Ein Berliner in Wien: "Ludwig?"
Gesellschaft

Ein Berliner in Wien: "Ludwig?"

Für ein Volontariat ist Janis von Berlin nach Wien gezogen. Er schildert hier seine ersten Eindrücke.

Im Ausland plagen mich immer zwei Ängste: Nicht mit dem Internet verbunden sein zu können und – wesentlich schlimmer – andere Deutsche.

Ersteres, nämlich die Abschaffung zusätzlicher Roaming Kosten innerhalb der EU, wurde am 13. Juni 2012 durch die Regulation No 531/2012 erledigt. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die EU für ihre hervorragende Arbeit!

„Was für eine interessante U-Bahn!“

Für das zweite Problem konnte sowohl auf europäischer Ebene als auch weltweit bisher leider keine Lösung gefunden werden, jedoch scheine ich mit dieser latenten Angst vor deutschen Begegnungen in Wien nun nicht mehr alleine zu sein. Und das zu recht! Viele Deutsche haben nämlich die unschöne Angewohnheit, sich, noch ganz aufgeregt von dem neuen Ort, gegenseitig alles und jedes beschreiben zu wollen, was sie gerade sehen.

„Nein, was für eine interessante U-Bahn, wie aus den 60ern!“ So gehört an der Station Stubentor. In der U-Bahn dann eben jene Touristin zu ihrer Begleiterin: „Und was die Frau dort vorne für eine Mütze trägt!“ Der Frau dort vorne war es sichtlich unangenehm Gesprächsthema der Reisegruppe zu sein, doch jetzt aufzuklären, dass man als Wiener durchaus Hochdeutsch versteht, hätte die Situation kaum noch retten können. Das sahen die anderen Fahrgäste offenbar ähnlich und so schwieg der gesamte Waggon die nächsten drei Stationen betroffen.

"Ludwig? LUDWIG?" "MHHHRRMMM?"

Glücklicherweise gibt es aber gut sichtbare Warnsignale, an denen man deutsche Touristen erkennen kann: Das Tragen von Kleidung, die sich mit zahllosen Reißverschlüssen an die unterschiedlichsten Klimazonen einer Großstadt anpassen lässt, sowie das Überschreiten der zulässigen Gesamtlast für alle Taschen, inklusive der Hosentaschen, können rechtzeitig vor peinlichen Begegnungen schützen.

Leider nicht immer, wie ich während meines letzten Urlaubs in Frankreich an einer Autobahnraststätte erfahren musste. Ich stand gerade am schneeweißen Sanifair-Waschbecken und freute mich darüber, dass die Seife bereits vorgeschäumt aus dem Spender kam, als eine junge Frau suchend um die Ecke blickte: "Ludwig? LUDWIG?" "MHHHRRMMM?", schallte es durch den gefliesten Raum. "Du, die Kinder und ich warten jetzt schon FÜNFZEHN Minuten!"

Ein beschämter Ludwig verließ zögernd die Klokabine. Wir vermieden jeglichen Blickkontakt. So will es das – auch international gültige – Gesetz der Herrentoilette.

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