Los Angeles, Kalifornien: Bei den Beiunskis

USA - Los Angeles, Kalifornien: Bei den Beiunskis

In der US-Westküstenmetropole Los Angeles finden sich zahllose biografische und literarische Zeugnisse österreichischer Autorinnen und Autoren. Spurensuche in einem geografischen und kulturhistorischen Großraum.

Arnold Schwarzenegger begegnet man buchstäblich auf Schritt und Tritt. In Souvenirläden stapeln sich T-Shirts mit dem Konterfei des Schauspielers und Ex-Politikers. Ein Poster in einer Filmbuchhandlung zeigt einen jungen Mann mit ausgeprägtem Muskelaufbau, gleich daneben blickt eine Killermaschine mit grimmiger Miene vom Kinoplakat. Am Muscle Beach, dem Trainingsgelände für Bodybuilder unter freiem Himmel nahe der Strandpromenade, raunt man sich bis heute zu, dass sich auch Arnie hier einst gedrillt habe. Es ist ein schöner Zufall, dass der Name Arnold Schwarzeneggers, von 2003 bis 2011 der 38. Gouverneur Kaliforniens und einer der bestbezahlten Schauspieler in der Geschichte Hollywoods, vor einem Haus der Rekorde verewigt ist. Schwarzeneggers Stern auf dem Walk of Fame am Hollywood Boulevard, jene alljährlich von Millionen von Touristen frequentierte Hauptverkehrsstraße im Herzen von Los Angeles, mit der sich die US-Unterhaltungsindustrie selbst feiert, prangt vor dem "Hollywood Guinness Museum“, einer Schausammlung bizarrer Höchstleistungen, in der unter anderem der Welt größte Nasen, Zungen oder Hundeohren versammelt sind. Viele Männer gehen vor Schwarzeneggers Ehrenzeichen auf Beton in die Knie, lassen sich, eine Hand auf den Stern gestützt, ablichten. Stolz lächeln sie in die Kameras, es scheint fast so, als ob sie endlich am Ziel ihrer Reise angelangt seien.

Lage von Los Angeles in Kalifornien, USA

Der Hollywood Boulevard ist eine Straße, auf der tagein, tagaus Passanten verkehren. Ansonsten ist es nahezu unmöglich, in Los Angeles zu Fuß unterwegs zu sein, ohne sich verdächtig zu machen. Das Auto dient hier als unverzichtbares Alltagsvehikel, mit dem Einkäufe, Arzttermine und Besuche bei Freunden und Verwandten absolviert werden. Das ins Superlativische gesteigerte Verlangen nach Mobilität ist einerseits prägnanter Ausdruck des großstädtischen Lebensgefühls à la Los Angeles: Räder müssen rollen, Stillstand nie, the show must go on. Auf die Wetteransage im Fernsehen folgt zumeist der detailgenaue Überblick zum Straßengeschehen, die Meldungen zu Klima und Verkehr erfolgen in fortgesetzter Monotonie: Die Wochenvorschau stellt sieben Tage Sonnenschein mit minimalen Temperaturveränderungen in Aussicht, und in grelle Farben gewandete Moderatorinnen präsentieren aktuelle Staumeldungen, adrett positioniert vor einem bildschirmfüllenden Gewirr von Linien und Punkten, die Straßen und Autobahnknoten darstellen sollen. "Sie war hineingestoßen ins Lebenmüssen wie alle anderen auf diesem Freeway“, verschränkt die Wiener Autorin Marlene Streeruwitz in ihrem 1999 erschienenen Los-Angeles-Roman "Nachwelt“ metaphorisch die Existenz ihrer Buchheldin mit der Unübersichtlichkeit und Zufälligkeit des Großstadtlebens: "So ein Gefühl hatte sie in Wien nie. Sie fuhr dann zurück. Verirrte sich an der Autobahnkreuzung.“ Später heißt es in dem Roman, der von traumatischen Tagen im Dasein einer Wiener Journalistin auf L.A.-Recherche erzählt: "Man konnte ja nur mit dem Auto weiterkommen.“

Vollends kollabierte der Verkehr in Los Angeles vor wenigen Tagen, als US-Präsident Barack Obama der Stadt einen Kurzbesuch abstattete. Ein für Wahlkampfzwecke anberaumtes, in der Villa von Hollywood-Star George Clooney abgehaltenes Dinner, an dem zahlreiche Prominente und Geldgeber teilnahmen, spülte einen kolportierten Erlös von 15 Millionen Dollar in die Kampagnenkassa Obamas. Aufgewühlte TV-Außenreporter vor stockenden Autoschlangen berichteten in Sondersendungen über das durch die präsidentiellen Panzerlimousinen verursachte Verkehrschaos.

