragen, Studien und Reports gewichen. In den vergangenen Jahren wurden rund um Automatisierung, Digitalisierung, Big Data & Co. unter dem Sammelbegriff Industrie 4.0 die Veränderungen in Werkshallen analysiert, nun wendet man sich einem anderen Gebiet der Arbeitswelt zu: dem Büro. „Das Office der Zukunft wandelt sich zum smarten und flexiblen Workspace“, formuliert es Christoph Stadlhuber, Geschäftsführer von Signa. Der Immobilienentwickler setzt diese Theorie derzeit am Praterstern in Wien mit dem Austria Campus, einer rund 200.000 Quadratmeter großen Bürostadt, in die Realität um. In den 2020ern und 2030ern werde es mehr Arbeitsorte geben, die „Kreativität, Austausch und lebenslanges Lernen“ fördern. „Das drückt sich zum einen in einer hochgradigen – analogen wie digitalen – Vernetzung aus, zum anderen in Räumen, die zum Lernen, Entspannen, Konzentrieren, Brainstormen und Kommunizieren einladen.“ Recht allgemein gehaltene Themen wie Gemeinschaft, Gesundheit, Mobilität und Zugang zu Dienstleistungen, die den Alltag vereinfachen, sollen dieses sogenannte Implicit Office erweitern. Es soll zu einem „gesamtheitlichen Mikro-Kosmos werden, aus dem sich der Einzelne phasenweise das zusammenstellt, was gerade relevant ist“.

Klingt ja gut, doch was davon wird Realität? Denn zwar entstehen bis Ende 2018 allein in Wien rund 500.000 Quadratmeter neue Büroflächen, von denen die meisten bereits die Rahmenbedingungen für das moderne Arbeiten bieten dürften. Doch der Großteil der Büro-Evolution wird sich in älteren Gebäuden abspielen und daher eher Schritt für Schritt passieren. Die Hersteller von Büromöbeln rechnen jedenfalls mit steigender Nachfrage nach Einrichtungskonzepten, die den Anforderungen nach mehr Flexibilität, Mobilität und Komfort im Büro gerecht werden. Unter dem Motto Activity Based Working hat zum Beispiel Wiesner-Hager ein Konzept aus verschiedenen, je nach Anforderung konfigurierbaren Elementen auf den Markt gebracht. „Die Implementierung einer auf Activity Based Working ausgerichteten Büroarchitektur ist vor allem dann sinnvoll, wenn die Mitarbeiter kreativ, projektbezogen und eigenverantwortlich arbeiten sollen“, sagt Markus Wiesner, Geschäftsführer von Wiesner-Hager Möbel. In Unternehmensbereichen mit statisch-funktionaler Arbeitskultur hingegen sollte man besser auf ein klassisches Arbeitsumfeld setzen.

Markus Wiesner, Geschäftsführer von Wiesner-Hager Möbel

Auch andere Hersteller wie Hali bauen auf den Veränderungswillen der Unternehmen, was den Arbeitsplatz betrifft. Bene wiederum hat vor Kurzem erste Details aus seinem neuen Future Report zum Thema Büro präsentiert: Gemeinsam mit Experten aus Forschung, Kultur und Wirtschaft wurden Interviews und Round-Table-Diskussionen in Berlin, London und Wien geführt. Zusätzlich sind Erkenntnisse aus Publikationen zu Zukunftsthemen wie Big Data und 3D-Druck eingeflossen. Der Report, der Anfang 2018 erscheinen wird, ist kein futuristischer Einrichtungsratgeber, sondern beleuchtet, in welcher Form sich Digitalisierung und Automatisierung auf Management, Unternehmensstrukturen, organisatorische Abläufe, interne und externe Kommunikation oder Entstehung neuer Berufsbilder und generell auf die Büroarbeit auswirken könnten – Faktoren, die in einem weiteren Schritt auch Architektur und Einrichtung der Büros beeinflussen. Wenn Tele- und Homeworking nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sind, wenn also die erledigte Arbeit zählt und nicht die Stunden, die man im Büro verbringt, wird der fixe Arbeitsplatz für jeden Mitarbeiter obsolet. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Alternativen es zur persönlichen Interaktion zwischen den Kollegen im Büro geben könnte.

Denn auch in Zukunft bleibt der Mensch ein soziales Wesen, und E-Mail, Videokonferenzen & Co. sind auf Dauer kein Ersatz für den kollegialen Kontakt. Auch für die bisher üblichen Unterschiede in der Büroeinrichtung als Zeichen für die Stellung, die jemand in der betrieblichen Hierarchie hat, wird es wohl Alternativen geben, denn Statusdenken und Eitelkeit sind Faktoren, die sich von moderner Technik nicht so schnell den Garaus machen lassen. „Der Report wird ein Bündel an relevanten Meinungen von internationalen Experten aufzeigen, mit denen sich jedes Unternehmen auseinandersetzen muss, wenn es weiterhin erfolgreich am Markt bestehen will“, sagt Michael Fried, Geschäftsführer Sales, Marketing und Innovation von Bene.

Mancher mag sich noch erinnern: Vor mehr als 40 Jahren, im Juni 1975, tauchte der Begriff „papierloses Büro“ erstmals auf. In einem Artikel für die „Businessweek“ sagte Vincent Giuliano, Unternehmensberater bei Arthur D. Little, selbiges bis spätestens 1999 voraus. Realität ist es bis heute nicht, poppt als Schlagwort aber immer wieder auf – zum Beispiel in einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation: Bei 70 Prozent der Teilnehmer erfolgt der Austausch von Dokumenten und Informationen weitgehend digital, bei knapp einem Viertel ist die Arbeit weiterhin hauptsächlich papierbasiert. Vollkommen papierlos arbeiten etwa zehn Prozent der Befragten. Angesichts der Vehemenz, mit der wir am Papier festhalten, kommt die Studie zu dem Schluss, dass es noch an die 30 Jahren dauern wird, bis Büros weitgehend papierfrei sein werden.

Moussa Zaghdoud, Senior Director & Head of Cloud Business Unit bei Alcatel-Lucent Enterprise

Die Bürowelt wandelt sich schneller als in der Vergangenheit, so viel steht fest. Das hat vor allem mit Digitalisierung und Globalisierung zu tun. Weltweit verstreute Teams, die per Online-Chat, Videokonferenz, Skype oder E-Mail Informationen und Unterlagen austauschen, sind keine Ausnahmeerscheinungen mehr. Aber: „Laut einer Studie von Wainhouse Research ist das Tischtelefon mit einem Anteil von knapp 85 Prozent im geschäftlichen Alltag immer noch das am häufigsten genutzte Kommunikationsgerät“, sagt Moussa Zaghdoud, Senior Director & Head of Cloud Business Unit bei Alcatel-Lucent Enterprise. 70 Prozent verwenden eine Kombination aus Tischtelefon, PC und Mobilgerät. Aber es braucht Zeit, bis sich neue Techniken auf breiter Basis durchsetzen. Das Büro der Zukunft ist aber nicht allein eine Frage der technischen Ausstattung oder moderner Einrichtung, sondern auch der inneren Einstellung: Die geflügelten Worte „Das hamma imma schon so gmacht“ mögen zwar typisch Wienerisch sein, die Haltung dahinter dürfte aber weltweit verbreitet sein – gerade in den Büros.