Regionale Rebsorten: Der Schatz im Weinberg

Regionale Rebsorten sind der neue weltweite Trend. Und Österreich kann einige vielversprechende Trauben beisteuern. Doch zu viele Winzer setzen auf die sicheren Renner Blaufränkisch und Grüner Veltliner. Die geforderte Vielfalt gerät in Gefahr.

Von Manfred Klimek

Es war September 1985, die Stunde null nach dem Weinskandal, als die meisten österreichischen Winzer nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Die Exportwirtschaft lag am Boden und auch der bis dato so produktpatriotische heimische Konsument griff nach italienischen oder französischen Flaschen. Selbst in der international renommierten Wachau blieben die Keller voll. In diesem Moment begann eine neue Epoche im österreichischen Weinbau, der sich buchstäblich an den eigenen Haaren aus dem Morast zog. Heute ist die Branche erfolgreich wie nie zuvor. Mit einem einfachen Prinzip: Klasse statt Masse.

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In dieser Stunde null fielen wichtige und nachhaltige Entscheidungen. Eine dieser Entscheidungen war, den Sortenspiegel des Landes zu verändern. Nachdem alles Österreichische über Monate verpönt blieb und der Konsument nach Europa und Übersee schielte, begannen burgenländische und niederösterreichische Winzer mit dem Anbau von internationalen Rebsorten wie Merlot, Syrah, Chardonnay, Pinot noir oder Cabernet Sauvignon. Einige wagten sich sogar an Nebbiolo (der im Piemont angebaut wird) oder Sangiovese (den man in der Toskana keltert). Viele dieser Experimente waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt, andererseits sind diesem Wagnis ein paar der besten Weine des Landes zu verdanken, etwa die burgundischen Chardonnays von Heinz Velich aus Apetlon oder der herausragend würzige Barrique-Merlot der Winzerfamilie Kirnbauer aus Deutschkreutz.

Schon damals erhoben sich vereinzelt Stimmen, die mahnten, dass man in Österreich nicht unbedingt internationale und somit verwechselbare Sorten anbauen sollte, die noch dazu nach einer weltweit kopierten franko-amerikanischen Stilistik ausgebaut werden, sondern besser ein regional eigenständiger Weinbau zu fördern sei, der dem Land und seinen Weingegenden ein eigenständiges Profil verschaffen könne.

Zwischen Kittsee und Güssing
Als hätte es eines Beweises für die Kraft österreichischer Sorten bedurft, füllte der burgenländische Winzer Ernst Triebaumer schon 1988 einen Blaufränkisch aus der Lage Marienthal ab, der in Österreich bis heute als Legende gilt. Der Wein, Jahrgang 1986, war der erste Beweis, welche Größe die heimische Sorte haben kann. Zwar gibt es Blaufränkisch auch in Ungarn (Kékfrankos) und Deutschland (Lemberger), doch nur zwischen Kittsee und Güssing wird der Lokalmatador bisher mit jener Kraft und Würzigkeit aus den Fässern geholt, wie sie große internationale Weine auszeichnet.

Blaufränkisch, eine natürliche Kreuzung aus der weißen Heunischrebe und einer bisher noch unbekannten Rebsorte, war die erste autochthone Sorte Österreichs, die ihren Weg zum Weltwein geschafft hat. Sie wird in Niederösterreich und Burgenland auf lediglich 3300 Hektar angebaut. Soll heißen: Wenn nur ein paar 100 amerikanische Weinenthusiasten erkennen, was für großartige Kreszenzen Roland Velich (Moric), Uwe Schiefer und viele andere aus dieser dem milden Klima zugeneigten, delikaten Traube keltern, würde der heimische Markt um die Zuteilung hochqualitativer Weine zittern. Eine Entwicklung wie in Burgund und Bordeaux wäre die Folge. Und ein weiteres Anziehen der Preise.

Nach Triebaumers Marienthal ließ Josef Umathum aus dem burgenländischen Frauenkirchen Anfang 1990 mit seinem fruchtig-deftigen Zweigelt aus der Riede Hallebühl aufhorchen – und mit einem burgundisch-eleganten St. Laurent aus der Lage Vom Stein. Beide Weine – Zweigelt zudem eine relativ junge Kreuzung aus Blaufränkisch und St. Laurent – unterstützen bis heute die These, dass auch in Österreich verwurzelte Sorten exzellente Rotweine bringen können.

