Urbanistische ­Partnervermittlung: Citymart.com bietet Lösungen für eine Welt im Umbruch

Urbanistische ­Partnervermittlung: Citymart.com bietet Lösungen für eine Welt im Umbruch

Müll, Raumknappheit, zu viele Menschen, zu leere Kassen. Fast jede Stadt kämpft mit diesen Problemen. Das Start-up-Unternehmen Citymart.com bietet Lösungen für eine Welt im Umbruch.

Von Manuel Meyer

Knapp die Hälfte der Erdbevölkerung lebt heute in Städten. Bis 2050 sollen sogar 70 Prozent aller Bewohner des Planeten ihr (neues) Dach überm Kopf im urbanen Raum finden. Das stellt die meisten Metropolen, aber auch kleinere Städte, vor große Probleme. Sie müssen dringend ihre Strukturen anpassen, wollen sie nicht unter diesem eklatanten Wachstum zusammenbrechen.

Probleme wie verstopfte Straßen, Müllbeseitigung, Energiekosten, Klimawandel und Raumknappheit machen allen zu schaffen. Sogar die Folgen einer alternden Bevölkerung oder die generell zunehmende Fettleibigkeit der Stadtbevölkerung und ihr Mobilitätsverhalten stellen weltweit immer größere Herausforderungen für Städte und Kommunen dar.
Mit architektonischen und stadtplanerischen Maßnahmen sowie technologischen Innovationen sind sie gezwungen, auf diese Entwicklungen zu reagieren. Doch häufig stehen Rathäuser, Bürgermeister und Planer vor der gravierenden Frage: Wo und wie kommen sie an die besten Lösungen heran, die – in Zeiten leerer Stadtkassen – auch noch kostengünstig sind? Antworten auf ihre Frage könnte die weltweit vernetzte Plattform Citymart.com liefern.

„Globaler Marktplatz“ für Städte
Denn das innovative Unternehmen mit Sitz in Barcelona und Kopenhagen versteht sich als eine Art „globaler Marktplatz“ für Städte, die weltweit nach Lösungen für lokale Probleme suchen. Es gibt rund 557.000 Städte und Kommunen auf der Welt, und in den meisten Fällen sind die Probleme eines Ortes gut vergleichbar mit denen eines anderen. „Dennoch ist es nahezu bahnbrechend, wenn heute eine Stadt außerhalb ihrer lokalen- oder Landesgrenzen nach Lösungen sucht. Nicht einmal ein Prozent der weltweiten Kommunen macht seine Probleme überhaupt öffentlich“, sagt Citymart.com-Geschäftsführer Sascha Haselmayer. Wien stelle da, so der gebürtige Hamburger, der auch Architekt ist, eine erfreuliche Ausnahme dar. Als die Stadt Ende Jänner dieses Jahres etwa ihren neuen Stadtentwicklungsplan STEP 2025 vorstellte, handelte es sich um einen internationalen Vorzeigefall. Mit dieser Maßnahme zählt Wien zu den sogenannten „Smart Citys“, wie man intelligent vernetzte, zukunftsorientierte Städte heute im Fachjargon nennt. STEP 2025 soll dafür sorgen, dass Wien in Zukunft trotz wachsender Bevölkerungszahlen und zunehmender ökologischer wie ökonomischer Probleme leistbar und lebenswert bleibt. Konkret sah die Planung folgendermaßen aus: Mehr als zwei Jahre lang suchte die Stadt via Ausschreibungen nach innovativen Lösungen, wie man etwa öffentliche Verkehrsmittel intelligenter vernetzen, CO2-Emmission reduzieren und den Anteil erneuerbarer Energien erhöhen kann. Auf ihrer Website berichtet die Wiener Stadtverwaltung detailliert über Probleme und angestrebte Lösungen, die auch kostengünstig sind.
Der Wunsch nach Kontrolle, die Verteidigung wirtschaftlicher Interessen lokaler Unternehmer und die Angst, innovative Technologie von außen könne lokale Arbeitsplätze kosten, komme den Bürgern langfristig teuer zu stehen, meint Sascha Haselmayer, der mit seinem dänischen Geschäftspartner Jakob H. Rasmussen Citymart.com bereits im Jahr 2008 gründete. Denn auf lokaler Ebene werde nicht immer die beste Lösung für das jeweilige Problem gefunden, sind die Geschäftsführer des mittlerweile viel beachteten Start-up-Unternehmens überzeugt. Parallel dazu gilt es zu bedenken: Würde man das Rad nicht immer wieder durch teure Ausschreibungen, Marktstudien und Untersuchungen neu erfinden wollen, sondern stattdessen auf bereits erprobte Konzepte zurückgreifen, könnten sich die Kosten für die Steuerzahler um das 20- bis 40-fache reduzieren.
„Warum soll etwa die Stadt Salzburg mit externen Experten und lokalen Unternehmen für viel Geld ein neues Fahrradsystem erfinden, wenn London bereits zuvor ein sehr ähnliches Modell erfolgreich eingeführt hat“, stellt der 40-jährige Haselmayer die nicht ganz unberechtigte Frage in den Raum – allerdings müssten die Salzburger über einen zuverlässigen Kanal vom Erfolg in London erfahren. „Hier kommen wir mit unserem Netzwerk, unseren Kontakten und unserem Beraterstab ins Spiel“, so der Hamburger, der mit seiner bahnbrechenden Geschäftsidee auch zum Ashoka-Fellow gekürt wurde (Ashoka verknüpft in seinem internationalen Netzwerk Sozialunternehmen und -initiativen). Citymart.com betreut mittlerweile weltweit 82 Partnerstädte sowie rund 1200 Unternehmen, die städtebauliche Lösungen anbieten. Fast die Hälfte dieser Städte kommuniziert heute direkt über Citymart.com ihre urbanistischen Probleme. Manchmal helfen aber Haselmayer und sein Partner Rasmussen einfach nur, Ausschreibungsprozesse zu verbessern.

