Wohin lenkt uns die Digitalisierung?

Wohin lenkt uns die Digitalisierung?

Alles spricht von Wandel, jeder fragt nach Lösungen – doch für eine tiefgreifende Änderung der Denkmuster scheint Europa noch wenig bereit. Parallel dazu entstehen immer mehr Initiativen mit dem Ziel, wirtschaftliches und gesellschaftliches Neudenken auch auf breiter Ebene zu etablieren.

"Bedroht die Digitalisierung die Demokratie?", fragt "Europa im Diskurs" am 18. Mai – eine Diskussionsreihe, die seit zehn Jahren regelmäßig Denk-Kapazunder auf die Bühne des Burgtheaters bringt. "Welche Geschäftsmodelle werden in Zukunft erfolgreich sein?", lautete wiederum eine der zentralen Fragen beim Wiener "Fachkongress Industrie 4.0 – Future Standards Now", der dieser Tage stattfand. "Du stellst dir die Frage, was gerade mit unserer Welt passiert?", ist der Motor schlechthin beim alljährlichen Online-Summit der "Pioneers of Change". Der einwöchige Mutmachergipfel mit herausragenden Speakern lief bis vergangenen Sonntag auf Kanälen wie etwa Facebook.

Schon immer steckte die Welt voller Fragen, allerdings so modern wie jetzt war das Fragenstellen schon lange nicht mehr. Dahinter stecken einerseits Neugier, andererseits Verunsicherung, manchmal auch Ängstlichkeit. Alle drei sind markante Symptome des spürbaren Wandels, sie bestimmen Wahlergebnisse (mit), aber auch Konsumverhalten, Wirtschafskonjunktur und Soziokultur.


Was uns fehlt, um in Schwung zu kommen, ist das richtige Mindset

Doch trotz all der Fragewut und Debattierfreude, Sinnsuche und Perspektivwechsel scheint Europa nach wie vor auf der Stelle zu treten: "Wir Europäer sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt", kritisiert Bildungsexperte Andreas Salcher, "was uns fehlt, um in Schwung zu kommen, ist das richtige Mindset". Unabhängig davon fällt es in Zeiten der Veränderung grundsätzlich schwer, die richtigen zukunftsführenden Fragen zu stellen – "denn natürlich kannst du dich nicht auf die Zukunft vorbereiten, aber du kannst dich in deinem Denken dafür rüsten", so Salcher.

Wie gut sind wir vorbereitet auf die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz?

Parallel dazu formieren sich zunehmend Blogs, auf Privatbestreben gegründete Vortragsreihen (wie eben die eingangs erwähnten "Pioneers of Change") oder höchst kompetente Denkerrunden, die alle darauf abzielen, das Bewusstsein für gesellschaftliche Neuerung zu schärfen – und den Mysterien rund um "unsere Angstfreude", wie Trendforscher Matthias Horx in seinem Vorwort zum "Zukunftsreport 2017" Roboter bezeichnet, etwas mehr Pragmatismus zu verpassen. Der zentrale Punkt aber, um den sich immer wieder alles dreht, lautet: Wie gut sind wir eigentlich vorbereitet auf die Herausforderungen durch künstliche Intelligenz?

Einer, der mit besonderem Engagement Fragestellungen forciert, ist der in Österreich lebende US-Ökonom Wolfgang Price. Vor etwa drei Jahren gründete der 86-Jährige Wissenschafter, der Ende der 1970-er Jahre Berater in der Administration von US-Präsident Jimmy Carter war, einen "Council for a 21th Century Progressive Economy". Von Beginn an sammelte er prominente Mitdenker um sich, unter anderem ÖGB-Präsident Erich Foglar, Nationalbank-Präsident Claus Raidl, den AMS-Chef Johannes Kopf, den ehemaligen Caritas-Präsidenten Franz Küberl oder die Rektorin der TU Wien, Sabine Seidler sowie die Wissenschafter Marc Fähndrich, Peter Skalicky oder der Kybernetiker Robert Trappl. Zwei Jahre lang trafen die Mitglieder einander im Abstand von wenigen Monaten, um, so Price, "wichtige Fragestellungen in Bezug auf die zukünftige Interaktion zwischen Arbeit und Gesellschaft" zu entwickeln. Am Ender arbeitete Price in einer Resolution 21 Punkte heraus, die sich in vier Gruppierungen aufteilen – Arbeit/Beschäftigung, Einkommen/Einnahmen (Steuern), Bildung und Ethik – und bereits dem EU-Parlament vorliegt. Ambitioniertes Ziel: "Werkzeuge für einen europäischen Neustart" zu schaffen (profil berichtete in der Ausgabe Nr. 43/2017, in dem Supplement "Geld Portfolio").


