Start-Ups für eine bessere Welt

Start-Ups für eine bessere Welt

Von der Begrünung der Wüste über smarte Einkaufstaschen bis zur Frauenhygiene: Österreichische Start-ups wollen nicht nur finanziellen Erfolg, sondern auch einen Beitrag für die Umwelt leisten. Dabei helfen Brutkästen und ein EU-Programm.

Im Leben engagierter Start-ups gibt es neben Schweiß und Tränen auch erhebende Momente. Dazu kann beispielsweise eine Einladung zu einem Empfang von Prince Charles und Herzogin Camilla zählen oder zur ersten Blue Living University auf El Hierro, jener kanarischen Insel, die für ihre Nachhaltigkeitsinitiativen bekannt ist. Besonders von der ersten Einladung war die Jungunternehmerin Vesela Tanaskovic reichlich überrascht. Sie vermutete einen bösen Scherz dahinter. Die Freude war umso größer, als sie tatsächlich die Royals traf. Einladungen wie diese sind doch ein klares Zeichen, dass ihre grüne, ambitionierte Geschäftsidee international Beachtung findet.

Die technische Architektin hat nämlich Großes vor und will mit ihrem Team aus der Sahara einen Wald machen. Schon in 20 Jahren soll sich in ehemaligen Sanddünen dank ihres Start-ups Afforerst4Future anstatt brütender Hitze ein angenehmes mediterranes Klima entwickeln. "Wir haben dazu einen skalierbaren, umsetzungsfähigen Plan entwickelt", erklärt die Visionärin, die an der TU Wien im Rahmen ihrer Doktorarbeit die nötigen Methoden zur Wüstenbegrünung entwickelt hat. Hierbei soll insbesondere Schlamm aus Stauseen zur Bodenbildung genutzt werden. Ob so wirklich die ganze Sahara begrünt werden kann, steht freilich noch in den Sternen, aber es würde schon genügen, eine gute Methode gegen die Verwüstung von urbarem Land zu finden.

Start-Up will aus der Sahara einen Wald machen

Jede Minute fallen immerhin 23 Hektar davon, das sind zwölf Millionen Hektar im Jahr, den Wüsten zum Opfer. Zugleich haben laut Studien gut 70 Prozent aller Stauseen im nächsten Jahrzehnt ein Problem mit der Verschlammung, die den Betreibern rund 21 Milliarden Dollar pro Jahr kosten soll. "Warum also nicht die beiden Probleme auf einmal lösen", sagt Tanaskovic. Dazu sollen Investoren, Regierungen und Stauseenbetreiber in ariden Regionen für ihr Schlammtransport-und Bepflanzungssystem gewonnen werden.

Bei der Blue Living University auf Hierro ging es um Projekte wie Afforest4Future.

Bei der Blue Living University auf Hierro ging es um Projekte wie Afforest4Future.

Erst im März 2016 gegründet, kann Afforest4Future schon einige Erfolge feiern. So gewann das Jungunternehmen im Juli 2016 den österreichischen "Climate Launchpad", die nationale Ausscheidungsrunde für den weltweit größten Wettbewerb für nachhaltige Geschäftsideen. Damit durfte das vierköpfige Team im europäischen Finale in Tallinn für Österreich antreten. Hier schafften sie es zwar nicht in die Siegerränge, dafür war ihnen als nationaler Sieger aber ein Platz im INiTS Startup-Camp sicher. INiTS ist das universitäre Gründerprogramm im Rahmen des österreichischen AplusB-Förderprogramms. Im Dezember folgte schließlich die Aufnahme in das Climate-KIC-Programm, das neben Beratung und Unterstützung auch 10.000 Euro Startgeld für die ersten sechs Monate brachte. Die Summe kann sich in den nächsten zwei, je sechsmonatigen Entwicklungsphasen auf 85.000 Euro erhöhen. Geld, das gerade in der Aufbauphase dringend benötigt wird. Als Start-up muss man immer mit Überraschungen rechnen.

Erst kürzlich trudelte eine noch viel reizvollere Einladung ins Postfach, auf die sich die Jungunternehmerin mehr als freut. Sie darf ab Mitte Juni am "Global Solutions Program 2017" teilnehmen, das von Größen wie dem amerikanischen Luft- und Raumfahrtunternehmer Peter Diamandis und dem Autor und Erfinder Ray Kurzweil geleitet wird, um mit Technologien gemeinsam Lösungen für die Herausforderungen der Menschheit zu finden. Das ist sicher ein Höhepunkt für Gründer im visionären Nachhaltigkeitsbusiness. Weltweit wurden heuer 90 Leute eingeladen, um innerhalb von neun Wochen ihre für die Menschheit wichtigen Innovationen weiterzuentwickeln und sich freilich auch untereinander und mit potenziellen Investoren zu vernetzen. Heuer steht beim Global Solution Program das Thema Klimawandel im Fokus.

