Landwirtschaft: Glücklich ohne Wende und Aber

Ist die Technik des Pflügens überholt?

Ist die Technik des Pflügens überholt?

Über Jahrtausende hat man auf den Pflug vertraut, um Böden fruchtbar zu machen und Lebensmittel anzubauen. Doch in jüngster Zeit mehren sich Stimmen von Wissenschaftern und Landwirten, die zu einer Abkehr von der Technik raten.

In der französischen Region Burgund ist man bekanntlich sehr stolz auf seine Weine: die delikate Pinot-Traube, das anspruchsvolle Klima, die besonderen Lagen, deren uralte Klassifizierung und natürlich die wertvollen Böden. "Die meisten der Böden, auf die wir hier so stolz sind, sind in etwa so lebendig wie der Belag einer Autobahn", behauptet indessen Claude Bourguignon. Damit macht sich der Mikrobiologe und Agraringenieur nicht gerade beliebt in seiner Heimat. "Natürlich werden wir von vielen Seiten angefeindet, aber es muss einfach gesagt werden, und es muss auch endlich etwas geschehen", sagt der Wissenschafter.


Die meisten der Böden, auf die wir hier so stolz sind, sind in etwa so lebendig wie der Belag einer Autobahn.

Zu diesem Zweck hat er gemeinsam mit seiner Frau Lydia, einer Biologin, das LAMS (Laboratoire d'Analyse Microbiologique des Sols - Laboratorium für mikrobiologische Bodenanalyse) gegründet. Dieses berät Landwirte und Winzer darin, wie sie am besten mit ihren Böden umgehen sollen. "Über Jahrzehnte brachte man hier wie anderswo Unmengen an chemischen Herbiziden, Insektiziden und Fungiziden aus, die zur Giftfalle für jede Art von lebendem Organismus im Boden wurden. Und dennoch prahlte man weiterhin mit der Qualität des Terroirs, dem vermeintlichen Ausdruck unserer Weine und der jahrhundertelangen Tradition des Weinbaus, die man gerade dabei war zu vernichten", so der Wissenschafter.

Neben den Chemikalien sei es vor allem die Mechanik, die laut Bourguignon den Böden zu schaffen mache - und unter dieser in erster Linie der Pflug. "Sowohl beim Einsatz von Chemikalien als auch beim Pflügen handelt es sich um Techniken, die mit der Industrialisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg im großen Stil eingeführt wurden. In beiden Fällen geht es darum, das Leben im Erdreich möglichst auszuschalten, anstatt es zu beleben", sagt der Franzose.


Man muss den Landwirten diesen Mythos des Pflugs endlich ausreden

Zwar sei das Pflügen eine jahrtausendealte Technik, doch bedeute es einen enormen Unterschied, ob der Pflug per Hand oder mit dem Pferd, oder aber, wie heute üblich, mit schweren Traktoren gezogen werde. "Man muss den Landwirten diesen Mythos des Pflugs endlich ausreden", fährt er fort. "Es geht dabei um eine Art Machtverhalten, bei dem man die Erde vergewaltigt und ihr zeigen will, dass man sie beherrscht. Das ist schon vom Ansatz her völlig falsch."

Derselben Ansicht ist auch Franz Brunner. "In der Natur wird der Boden überhaupt nie gewendet, was ja an sich schon beweist, dass die Technik falsch ist", sagt der Landwirt, der seine Böden bereits seit 16 Jahren ohne Pflug bearbeitet und damit hierzulande als Pionier der pfluglosen Landwirtschaft gilt. Nun stimme es zwar, dass die Landwirtschaft per Definition ein Eingriff in die Natur sei, fährt Brunner fort, dennoch sollte sich der Landwirt, wenn er die Bodenfruchtbarkeit erhöhen und Humus aufbauen wolle, mehr an der Natur orientieren.


In Europa sind in den vergangenen Jahrzehnten über 90 Prozent der mikrobiologischen Aktivität im Erdreich verlorengegangen

"Es sind ja nicht der Eingriff selbst oder der Pflug an sich problematisch. Jene Hakenpflüge beispielsweise, die in früheren Zeiten angewandt wurden und die Erde nur oberflächlich aufritzen, waren noch völlig vertretbar", sagt Brunner. Damals wurde auch noch per Hand ausgesät, und die Erntereste wurden auf dem Feld belassen, wodurch sich Humus aufbauen konnte. "Doch mit den großen Mitteln, den Maschinen und Methoden, die heutzutage zum Einsatz kommen, wird so gut wie in allen Fällen Humus abgebaut statt aufgebaut."

Dass die biologische Vielfalt im Boden von enormer Wichtigkeit ist, ihr Verlust aber rasant voranschreitet, bestätigt Claude Bourguignon. "In Europa sind in den vergangenen Jahrzehnten über 90 Prozent der mikrobiologischen Aktivität im Erdreich verlorengegangen", betont der Wissenschafter, der zahlreiche Landwirte und Weinbauern zu seinen Kunden zählt, darunter auch einige Österreicher wie die beiden burgenländischen Weingüter Feiler-Artinger und Umathum. "In früheren Zeiten schnitt man den jungen Reben die oberflächlichen Wurzeln ab, sodass die übrigen möglichst tief in den Boden reichen konnten, das ist ein ganz entscheidender Eingriff, der in den Jahren nach dem Krieg sukzessive verlorenging", so Bourguignon weiter.

