profil-Reisen: Venezuela – „Gebautes Bilderbuch”

profil-Reisen: Venezuela – „Gebautes Bilderbuch”

Venezuela ist ein unwirtliches Reiseland - seiner karibischen Strände zum Trotz. Mit Geduld, Glück und dem Roman eines Salzburger Verlegers im Gepäck lässt sich die Seele des südamerikanischen Staats entdecken.

Alfredo Guzman, ein kleingewachsener Mann und ehrgeiziger Händler, erreicht Anfang des vorigen Jahrhunderts frierend Hamburg. Mit einem Dampfer voller Südfrüchte war er drei Wochen zuvor in der venezolanischen Hafenstadt Puerto Cabello in See gestochen. Kaum hat er die Stadt an der Elbe erreicht, heiratet Alfredo die schöne Tochter eines wohlhabenden Fabrikanten. Das Glück währt kurz. Im Jahr darauf kehrt Alfredo Guzman zurück nach Venezuela. Die hochschwangere Frau bleibt zurück. Der später geborene Sohn erhält den Namen des geliebten Ausreißers: Alfredo.

Zeitsprung, Deutschland, 1941: Der Gynäkologe Alfredo Guzman junior befindet sich auf einem Fliegerhorst in Brandenburg. Sein Leben gerät in Turbulenzen, als er eine Affäre mit der Gattin eines Generals beginnt. Hals über Kopf flüchtet er. Nach Venezuela, der Heimat seines verschollenen Vaters.

***

Die Luft ist lau, und am Himmel strahlt die Sonne zwischen bauschigen Wolken. Von La Guaira, jenem Hafen, in dem Al-fredo Guzman, der Protagonist aus "Venezuela“, dem 2005 publizierten Roman des Salzburger Verlegers und Autors Jochen Jung, erstmals südamerikanischen Boden betritt, sind es 30 Kilometer bis nach Caracas. Die venezolanische Hauptstadt liegt eingebettet in ein Tal, umgeben von Berghängen, an denen sich ringförmig Slums in die Höhe ziehen. Caracas klingt wie jede lateinamerikanische Großstadt: hupende Autos, Bataillone an dröhnenden Generatoren, das Geschrei der ameisenhaften Massen an Straßenverkäufern. Zweieinhalb Stunden verbringt jeder Bewohner der Stadt durchschnittlich inmitten des täglichen Verkehrschaos. Caracas ist laut, unüberschaubar, schmutzig, touristisch weitestgehend uninteressant. Die Hälfte der sechs Millionen Einwohner lebt in Armenvierteln, in denen sich Drogenbanden bekriegen. In den guten Vierteln wachen private Sicherheitsleute vor Hotels. Wer es sich leisten kann, umstellt sein Haus mit Mauern und doppelt gerolltem Stacheldraht. Jeder vierte Venezolaner wohnt in Caracas und Umgebung. Es ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Ein Moloch mit rauhem Charme und vielen Grünflächen, auf denen immer Frühling ist.


Größere Kartenansicht

Der alte Stadtkern ist übersichtlich und klein. Hier stehen die wichtigsten historischen Bauten. An jeder Ecke scheint dem größten Sohn der Stadt ein Denkmal errichtet: Simón Bolívar, dem Befreier der späteren Einzelstaaten Venezuela, Peru und Ecuador und Gründer des nach ihm benannten Bolivien. Der von Palmen umsäumte Hauptplatz trägt seinen Namen, in der Mitte das obligate Denkmal, um die Ecke das Geburtshaus. In Venezuela trägt so gut wie jeder größere Platz den Namen Bolívars.

