Lena Leibetseder

Lena Leibetseder

Gesellschaft

Alltagsgeschichte: Ventilatorenjagd

Ein Sommer in Wien ohne Klimaanlage oder Ventilator ist wie ein Leben im Tropenhaus.

Ich sehe nichts mehr, weil mich das Gemisch aus Sonnencreme, Schweiß und Wimperntusche, das beständig in meine Augen läuft, hat erblinden lassen. Die Haltestangen in der U-Bahn triefen vor Schweiß und all den anderen Körperflüssigkeiten, die die Leute in der U6 absondern. Zwei Kinder teilen sich ein Twinni, zwischen ihnen bildet sich auf den roten Sitzen ein orange-grünes, klebriges Tropfkunstwerk und es ist das erste Mal, dass ich mir denke, dass das Essverbot doch vielleicht eine gute Idee war. Die Gesichter der Fahrgäste sind gezeichnet vom Neid auf jene Glückspilze, die den einen klimatisierten Wagen der Garnitur erwischt haben und im Kühlen ihren Schweiß trocknen.

Ich bin auf dem Weg, um mir einen Ventilator zu kaufen, weil die letzte Nacht in der Altbauwohnung auf dem Level vom Tropenhaus in Schönbrunn war. Es erübrigt sich außerdem, alle Fenster zu öffnen um Luftzug zu erzeugen, außer man steht auch darauf, sich beim Haaretrocknen den Föhn direkt ins Gesicht zu halten, der Effekt ist derselbe.

Die Suche nach der luftzirkulierenden Erlösung gestaltet sich jedenfalls schwer. Auf der Mariahilfer Straße strömen mir Menschenmassen mit kleinen Ventilatoren, Handventilatoren, Deckenventilatoren, Axiallüftern und kleinen Klimageräten entgegen, die sie entweder triumphierend wie einen Pokal in die Luft stemmen oder in Angst vor diebstahlbereiten Altbaudachgeschossbewohnerinnen wie mir, die zu spät auf Ventilatorensuche aufgebrochen sind, verstecken. Und während sie bald im Luftzug dem süßen Leben frönen können, stehe ich immer nur vor leergekauften Regalen.

Auf der Suche nach einer Alternative kaufe ich mir schließlich einen dieser Pflanzenbestäuber, den meine Oma zum Blumengießen verwendet. Im Zehnminutentakt sprühe ich mir Wasser ins Gesicht und zehre an der Verdunstungskälte, bis ich auf "willhaben" eine Anzeige für einen alten Ventilator finde. Der Verkäufer schreibt zwar, dass er beim Rotieren unangenehme Geräusche macht, aber das ist mir mittlerweile egal und auf jeden Fall zehn Euro wert. Ich stelle ihn direkt vor mein Bett, schlafe ohne Decke und fühle mich wie im Himmel. Das unangenehme Geräusch, ein wirklich sehr scheußliches Quietschen, wiegt mich sanft in den Schlaf.

Lena Leibetseder ist Volontärin bei profil und schreibt über den Alltag in Wien.

Kommentar verfassen
  • Friedrich Fuhs Do., 04. Juli. 2019 12:38

    Das Problem haben zumeist nur Bobos in überteuerten Dachgeschoßwohnungen.

    Melden