Wie Organisationen von freiwilligen Helfern profitieren

Wie Organisationen von freiwilligen Helfern profitieren

Jährlich reisen Hunderte österreichische Maturanten und Studierende für einige Monate ins Ausland, um als freiwillige Helfer in Sozialprojekten mitzuarbeiten. Doch vom Boom des "Voluntourismus“ profitieren vor allem gewinnorientierte Vermittlungsorganisationen.

Nach der Matura sehnte sich Flora Endl wie so viele ihrer Generation nach einem besonderen Erlebnis: Ein Auslandsaufenthalt in einem Sozialprojekt versprach kulturellen Austausch, Sinnfindung und das gute Gefühl, einen gesellschaftlichen Beitrag geleistet zu haben. In einem nepalesischen Bergdorf unterrichtete die 24-Jährige einige Monate lang Englisch. "Zurück in Österreich habe ich gemerkt, dass meine Erfahrung merkliches Prestige einbringt.“ Nach erfolgreichen Bewerbungsverfahren inklusive Lebenslaufeinsendung und Motivationsschreiben hat sie nun die Master-Angebote der Eliteunis London School of Economics und Sciences Po zugunsten der Londoner Top-Uni School of Oriental and African Studies (SOAS) abgelehnt.

Auslandsvolontariate immer beliebter

Das Interesse der Eliteunis könnte durchaus auf Endls Auslandseinsatz zurückzuführen sein: In einer zunehmend internationalisierten Arbeitswelt erfreuen sich Auslandsvolontariate stetig wachsender Beliebtheit - nicht nur bei Maturantinnen, Maturanten und jungen Studierenden, sondern auch bei Studienleitern und Personalmanagern, die das soziale Engagement und die internationale Erfahrung ihrer Bewerber schätzen. In den USA etwa ist Auslandserfahrung längst das Um und Auf; wie die hochbezahlte "College-Beraterin“ Donna Zilkha bestätigt: "Meinen Kunden erkläre ich stets, dass soziales Engagement neben Bestnoten das wichtigste Kriterium für eine Aufnahme in einer der begehrten Ivy-League-Universitäten ist.“ Auch hierzulande erhoffen sich Youngsters bessere Berufschancen durch "das Plus im Lebenslauf“. Einen Hinweis darauf liefern etwa die bei Jüngeren gut frequentierten Job-Netzwerke wie XING oder LinkedIn, die im Regelfall eine eigene Kategorie "Auslandserfahrung“ beziehungsweise "Ehrenamtliche Tätigkeiten“ aufweisen.

Österreichische Volontariatsvermittlungsorganisationen berichten von einem jährlichen Zuwachs von zehn bis 20 Prozent, einzig das internationale Krisenjahr 2014 verursachte einen kurzen Einbruch in der Zahl der freiwilligen Helfer. Allein 2011, dem "Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“, reisten weltweit geschätzte zehn Millionen Menschen im Auftrag des ehrenamtlichen Engagements in die Ferne.

Besonders früh wurde der Trend zur Hilfsbereitschaft von internationalen Vermittlungsagenturen und Reisebüros erkannt: "Als die Reisebuchungen nach 9/11 zurückgingen, setzten Reisebüros vermehrt auf Abenteuerurlaub, den sie als Entwicklungshilfe verkauften“, weiß Michael Obrovsky, wissenschaftlicher Leiter Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). "Zusammen mit dem All-inclusive-Urlaub kauft man sich auf diesen Reisen das Image,, geholfen zu haben‘.“

Zahlen für die "gute Tat"

"Voluntourismus“ wird die Kunstform des als Volontariat getarnten Tourismus unter Entwicklungshelfern genannt. Ob Panda-Gehege putzen in China, Journalismus lernen in Ghana oder Englischunterricht für Thai-Mönche - mit nur einem Klick kann man aus unzähligen Entertainment-Varianten wählen und sie beliebig kombinieren, vorausgesetzt, man ist bereit, für die gute Tat zu zahlen: Knapp 2500 Euro kostet etwa bei Project Abroad, dem diesbezüglichen Marktführer in Österreich, die 14-tägige Unterkunft in Gemeinschaftszelten in einem südafrikanischen Naturreservat. Zum Vergleich: Der Deutsche Austauschdienst rechnet in Südafrika mit monatlichen Lebenserhaltungskosten von 450 Euro - im urbanen Raum.

"Den Großteil der Gewinne – so wie etwa die umgerechnet 22 Millionen Euro der auch in Österreich agierenden Agentur Projects Abroad im Jahr 2010 – erhalten dabei die westlichen Vermittlungsorganisationen selbst, erfuhr der Soziologe Daniel Rössler im Zuge seiner Recherchen für das Buch "Das Gegenteil von Gut...ist gut gemeint".