Alfredo Guzman geht in Jochen Jungs Roman "Venezuela“ anderes durch den Kopf. "Die Palmen. Nichts zeigte ihm deutlicher als sie, dass sein Leben ein anderes geworden war und dass man es merkwürdig einfach verändern konnte, ob freiwillig oder nicht. Er war jetzt einer unter Palmen, und das gefiel ihm.“

Jochen Jung, 71, machte sich wie der Held in seinem Roman auf die Suche: Auch Jungs Vater war Mediziner in einem deutschen Fliegerhorst. Von den einmarschierenden Russen wurde er in ein Kriegsgefangenenlager nach Estland verschleppt, wo er später starb. Jung machte sich in Estland auf Spurensuche. "Ich habe nichts Biografisches erfahren“, erinnert er sich. "Also habe ich eine Geschichte erfunden, um meinen Vater wegzuschicken.“

***

Jung sandte stellvertretend Alfredo auf Reisen. Der Arzt im Buch landet zunächst in Caracas und fährt anschließend in die 70 Kilometer westlich gelegene Colonia Tovar. Hier, hoch oben in den Bergen, im kühlen Regenwald, bauten sich im 19. Jahrhundert hunderte Deutsche aus dem Gebiet des badischen Kaiserstuhls ihr Heimatdorf nach: Fachwerkhäuser mit Blumen auf den Fensterbrettern, das Brennholz akkurat gestapelt. Sie pflanzten Gemüse an, brauten deutsches Bier und achteten penibel darauf, unter ihresgleichen zu bleiben.

"Kein Dorf, keine Stadt, eher so etwas wie ein gebautes Bilderbuch“, so Guzman bei seinem Eintreffen in der Colonia Tovar. "Wir sind hier in Venezuela und in Deutschland zugleich“, wird er vom Bürgermeister empfangen. "In Venezuela, weil das die Landkarte so will, und in Deutschland, weil wir es so wollen.“

Als Venezuela dem Nazi-Regime 1945 den Krieg erklärte, wurde der letzte Deutschlehrer des Landes verwiesen. Heute leben rund 2000 Menschen in der Colonia Tovar. Einige Alte sprechen noch den alemannischen Dialekt. Es gibt Semmeln und Eisbein mit Sauerkraut, die Bedienung im "Hotel Bergland“ trägt Tracht. Badische Kultur wird nicht mehr gelebt, nur den Touristen vorgeführt.

***

Alfredo Guzmans Geschichte endet, als er auf einem rumpelnden Lastwagen durch die Llanos fährt. Hier endet auch, was in unseren Breitengraden bis heute die Vorstellung von Venezuela prägt: Caracas, die chaotische Metropole. Margarita, die Karibikinsel. Man kann aber in allen vier Himmelsrichtungen fündig werden.

In den Llanos, in den endlosen, dünn besiedelten Weiten, über die sich der Himmel ins Unendliche zu ziehen scheint, liege - wie sie hier sagen - die Seele Venezuelas. Die Bewohner werden "Llaneros“, Cowboys, genannt, seit Generationen betreiben sie in den Steppen und Savannen im Südwesten des Landes Viehzucht. Das beste Rindfleisch kommt aus der Gegend. In den Hotels der Provinz gibt es davon bereits zum Frühstück Kostproben. Inzwischen ist Erdöl die wichtigste Einnahmequelle. Eine rostige Pipeline läuft entlang der von planschbeckengroßen Schlaglöchern übersäten Hauptstraße. Händler verkaufen Maismehlfladen, Eistee und gegrillte Hühner, am Straßenrand bieten Friseure ihre Dienste an.

Am nordöstlichsten Ende der Llanos erstreckt sich das Orinoco-Delta, eine Sumpf- und Insellandschaft: dichter Dschungel und Heimat der Warao-Indianer, die sich entlang des Orinoco-Flusses und seiner vielen Nebenarme niedergelassen haben. Väter sitzen mit ihren Söhnen in Booten und fischen, Kinder schwimmen im braunen Wasser, winken fröhlich. Einige der Warao leben noch immer in Pfahlbauten, ohne Wände, nur mit Hängematten als Inventar. Ein Stück weiter steht die Schule der Gegend. Vier Wände aus Beton, Satellitenantenne am Dach.

Wer Venezuela entdecken will, verbringt nicht wenig Zeit auf den Flughäfen des Landes. Jede Flugstunde bringt neue Einblicke. Im Süden liegt das Hochland von Guayana, Teil des Amazonas-Gebiets und des Nationalparks Canaima, die fast die Hälfte der Gesamtfläche Venezuelas einnehmen. Über Jahrmillionen formten hier Sandsteinmassen die Täler und Tafelberge, die von Wäldern und Flüssen durchzogen sind und an deren steilen Felswänden zahllose Wasserfälle in die Tiefe stürzen. Nur fünf Einwohner pro Quadratkilometer leben an diesem welt- und zeitfernen Ort, die meisten Siedlungen erreicht man nur aus der Luft. Die vielen Gold- und Diamantenminen haben die Menschen reich gemacht. Mit den Cessnas kommen Lebensmittel und iPhones in das Niemandsland.

