"Im Rauschen Signale erkennen"

Harry Gatterer

Harry Gatterer

Die Zukunft ist paradox. Harry Gatter, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts über das herausfordernde Spannungsfeld zwischen individuellen Fragestellungen und vernetzten Lösungen.

portfolio: Wenn sich die meisten schon so schwer tun, die richtigen Fragen für Ihr Unternehmen zu finden, wie erkennt man dann die richtigen Fragen für eine zukünftige Gesellschaft?
Harry Gatterer: Wir haben vor einem Jahr eine Studie in Deutschland gemacht, die zeigt, dass es in der Gesellschaft drei große Gruppierungen gibt: Die Wir-Insel, die in der Vergangenheit und der Solidarität das Wohl vermutet. Die Ich-Insel, die in der Leistungsorientierung und der Wirtschaftskraft das Glück vermutet. Und als dritte Gruppe, das progressive Wir: Das sind Menschen, die in einer neuen Art des Miteinander, in der Vernetzung das Wohl der Gesellschaft sieht. Dort passiert Zukunft, weil eine Art von Trial und Error stattfindet, in die Menschen involviert sind. Im Moment finden wir so etwas vor allem im gemeinnützigen Sektor. Die Ich-Insel hingegen sehen wir heute in der Politik und der Wissenschaft am stärksten repräsentiert. Also die alte Idee, dass es am Ende einen gibt, der schon weiß, wie es geht.

portfolio: Sehen Sie Unterschiede, wie man bisher mit Zukunftsfragen umgegangen ist und wie man diese aktuell angeht?
Gatterer: Wir sind eine Welt gewohnt, in der alles überschaubar ist. Das Bildungsministerium kümmert sich um Bildung, das Wirtschaftsministerium um Wirtschaft. Es herrschen klare Zuordnungen, was dazu führt dazu, dass man über das Thema Zukunft in diesen Zuordnungen denkt. Parallel dazu merken wir, dass dieses generalistische Fragen nicht mehr funktioniert. Heute wird individuell gedacht, in eigenständigen Fragen. Daraus entsteht folgende, paradoxe Komplexitätsbewältigung: Die Fragen müssen individuell sein, die Lösungen aber in Vernetzung. Und dieses vernetzte Denken ist eben nicht das Funktionsdenken, das wir in der Vergangenheit gelernt haben.

portfolio: Es wurde ja auch über Jahrzehnte Spezialisierung gepredigt –
Gatterer: Wir haben immer noch eine unheimlich starke Schablonen-Kultur. Nehmen Sie nur das Bildungssystem her. Oder die Medizin, bei der die Spezialisierung dazu geführt hat, dass Ärzte oft gar nicht mehr miteinander reden können, weil sie in so unterschiedlichen Sparten unterwegs sind. Ich bin überzeugt, dass Brückenbauer, also Verbindungsmenschen wieder stärker ins Rennen kommen. Als erstes wird man das bei der Wahl von Führungskräften spüren: Die, die immer noch sagen, ,ich weiß wohin, alles mir nach!‘ sind jetzt schon Auslaufmodelle. Zukunft haben jene, in der Vernetzung agieren und eine Sensibilität für Talente entwickeln. Jene, die sagen: ,Ich weiß noch nicht genau wohin der Weg führt, aber lasst es uns gemeinsam herausfinden’.

portfolio: Aber Wandel ist ja eigentlich etwas Lautes: Alle sind aufgeregt, weil so viel passiert. Wie kann man in so einer aufgeladenen Stimmung Potenziale erkennen?
Gatterer: In der Tat geht es darum, dass man in der Lage des permanenten Rauschens beginnt, Signale zu hören. Wie höre ich die? Indem ich mich tatsächlich ein Stück weit zurücknehme und versuche, das nicht oberflächlich Sichtbare zu orten. So komplex ein System wie unsere Gesellschaft oder ein Unternehmen auch ist – es gibt immer fünf, sechs Ankerpunkte, die entscheiden, wie es weitergeht. Aber um deren Muster und Strukturen zu erkennen, muss man sich aus dem Lärm hinausnehmen.

portfolio: Welche Wertigkeiten werden wir loslassen müssen?
Gatterer: Das Generalisieren. Und das Gefühl, das wir alles kontrollieren, alles bestimmen können.

"Future Room. Entdecken Sie die Zukunft Ihres Unternehmens" von Harry Gatterer, Murmann Publishers, 190 Seiten. € 39,90
Mit der von ihm entwickelten Methode des "Future Rooms" zeigt Gatterer auf, wie Unternehmen, wenn sie sich in einem fiktiven von ihm "designten" Raum begeben, eine multiperspektivische Sicht auf die Dinge bekommen und damit auch neue Potenziale erkennen. Anhand von vier konkreten Fallbeispielen, praktischen Übungen und der Möglichkeit zur Selbstdiagnose macht er die langjährig erprobte Methode des Zukunftsinstitut für den Leser allgemein nutzbar.