Wie Google, Facebook und Siemens mit Start-ups viel Geld verdienen

Wie Google, Facebook und Siemens mit Start-ups viel Geld verdienen

Immer mehr etablierte Großunternehmen investieren Geld in Start-ups. So haben Google, Facebook oder Siemens eigene Wagnissparten gegründet und verdienen mit spekulativen Projekten viel Geld.

Von Heike Wipperfürth

Junge Unternehmen und unausgegorene Pläne gelten eigentlich nicht als gute Geldanlage, doch Google-Chef Larry Page sieht das ganz anders. "Seien Sie nicht überrascht, wenn wir in Projekte investieren, die Ihnen merkwürdig oder spekulativ vorkommen, wenn Sie diese etwa mit unserem Internetgeschäft vergleichen“, warnte Page seine Aktionäre im September 2013.

Die Warnung war berechtigt, denn dem Unternehmen mit 54.000 Mitarbeitern und 15,7 Milliarden Dollar Umsatz im letzten Quartal des vergangenen Jahres reicht es nicht mehr, Marktführer im Bereich der Suchmaschinen zu sein. Deshalb kündigte der 41-jährige Chef auch an, dass Google ab nun das Altern bekämpfen will. Man habe eine neue Tochterfirma namens Calico gegründet, die die Suche der medizinischen Forschung nach Heilmethoden und einer Verlängerung des Lebens beschleunigen soll - mit Hilfe statistischer Analysen und Suchformeln, die riesige Datenberge durchforsten.

Brutkästen für "disruptive Technologien"
Geheime Algorithmen haben Google seit seiner Gründung vor 16 Jahren zu einem der erfolgreichsten, wertvollsten und innovativsten Unternehmen der Welt gemacht. Eine Herausforderung für David Botstein: Der 71-jährige Biologe hat seine Professur an der Princeton Universität an den Nagel gehängt, um eine neue Karriere als wissenschaftlicher Leiter von Calico zu beginnen - obwohl er sich eigentlich auf seinen Lorbeeren als erfolgreicher Genforscher ausruhen könnte. Doch Botstein reizt die Herausforderung, das Start-up in Windeseile zum Schwergewicht in der Biotechnologiebranche zu machen. Solche Vorstellungen hätte man früher milde belächelt. Heute werden sie mit Milliarden Dollar von Unternehmen wie Google unterstützt - als Brutkästen für "disruptive Technologien“, wie man sie im Branchenjargon nennt: eine Art "kreative Zerstörer“, die bisherige Spielregeln ändern und damit ganze Branchen neu erobern.

"Zahnbürstentest"
Google ist inzwischen zum Symbol der neuen Bewegung geworden, weil es sich nicht davor scheut, in Geschäftsideen und neue Produkte zu investieren, die sich erstmals wie Hirngespinste anhören. Allerdings müssen diese den sogenannten "Zahnbürstentest“ bestehen: "Die neuen Produkte müssen wichtig genug sein, dass man sie mindestens zwei Mal am Tag benutzt“, so Google-Chef Page. Dabei könne es sich etwa um einen Fahrstuhl handeln, der Millionen von Menschen ins All befördert (den gibt es aber noch nicht). Oder um selbst fahrende Autos. Google hat sie mit Sensortechnik und Messinstrumenten ausgestattet, um kleine Kinder auf der Straße und rote Ampeln zu erkennen. Und um alte Menschen sicher nach Hause zu bringen.

Irgendwie hören sich diese Beispiele an wie Szenen aus einem Science-Fiction-Film, doch inzwischen hat die Faszination, die von den Roboterautos ausgeht, auch die Wall Street erfasst: Diese würden schneller als erwartet die Straßen erobern, meint etwa Adam Jonas, ein Wertpapierexperte bei der Investment Bank Morgan Stanley. Und sie könnten aufgrund von Produktivitätssteigerungen viel Geld sparen - insgesamt 5,6 Billionen Dollar weltweit, darunter allein 488 Milliarden Dollar durch weniger Unfälle.

