Kriegsverbrecher Willy Pete?
Ausland

Mossul: Ein Bundesheer-Experte kritisiert den Einsatz von weißem Phosphor

Die Belagerer von Mossul ließen weißen Phosphor auf ganze Stadtteile niederregnen. Laut österreichischem Bundesheer wurde damit wohl humanitäres Völkerrecht verletzt.

Ein lauter Knall rund 100 Meter über dem Boden, helle Flammen, weißer Rauch. Ein brennender Partikelregen fällt auf Häuser und Straßen unterhalb der Explosion hinab.

So sieht das aus, wenn eine US-Granate vom Typ M825A1 WP detoniert. Das WP steht für "White Phosphorus“, die US-Armee hat ihr den Spitznamen "Willy Pete“ gegeben. Durch dichten Rauch soll sie eine Nebelwand erzeugen, hinter der sich die eigenen Truppen an den Gegner anschleichen können. Auch Ziele im Dunkeln können damit markiert werden.

Weißer Phosphor brennt hell, sobald kleinere Stücke mit Sauerstoff in Berührung kommen. Dabei erzeugt er undurchdringbaren weißen Rauch. Ein Feuer aus weißem Phosphor ist heiß und schwer zu löschen; gelangt die Substanz an die Luft, entzündet sie sich erneut. Dazu ist sie hochgiftig. Rund 50 Milligramm können für einen Menschen tödlich sein, weshalb weißer Phosphor meist nicht einmal mehr als Rattengift eingesetzt wird. Wenn weißer Phosphor in einem bewaffneten Konflikt falsch oder zweckentfremdet eingesetzt wird, verstößt das gegen das humanitäre Völkerrecht und könnte sogar als Kriegsverbrechen gewertet werden.

"Die Aufnahmen aus Mossul - sowie aus Rakka - lassen eindeutig wahrnehmen, dass Nebelgranaten vom Typ M825A1 WP verschossen wurden, und deuten darauf hin, dass sie auf illegitime Art und Weise eingesetzt wurden“, schätzt Markus Reisner gegenüber profil die Situation ein. Der Oberstleutnant weiß, wovon er spricht: Als früheres Mitglied der Eliteeinheit Jagdkommando des österreichischen Bundesheeres diente er in mehreren internationalen Auslandseinsätzen und lehrt nun Taktik an der Landesverteidigungsakademie in Wien. Diese neue Entwicklung in der Kriegsführung besorgt ihn.

Kriegsverbrecher Willy Pete?

Bereits im Jahr 2005 wurde bekannt, dass die US-Armee Phosphorgranaten auf die irakische Stadt Falludscha niederregnen ließ. "Das diente praktisch dazu, die irakischen Aufständischen in Angst und Schrecken zu versetzen, führte aber auch zu ausgedehnten, schwer löschbaren Bränden auf dem Boden“, so Reisner. Wenn Nebelgranaten solcherart zweckentfremdet würden, seien die Grundsätze des humanitären Völkerrechtes nicht mehr einzuhalten. Die brennenden, hochgiftigen Partikel könnten nicht nur Kämpfer treffen, sondern auch Zivilisten. Die Verheerung auf dem Boden sei unverhältnismäßig hoch.

Trotzdem sei es "in den letzten Jahren in der Einsatzführung von Streitkräften zum Standard geworden“, weißen Phosphor über urbanen Gebieten niederregnen zu lassen, sagt Reisner. Als Beispiele nennt er den Libanon (2006), den Gaza-Streifen (2008 und 2009) und die syrischen Provinzen Idlib und Aleppo (2015 und 2016). Nicht nur die US-Armee zündete die Granaten mit hohem Bodenabstand, auch Israel, Russland und Irak gingen so vor. Bei der Belagerung von Mossul schwieg die US-Armee zuerst auf die Frage, ob sie auch Nebelgranaten über dem Stadtgebiet detonieren ließ. Ein Sprecher gab vor einem Monat zu, dass "Willy Pete“ eingesetzt wurde, aber nur, um eine schützende Nebelwand aufzubauen, die Zivilisten die Flucht ermöglichen sollte.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch oder Amnesty International beklagen schon länger, dass weißer Phosphor direkt über Menschen abgeschossen werde und nicht nur, um Nebel zu erzeugen. Klar ist aber auch: Nach westlichen Standards operierende Armeen sehen sich im Kampf gegen Gruppen wie den "Islamischen Staat“ (IS) mit einem Dilemma konfrontiert: Sie sind angehalten, das Völkerrecht einzuhalten, während das die Dschihadisten kaum kümmert. So werden Zivilisten gezielt vom IS als Schutzschilde festgehalten, um Luftschläge gegen Stellungen zu verhindern. Über ihre Online-Propaganda-Nachrichtenagentur Amaq prangert die Terrormiliz dann an, dass ihre Feinde unschuldige Iraker mit weißem Phosphor verbrannt und vergiftet hätten.

Das alles könne aber nicht als Ausrede gelten, um selbst an und über die Grenze des Erlaubten zu gehen, sagt Reisner. Aus den Granatensortimenten des österreichischen Bundesheer schieden die Nebelgranaten jedenfalls bereits in den 1980er-Jahren aus.

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