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Rechtspopulismus: Die seltsame Allianz mit dem Kreml hat eine lange Vorgeschichte

Marine Le Pen wie auch Heinz-Christian Strache pflegen enge Kontakte zu Wladimir Putin. Die Allianz zwischen Kreml und der europäischen Rechten hat eine lange Vorgeschichte, wie neue Dokumente zeigen. Eine wichtige Rolle spielte ein österreichischer Nazi und Esoteriker.

In einem Zimmer im Hotel Bellevue in Wien-Alsergrund findet im Jahr 1962 ein Geheimtreffen statt. Anwesend: Führende Vertreter der europäischen Rechten. Der Belgier Jean Thiriart und Colin Jordan, Gründer des britischen National Socialist Movement. Auch einige heimische "Größen“ sind gekommen: Johannes Falk etwa, der vier Jahre später eine Bombe vor dem "Alitalia“-Büro am Kärntnerring zünden wird - aus Protest gegen die "zahme“ Haltung im Südtirol-Konflikt. Ob das auch schon im Bellevue besprochen wurde? Wahrscheinlich nicht: Wie Falk später bei der Staatspolizei zu Protokoll gibt, ging es darum, Namen und Adressen auszutauschen. Ein typisches Vernetzungstreffen jener Tage.

Damals geschlossene Bande und vor allem die ideologische Unterfütterung wirken nach - und führen zu seltsamen Allianzen. Steve Bannon, ein Berater von US-Präsident Donald Trump, ist ein Fan des italienischen Denkers Julius Evola, der als Stichwortgeber für Mussolini und für die paneuropäischen Rechten fungierte. Evola, 1974 verstorben, lehnte den US-amerikanischen Kapitalismus genauso ab wie den Marxismus. Stattdessen plädierte er für ein starkes Europa, das anti-amerikanisch und anti-kommunistisch zugleich sein müsse. Zu den Schülern Evolas wiederum zählt auch Aleksandar Dugin. Dem einflussreichen Kreml-Berater und Professor an der Staatlichen Universität Moskau schwebt ein "Eurasien“ von Dublin bis Wladiwostok unter russischer Führung vor: Christlich, weiß und wertkonservativ. Damit hat Dugin viele Anhänger unter Vertretern westlicher Rechtsparteien gefunden, nicht umsonst war der Putin-Ideologe 2014 Stargast auf einer Konferenz in Wien, an der auch FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache teilnahm.

Was eint Rechtpopulisten und Großrussen? Wo liegen die Wurzeln der engen Verbindungen, die Strache, Trump oder Marine Le Pen zum starken Mann Putin pflegen?

Um das zu verstehen, muss man weit in die Geschichte zurückgehen: Am 12. Mai 1951 trafen sich im schwedischen Malmö 60 Delegierte rechtsextremer Parteien. Sie bildeten die Europäische Sozialbewegung (ESB) mit Sektionen in Deutschland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Niederlande, Belgien, Frankreich und Österreich.

In der Geschäftsführung der "Österreichischen Sozialen Bewegung“ befand sich eine schillernde Persönlichkeit: Wilhelm Landig, geboren 1909, seit seiner Jugend begeisterter Nationalsozialist. 1934 flüchtete Landig nach Deutschland, trat der SS bei und wurde Sachbearbeiter im Geheimdienst der Organisation. Über seine Kriegszeit ist wenig bekannt: 1942-1944 war Landig am Balkan stationiert, wurde schließlich in Belgrad verwundet und nach Wien zurückgeschickt. Nach Kriegsende saß Landig zwei Jahre Haft in einem britischen Internierungslager ab. Wie viele ehemalige NS-Spione verdingte sich Landig nun als "Nachrichtenhändler“. Er durchwühlte Papiermüll vor sowjetischen Dienststellen und verscherbelte angebliche Erkenntnisse daraus. Politisch blieb Landig seiner Gesinnung treu und dockte bei verschiedenen rechten Kleinparteien an, wie der "Österreichischen Sozialen Bewegung“.

Rechte "Europa-Akademie"

Diese hielt im Sommer 1956 eine "Europa-Akademie“ in Saalfelden ab. Am Podium waren drei der vier führenden ESB-Repräsentanten: der Franzose Maurice Bardeche, einer der ersten Holocaust-Leugner, der Deutsche Karl Heinz Priester, einstiger Propagandachef bei der Hitlerjugend und Waffen SS-Verbindungsoffizier, sowie Per Engdahl, seit den 1920er-Jahren Führer der Schwedischen Faschistischen Kampforganisation. "Die Bezeichnung ‚Europa-Akademie‘ dient zweifellos dazu, jene Eingeladenen zu täuschen, die an einer Veranstaltung der ‚Europäischen Sozialen Bewegung‘ wegen ihrer damals bereits bekannten Tendenzen niemals teilgenommen hätten“, analysierte die Staatspolizei. Eher zufällig nahm der "auf der Durchreise“ befindliche Theodor Soucek teil: Der ehemalige Wehrmachtsoffizier hatte 1956 mit "Wir rufen Europa“ ein programmatisches Buch der Europa-Rechten vorgelegt. Darin skizzierte er ein völkisch-autoritäres Gebilde samt einem fünf Jahre unabsetzbaren Präsidenten an der Spitze. Um dies in die Tat umzusetzen, gründete Soucek 1957 die "Sozialorganische Ordnungsbewegung Europas“ (SORBE). Als auch die SORBE einen "Europa-Kongress“ abhielt, gab man sich im österreichischen Innenministerium keinen Illusionen hin: Die Organisatoren seien "fanatische Nationalisten und Antidemokraten“, "die unter dem Deckmantel eines geeinten Europas ein neues Großdeutschland anstreben“.