Andererseits wird die individuelle Fortbewegung vor dem Hintergrund eines nur rudimentär erschlossenen öffentlichen Verkehrsnetzes von der schier unermesslichen Weite des geografischen Großraums Los Angeles diktiert: Knapp 300 unterschiedliche Stadtteile mit rund 17 Millionen Einwohnern umfasst die größte Stadt im US-Bundesstaat Kalifornien, die Metropole am Pazifischen Ozean erstreckt sich auf einer Fläche von mindestens 120 mal 160 Kilometern. "Südkalifornien ist keine exakt definierte Region“, resigniert selbst das Reisehandbuch. Extreme prägen in Kalifornien zudem Geografie und Wetter: Große Höhenunterschiede - das Death Valley in der Mojave-Wüste nordöstlich von Los Angeles liegt unter Meeresniveau, der Mount Whitney in der Sierra Nevada ragt knapp 4500 Meter auf - kennzeichnen die Topografie: Der Badestrand ist vom Skigebiet mitunter lediglich eine gute Stunde Autofahrt entfernt. Regen fällt in Los Angeles an nur wenigen Tagen im Jahr, meist zwischen Dezember und April, der spürbare Wechsel der Jahreszeiten beschränkt sich auf Winter und Sommer. Im Winter erblüht die Stadt in Grün, im Sommer herrschen Gelb- und Goldtöne vor. Den Beinamen "Golden State“ erhielt Kalifornien nicht nur aufgrund historischer Ölfunde und des Goldrauschs im 19. Jahrhundert.

Die sich über eine Stunde ziehende Fahrt mit der größtenteils oberirdisch verkehrenden U-Bahn "Golden Line“ lässt Ausmaß und Vielfalt des urbanen Konglomerats mit weltstädtischem Flair erahnen: Scheinbar entvölkerte Industriegelände mit fußballfeldgroßen Parkplätzen folgen auf Bürohochtürme, die in der Sonne schimmern. Reihenhausidyllen mit akkurat gepflegtem Rasengrün, häufig mit US-Banner beflaggt, werden von Wohngegenden abgelöst, in denen verbeulte Autos vor gartenhausgroßen Unterkünften parken, davor vereinzelt Männer, die viel Zeit zu haben scheinen, Bierflaschen und Zigaretten in Händen.

Los Angeles bezeichnet aber nicht nur einen urbanen Lebensraum mit unscharfen Grenzen, sondern auch ein außerordentliches kulturhistorisches Areal. Lang ist die Liste jener Geistesgrößen und Künstler, die hier vorübergehendes oder ständiges Exil fanden: Theodor W. Adorno, Vicki Baum, Hanns Eisler, Lion und Marta Feuchtwanger, Peter Lorre, Thomas und Heinrich Mann, Max Reinhardt, Arnold Schönberg, Fred Zinnemann, Friedrich Torberg, Alma Mahler, Franz Werfel, Erich Maria Remarque. Pacific Palisades, ein Stadtteil nah der Pazifikküste, avancierte in den dreißiger und vierziger Jahren zu einem Zentrum der Auswanderer, zum, wie es damals hieß, "neuen Weimar am Pazifik“, mit Thomas Mann als Mittelpunkt, dem "Goethe in Hollywood“, wie die Zeitschrift "New Yorker“ den Literaturnobelpreisträger 1941 hochstilisierte.

Der großen Vergangenheit zum Trotz finden sich in Los Angeles kaum Gedenk- und Erinnerungstafeln, einzig am ehemaligen Wohnhaus von Thomas Mann, das derzeit zum Verkauf steht, verweist eine Inschrift auf den berühmten Schriftsteller. Wer Fragen zur intellektuellen Diaspora hat, die vor und parallel zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 ihren Ausgang nahm, sollte Cornelius Schnauber einen Besuch abstatten. Kaum ein anderer Gelehrter hat sich so intensiv der Epoche der massenhaften Emigration von Künstlern, Filmemachern und Autoren aus Deutschland, Frankreich, England und Österreich nach Los Angeles gewidmet. Schnauber, 73, lebt und arbeitet seit 1968 in der Stadt, zwischen Profession und Passion hat er nie einen Unterschied gemacht, in seinem umfangreichen Werksverzeichnis findet sich Unterhaltsames neben Tiefsinnigem, Populäres neben Sperrigem. Mehr als 50 Bücher hat der mittlerweile emeritierte Hochschulprofessor und Gründungsdirektor des Max Kade Institute for Austrian-German-Swiss Studies publiziert, darunter fiktive Film- und Familiengeschichten ("Die Hausmanns“), Biografien (etwa über Placido Domingo), Krimis ("Der Mord bei der Kartause“) und Theaterstücke mit wunderlichen Titeln wie "Herr Dr. Mann, ich habe nie an der Syphilis gelitten“. 1992 publizierte er den seit Langem vergriffenen Studien- und Reiseführer "Spaziergänge durch das Hollywood der Emigranten“. Mit Heimatvertriebenen wie Billy Wilder, Hilde Spiel, Fritz Lang, Ernst Krenek, Jean Renoir und Fred Zinnemann verband Schnauber langjährige Freundschaften, dem legendären Sarkasmus des Wiener Wüterichs Friedrich Torberg konnte er einiges abgewinnen. Mit Arnold Schwarzenegger lieferte sich Schnauber im US-Fernsehen hitzige Rededuelle. Autoren wie Peter Handke, Wolfgang Bauer und H. C. Artmann lud der unermüdliche Kunstagent nach Los Angeles zu Lesungen und Diskussionen.

