Mexiko: Eine Zeitreise nach Yucatán

Mexiko: Eine Zeitreise nach Yucatán

Mexiko war während der Nazi-Zeit ein sicherer Hafen für europäische Künstler und Intellektuelle. Der im k. u. k. Österreich geborene Journalist und Schriftsteller Egon Erwin Kisch fand hier nach einer Odyssee durch die halbe Welt Zuflucht - und Stoff für sein letztes, vielleicht bestes Werk.

Aké, ein kleines Dorf auf der Halbinsel Yucatán: Hier ist irgendwann die Zeit stehen geblieben.

Wo man es im flachen, sattgrünen Busch, der ohne jede Erhebung bis an den Horizont wuchert, am wenigsten vermuten würde, stolpert der Fuß über ein Paar Schienen: Besorgniserregend krumm liegen sie am Boden wie eine mit zittriger Hand in die Landschaft gezeichnete Linie, sie sind halb von Gras und Blattwerk überwuchert, als hätten sie schon lange ausgedient.

Aber die kleine Feldbahn ist noch immer in Betrieb. So wie damals: "Es ließe sich - theoretisch - der Fall denken, dass jemand mit einem Fallschirm mitten in Yucatán landet, ohne etwas von Yucatán zu wissen“, schrieb Egon Erwin Kisch Anfang der vierziger Jahre. "Unser Jemand fühlt sich beklemmt von der Einförmigkeit und Unendlichkeit der Landschaft vor ihm, hinter ihm und neben ihm. Wohl erspäht er ein schmalspuriges Eisenbahngleis, das parallel zu ihm läuft, jedoch ist das nicht imstande, ihn zu beruhigen. ‚Gewiss‘, sagt er sich,, gewiss, diese Schienen führen irgendwohin. Aber kann dieses Irgendwohin nicht ein unbewohnter Kreuzungspunkt in der grünen Einöde sein?‘“

Lage der Halbinsel Yucatán in Mexiko

Egon Erwin Kisch, geboren als Sohn einer jüdischen Großbürgerfamilie in Prag, zählte zu diesem Zeitpunkt längst zu den prominentesten Journalisten der Welt - und er befand sich auf der Flucht vor den Nazis, von denen ihm als Juden und bekennendem Kommunisten KZ-Haft, Folter und Ermordung drohten. Mexiko war für ihn zunächst nur eine Station auf einer Reise ins Ungewisse.

Insofern könnte man der Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, die er bei seinem Streifzug durch das Buschland der Halbinsel Yucatán empfand, nicht nur eine praktische, sondern auch eine psychologische Bedeutung zumessen. Doch Kisch war keiner, der sich allzu viel mit Selbstbespiegelung abgegeben hätte.

Seine Bekanntheit war dem Ruf als "rasender Reporter“ geschuldet, den er als Lokaljournalist gar nicht so redlich, weil durch die kaltschnäuzig erfundene Schilderung eines Brands, begründet hatte.

Die Jagd nach Sensationen gab Kisch sein ganzes Leben lang nicht auf. Allerdings betrieb er sie im besten Sinne. Immer wieder suchte er das Spektakuläre im Kleinen, Alltäglichen: vorzugsweise, wenn sich darin große Themen seiner Zeit spiegelten. Dabei erwies er sich als präziser Chronist, dessen Schilderungen auch dort verlässlich bleiben, wo Journalismus und Literatur ineinander verschwimmen.

Wer heute - mehr als 70 Jahre später - eine Bestätigung dafür haben will, braucht bloß dem Schienenstrang bei der Ortschaft Aké auf Yucatán zu folgen. Auf dem Gleis rollen kleine Waggons, die von schwitzenden Arbeitern geschoben werden und turmhoch mit den Blättern von Agaven beladen sind.

Ihr Ziel ist eine Fabrik, in der aus den Agavenblättern Sisal hergestellt wird. Und dort tut sich eine Szenerie auf, die wirkt, als ob Kisch seinen Bericht erst ein paar Stunden zuvor an die Redaktion gekabelt hätte.

Damals wie heute ist Sisal einer der wichtigsten Grundstoffe für Schnüre, Seile, Taue, aber auch Hängematten und Teppiche; damals wie heute zählt Mexiko zu den weltweit wichtigsten Produzenten der Naturfaser; und damals wie heute sind die Herstellungsmethoden gleich. Die Maschinen, die unter den Bögen einer halb verfallenen Industrieanlage und in einer offenen Halle rattern und schnauben, stammen aus längst vergangenen Zeiten. Auf einer davon ist das Baujahr eingestanzt: 1899.

