Thomas Goiginger (LASK) gegen Andreas Ulmer (FC Red Bull Salzburg).
Thomas Goiginger (LASK) gegen Andreas Ulmer (FC Red Bull Salzburg).

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Kabinenpredigt: Unsportliche Unterhaltung
02/24/2020

Österreichische Bundesliga: Unsportliche Unterhaltung

Die Bundesliga möchte unterhaltsamer werden – belohnt dabei aber sportliches Versagen und bestraft Leistung. "Kabinenpredigt", die profil-Fußballkolumne.

von Christian Rainer

Austria und Rapid sind weiterhin Zugpferde der Bundesliga – auch wenn jedes Jahr zumindest ein Wiener Großklub komplett abstürzt. Seit der Ligareform ist es zum Gaudium geworden, den potenten Traditionsvereinen zuzusehen, wie sie hilflos versuchen über den rettenden Strich zu kraxeln.

Kurz erklärt: Seit letzter Saison werden die Klubs nach 22 Spieltagen in zwei Ligen separiert – in einer treffen die sechs Starken aufeinander, in der anderen die sechs Schwachen. Das seit letzter Spielzeit gültige Modell erinnert an Unterhaltungsshows aus dem Privatfernsehen. Beim Unterschichten-Format „Big Brother“ zogen einst erfolgreiche Kandidaten in ein Luxus-Appartement, Verlierer kamen in ein Verlies. Nun ist auch die heimische Bundesliga unterhaltsam.

Gerechtigkeit bleibt auf der Strecke

Am Wochenende hätte Rapid mit einer Niederlage in Hartberg die Aussichten des Stadtrivalen Austria auf den letzten verbliebenen Platz in der Gewinner-Gruppe zunichte machen können. Rapid hätte diese Bosheit beinahe wirklich umgesetzt, erzielte dann aber in der Nachspielzeit den Ausgleich, weshalb die Austria im Spiel bleibt. Der neue Modus ist nicht nur spannend, sondern auch witzig.

Doch bei aller Belustigung scheint im Unterhaltungswahn die sportliche Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben. Nach 22 Runden werden allen Vereinen die bislang gehamsterten Punkte halbiert. RB Salzburg, das von 20 Spielen nur eines verloren hat, hält dann bei 22 statt 45 Zählern; Tabellenführer LASK bei 24 statt 48. Die Auswirkungen sind groß: Derzeit hat Tabellenführer LASK 12 Punkte Vorsprung auf den Drittplatzierten Rapid – nach der Punkteteilung sind es mickrige sechs Zähler. Sprich: Aus einem uneinholbaren Vorsprung wird ohne sportliches Zutun der Konkurrenz ein magerer Vorrat, der innerhalb von zwei Runden verspielt sein könnte.

Ungerecht, aber unterhaltsam

Ein zusätzliches Spannungselement: Für die Vereine in der Verlierer-Liga ist nicht alles verloren. Deren „Meister“ darf gegen den Vierten oder Fünften der Gewinner-Liga um einen Europacup-Platz spielen – und kann damit mehr erreichen als besser platzierte Mannschaften. Auch das ist ungerecht, aber unterhaltsam.

„Neben der sportlichen Fairness war eine attraktivere Gestaltung des Spielmodus ein wichtiges Ziel des Reformprozesses“, erklärt die Bundesliga auf ihrer Internetseite. So würden die Teams in der Hinrunde ausgelassener auf Sieg spielen, heißt es, und im Playoff durch die Punktehalbierung eng zusammenrücken, damit Spannung garantiert bleibt.

Die Überlegungen der Liga wurden durch die Serien-Meisterschaft des Ligakrösus RB Salzburg angefacht. Ein davoneilender Sieger sollte verhindert werden; idealerweise indem man ihn am Sololauf hindert.

Anspruch und Leistung

Selbst eine qualitative Steigerung der Vereine und somit eine Verbesserung der Liga ist durch den neuen Entertainment-Charakter fraglich. Für die potenten Ligagrößen Rapid, Austria und Sturm Graz zählt oft nur noch das Erreichen der Meistergruppe – das nivelliert Anspruch und Leistung eher nach unten als nach oben. Im Bewusstsein der Punkteteilung relativiert sich die Leistung davor. Sitzt man in der Hinrunde relativ abgesichert auf Platz 3 oder 4, schleicht sich Schlendrian schneller ein, weil er sich ohnehin nicht rächt.

Nun könnte man meinen: Alle Ligaklubs stimmten für den neuen Modus. Noch dazu werden alle gleich benachteiligt. Jeder Verein verliert die Hälfte der Punkte.

Doch genau dort zeigt sich die große sportliche Ungerechtigkeit des Ligamodus – unabhängig von einem Konsens der Ligavertreter. Denn: Unsportliches Verhalten wird nicht automatisch zu sportlichem, nur weil es alle gleichermaßen trifft. RB Salzburg und der LASK quälten sich in der Hinrunde mehr spielend als verzweifelt durch die Hinrunde und die Dreifachbelastung aus Europacup, Meisterschaft und Cup. Sie erspielten dabei außergewöhnlich viele Punkte und müssen zum Dank die Hälfte davon bald wieder abgeben – während Rapid und Austria trotz Einfachbelastung im Mittelmaß versinken, dafür aber bald belohnt werden, weil sich ihr Rückstand verkürzt. Das mag lustig und spannend sein - sportlich gerecht ist es nicht.