Die ESB und ihr österreichischer Ableger verschwanden dagegen in der Versenkung. Landig suchte sich in der 1956 gegründeten "Demokratischen Nationalen Arbeiter-Partei“ (DNAP) ein neues Betätigungsfeld. Unter den vertretenen zwölf "Kampfzielen“ befand sich an erster Stelle die Schaffung einer "Europäischen Eidgenossenschaft freier gleichberechtigter Völker“, aber auch "wirksamer Schutz unserer Kultur, Sprache und Wirtschaft vor Überfremdung“. Auch der DNAP war kein langes Leben beschieden. 1959 löste man sich auf. Landig war zu diesem Zeitpunkt Bundesobmann und rühmte die DNAP bei der letzten Versammlung als "äußerst korrekte, saubere und wirklich nationale Partei, wie sie in Österreich einzig dasteht“. Die FPÖ dagegen führe nicht einmal das Wort "national“ in ihrem Namen.

Schon ab 1955 gab Landig als "Hersteller und Schriftleiter“ die "Europa-Korrespondenz“ heraus. Der Tenor der Postille war revisionistisch, antisemitisch und rassistisch. Zahlreiche Vertreter der Europa-Rechten lieferten Gastbeiträge. In einer der ersten Nummern entwarf Landig "Leitgedanken für eine Besinnung Europas“: Der Kontinent sei Beute des "westlichen Impero-Kapitalismus“ und des "östlichen Impero-Bolschewismus“ geworden. Beides seien Variationen ein und desselben Systems, das "Totalitarismus“ ausübe. An dessen Stelle solle eine "neue Form des volklichen und europäischen Gemeinschaftslebens“ treten: "Es gilt, den Genius des weißen Menschen in Europa zu wecken“. Die "Europa-Korrespondenz“ erschien unregelmäßig bis 1993, als "Maschinenschaden“ Landigs Einmann-Redaktion lahmlegte.

"Volksbewusst und heimattreu"

Sein Konkurrent bei den Europa-Rechten hatte sich 1962 wegen hoher Schulden ins Ausland abgesetzt. Die Leerstelle nahm der schon erwähnte Jean Thiriart ein. Der Ex-Fallschirmjäger, Nazi-Kollaborateur und Optiker agierte von seiner Brüsseler Wohnung aus. Zum Theorieschwulst trug Thiriart mit "Eine Weltmacht von 400 Millionen Menschen: Europa“ (1964) bei. Er imitierte auch die Bewegung "Junges Europa“, deren österreichischer Arm die "Legion Europa“ war. Angeführt von dem Rechtsextremisten Fred Borth propagierte man ein "Europäisches Manifest“, dessen Tenor frappant an heutige Publikationen von Europa-Rechten erinnert: "Wir wollen ein Imperium Europa; das heißt, die politische, wirtschaftliche und militärische Einheit des abendländischen Kontinents. […] Wir bekennen uns alle zur Tapferkeit, zur Ausdauer und Entschlossenheit, unser Wille heißt: Europa.“ Der Hauptslogan lautete: "Gegen Bolschewismus und Amerikanismus. Volksbewusst und heimattreu. Für ein neues und freies Europa.“

Anfang der 1980er-Jahre vollzog Thiriart einen Schwenk und machte sich für eine euro-sowjetische Allianz stark. Kurz vor seinem Tod 1992 traf sich Thiriart noch mit einer Riege russischer Nationalisten, darunter Dugin. Man besprach den gemeinsamen Kampf gegen die "Amerikanisierung“ Europas. Auch wenn Thiriarts Bewegung zeitlebens marginal war, so sind seine Ideen wirkungsmächtig, wie jene von Dugin. 2006 präsentierte der Vordenker der "Identitären“, Guillaume Faye, quasi als Destillat das Konzept eines ethnisch reinen und wirtschaftlich selbstständigen "Eurosibirien“. Zur Propaganda trug ein Schüler Thiriarts viel bei: Christian Bouchet, 2014 Kandidat für den Front National in Nantes, hat zahlreiche Werke Dugins verlegt und diesen außerhalb Russlands bekannt gemacht. Wieder einmal schließen sich die Kreise.

Landig verstarb 1997. Aber auch er hat Spuren hinterlassen - in der phantastischen Esoterik. Seine von den Ideen Evolas inspirierte 1850 Seiten starke Trilogie "Götzen gegen Thule“ (1971), "Wolfszeit für Thule“ (1980) und "Rebellen für Thule - Das Erbe von Atlantis“ (1991) genießt in einschlägigen Kreisen Kultstatus. Erschienen sind die Schriften in Landigs eigenem "Volkstumverlag“, ehe dieser 1992 vom ehemaligen Wiener FPÖ-Abgeordneten Helmut Kowarik übernommen wurde.

In den Romanen beschreibt Landig eine Nazifestung im hohen Norden, wo auch die legendäre Insel "Thule“ liegen soll. Versatzstücke daraus wurden zuletzt in der Kino-Persiflage "Iron Sky“ (2012) vermanscht. Bei Landig heißt es, dass vor Kriegsende noch ein elitärer Bund der SS, die "Schwarze Sonne“, den unterirdischen Stützpunkt "Punkt 103“ in der Antarktis bezogen hat. Von dort aus führt man einen metaphysischen Kampf gegen die Weltverschwörung des "Berges Zion“. Schließlich muss "Punkt 103“ zugunsten neuer Verstecke in den Anden evakuiert werden. Verborgen sind dort auch die 4000 Stundenkilometer schnellen "V7-Reichsflugscheiben“, nicht zum Einsatz gekommene "Wunderwaffen“ - eine Art Nazi-Ufo.

An deren Existenz glauben Verschwörungstheoretiker bis heute.

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