"Neugierig schaut unser Jemand in die Werkstätten, fühlt sich hineingezogen und steht unversehens inmitten einer mechanischen Seilerei“, schreibt Kisch in der Reportage "Die fetten und die mageren Jahre der Stricke“, die 1945 erstmals in seinem Buch "Entdeckungen in Mexiko“ erschienen ist. "Alle Arbeiter atmen unter Taschentüchern, denn wie Schneegestöber wirbelt der Abfall durch die Werkstatt; die Maschinen, die Treibriemen und die Rahmen der Webstühle sind voll davon.“

Nicht anders sieht es in den Hallen der Fabrik heute aus: Hier ist das Mexiko, das Touristen kaum einmal zu sehen bekommen.

Als Kisch Ende 1940 mit seiner aus Wien stammenden Frau Gisl in Mexiko ankam, hatte er eine Odyssee hinter sich. Bereits nach dem Reichstagsbrand 1933 in Berlin von den Nazis verhaftet und nach Prag abgeschoben, war er nach Frankreich geflüchtet und dort als "politisch unsicherer Ausländer“ unter Polizeiaufsicht gestellt worden. 1939 hatte er es geschafft, in die USA auszuwandern, dort allerdings nur ein Durchreisevisum bekommen. Mit Kommunisten wie ihm wollte Amerika lieber nichts zu tun haben.

Mexiko hingegen nahm auch linksrevolutionär gestrickte Exilanten aus Deutschland mit offenen Armen auf. Gemeinsam mit Künstlern und Intellektuellen wie Anna Seghers stand Kisch bald im Zentrum einer regen Emigrantenszene. Seine Freiheit und Sicherheit nutzte er dazu, sich auf die Suche nach guten Geschichten zu machen. Unter anderem dokumentierte er einen Vulkanausbruch, entdeckte ein von Indios jüdischen Glaubens bewohntes Dorf und identifizierte mit detektivischer Finesse jenes Gift, durch das Erzherzogin Carlota von Österreich 1866 in den Irrsinn getrieben worden war.

Insgesamt 34 Reportagen aus allen möglichen Teilen Mexikos sind von Kisch überliefert, ein halbes Dutzend davon beschäftigen sich mit Yucatán.

Die Halbinsel, die in weit gestrecktem Bogen in den Golf von Mexiko hinausragt, ist nicht nur historisch, sondern auch erdgeschichtlich interessant. In ihrem äußersten Nordwesten erfolgte vor 65 Millionen Jahren der Einschlag des Chicxulub-Meteoriten, der zu einer Serie von Vulkanausbrüchen und damit letztlich zum Aussterben der Dinosaurier geführt haben dürfte.

Noch heute stößt man auf Spuren dieser Katastrophe: In Yucatán klafft eine große Zahl so genannter Cenotes in der Landschaft - Höhlen, die untereinander verbunden und mit Süßwasser gefüllt sind. Die Mayas betrachteten sie als Eingänge in die Unterwelt und nutzten sie unter anderem als Opferstätten. Entstanden sind die Löcher zwar vorwiegend durch Erosion, besonders viele davon finden sich aber am Rand des 180 Kilometer großen Meteoritenkraters.

Der Umstand, dass sich die Cenotes hervorragend als Wasserreservoire eignen, hat viel zur Entstehung der Maya-Zivilisation in Yucatán beigetragen. Das Erbe ihrer Hochkultur ist auf der Halbinsel allgegenwärtig: in Chichén Itzá beispielsweise.

Die Stadt, die ziemlich genau auf halbem Weg zwischen der West-und der Ostküste liegt, muss zwischen dem achten und elften Jahrhundert eine große, über die Region ausstrahlende Bedeutung gehabt haben. Davon zeugen beeindruckende Repräsentationsbauten wie die Kukulcán-Pyramide.

Kisch ist auf seiner Reise auch hierhergekommen. Und seine Schilderung der Ruinenstadt erweist sich als ebenso zeitlos gültig wie jene der Sisalfabrik in Aké. "Es ist, als hätte man eine Großstadt sorgsam abgetragen und nur die monumentalsten Bauwerke stehen gelassen. Ihr möchtet euch den Lageplan rekonstruieren, sucht und zeichnet so lange, bis ihr darauf kommt, dass ihr ein Opfer eures Stadtbegriffs geworden seid“, heißt es in der Reportage "Versuch einer Beschreibung von Chichén Itzá“, die 1944 entstanden ist - zumindest zeigen mit diesem Jahr datierte Fotos den Journalisten mit Sombrero und offenem Hemd vor Maya-Bauten auf Yucatán. "Was sich in Europas Großstädten aus dem Niveau des Häusermeers auf das des Himmelsmeers zu erheben strebt, war hier die Großstadt selbst.“