Die Strukturen, so wie wir sie gelernt haben, passen nicht mehr in die neue Welt

Dies ist in der Tat genauso schwierig, wie es klingt. Noch ziehen Politik und Wirtschaft von ihren Grundprinzipien her in unterschiedliche Richtungen, meint Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts: "Erfolgreichen Unternehmen gelingt es, das zu antizipieren, was den Kunden bewegt". Dadurch sind Sie regelrecht gezwungen sich intensiv mit der Zukunft und Innovationen auseinanderzusetzen. Politische Parteien hingegen würden davon leben, so Gatterer, dass sie "Stimmung machen und damit Wähler akquirieren. Wenn man ihnen sagt: ,Jetzt seid doch mal innovativ!’, würden sie Stimmen verlieren, weil sie nicht auf den zukünftigen, sondern immer nur auf den aktuellen Zustand der Wähler eingehen". Dies ergebe einen "szenischen Gap". Neues werde deshalb stark über die Wirtschaft in die Politik getragen, während diese gleichzeitig damit befasst ist, den verunsicherten Bürger zu beruhigen: "Denn die Strukturen, so wie wir sie gelernt haben, passen nicht mehr in die neue Welt" (siehe auch Interview).

"Die meisten österreichischen Topmanager haben das schon lange verstanden und versuchen danach ihre Geschäftsmodelle auszurichten", beobachtet Bildungsexperte Andreas Salcher. Das trifft nicht nur auf heimischen Big Player zu, sondern auffallend oft auch auf Mittelbetriebe, die sich als so genannte Hidden Champions in ihrem Nischenbereich weltweit Namen gemacht haben. Auch Ökonom Wolfgang Price betrachtet die Möglichkeiten grundsätzlich positiv und geht davon aus, dass es weiter genug Arbeit geben wird – "nur wird es vielleicht nicht die sein, die wir seit 1900 gewohnt sind, nämlich Lohnarbeit", so Price. Vieles werde aus dem heutigen NGO-Bereich und der Freiwilligen-Arbeit heraus entstehen, ist er überzeugt und zeigt bei seinen Ausführungen durchaus Freude an der Zuspitzung: "Die Jobs, die wir in den vergangenen Jahrzehnten im obersten Segment gründeten, wie zum Beispiel bestimmte technische oder kreative Berufe, sind für zukünftige Gesellschaften nicht mehr wichtig. Die aus dem untersten Segment, wie zum Beispiel Pflegeberufe, Kinderziehung oder künstlerische Tätigkeiten, werden immer wichtiger, sind aber derzeit schlecht bezahlt". Eine der Herausforderungen könnte daher lauten: "Wie schaffen wir es, dieses Missverhältnis auszugleichen?", so Price – "wenn die Finanzierung nicht über Marktwirtschaft und Geld laufen kann, dann vielleicht über Zeit, die man geschenkt bekommt? Oder über den Bezug von Dienstleistungen anderer zum Ausgleich?", fragt er weiter. Und er bringt das Vertriebssystem Blockchain ins Spiel, mit dem sich in absehbarer Zeit all diese aufgezeichneten Aktivitäten verwalten und vermarkten ließen.

Dass die drohenden Umwälzungen mit enormer Komplexität beladen sind, möchte Price gar nicht kleinreden. Anstelle mit schwerem Kopf reagiert er mit einer Flut gezielter Fragen, die er in seinen Ausführungen wiederholt aufwirft: "Wie bereiten wir uns und unsere Sicherheit auf eine Welt vor, in der in künstliche Intelligenz versteckt ist – und wenn wir uns vorbereiten wollen, so fangen wir an? Wie sichern wir unsere eigene menschliche Intelligenz ab? Wie kann man den Reichtum, den die digitale Technologie hervorruft, neu verteilen?". Und vor allem: "Wie können wir neue Wege finden, damit die Menschen auch im Jahr 2030 oder 2050 zufrieden sind?"


Wer sein Leben als ständiges Lernprogramm versteht, der kann optimistisch in die Zukunft blicken

Bei der Bemessung der Zonen, in denen es darum geht, dass der Mensch seine Vorherrschaft gegenüber der künstlichen Intelligenz behält, spielt Bildung gewiss die wesentliche Rolle: "Wer sein Leben als ständiges Lernprogramm versteht, der kann optimistisch in die Zukunft blicken", ist Bildungsexperte Salcher überzeugt. Seiner Meinung nach, werde sich die Welt ohnedies künftig in "die Lernenden und die Nichtlernenden" teilen – "und die Nichtlernenden werden zu den großen Verlierern zählen".

Setzt die Politik im Bildungsbereich die richtigen Prioritäten?