Aufkauf der neuen Wettbewerber
Die neuen Technologien verbreiten aber nicht nur Aufbruchstimmung, sondern auch Angst. Denn immer mehr Topunternehmen fürchten sich vor einem Verlust ihres Platzes an der Spitze, weil sie von einem Start-up überholt werden. Aus Notwehr beginnen sie mit dem Aufkauf der neuen Wettbewerber. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand das Shopping kürzlich mit der Übernahme des gerade mal fünf Jahre alten Kurznachrichtendienstes WhatsApp durch Facebook. Ein 19-Milliarden-Dollar-Deal, dessen Sinn und Ziel es war, die Bedrohung durch den vier Jahre jüngeren Konkurrenten im Smartphone-Bereich auszuschalten. Es ist auch ein Zeichen für die Schnelligkeit, mit der sich der Markt heute zu Ungunsten der eingesessenen Großunternehmen verändern kann.

Die Übernahme zeigt auch, wie enorm die Belohnung für Gründer und Investoren von Start-ups sein kann: Nicht nur die WhatsApp-Gründer Jan Koum und Brian Acton wurden zu Milliardären, auch die Risikogesellschaft Sequoia hat mit einer Investition von 60 Millionen Dollar rund drei Milliarden Dollar verdient. Besser geht es eigentlich nicht.

Allerdings stellen solche Erfolge derzeit noch eine Ausnahme dar. Denn von zehn Investments, so die Faustregel, kommen nur ein bis zwei groß heraus, vier bis fünf überleben eher schlecht als recht, der Rest verschwindet wieder. Vielleicht trägt diese miese Bilanz auch Schuld daran, warum die Risikokapitalsparte in Österreich immer noch ein Schattendasein führt. So betrugen die Investitionen im Start-up-Bereich 2012 nur 0,08 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - das ist weniger als ein Drittel des Durchschnittswertes der europäischen Vergleichsländer, und schon die liegen weit abgeschlagen hinter den USA zurück.

19 Milliarden Dollar großer Markt
Aber es geht ja nicht nur um frustrierte österreichische Jungunternehmer, die auf Finanzierungshilfe verzichten müssen, sondern auch um verpasste Chancen für neue technologieorientierte Produkte. Schließlich sollen hinkünftig nicht nur Computer, Smartphones und Tablets mit dem Internet verbunden werden, sondern auch alltägliche Dinge wie das Garagentor, der Kühlschrank oder die Zahnbürste: Laut Schätzungen von Experten entstehe dieserart ein 19 Milliarden Dollar großer Markt. Vor allem John Chambers, Chef des US-Netzwerkausrüsters Cisco, ist von der Existenz dieses gewaltigen Potenzials überzeugt, wie er kürzlich auf dem Mobile World Congress in Barcelona verlautbarte. Bis 2010 waren nur zehn Milliarden verschiedene Produkte mit dem Internet vernetzt, 2020 könnten es 40 Milliarden mehr sein, zeigte sich der IT-Experte optimistisch hinsichtlich der Zukunft der Internetwelt: diese werde immer schneller und durchforste immer größere Dateimengen.

Eines der Hauptprobleme dieser vernetzten Welt ist aber die unfassbare Menge von Daten, die anfällt - und die damit verbundenen Sicherheitslücken. Erst kürzlich hat das Sicherheitsunternehmen Proofpoint darauf hingewiesen, dass Hacker mit Hilfe von Multimedia-Playern, Smart-TVs und einem smarten Kühlschrank eine sogenannte Botnet errichtet haben, aus der 750.000 Spam-E-Mails verschickt wurden. Es war die erste großangelegte Cyberattacke auf vernetzte Haushaltsgeräte und eine Warnung für Konsumenten, sich auf weitere Angriffe einzustellen, weil viele der vernetzten Geräte vor solchen Attacken kaum geschützt sind.

