Start-up: Wie gutes Gründen geht

So sieht die GoStudent-App aus.

So sieht die GoStudent-App aus.

Eine gelungene Start-up-Gründung macht noch keinen Frühling aus. Zwischen Finanzspritzen von außen und nachhaltigem Wirtschaftserfolg liegt eine Überbrückungsphase, in der Teamgeist, Optimismus und ein Geldpolster im Rücken die härtesten Währungen sind.

Große Ideen nehmen ihren Ausgang oft in der richtigen Mathematik. So auch für Felix Ohswald, der in Cambridge Finanzmathematik studierte, und seinen etwas jüngeren Bruder Moritz, der zur selben Zeit in Wien über einer Mathe-Hausaufgabe brütete. Via WhatsApp benachrichtigte er Felix über sein Problem - das dieser natürlich prompt lösen konnte. Als sich diese praktische Vorgehensweise wiederholte und immer mehr Freunde in Moritz’ Umfeld den Exklusiv-Service ebenfalls in Anspruch nehmen wollten, entstand die Idee zur Lernhilfe-App "GoStudent“. Die zwei Brüder holten sich mit ihren Freunden Gregor Müller und Ferdinand von Hagen kompetente Partner mit an Bord; so begann die Entwicklungsphase von "GoStudent“.

Erst dienten WhatsApp und Facebook als Plattformen für den Informationsaustausch zwischen ratlosen Schülern und einem rasch wachsenden Tutoren-Netzwerk, das sich zunächst aus dem Bekanntenkreis der vier zusammensetzte. Schließlich präsentierten sie im Frühjahr dieses Jahres den Prototypen ihrer App, um dann auch bei Investoren vorstellig zu werden. Pioneers Ventures aus Wien und die deutsche Econnoa stiegen mit 200.000 Euro in das Projekt ein - das Geld wurde für den Feinschliff der App sowie für deren kontinuierliche Weiterentwicklung verwendet. Einen Firmensitz unweit der Wiener Roßauer Kaserne stellt ihnen Jörg Flöck, Co-Geschäftsführer des Business-To-Business Dienstleisters Match Makers, zur Verfügung.

Tatsächlich schaffte das Quartett auf Anhieb das, wovon alle Start-up-Betreiber träumen: Sie fanden rasch Geldgeber, die an ihr Projekt glaubten und dieses so unterstützen, dass es auch Zukunft hat. Denn der durchschnittliche Investor, der auf die Kraft junger Wirtschaft setzt und sich zum Beispiel über Crowdfunding-Plattformen wie Conda engagiert, zweigt - laut Angaben der Wirtschaftskammer (WKO) - von seinem Budget gerade einmal 750 Euro ab. Da kann es schon dauern, bis ausreichend Geld gesammelt ist, um einen Unternehmensstart auch mit einem "up“ zu versehen. Das Erschwerende: Gerade in dieser Szene kommt es bereits in der Frühphase auf ein schnelles Wachstum an, um in der Folge richtig potente Förderer begeistern zu können.

Die Ohswald Bros und ihre Partner aber hatten offenbar das Glück, mit der "GoStudent“-App auch einen Nerv der Zeit getroffen zu haben: Innerhalb von sechs Wochen verzeichneten sie bereits 8000 Anfragen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Diese bemerkenswerte Resonanz erklärt Felix Ohswald unter anderem damit, "dass es den meisten Schülern peinlich ist, vor allen anderen in der Klasse oder direkt beim Lehrer nachzufragen“.


Laut Statistik überstehen 30 Prozent der Gründer die ersten drei Jahre nicht.

