Urlaub mit Mehrwert

Urlaub mit Mehrwert

An der Westküste Sri Lankas betreibt die Österreicherin Kathrin Messner ein paradiesisches Resort, das zahlreiche Künstler anzieht und obendrein einem guten Zweck dient.

Der 26. Dezember 2004 war glücklicherweise ein Vollmondtag – und der ist im mehrheitlich buddhistischen Sri Lanka ein Feiertag und somit schulfrei. Darum kam in der Schule der One World Foundation keines der Kinder zu Schaden, als damals die Tsunami-Welle über die Westküste hereinbrach und allein in dem Inselstaat 40.000 Menschen das Leben kostete. „Glück hatten wir auch, weil es hier in Ahungalla im Unterschied zu anderen Küstenorten zwei Wellen gab. Und wir gleich nach der ersten, kleineren gewarnt waren und uns in Sicherheit bringen konnten“, erzählt Raji De Silva, die Managerin des gleichfalls zur One World Foundation gehörenden Guesthouses Bogenvillya.

Heute erinnert an der prachtvollen Küste mit ihrem endlosen und palmengesäumten Sandstrand kaum noch etwas an das Unglück jenes Tages; die eleganten Bungalows der Bogenvillya wurden wieder aufgebaut, die Gärten und der Pool gepflegt und renoviert, nur wenige Meter weiter rauscht friedlich der Indische Ozean. Lediglich die Schule selbst ist nicht mehr da, sie wurde einige Kilometer landeinwärts gänzlich neu aufgebaut. „Heute werden hier bis zu 1200 Schüler verschiedenster Altersklassen unterrichtet und 37 Lehrer beschäftigt“, sagt Raji De Silva, während sie durch das Gelände der Schule führt. Gegründet wurde die One World Foundation vor genau 20 Jahren von der Österreicherin Kathrin Messner und ihrem inzwischen verstorbenen Mann Josef Ortner.

Finanziert wird das Projekt unter anderem durch die Einnahmen des Guesthouses, dessen Gäste Yoga- oder Ayurveda-Aufenthalte buchen oder einfach nur am Strand oder Pool abhängen können; in jedem Fall aber einen Besuch bei den lachenden Kindern in der von ihnen mitfinanzierten Schule machen sollten. „Unser Ziel ist es, eine Form des Tourismus zu fördern, die auf gegenseitigem Verständnis und einem fairen Austausch basiert“, sagt Kathrin Messner, „wir verstehen Reisen als Bildung im doppelten Sinn: für die Reisenden genau wie für die lokale Bevölkerung.“

Dass Bildung in Sri Lanka eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich überall auf der Insel. Ganz egal, wo man hinkommt in dem Land mit seiner für diese Region der Welt extrem hohen Alphabetisierungsrate: Allerorts winken Gruppen von Schulkindern in blauen oder blütenweißen Schuluniformen dem Besucher zu. Die Uniformen sind ein Überbleibsel der englischen Kolonialzeit, die im Jahr 1948 endete. „Als wir in den 1980er-Jahren hierherkamen, war die Sprache der englischen Kolonialzeit im Unterricht noch ziemlich verpönt, in den Schulen galt das Prinzip: Singhalese only“, erzählt Messner. Zwar sprachen viele ältere Menschen Englisch, aber die jüngeren kaum noch. Darum war die Schule anfangs ausschließlich auf den Englischunterricht ausgerichtet.

„Nach dem Tsunami war es freilich sehr schwer, einfach wieder bei null zu beginnen“, erinnert sich Messner. Doch hatte sie sehr gute Kontakte in die Wiener Kunstszene, wo sie gemeinsam mit ihrem Mann das Kunst-Projekt Museum in Progress startete, das sie bis heute leitet. „Bei dem Projekt geht es darum, die Kunst aus ihrem üblichen Rahmen wie etwa Museen und Galerien herauszuholen und in den öffentlichen Raum zu bringen, etwa auf Seiten von Zeitungen und Magazinen oder auf Plakatwände“, erklärt Messner. Um Geld für den Wiederaufbau zu sammeln, trommelte sie Künstler zusammen, die allesamt Werke zur Verfügung stellten. Diese wurden in Folge in der Galerie ihrer Freundin Ursula Krinzinger zugunsten der Stiftung und des Wiederaufbaus der Schule versteigert. „Geholfen hat uns außerdem der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, der Geld im Namen der Stadt gespendet hat“, erzählt Messner.