Hinter den Spaß-Agenturen steht eine riesige Marketing-Maschine, und das bereitet jungen Reiselustigen Kopfzerbrechen. Denn während die Agenturen in (meist bezahlten) Google-Einträgen stets ganz oben in den Suchresultaten aufscheinen, verschwinden lokale Non-Profit-Organisationen in den Tiefen des Internet-Dschungels und werden manchmal bloß durch schieres Glück oder monatelange Recherche entdeckt. Was dabei seriös ist und was nicht, das weiß niemand so recht. "Viele stoßen zufällig bei Messen auf unseren Stand und ärgern sich grün und blau, dass sie so viel für ihre Reise gezahlt haben. Sie wussten einfach nicht, dass es günstiger geht“, klagt Christoph Mertl, Geschäftsführer der österreichischen Freiwilligendienst-Vermittlung "grenzenlos“. Andere, so Mertl, hätten aber auch misstrauisch ob des "geringen Betrages“ reagiert: "Sie zweifelten, ob wir uns überhaupt um sie kümmern würden, weil wir nur ein Viertel der Gebühr verlangen.“


Entwicklungszusammenarbeit ist anstrengend, nicht lustig

Studenten, die vollkommen "gratis“ arbeiten wollen, müssen in noch kleineren Schlupfnischen suchen: "Die Menschenrechtsorganisation, bei der ich jetzt arbeite, habe ich von Freunden empfohlen bekommen. Alleine hätte ich wohl kaum was gefunden“, berichtet Stefanie Flatschart von ihrer Suche nach einem geeigneten Projekt. Seit zwei Wochen zeichnet die 27-jährige Englisch- und Geschichtslehrerin in abgelegenen Gemeinden Mexikos Zusammenstöße zwischen Polizei und Bürgern auf, als Gegenleistung erhält sie Logis und Kost. "Spaß“ mache ihr die Arbeit nicht vorrangig: "Ich tue es ja, um der Gemeinde zu helfen, nicht um mich zu unterhalten“, bemerkt sie trocken.

Ein Gedanke, der oftmals auf der Strecke bleibt, wenn Lebenslaufverbesserung und Actionurlaub unter dem Deckmantel der Selbstlosigkeit betrieben werden.

"Entwicklungszusammenarbeit ist anstrengend, nicht, lustig‘“, erklärt Michael Obrovsky, wissenschaftlicher Leiter der ÖFSE. "Es ist ein schrecklicher Irrtum, zu denken, mit einem Monat Waisenkinderknuddeln würde man, den Armen‘ helfen. Gerade junge Menschen sind oft nicht qualifiziert, um mit einer kurzen Anwesenheit etwas zu verändern.“ Kurzeinsätze sind in der Regel wenig sinnvoll, doch wer sich das gute Gewissen teuer erkauft, darf auch Einsatzdauer und -ort frei wählen: Besonders beliebt zwecks Demonstration der westlichen Helferimpulse ist besagtes "Waisenkinderknuddeln“: "Es ist inzwischen üblich, dass Schülerinnen und Schüler eine Woche lang mit den Kindern spielen und dann weiterreisen“, beschwert sich Daniel Rössler. Dabei warnen Psychologen seit Jahren vor den psychischen Traumata, die im Wochenrhythmus wechselnde Bezugspersonen mit sich bringen.

"Nie abreißender Volontariat-Strom"

In seinem bald erscheinendem Buch "Das Gegenteil von Gut … ist gut gemeint“ (Seifert) beschreibt Rössler die drastischen Folgen der unüberlegten Kurzvolontariate: "Während eines Aufenthalts in Ghana ist mir ein seltsames Phänomen aufgefallen: In unserer Region sind Waisenhäuser richtiggehend aus dem Erdboden geschossen, aber 90 Prozent der Kinder, die da drinnen sitzen, haben eine Familie. Sie werden in die Waisenhäuser gesteckt, um den Bedarf des nie abreißenden Volontariat-Stroms zu decken.“ Was sich zu Beginn wie eine profitable Lösung für alle anhört - die Eltern müssen einen Mund weniger füttern, die Kinder bekommen drei warme Mahlzeiten sowie neue Kleider und die Volontäre ihre Waisenkinder zu betreuen -, entpuppt sich längerfristig als katastrophaler Ansatz: "Die Kinder werden im Dorf als ‚white kids‘ bezeichnet und aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Als Volljährige stehen sie ohne Job und soziales Netzwerk auf der Straße.“ Inzwischen hat die ghanaische Regierung die Eröffnung neuer Waisenhäuser verboten, arbeitet gemeinsam mit Unicef an der Schließung illegitimer Waisenhäuser und versucht, die Kinder wieder an das Leben mit ihrer Familie zu gewöhnen. Ein Kampf gegen Windmühlen: "Kaum ist ein Projekt geschlossen, tauchen bereits fünf weitere auf.“ Noch schlimmer soll der Volontär-Überschuss übrigens in Kambodscha sein.