Cornelius Schnauber ist einer der letzten Zeitzeugen der Epoche der Emigration. Seit einem Unfall ist der Forscher, der in einem Altersheim in ruhiger Lage lebt, an den Rollstuhl gefesselt. Ein Helfer serviert Kaffee, typisch amerikanisch: dünn, heiß und in schwerem Porzellan. Er habe, sagt Schnauber, stets in zwei Welten gelebt, als Nur-Deutscher oder Nur-Angelino habe er sich nie gefühlt: "Ein 12-Stunden-Flug und man landet auf einem anderen, dem europäischen Planeten.“ Schnauber erinnert auch daran, dass etliche Emigranten ihrem Exilland gegenüber, das mit künstlerischen Traditionen, Filmindustrie und nicht zuletzt mit gutem Wetter punkten konnte, ein ambivalentes Verhältnis pflegten. "Es ist hier am Pazifik wundervoll und tausendmal schöner zu leben als in New York“, bemerkte Max Reinhardt: "Ich bin aber auf der vierten Galerie des Burgtheaters aufgewachsen.“ Kabarettist Georg Kreisler wiederum berichtete von Neuankömmlingen, die "schimpften, weil sie jetzt in einem Sonnengefängnis leben mussten, mit Orangen vor dem Fenster“. Das Wort von den "Beiunskis“ macht damals unter den Emigranten die Runde. Bei uns in Wien. Bei uns in Berlin. Paul Henreid, einst, so Schnauber, die "männliche Monroe Hollywoods“, lebte bis 1992 in Pacific Palisades. Täglich zog er neben dem US-Sternenbanner die österreichische Flagge auf. "Würde man jeder Berühmtheit, die in Los Angeles einst lebte, eine Ehrentafel widmen“, lacht Schnauber und nippt vorsichtig an seiner Kaffeetasse, "mündete das Vorhaben in langwierigen Querelen und Eifersüchteleien. Deshalb fängt man damit gar nicht an.“

Zurück im Dreieck von Downtown, Pazifikküste und Hollywood Boulevard locken zahllose, zuweilen absonderliche touristische Haupt-und Nebenattraktionen - vom berühmten Hippie-Paradies Venice Beach, wo Kunsthandwerker Kitsch und Krempel und Obdachlose auf Kartonschildern eigenwillige Ratschläge ("Shitty advice“) für einen Dollar feilbieten, über den Aussichtspunkt am Griffith Observatory und das von Architekt Frank Gehry entworfene Stahlwunderwerk der Walt Disney Concert Hall bis zum "Original Pantry Cafe“, einer gastronomischen, 24 Stunden am Tag geöffneten Innenstadtinstitution, die seit 1924 keinen Schließtag verzeichnet, und dem 1919 eröffneten Literatenrestaurant "Musso & Frank Grill“, der ältesten Gaststätte Hollywoods. Achtlos strömt die Masse der Touristen an den Traditionseinrichtungen vorbei, was hier zählt, ist Spektakel: Vor dem "Kodak Theatre“ am Hollywood Boulevard, in dem seit 2002 die Oscars vergeben werden und das durch die Insolvenz des Film- und Kameraherstellers kürzlich offiziell in Dolby Theater umbenannt wurde, lauern Spiderman, Superman und Darth Vader auf Kundschaft. Ein Urlauber in Bermudashorts, nackte Waden in klobigen Turnschuhen, fotografiert die verkleideten Schauspieler. Catwoman springt ihm sofort zur Seite. "Hey Sie, wir machen das für Trinkgeld“, faucht die Superheldin: "Ein Dollar für ein Foto.“