Doch setzt sich die Politik im Bildungsbereich auch richtige Prioritäten, um die junge Generation zukunftsfit zu machen? Salcher meint: Nein. Und fährt mit einem Geschütz an Fragen auf, die darauf abzielen, die Schwachpunkte und Lücken zu zeigen: "Glauben wir wirklich, dass in zehn Jahren noch immer ein Lehrer mit dem Rücken zu seinen Schülern vor einer Tafel stehen wird, um darauf mit Kreide Formeln zu schreiben, die er dann wieder löscht, sobald die Tafel voll ist? Glauben wir wirklich, dass im 21. Jahrhundert eine Institution, deren Hauptzweck das Lernen ist, überleben kann, wenn ihre 120.000 Mitglieder nicht alle über einen eigenen Computer verfügen, in Teams arbeiten und sich ständig weiterbilden müssen?" Dann zählt er im selben Tempo Beispiele auf, wie es besser funktionieren kann: Etwa durch fächerübergreifenden Kompetenzunterricht, wie er derzeit in einigen Schulen Finnlands erprobt wird. Oder durch grenzenlosen Wissenszugang, wie sie die Khan Academy, eine nicht-kommerzielle Website mit Lehrmaterial, vorexerziert. Oder durch verstärkte individuelle Betreuung, wie sie "School of one" im Staate New York praktiziert: Mittels Einzelbetreuung werden hier Schüler an ihren eigenen Lern-Rhythmus herangeführt. Die ideale Rolle des Lehrers werde in Zukunft nicht mehr der eines Wissensvermittlers sein, ist Salcher überzeugt, sondern der eines Begleiters, "der die Kinder in die richtige Richtung lenkt. Denn Frontalvortrage sind keine gute Vorbereitung auf eine Welt, in der Kreativität, emotionale Kompetenzen und Problemlösungsfähigkeit gefordert sein werden".

Problemlösung ist einer der wichtigsten Trigger für Innovation; sie führt Regie bei den meisten Silicon-Valley-Karrieren, die fast immer mit dem Satz beginnen, dass jemand aus der Welt "einen besseren Ort" machen wollte. Ethik scheint also ein fixer Bestandteil zu sein in dieser ersten "Umbauphase" der neuen Welt – nicht umsonst ist der Anteil von Non-Profit-Organisationen in der Start-Up-Szene überdurchschnittlich hoch.

"Achtsamkeit ist der Schlüsselbegriff für die mentale Zukunft.", schreibt Matthias Horx in seinem Zukunftsreport 2017 – "Während der Esoteriker an Wunderwirkungen glaubt, sieht der Achtsame die Welt als ein Netz von Verbindungen und Beziehungen. Spiritualität ist die Anerkennung und Wertschätzung dessen, was uns mit der Welt, den anderen (...) verbindet". In diesem Sinn ist Andreas Miedaner ein typisch Achtsamer. Als der Gründer des Wiener Designbüros Büro X vor sieben Jahren begann, die App Treeday zu entwickeln, hieß seine persönlicher Ausgangspunkt: "Warum ist es so verdammt schwierig, nachhaltig zu leben?" Sein Ziel war es, sogenannte "Öko-Schläfer" zu erreichen – Menschen, die, wie er, einen besseren Umwelt-Footprint hinterlassen wollten, wobei das Ganze aber spielerisch funktionieren sollte. Beim Entwurf seiner App war ihm bewusst, dass er somit Goodies bieten musste, um die Leute bei der Stange zu halten. Das Ergebnis: Treeday zeigt, wie und wo man durch sein Alltagsverhalten verantwortungsvoller und gesünder leben kann – und belohnt Aktivitäten mit Punktesammeln und damit verbundenen Vergünstigung. Gleichzeitig bietet die App einen globalen Marktplatz, auf dem Nutzer die nachhaltigsten Unternehmen in ihrer Region anzeigen – von der Bäckerei über den Friseur bis zum Modegeschäft. Um das Ganze auf solide Beine zu stellen, erarbeitete Miedaner gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur, auf Basis wissenschaftlich gestützter Kriterien, einen "Index für Nachhaltigkeit" für Unternehmen. Damit soll für Konsumenten leicht erkennbar werden, wo ein Unternehmen in seiner nachhaltigen Entwicklung steht.

Derzeit sind mehr als 10.000 "grüne" Unternehmen auf Treeday zu finden; die Anzahl der Nutzer liegt zwar noch bei 50.000, jene der Zugriffe bei 500.000, doch die will Miedaner demnächst mit einer breit angelegten Kampagne vor allem international stark ausbauen – denn er ist überzeugt, "dass Transparenz und Nachvollziehbarkeit die tragenden Säulen für nachhaltige Veränderungen sind. Und die Mehrzahl der Menschen ist bereit nachhaltiger zu leben, wenn’s vor allem einfach ist".