Österreichs weltweit wohl berühmteste autochthone Rebsorte ist jedoch der Grüne Veltliner, eine natürliche Kreuzung aus Traminer und einer Sorte mit dem Namen St. Georgener. Die Weine haben ein eigenes Geschmacksprofil, das sogenannte „Pfefferl“, das sie von beliebigen Weinen absetzt. Grüne Veltliner können sowohl spritzig frische und schnell konsumierbare Weine sein oder schwere, burgundisch anmutende Kreszenzen, die mitunter Jahre bis zur optimalen Trinkreife brauchen. Eine so vielfältige Traube findet man selten, und es ist das große Glück der österreichischen Winzer, mit dem Grünen Veltliner einen echten Allrounder als Botschafter einsetzen zu können.

Lange Lagerfähigkeit und schöne Morbidität
Doch der Segen ist auch ein Fluch, denn andere heimische Weißweinsorten gehen im Grünen-Veltliner-Boom schlichtweg unter. Etwa Rotgipfler, eine Rebsorte, die in der Thermenregion Wurzeln schlägt und von der viele Weinkritiker behaupten, dass sie ein höheres Potenzial habe als Veltliner, Sauvignon blanc und Riesling. Rotgipfler wird zwischen Brunn am Gebirge und Traiskirchen lediglich auf rund 110 Hektar angebaut und steht für delikate, würzige und hocharomatische Weine, die ein exotisches Geschmacksbild prägt. Hinzu kommt eine lange Lagerfähigkeit und eine schöne Morbidität im Alter. Das Unikat ist eine natürliche Kreuzung aus Traminer und Rotem Veltliner und tatsächlich ein Schatz, den es sich zu heben lohnen würde. Große, aromatische Weißweine ähnlichen Charakters kommen ansonsten nur aus dem Elsass.

Doch es gibt ein Hindernis für die Ausbreitung des Rotgipfler: das Terroir. Wahrscheinlich gedeiht der Sonderling nur in der Region südlich von Wien so gut, wo die Böden meist um zwei bis drei Grad wärmer sind und so auf die Reife und das resultierende Geschmacksbild Einfluss nehmen. In anderen Regionen Europas (Württemberg, Pfalz, Elsass) wurde aus dem Rotgipfler nie ein großer Wein, und er geriet dort rasch in Vergessenheit. Große Rotgipfler werden von den Winzerfamilien Alphart (Foto, Lage Rodauner), Stadelmann (Lage Tagelsteiner) oder Aumann (Lage Flamming) gekeltert, die dafür Sorge tragen, dass die Sorte zumindest einige Popularität erlangt.
Gleiches gilt für die zweite Weißweinsorte der Thermenregion, den Zierfandler, auch Spätrot genannt, eine Kreuzung aus Rotem Veltliner und einer traminerähnlichen, bisher unbekannten Traube. Zierfandler ist nicht verwandt mit der amerikanischen Rotweinsorte Zinfandel, die eine kroatische Abart des italienischen Primitivo ist. Auch aus Zierfandler kann man hochwertige, alkoholreiche und lange lagerfähige Weine keltern. Eigentlich unterscheidet sie nur die etwas höhere Säure vom Rotgipfler. Weil aber Zierfandler gerne vom Schimmelpilz Botrytis heimgesucht wird, eignet sich die Sorte exzellent für Süßweine allerhöchster Qualität. Diese Essenzen können mühelos mit den besten Auslesen der Welt mithalten.
In Teilen der Thermenregion, aber auch im nördlichen Burgenland, im Kremstal und in der Wachau finden sich noch wenige Reben der vergessenen Weißweinsorte Neuburger, die für neutrale Weine steht, die sehr burgundisch wirken und das Terroir nur eingeschränkt transportieren. Die Sorte scheint ihren Ursprung im Spitzer Graben zu haben und ist eine vermutete Kreuzung aus Rotem Veltliner und Grünem Silvaner. Neuburger ist sehr säurearm, die Weine können also bald nach der Ernte getrunken werden und sind eher magenschonend. Weniger freundliche Kritiker meinen, Neuburger bringe einfach langweilige Weine.

Erwin Tinhof aus Eisenstadt wollte den Neuburger nicht in seinem Schattendasein belassen und hat schon vor 20 Jahren das einzig Richtige gemacht: Er hat ihn ins Barrique-Fass gefüllt und dort wie einen burgundischen Chardonnay reifen lassen. Tinhofs experimentelle Neuburger sind bis heute die einzigen großen Weine dieser Sorte. Wie gut Neuburger auch leicht und trocken schmecken kann, beweist der erstaunlich spritzige Neuburger der Domaine Wachau. Trotz aller Zuwendungen wird die Sorte aber vermutlich langsam aus den Weingärten verschwinden. Grund dafür ist die mangelnde Akzeptanz des österreichischen Konsumenten, der mit dem Blassling wenig anzufangen weiß. Auch sein sehr gering ausgeprägtes Sortenprofil macht ihn nicht unbedingt zu einer Kostbarkeit, die man zwingend retten muss.