Im Westen dagegen, in der kühlen Welt der Anden, finden sich abgelegene Indiodörfer mit ihren bunten Häusern, umgeben von klaren Gebirgsseen und Bergen. Auf der höchsten Erhebung, dem Pico Bolívar, liegt das ganze Jahr über Schnee. "Andinos“ nennt man die Menschen, die in massiven Steinhäusern leben, die Schutz vor Witterung und Klima bieten. An den Wänden trocknet Knoblauch in der Sonne, auf der Straße bergan haben Händler Becher mit Erdbeeren und Schlagobers aufgereiht. Die Anzahl der Palmen sinkt, je höher sich die Straße den Berg hinaufwindet. Die Wände der Häuser erzählen selbst über der Baumgrenze vom jüngsten Drama Venezuelas, das weltweit Schlagzeilen machte: Auf vergilbten Plakaten sind die Namen von Hugo Chávez, Nicolás Maduro und Henrique Capriles zu lesen, von dem im März 2013 verstorbenen Präsidenten-Rebellen, seinem blassen Nachfolger und dessen politischem Gegner.

Alfredo Guzman aus Jochen Jungs Venezuela-Roman beschränkt seine Vater-Recherche auf wenige Orte, die Kompassnadel gibt ihm keine Richtung vor. In Küstennähe kommt Alfredo nicht, von den karibischen Stränden und malerischen Buchten des Landes, die jedes Jahr eine Unzahl von Touristen anlocken, hält er sich fern. Dabei wäre er hier, unter Palmen, wohl glücklich gewesen.

Tipps und Reiserouten
Wer in Venezuela viel sehen möchte, kommt ums Fliegen nicht herum: Man startet in Caracas und begibt sich von dort aus in vier verschiedene Richtungen: an die von Palmen gesäumten Strände der Halbinsel Paria, in Richtung Anden mit Zwischenstopp in der studentischen Stadt Mérida; in das flache Land der Llanos zur Tierbeobachtung, in den Orinoco-Dschungel in Richtung der Tafelberge und Wasserfälle im Osten des Landes. Venezuela ist rund drei Mal so groß wie Deutschland - und zählt nicht zu den sichersten Reisedestinationen. Ziele abseits der Tourismusrouten sollten mit der nötigen Umsicht und am besten mit ortskundigem Personal bereist werden. Nota bene: einen Bogen um Demonstrationen machen (Eskalationsgefahr) sowie auf politische Diskussionen verzichten (detto); Armensiedlungen meiden, nur in offizielle Taxis steigen und auf das Tragen von Schmuck in der Öffentlichkeit verzichten.

Reise. Viele österreichische Autoren haben weit über die Landesgrenzen hinaus ihre biografischen und literarischen Spuren hinterlassen: Die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann lebte und starb in Rom; der k. u. k. Literat Franz Werfel thematisierte in seinem 1933 veröffentlichten Historienepos "Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Völkermord an den Armeniern durch die türkischen Belagerer; die Indien-Visiten von Büchner-Preisträger Josef Winkler finden sich als literarisches Echo in dessen Werk. Nach der 2008 unternommenen Erkundung zentraler literarischer Schauplätze der Donaumonarchie und den zwischen 2010 und 2012 publizierten poetischen Spurensuchen - etwa in Tel Aviv, Kopenhagen, Kairo, Los Angeles, Costa Rica, China, Griechenland, Abu Dhabi, Rio de Janeiro und Istanbul - begibt sich profil in einer neuen Serie auf die Fährte der historischen und gegenwärtigen Spuren, die Österreichs Literatur im Ausland hinterlassen hat: unter anderem in Island, Sizilien, Kuba, Venezuela, der Ukraine, Südengland und Kapstadt.