Getan habe man das, weil man empirisch sehr wohl wusste, dass der Geschmack, die Komplexität und das heute so viel besprochene Terroir aus einem tiefen und an Mikroorganismen reichen Boden kommen. "Bis zu 3,5 Meter reichten einst in vielen Weingebieten Europas die Rebenwurzeln in die Erde, heute liegt der Durchschnitt bei gerade einmal circa 50 Zentimetern", so Bourguignon. Das führe zu einem dramatischen Verlust an geschmacklicher Vielschichtigkeit und Eigenständigkeit der Weine.


Wir erzeugen inzwischen Lebensmittel, die den Ernährungsbedürfnissen der Menschen nicht mehr genügen

"In früheren Zeiten haben sich beispielsweise ein Bordeaux vom linken Ufer der Gironde und einer vom rechten geschmacklich noch so radikal unterschieden, dass sogar Amateure den Unterschied schmecken konnten, heute ist das selbst für Experten nahezu unmöglich geworden", beklagt er. Deswegen würden zahlreiche Winzer auf technologische Mittel zurückgreifen und angesagte Star-Önologen zurate ziehen, um im Keller und auf künstliche Art und Weise im Weingarten verlorengegangene Geschmacksnoten im Wein zu ersetzen.

Doch nicht nur der Geschmack, sondern auch die Nährstoffe gingen in der gängigen Art der Bodenbearbeitung zunehmend verloren, wie Franz Brunner ergänzt. "Selbstverständlich hat man mit den Methoden der modernen Landwirtschaft die Erträge steigern können, allerdings erkennt man inzwischen zunehmend, dass dies auf Kosten des Reichtums in der Erde gegangen ist. Wir erzeugen inzwischen Lebensmittel, die den Ernährungsbedürfnissen der Menschen nicht mehr genügen, wodurch sich auch Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes in der Bevölkerung leichter ausbreiten können."

Ein Nachteil des Pflügens ist, dass mit der Technik der Aufbau des Bodens zerstört wird - und damit das Leben im Erdreich, beispielsweise von Regenwürmern und Pilzen, um nur die sichtbarsten Organismen zu nennen. Zudem gelangt durch das Pflügen viel Sauerstoff an die Humus-Schicht, wodurch sie abgebaut und Kohlendioxid freigesetzt wird. Schließlich dringt in einen gewendeten Boden Wasser weniger leicht durch die Oberfläche ins Erdreich ein, was zu Verschlammung führt. Dem Wind wird es erleichtert, die Erde zu verwehen, wodurch in Folge die Erosion gefördert wird.


Natürlich muss sich ein Landwirt, der auf so eine Arbeitsweise umsteigt, völlig neu informieren

Im Gegenzug wird der pfluglosen Bodenbearbeitung häufig vorgeworfen, dass durch sie mehr Unkraut entstehe, was die Landwirte wiederum zu verstärktem Einsatz von Pestiziden zwinge. Darunter auch das überaus kontroversielle Glyphosat, das unter Verdacht steht, Krebs zu fördern.

Ein Hersteller von Glyphosat ist beispielsweise die amerikanische Firma Monsanto, der bisweilen unterstellt wird, sie unterstütze und fördere die pfluglose Landwirtschaft, um größere Mengen ihres berühmt-berüchtigten glysophathaltigen Unkrautvertilgungsmittels Roundup umzusetzen. "Es ist durchaus vorstellbar, dass konventionell arbeitende Landwirte auf zusätzliches Unkraut mit erhöhtem Herbizid-Einsatz reagieren", bestätigt auch Franz Brunner, der allerdings bereits Jahre, bevor er den Pflug abschaffte, seinen Betrieb auf biologische Arbeitsmethoden umstellte und folglich gänzlich auf chemische Mittel verzichtet.

Im verstärkten Einsatz von Chemie sieht er indessen ein Resultat des verlorenen Wissens des Landwirts im Umgang mit seinem Boden. Denn mit der richtigen Einstellung sowie mit den angebrachten Techniken ließe sich ein Rückgriff auf Chemie sehr wohl vermeiden. Doch das bedeute eben auch einen neu zu erlernenden Zugang. "Natürlich muss sich ein Landwirt, der auf so eine Arbeitsweise umsteigt, völlig neu informieren", fährt Brunner fort. "Um zu lernen, wie man Mikroorganismen richtig füttert, braucht man freilich mehr als ein Seminar oder einen mehrstündigen Kurs."


Heutzutage müssen sich Landwirte vermehrt mit der chemischen und biologischen Zusammensetzung ihrer Böden auseinandersetzen

Auch der Wissenschafter Bourguignon betont, dass in Zukunft Landwirte gebraucht werden, die sich eingehend mit wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen, damit sie wissen, welche Arbeitsweisen für eine nachhaltige Fruchtbarkeit der Böden anzuwenden sind. "Wir müssen uns verabschieden von einer romantisierten Sicht der Dinge, nach der ein Bauer in Symbiose mit seiner Umwelt und seinem Land lebt. So etwas gibt es heute kaum noch und wird es in Zukunft noch seltener geben", meint Bourguignon. "Heutzutage müssen sich Landwirte vermehrt mit der chemischen und biologischen Zusammensetzung ihrer Böden auseinandersetzen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen." Tatsächlich gesteht auch Franz Brunner Rückschläge ein und muss bisweilen sogar Ernteeinbußen in Kauf nehmen.

"So etwas kann selbstverständlich vorkommen, denn wir sind ja erst am Anfang und müssen noch zahlreiche Erfahrungen sammeln", bekennt der Landwirt. "Aber irgendwer muss ja damit beginnen."