Das GoStudent-Tutorensystem basiert auf dem Prinzip, dass Schüler beziehungsweise Studenten Schülern helfen, somit ist auch der Tonfall altersadäquat: "Wir wollen weg von der Nachhilfe-Idee hin zum persönlichen Lernassistenten“, erläutert Ohswald. Dialoge lesen sich dann folgendermaßen: Schüler - "Wann wird in Englisch der If-Satz vom Typ 1 verwendet?“ Tutor 1 - "Typ1 der If-Sätze wird gebildet mit if + Simple Present, Will-Future. Verwendet wird er bei einer Bedingung, die möglich ist und auch sehr wahrscheinlich eintritt.“ Tutor 2 - "Ein klassisches Beispiel würde lauten, If I find her adress, I will send her an invitation.“ Tutor 3 - "Sehr zu empfehlen ist die Seite https:// www.ego4u.de/de/cramup/grammar/conditionalsentences.“ Schüler - "Super. Danke für eure Hilfe“.

"Die Tatsache, dass wir nicht nur eine Idee, sondern auch schon in unserer frühen Phase ein fixes Team hatten, erwies sich gegenüber Investoren als vorteilhaft“, ist Gregor Müller überzeugt. "Denn ein guter Businessplan allein sagt zu wenig aus - gerade in der Anfangsphase hat man ja noch kein ausgereiftes Businessmodell.“ Die Richtigkeit dieses Ansatzes bestätigt Christoph Räthke, Leiter der Berliner Start-up-Akademie: "70 Prozent aller Start-ups, die scheitern, scheitern an einem Problem mit dem Team“, weil sich Leute nach der Anlaufphase in verschiedene Richtungen entwickeln oder es zu Kompetenzproblemen komme.

Gerade die Anfangsphase gestaltet sich für Start-ups oft besonders schwierig. Laut Statistik überstehen 30 Prozent der Gründer die ersten drei Jahre nicht. Denn zwischen der Umsetzung einer Idee und dem Zeitpunkt, in der sie erste relevante Geschäftserfolge einfährt, entsteht meist eine finanzielle Durststrecke, bei der die Jungunternehmer entweder auf Erspartes oder Unterstützung aus dem allernächsten Umfeld angewiesen sind. Hinzu kommen Aufwendungen, die das mühsam gesammelte Kapital nicht unwesentlich belasten - etwa die Eintragung ins Firmenregister: "Für die formale Gründung unseres Unternehmens haben wir samt Anwalts-, Notariats- und Entwicklungskosten knapp 50.000 Euro ausgegeben“, erzählen Müller und Ohswald. Alles Faktoren, die bei der vorherrschenden Start-up-Euphorie - anlässlich der Präsentation des Förder-Pakets für Gründer im Juli dieses Jahres sprach die Regierung von 15.000 potenziellen neuen Jobs (siehe Kasten) - gern unter den Tisch gefallen lassen werden.

Der Oberösterreicher Werner Leitmüller, der vor knapp einem Jahr sein 3D-Unternehmen gründete, befindet sich derzeit in solch einer Überbrückungsphase: "Ich lebe von dem, was ich seit Jahren angespart habe.“ Sein Start-up bietet einerseits die naturgetreue Nachbildung von Haustieren an (copypet.net), andererseits eine Do-it-yourself-Plattform, über die jeder User Objekte entwerfen und gestalten kann (jedermann3D.com). Die ersten Monate der Projektentwicklung bezog er Fördergeld, "was cool war, weil ich mir damit Raum schaffen konnte, meine Geschäftsidee zu entwickeln“. In dieser Zeit durfte Leitmüller allerdings weder Werbung für sein Konzept machen noch Geschäftsabschlüsse tätigen - "trotzdem hat es am Anfang gut gepasst“. Derzeit führt er Verhandlungen mit Werbegeschenk- und Fotobuch-Anbietern und zeigt sich zuversichtlich, dass "vor allem meine Do-it-yourself-Plattform schon ab nächstem Jahr ein Erfolgsmodell sein wird“.

Auch die "GoStudent“-Gründer verdienen noch nichts mit ihrer App. "Wir haben aber mit ausgesuchten Werbepartnern einen Videokatalog entwickelt, um den unsere User nach Aufbrauchen ihres limitierten Fragenkontingents nicht herumkommen“, so Ohswald. Und allein das Talent, Begeisterung für seine Sache auch auf andere überspringen zu lassen, ist im Start-up-Business schon eine ziemlich harte Währung.

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Quelle: eu-startup.com, Daten 2015