Dennoch sind die Firmengründungen im Technologiebereich noch lange nicht an ihre Grenzen gestoßen - und selten war es so leicht, Finanzierungshilfe im Silicon Valley zu bekommen. Egal ob es sich um das IT-Unternehmen Intel, den Chiphersteller Qualcomm oder den Online-Dienst AOL handelt, sie alle haben eigene Brutkästen deponiert, um junge Technologiefirmen aufzupäppeln. Sie alle bieten ihren Jungunternehmern Know-how und Kontakte an, ebenso wie Büros, Konferenzzimmer und Hilfe beim Marketing oder der Buchhaltung - die Gründer sollen sich schließlich ganz auf ihr Produkt konzentrieren. Hinter dieser Großzügigkeit steckt jedoch nicht Nächstenliebe, sondern knallhartes Kalkül: Für die Geldgeber ist es einfacher, neue Projekte zu finanzieren, als selbst welche zu entwickeln, sagt Josh Lerner, ein Professor an der Harvard Business School. Jungunternehmer seien nun einmal schneller, flexibler und preiswerter als die Forschungsabteilungen traditioneller Unternehmen.

Selbst in Europa wächst das Interesse an Start-ups in den USA. Der deutsche Konzern Siemens, der kürzlich eine eigene Wagniskapitalsparte mit 100 Millionen Dollar gegründet hat, dient bereits zwei Jungfirmen in Boston als Geldgeber: Dem 3D-Software-Entwickler Lagoa und dem Sicherheitssoftware-Unternehmen Countertack. Im Gegenzug dazu erhält Siemens Firmenanteile und einen Einblick in neue Industrietechnologien. Im Vergleich zu Siemens ist Google im Geschäft mit Wagniskapital ein alter Hase. Schon vor vier Jahren hat das Internet-unternehmen seine Wagniskapitalsparte gegründet. Mit Büros im Silicon Valley, in Boston und New York setzte es sich in Windeseile an die Spitze der Branche. Es folgten Investitionen in 225 Technologieunternehmen, die als Börsenstars oder Übernahmekandidaten von morgen gelten.

Einer der Profiteure dieser neuen Entwicklungshilfe war unter anderem die Climate Corporation, die unter anderem von Google Ventures finanziert und dann an den nicht unumstrittenen Biotechkonzern Monsanto verkauft wurde. Für 930 Millionen Dollar wurde der US-Gigant Monsanto, der vor allem als Saatgutmonopolist in die internationalen Schlagzeilen geriet, somit zum Silicon-Valley-Player und übernahm vor fünf Monaten das Big-Data-Unternehmen, das vor acht Jahren von zwei Ex-Google-Mitarbeitern gegründet worden war. Climate Corporation durchforstet mit Hilfe spezieller Suchformeln eine riesige Anzahl von Klimadaten und will mit seinen Wetterprognosen Landwirte als Kunden gewinnen.

Noch ein anderes von der Technologiesparte gefeiertes Jungunternehmen wird von Google Ventures, einer Tochtergesellschaft von Google, die sich auf Investitionen in Start-ups konzentriert, unterstützt - und zwar Uber. Gewaltige 258 Millionen Dollar hat der Geldgeber in das erst fünf Jahre alte Unternehmen investiert. Mit Taxiruf und Bezahlung per App will Uber den Stadtverkehr revolutionieren und ist bereits in 70 Städten verfügbar, darunter neuerdings auch Wien.

Es kommt aber auch vor, dass Google eine Jungfirma kauft, die Google Ventures hochgepäppelt hat. So war Google Ventures eine von mehreren Wagniskapitalfirmen, die das digitale Thermostat- und Rauchmelderunternehmen Nest mit 80 Millionen Dollar Starthilfe unterstützten. Dieses Jahr wurde das erst vier Jahre alte Unternehmen von Google für 3,2 Milliarden Dollar geschluckt. Damit erhält Google nicht nur Daten aus Millionen von Haushalten, sondern auch einen neuen Spitzenmanager: Nest-Gründer Tony Fadell war bei Apple mitverantwortlich für das Design des iPod und des ersten iPhones.