Inzwischen habe sich zwar im ganzen Land das Schulsystem gebessert, doch Vorschul-Unterricht beispielsweise gebe es in den staatlichen Einrichtungen bis heute keinen, nur in privaten Schulen, die sich viele Sri Lanker aber nicht leisten könnten. In der One World Stiftung indessen ist dieser Unterricht gratis. Und es gibt zudem für jene Mütter, die ihre Kleinen nicht ganz alleine lassen wollen, Unterrichtsgegenstände wie Schneidern, Mähen oder Batik. Da der Andrang groß ist, müssen inzwischen viele der Bewerber aus den umliegenden Dörfern abgewiesen werden, was Messner freilich bedauert. „Für den Direktor ist es wirklich eine äußerst schwere Aufgabe, diese Kinder und Jugendlichen nach einem Interview abzuweisen, aber leider bleibt uns keine andere Wahl, wenn wir unsere Kapazitäten nicht sprengen wollen“, bedauert sie.

Nach dem Besuch der Schule geht es per Tuck-Tuck zum Mittagessen zurück ins Guesthouse. Die kurze Fahrt führt vorbei an gezähmten Elefanten auf dem Weg zur Arbeit, an Straßenhändlern, die frische Trink-Kokosnüsse oder Joghurt aus Milch von Wasserbüffeln verkaufen, und an etlichen Kühen, die für die mehrheitlich buddhistischen Sri Lanker zwar nicht heilig sind wie für Hindus, aber dennoch unbehelligt und mit Seelenruhe den Verkehr behindern.

Mittags werden in der Bogenvillya hervorragende pflanzliche Gerichte serviert, alle aus frischem Gemüse, mit den verschiedensten Gewürzen und Curry-Mischungen, für die das Land mit dem Beinamen Gewürzinsel bekannt ist. Um welche Gemüse- und Gewürzsorten es sich dabei handelt, erklärt mit großem Verantwortungsbewusstsein der junge einheimische Koch. Genau wie der Tuck-Tuck-Fahrer, wie die Managerin, der Schuldirektor und zahlreiche weitere Mitarbeiter ist auch er schon seit Kinderjahren in die Stiftung eingebunden und hier zur Schule gegangen. „Wir kennen uns alle schon so lange, dass man tatsächlich von einer großen Familie sprechen kann“, betont Messner. Eine Familie, zu der auch einige Künstler und Schriftsteller zählen, auf die man hier als Gast immer wieder trifft. Denn seit bereits einigen Jahren läuft ein Projekt namens Writers-Artists in Residence, bei dem Schriftsteller beziehungsweise bildende Künstler drei Monate oder länger in dem Guesthouse leben und arbeiten können. Während das Programm im Fall der Künstler in Kooperation mit der Galerie Krinzinger entstanden ist, gründet jenes für die Autoren auf einer Idee des Schriftstellers Robert Menasse, der es auch kuratiert. „Zu der Zeit war das Programm für die bildenden Künstler von Ursula Krinzinger bereits sehr erfolgreich im Laufen“, erzählt Menasse, „also fand ich es naheliegend, Kathrin Messner vorzuschlagen, nicht nur Künstler, sondern auch Schriftsteller einzuladen. Kathrin war sofort einverstanden und meinte: ‚Okay, wenn du das organisierst.‘“

Inzwischen haben zahlreiche Schriftsteller das Angebot wahrgenommen, unter ihnen der Autor David Schalko, bekannt unter anderem für Fernsehserien wie „Braunschlag“ und „Altes Geld“. „Die One World Foundation ist ein Paradies im Paradies“, schwärmt Schalko, „Kathrin Messner führt das Haus mit humanistischer Hand und macht es damit auch atmosphärisch zu einem besonderen Ort. Man kapituliert vor lauter Schönheit.“ Ähnlich begeistert zeigt sich jeder, der diesen Ort einmal betreten hat; auch Robert Menasse spricht von einem Paradies, wenn er sagt: „Kathrin Messner ist eine moderne, aufgeklärte Heilige. Sie hat es geschafft, durch ihre Liebe zur Kunst, durch ihr Insistieren auf der gesellschaftlichen Notwendigkeit von Kunst, durch die Förderung und Ermöglichung von künstlerischer Arbeit ein Sozialprojekt in die Welt zu setzen, ohne jedoch die Kunst selbst zu Sozialarbeit zu transformieren, ohne die Autonomie der Kunst zu brechen und die Empathiefähigkeit der Künstler zu missbrauchen, das Ganze in einem Ambiente, das man als paradiesisch bezeichnen kann.“

Für die Gründerin der Stiftung, die inzwischen 80 Prozent ihrer Zeit in Sri Lanka verbringt, hat die Anwesenheit der Künstler und Schriftsteller freilich eine ganz besondere Bedeutung. „Buddhisten sind feine, sanfte Menschen, mit denen es eine Freude ist zu reden, zu arbeiten und zu leben“, sagt Messner, „aber ich schätze es auch sehr, von Zeit zu Zeit anderen Menschen zu begegnen.“ Darum habe sie, wie sie anfügt, die Kunst gewissermaßen zu sich geholt.