Der Rote Veltliner, der in fast allen seltenen Sorten Österreichs genetisch verwurzelt ist, trägt ebenfalls ein schweres Los. Sein Nachteil ist sein Name, denn der Konsument erwartet eine Ähnlichkeit mit dem würzigen Grünen Veltliner. Doch der Rote Veltliner ist mit seinem Namensvetter nicht verwandt, irgendwer hat die Traube mit den leicht rötlichen Schalen falsch zugeordnet – zu Zeiten, als man die Zugehörigkeit noch nicht genetisch bestimmen konnte.

Und weil der Rote Veltliner auch im Rotgipfler und Zierfandler steckt, kann man aus ihm ähnlich komplexe und lagerfähige Weine keltern, die im Geruch an Walnuss, Pfirsich und Biskuit erinnern. Der Geschmack fällt hingegen oft sehr unterschiedlich aus und hängt stark von der Art des Ausbaus und der Böden ab. Der Winzer Sepp Mantler aus dem niederösterreichischen Gedersdorf beispielsweise lässt seinen Roten Veltliner aus der Riede Reisenthal etwas länger auf der Maische stehen und kitzelt dieserart mehr Aromen aus dem Lesegut. Mantlers Rote Veltliner sind immer eine Spur exotischer, komplexer und gewichtiger. Hier hat die Rebe einen neuen Vater gefunden, der die Vormundschaft prägend einsetzt.
In der Weststeiermark wächst der Blaue Wildbacher, eine Rotweinsorte, aus der Schilcher gemacht wird, ein regionstypischer Roséwein, der mitunter gewöhnungsbedürftig sauer ist. Diese brutale Rustikalität passt nicht mehr in den heutigen Weinmarkt und so verschwindet Schilcher mehr und mehr aus den Weinkarten und Weinregalen. Man kann das bedauern, doch es ist wohl besser, der Schilcher bleibt in seiner Region, wo er gerne, mit Sodawasser gespritzt, als Durstlöscher getrunken wird.

Slowenische Experimente
Einige steirische Winzer versuchen aus Blauem Wildbacher gewichtige Rotweine zu machen. Das gelingt aber nur sehr selten, da die Sorte wenig Potenzial für den Ausbau im kleinen Eichenfass hat. Erstaunlich gelungen aber sind slowenische Experimente mit Blauem Wildbacher. Nahe Maribor werden die Trauben weiß gekeltert und danach in neue burgundische Fässer (500 Liter) mit kernigem Toasting gepumpt. Nach zwölf Monaten kommen Weine auf die Flasche, die an die grandiosen Rieslinge des pfälzischen Experimentalweinguts Von Winning erinnern. Oder gleich an so manchen sehr mineralischen Chardonnay aus der burgundischen Spitzengegend um Mersault. Ähnliches Erstaunen wecken auch slowenische und kroatische Wildbacher, die als Trockenbeerenauslesen oder Eisweine ausgebaut werden. Es drängt sich zunehmend der Verdacht auf, dass der Blaue Wildbacher in Österreich traditionell misshandelt wird und seine Möglichkeiten nur dort zu erkennen sind, wo man ihn nicht zum Schilcher abstempelt.

Der in Deutschland sehr beliebte Silvaner stammt ursprünglich aus Österreich. Die Sorte ist eine natürliche Kreuzung zwischen Traminer und der seltsam klingenden Klosterneuburger Züchtung „Österreichisch Weiߓ. Deswegen wurde der Silvaner lange Jahre in Deutschland „Österreicher“ genannt. Mit etwa 40 Hek-tar Rebfläche zählt er in seiner Heimat zu den aussterbenden Sorten. In Deutschland aber feiern fränkische Winzer große Erfolge mit ihm. Der Silvaner ist die einzige österreichische Rebe, die ihr heimisches Anbaugebiet fast zur Gänze verlassen hat und in einer anderen Weinregion eine tragende Rolle einnimmt. Ein erfolgreiches Beispiel für Migration.

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profil-Autor Manfred Klimek, der mit seiner höchst unterhaltsamen und informativen online-Weintageszeitung captaincork.com das klassische Weinguru-Wesen ins Ausgedinge schickt, bringt seine humorvollen Essays in Buchform heraus. Er räumt mit Mythen auf, verrät Wissenswertes, lüftet den kostbar er-trunkenen Erfahrungsschatz.