Mittlerweile muss Haselmayer nicht mehr lange überlegen, wenn es darum geht, ein Beispiel zu finden, das die Effizienz und den Erfolg seiner Vermittlungs- und Beratungsplattform untermauert: Die kalifornische Stadt San Francisco etwa hatte über drei Jahre lang ein Problem mit dem drahtlosen Steuerungssystem der Straßenbeleuchtung ausgeschrieben, jedoch kein lokales beziehungsweise amerikanisches Unternehmen mit einem guten Lösungsansatz gefunden. Allein die drei öffentlichen Ausschreibungen hatten die Bürger rund 20 Millionen Dollar gekostet. So kontaktierten die politisch Verantwortlichen Citymart.com. „Innerhalb weniger Monate meldeten sich bei uns weltweit 59 Unternehmen mit sinnvollen Lösungsvorschlägen. Am Ende wurde ein kleines, auf Ölraffinerie-Technologie spezialisiertes Unternehmen aus der Schweiz ausgewählt, das einen ersten Straßenzug mit einem Test-Steuerungssystem einrichtete, das für die ersten fünf Monate kostenlos lief“, erzählt Haselmayer. Ohne Citymart.com wäre die amerikanische Küstenstadt nur schwerlich auf das kleine Unternehmen aus der Schweiz aufmerksam geworden – andererseits hätten die Schweizer wohl kaum von der Ausschreibung in San Francisco erfahren.

Wer auf das Citymart-Netzwerk zugreifen möchte, muss sich allerdings an gewisse Regeln halten. Die Partner-Städte verpflichten sich, ihre Anliegen und Anfragen über Citymart.com öffentlich auszuschreiben; die Mitglieder-Unternehmen stellen im Gegenzug ihre Prototypen kostenlos den Gemeinden zur Verfügung, die an dem Produkt Interesse haben. „Das Geschäftsmodel ist für beide Seiten interessant“, versichert Haselmayer. „Durch das Gratis-Testen von Prototypen und Systemen sparen die Städte Geld und Zeit. Damit wächst auch deren Bereitschaft, das Produkt zu kaufen. Die Unternehmen hingegen brauchen sich nicht mehr über Jahre hinweg bei hunderten von Städten mit ihren Herstellungen zu bewerben.“ Haselmayer wird noch deutlicher: „Stellen Sie sich vor, Sie haben ein innovatives Parkuhren-System erfunden. Dafür gibt es rein theoretisch weltweit 557.000 potenziell interessierte Städte und Kommunen. Doch wie gehen Sie vor, wer sind die richtigen Ansprechpartner?“ Und da tritt das Citymart.com-Netzwerk auf den Plan: Zusätzlich zur Datenbank und dem Netzwerk, die zur Verfügung gestellt werden, suchen zehn Marktforscher von der Zentrale in Barcelona aus weltweit nach weiteren Lösungen – indem sie etwa internationale Experten kontaktieren. „Wir sprechen hier von reiner Markteffizienz. Was Google bei der Suche im Internet oder Amazon für den Büchermarkt macht, das bieten wir bei der Suche nach Lösungen für urbane Probleme an“, erklärt Sascha Haselmayer.
Der Blick in die große, weite Welt scheint sich zu lohnen. Am Bespiel New York sieht man, wie Stadtplanung und Architektur gezielt eingesetzt werden können, um die Gesundheit der Bürger zu verbessern. So hat die amerikanische Mega-City beispielsweise herausgefunden, dass man allein durch das Aufhängen von Schildern mit der Aufschrift „Verbrauche lieber Kalorien als Strom“ die Treppenbenutzung um 1000 Prozent steigern kann.
Wer möchte, dass sich die Bürger auf dem Fahrrad gesundstrampeln anstatt im Auto durch die Stadt zu rollen, erlebt in Kopenhagen, wie durch die gezielte Konstruktion von Fahrradstraßen fast 90 Prozent der Bürger auf das Rad umsattelten, das nun das Hauptverkehrsmittel ist. Stockholm führte wiederum vor Kurzem ein GPS-Navigationssystem mit Smartphones für Blinde ein, mit dem sich diese frei und problemlos durch die Stadt bewegen können. Das System kostete der schwedischen Hauptstadt knapp 350.000 Euro. Doch der direkte Mehrwert für die Stadt liegt bei sieben Millionen Euro, da die soziale Betreuung für viele Blinde entfällt. „In New York leben weit mehr Blinde als in Stockholm – rund 338.000. Warum haben die das nicht? Vielleicht deshalb, weil sie noch niemals von der Stockholmer Lösung gehört haben. Die Stadt könnte im Jahr eine Milliarden Dollar sparen“, ist Haselmayer überzeugt.