Zudem gibt es nun auch eine Zusammenarbeit mit dem X- Prize, der technische Durchbrüche für die Menschheit reichlich belohnt. Dazu zählt etwa auch der aktuell laufende Google Lunar X-Prize, der bisher weltweit am höchsten dotierte Innovationspreis, der 20 Millionen US-Dollar für die erste private Mondmission springen lässt. Das Global Solution Program verspricht nicht nur viel Know-how und ein weltweites Netzwerk für ambitionierte Gründer, sondern in Folge auch Preise oder gar die Aufnahme in ein eigenes Inkubatoren-Programm. Das Team von Afforest4Future konnte sich jedenfalls schon über positive Reaktionen freuen. Aber freilich klappt bei Gründungen auch nicht alles gleich perfekt. Das erste geplante Wüstenbegrünungs-Pilotprojekt in Ägypten kommt vorerst nicht zustande. "Dafür starten wir unser erstes Projekt nun noch Ende Sommer in Griechenland", erzählt Vesela Tanaskovic.

Wohnen auf Rädern: Wohnwagon ist ein Projekt für autarkes, nachhaltiges Wohnen.

Wohnen auf Rädern: Wohnwagon ist ein Projekt für autarkes, nachhaltiges Wohnen.

Bis vor Kurzem war das Unterstützungsangebot für Gründer mit grünen Ideen eher Mangelware. Doch im allgemeinen Start-up-Fieber schafften es nun auch in Österreich einige spezielle Programmangebote auf den Gründermarkt. So läuft heuer zum dritten Mal greenstart, die Start-up-Initiative des Klima- und Energiefonds in Kooperation mit dem Ministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, bei dem zehn neue grüne Geschäftsideen gezielte Unterstützung bis zur Marktreife erhalten und zudem 6000 Euro Startgeld.

Die Ideen im jüngsten Call reichen von einem steckfertigen, transportablen Solarsystem für diverse Haushaltsgeräte (base energy) oder einer kostengünstigen Plug&-Play-PV-Anlage zur Selbstmontage auf jedem Balkon (E²T), über nachhaltiges Fischfutter (Ecofly) bis hin zur Nutzung der jährlich Hunderten Tonnen saisonaler Überschüsse an Obst und Gemüse, die durch traditionelle Verfahren wie Einkochen und Einlegen zu hochwertigen Produkten in Handarbeit verarbeitet werden (Unverschwendet). Nach einem halben Jahr Coaching und Unterstützung in Gründungsbelangen wie die Erstellung eines Business-Plans wählt die greenstart-Jury im Herbst drei Jungunternehmen, die zur Umsetzung ihrer Ideen mit je weiteren 15.000 Euro unterstützt werden. Unterstützung bieten freilich auch alle herkömmlichen Start-up-Programme und die diversen Inkubatoren. Eine gute Adresse ist für Gründer im Energiesektor etwa die Blue Minds Company, die 2014 mit Standorten in Wien und Tel Aviv gegründet wurde, um Ideen für die Energiewende zu fördern. Dazu gehört auch ein Brutkasten-Programm für junge Gründer. Das Positive bei all diesen Programmen: Sie können von den grünen Gründern auch in Kombination bzw. hintereinander genutzt werden.

Nachhaltige Frauenhygien: Annemarie Harant (li.) & Bettina Steinbrugger helfen mit ihrem Start-Up Erdbeerwoche Müll zu vermeiden.

Nachhaltige Frauenhygien: Annemarie Harant (li.) & Bettina Steinbrugger helfen mit ihrem Start-Up Erdbeerwoche Müll zu vermeiden.

Seit zwei Jahren bietet endlich auch das EU-Gründerprogramm "Climate KIC Accelerator" ein eigenes Büro in Österreich. Seit 2010 hat Climate-KIC europaweit mehr als 900 grüne Start-ups auf dem Weg von der Idee zum Markt begleitet. "Wir haben schon viele schöne Projekte laufen, und alle unsere Start-ups sind noch aktiv", so Accelerator Manager Johannes Naimer-Stach, der selbst Gründer ist und zuvor Erfahrung im Innovations- und Nachhaltigkeitsbereich etwa beim WWF oder auch der Bundesbeschaffung GmbH sammeln konnte. Nun sucht er nach den besten Cleantech Start-ups Österreichs, unterstützt sie und vernetzt sie mit dem europäischen Climate-KIC Netzwerk. "Die Motivation bei den Gründern ist oft Idealismus, gepaart mit dem Willen, etwas auf unternehmerische Art zu verändern", betont Naimer-Stach. "Wichtig dabei ist, dass sie keine NGO sein wollen oder es als Hobby sehen."

Neben Coaching und anderen Serviceleistungen für die meist in Sachen Business nicht allzu erfahrenen Gründer ist freilich die Überbrückung der Finanzierungslücke in der Anfangsphase, dem sogenannten "Valley of Death", ein zentraler Punkt. In dieser Phase müssen in der Regel rund 50.000 bis 200.000 Euro aufgetrieben werden, um das Leben zu finanzieren und die ersten Produkte und Geschäftsideen zu entwickeln. Für den eigentlichen Markteintritt hilft dann ein spezifisches Netzwerk von Investoren über sogenannte "Series A"-Finanzierungsrunden, bei denen es oft auch schon um Beteiligungen am Unternehmen geht. Über eines freut sich der Programm-Manager Johannes Naimer-Stach besonders: derzeit sind noch alle Start-ups, die schon eine oder gar alle drei der je sechsmonatigen Phasen im österreichischen Climate-KIC-Accelerator beschritten haben, noch aktiv und teils auch schon sehr erfolgreich.