Kult- und Repräsentationsstätten, die gleichzeitig zu Wohnzwecken genutzt wurden: In der Struktur der Maya-Pyramiden wollte Kisch so etwas wie die Realisierung eines sozialistischen Ideals erkennen: "In Ägypten konnte Pharao einfach die Errichtung eines viereckigen spitzigen Bergs befehlen, der sein Grabmal sein solle und sonst gar nichts … hier aber, in Chichén Itzá, lebten die freien Mayas auf der von ihnen geschaffenen Pyramide und in ihrem Schutz.“

Was er nicht sehen konnte, sind die Touristen, die heutzutage die archäologischen Stätten in Yucatán bevölkern. Ob in Chichén Itzá, in der ehemaligen Handelsstadt Tulum an der Karibikküste oder in Calakmul, wo die höchste Pyramide Mexikos aus dem Wald ragt: Zwischen den Ruinen tummeln sich Heerscharen von Besuchern. An ihnen fände ein Kisch, der die Halbinsel im Jahr 2011 besuchen würde, wahrscheinlich ebenso viel Beschreibenswertes wie an den Resten der Mayakultur.

Touristen, die unter Regenpelerinen aus Plastik den schweren, tropischen Regengüssen trotzen, die dann und wann niedergehen; die sich von Schamanen bei Schnellsiede-Zeremonien am Wegesrand reinigen und segnen lassen; oder die von Rikschas, auf denen bunte Sonnenschirme aufgepflanzt sind, über Dschungelpfade zu Kultorten karriolt werden: alles wunderbare Szenen für eine Reportage.

Kisch würde den Touristen wahrscheinlich auch über gut ausgebaute Straßen, auf denen kein Schlagloch den ruhigen Verkehr stört, zu ihren Hotels folgen: 20 Stockwerke und höher klotzen sie in der Stadt Cancún direkt am Strand, eins nach dem anderen wie eine kilometerlange, gigantische Mauer. So wie er bei einer Reportage in "Entdeckungen in Mexiko“ den stilistischen Kunstgriff angewandt hat, Pyramiden zu beschreiben, indem er "Interviews“ mit ihnen führte, könnte er das heute mit den Hotelburgen tun: Zu erzählen hätten sie einiges.

Vielleicht würde Kisch die heile Urlaubswelt auch mit der Situation in anderen Teilen Mexikos vergleichen, wo Armut, Gewalt und Korruption herrschen. Und er müsste dabei feststellen, dass man auf Yucatán nichts von all den Problemen bemerkt, die im Rest des Landes das Alltagsleben abzuwürgen drohen.

Kisch fände mehr als genug Stoff, seine "Entdeckungen in Mexiko“ zu erweitern. Aber auch so gilt das Werk als eines der besten, die er verfasst hat: nicht nur aufgrund seiner stilistischen und journalistischen Brillanz, sondern auch wegen des umfassenden Eindrucks von Politik und Wirtschaft, Gesellschaft, Geschichte und Kultur des Landes, den es zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bot - und nicht zuletzt der zeitlosen Aktualität mancher darin enthaltener Texte wegen, die sich etwa an der Reportage über die Sisalproduktion zeigt.

Publiziert wurden die "Entdeckungen“ erstmals bereits im Jahr 1945 im Exilverlag El Libro Libre (Das freie Buch) noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Untergang des Nazi-Regimes hielt es Kisch nicht mehr lange in Mexiko. Anfang 1946 machte er sich per Eisenbahn auf den Weg nach New York, setzte dann per Schiff nach Europa über und erreichte im März Prag.

Ein Jahr später erschienen die "Entdeckungen in Mexiko“ in erweiterter Form auch im Berliner Aufbau Verlag. Dem Land, das ihm Exil gewährt und dadurch das Leben gerettet hatte, konnte er damit ein Denkmal setzen. Es blieb sein letztes Buch: Nur zwei Jahre nach der Rückkehr in die Heimat starb Egon Erwin Kisch am 31. März 1948 an den Folgen eines Schlaganfalls.

"Wer hat Mexiko vor ihm gesehen?“, fragte der Schriftsteller Heinrich Mann, der während der Zeit des Dritten Reichs selbst ins Exil gezwungen worden war, im Hinblick auf seinen Kollegen Kisch einmal - und gab selbst gleich die Antwort darauf: "Niemand ganz, das steht fest.“