Gullideckel aus Schaumstoff für Bosten
In den vergangenen drei Jahren konnte Citymart.com jedenfalls bereits für 45 Städte über 72 Probleme lösen. Die Reaktionen fallen meist positiv aus – oft weit über die Grenzen des jeweiligen Klienten hinaus. Zu den aktuellen Auftraggebern von Citymart.com zählt etwa Paris. Die französische Metropole sucht derzeit ein neues, energieeffizientes Stadtmobiliar, das die Geräusch- und Geruchsbelästigung auf Raucherterrassen eindämmen soll. Auch die Briten sind an Haselmayers Lösungen interessiert: London möchte ein System installieren, mit dem der Energieverbrauch in allen öffentlichen Gebäuden in Echtzeit abgerufen werden kann. Für die Stadt Boston hatte das Citymart-Team vor Kurzem ein Unternehmen gefunden, welches Gullideckel aus Schaumstoff und mit Puffern herstellt, die in 30 Sekunden und für 100 Dollar installiert werden können, sodass im Schadensfall die bisher üblichen mehrtätigen (und teuren) Straßenbauarbeiten wegfallen.

In Indien arbeitet das Unternehmen an der Entstehung der Retortenstadt Lavasa mit, wo energiesparende Häuser, innovative, aber günstige Bustransportsysteme und städteplanerische Konzepte entwickelt werden, die die soziale Integration der großen indischen Armenschicht berücksichtigen. Lavasa gilt als Prototyp für 130 neue Städte, mit denen Metropolen wie Mumbai entlastet werden sollen.

Die afrikanische Mega-City Lagos möchte hingegen seine aufstrebende Mittelschicht mit fünf Millionen modernen Wohneinheiten beglücken, die pro Haus nicht mehr als 10.000 Dollar kosten dürfen. Die Umsetzung beziehungsweise das Auffinden guter Lösungen sei äußerst kompliziert, klagt Sascha Haselmayer: „Wir haben zwar viele Architekten gefunden, die hochwertigen und gleichzeitig günstigen Wohnraum schaffen können. Jedoch liegen hier die Schwierigkeiten in der Lieferkette.“ Die Nachfrage nach solchen Wohnungen sei in Brasilien und China, wo die Mittelklasse stetig wachse, ebenfalls enorm hoch – „erschreckend allerdings, dass es weltweit kaum ein Unternehmen gibt, das günstigen Wohnraum in Massen produzieren kann“, meint der Citymart.com-Geschäftsführer.

Wie die Probleme sind auch die Lösungsansätze weit gefächert und oftmals extrem interdisziplinär. So spielen gerade bei Mobilitätsprojekten die Kombinationen aus sozialen, technologischen und architektonischen Aspekten eine relevante Rolle. Immer wichtiger werden dabei gesundheitliche Vorsorge sowie die soziale Integration von Behinderten, Kranken oder Randgruppen. „Man passt sich architektonisch den Wohnbedürfnissen alleinstehender Mütter, alter und behinderter Menschen an, damit diese lange selbstständig ohne Betreuung leben können“, erklärt Sascha Haselmayer. Das Zukunftsmotto der Smart Citys heißt „Prävention statt Subvention“. Was die stadtplanerische Integration älterer Menschen in die Gesellschaft angeht, hat Haselmayer ein schönes Beispiel vor seiner Haustür – Barcelona hat in den vergangenen drei Jahren 270 Spielplätze errichten lassen, die mit Installationen ausgestattet wurden, die gleichzeitig für Kinder und für ältere Menschen funktionieren: „Dieses aktive Zusammensein verschiedener Generation erhöht die Lebensqualität aller.“