Den Jugendlichen kann man die gute Absicht nicht zum Vorwurf machen. Denn auch zehn Jahre nach Beginn des Volontariats-Booms fehlt österreichweit immer noch einheitliche Aufklärung darüber, wie man sinnvoll im Ausland helfen kann. Selbst Personalmanager würden aufgrund von mangelndem Wissen kaum zwischen einem zweiwöchigen "Hilfsurlaub“ und einem halbjährlichen Engagement im Lebenslauf ihrer Bewerber unterscheiden, weiß die Karriereberaterin Ursula Axmann.

Dabei gilt: Je länger, desto besser. "Erst ab drei Monaten bringt man der Organisation tatsächlich einen Nutzen. Bei kürzeren Aufenthalten wäre es sinnvoller, das Geld einfach zu spenden“, weiß "Jugend eine Welt“-Geschäftsführer Johannes Ruppacher. Die Volontariatsvermittlung muss im Namen der Sinnhaftigkeit 40 Prozent der Bewerber ablehnen: "Wenn wir keine Projektplätze haben, können wir niemanden hinschicken. Die Helfer sollen dort ja nicht bloß herumstehen und zusehen.“ Ruppacher befürchtet, dass die hohen Kosten, die oftmals mit freiwilliger Arbeitserfahrung im Ausland verbunden sind, die Sozialklassen weiter auseinandertreiben könnten: "Kinder wohlhabender Eltern haben dadurch einen Startvorteil bei Jobbewerbungen. Menschen, die finanziell nicht gut aufgestellt sind, verfügen oft nicht über ein soziales Netzwerk, um Spenden zu sammeln. Das wäre ein wichtiger Impuls, um Förderungen zu steigern.“

Kaum Platz für Pensionisten

Selbst seriöse Organisationen verlangen Geld von den Volontären, auch wenn die Gebühren in keinem Maßstab zu den gewinnorientierten Agenturen stehen. "Für ein halbes Jahr in Nepal musste ich 2600 Euro bezahlen, ausgenommen vom Flug war da bereits alles inkludiert - Versicherung, Kost und Logis.“ erzählt Eva Dworkin, die von "Voluntaris“ in eine lokale Gesundheitsorganisation platziert wurde. Auch Dworkin hatte zuvor monatelang erfolglos nach einem Volontariatsplatz gesucht, aber aus anderen Gründen: "Die meisten Organisationen sind auf junge Menschen spezialisiert. Für mich als 63-Jährige hatte niemand Platz.“ Erst in "Voluntaris“ fand sie eine Organisation, die sich auf den wachsenden Trend des Auslandsdienstes für Pensionisten spezialisiert. Dass ihr finanzieller Beitrag die lokalen Kosten für Miete und Verpflegung übersteigt, findet Dworkin absolut in Ordnung: "Ich weiß, dass gut für mich gesorgt ist und gebe dem nepalesischen Projekt gerne etwas mehr, solange sich der Betrag in Maßen hält.“

Junge Menschen, die ohne Eigenkapital ins Ausland wollen, finden Unterstützung beim europäischen Freiwilligendienst: Er sponsert soziale Einsätze innerhalb Europas mit einer Reisepauschale, Verpflegung, Unterkunft und Versicherung, obendrein erhalten Volontäre ein monatliches Taschengeld. Auch Gedenkdienst, Friedensdienst und Auslandsdienst bieten finanzierte Aufenthalte - doch dieser Ersatz des Zivildienstes richtet sich hauptsächlich an Männer. Der 21-jährige Lukas Harrer, der im September von einem solchen Einsatz zurückkehrte, möchte seine Altersgenossen zu dieser Entscheidung ermutigen: "Die Möglichkeit des Auslandszivildienstes gehört stärker kommuniziert. Ich bin mit einem größeren Verständnis für unsere Welt zurückgekehrt, aber dafür war es auch wichtig, das volle Jahr zu bleiben.“

Bis Anfang 2016 soll das Freiwilligengesetz nun novelliert werden. Das Soziale Jahr, das bis jetzt nur im Inland finanziell unterstützt wird, soll in Zukunft auch im Ausland gefördert werden: "Männer und Frauen sollen in Zukunft Taschengeld erhalten und auch die Familienbeihilfen weiterbeziehen“, so Edeltraud Glettler, Leiterin für europäische, internationale und sozialpolitische Grundsatzfragen im Sozialministerium "Freiwilliges Engagement darf nicht als billige Arbeitskraft ausgebeutet werden.“