Elke Prochaska von "Rat auf Draht"

Elke Prochaska von "Rat auf Draht"

Gesellschaft

Kinder im Internet: "Interesse ist wichtig“

Elke Prochazka, Psychologin bei „Rat auf Draht“, erklärt, warum Facebook manche Prügelvideos einfach nicht löscht, wann Kinder Pornographie sehen und was Eltern tun können.

INTERVIEW: SEBASTIAN HOFER

profil: Mit welchen Online-Sorgen wenden sich Jugendliche an „Rat auf Draht“?
Prochazka: So gut wie alles, was Jugendliche belastet, ist heute mit digitalen Medien verwoben. Das heißt aber nicht, dass alle diese Probleme eine digitale Ursache haben. Wenn heute jemand per WhatsApp-Message verlassen wird, ist das kein Online-Problem.

profil: Gibt es online denn gar nichts, was Ihnen besondere Sorgen bereitet?
Prochazka: Doch. Etwa das Thema sexuelle Belästigung. Wir haben dazu Anfang des Jahres gemeinsam mit SOS Kinderdorf eine Studie gemacht, bei der klar wurde, dass es sich um ein Riesenthema handelt, das schon in der Volksschule beginnt. Und dass Kinder damit zu oft allein gelassen werden. So, wie die meisten Eltern ihr Kind nicht alleine in die Volksschule gehen lassen, bevor nicht alle Verkehrsregeln und möglichen Gefahrenquellen am Schulweg durchdekliniert wurden, sollten sie ihre Kinder auch nicht ins Internet lassen, ohne die Gefahren vorher zu besprechen.

profil: Warum tun sie es nicht?
Prochazka: Eltern glauben, sie könnten Kinder durch Verbote schützen. Das ist ein Irrtum. Kinder sind immer wieder Situationen ausgesetzt, mit denen sie nicht umgehen können. Da geht es vor allem um den Umgang mit Fremden im Internet.

profil: Laut Ihrer Studie wenden sich nur 11 Prozent der Kinder, die online mit sexuellen Übergriffen konfrontiert waren, an ihre Eltern.
Prochazka: Und das ist ein großes Problem. Sie müssen lernen, dass man sich ganz selbstverständlich an die Eltern wenden kann und dass es nicht ihre Schuld ist, wenn sie jemand in einer strafbaren Weise kontaktiert. Stattdessen hören viele Kinder: Wo warst du denn schon wieder? Was hast du denn gemacht? Dabei haben wir es mit Kriminellen zu tun, die sich oft mit ausgefeilten Strategien an Kinder und Jugendliche wenden. Das ist nicht die Schuld der Kinder.

profil: Sollte man die Plattformen – also etwa WhatsApp, YouTube und so weiter – stärker an ihre Verantwortung erinnern?
Prochazka: Ganz eindeutig ja. Immer wieder erleben wir, dass Jugendliche online Zivilcourage zeigen und zum Beispiel ein Video melden, in dem eine Klassenkollegin verprügelt wird. Und dann bekommen sie von Facebook die Rückmeldung: Dieses Video widerspricht nicht unseren Gemeinschaftsstandards. Und die Jugendlichen lernen: Egal, was man tut, es gibt keine Konsequenzen. Das hat in der Vergangenheit schon einmal besser funktioniert.


Jeder bewegt sich in den sozialen Medien in seiner Blase. Egal, welcher Meinung man ist – man glaubt, dass alle Anderen ähnlich denken.

profil: Aber warum löscht Facebook das Video nicht einfach?
Prochazka: Videos werden oft nicht von realen Personen kontrolliert, sondern von künstlichen Intelligenzen. Die Betrüger wissen sehr genau, wie sie diese austricksen können. Also bleiben die Videos online. Wir haben aber bei Rat auf Draht Kontaktpersonen bei Facebook, Instagram und Twitter und können dadurch Jugendliche unterstützen, dass Inhalte schneller beziehungsweise überhaupt gelöscht werden.

profil: Verstärken soziale Netzwerke den Gruppendruck, unter dem Teenager ohnehin häufig zu leiden haben?
Prochazka: Mehr Sorgen macht mir die Normalisierung von Extremen. Jeder bewegt sich in den sozialen Medien in seiner Blase. Egal, welcher Meinung man ist – man glaubt, dass alle Anderen ähnlich denken. Es fehlt der andere Blickwinkel. Bei Jugendlichen mit Essstörungen oder Suizidgedanken kann das Problem sich dadurch dramatisch verstärken.

profil: Verlagern sich typische Teenagerprobleme wie unrealistische Schönheitsideale oder sozialer Druck durch die digitalen Netzwerke auch in Richtung Volksschule?
Prochazka: In einigen Bereichen sicher. Eindeutig merken wir das beim Thema Pornographie. Sehr oft sind Kinder schon früh mit pornographischen Inhalten konfrontiert. Auch das Leistungsprinzip hat sich ein Stück weit nach vorne verschoben: Ich muss sehen, dass ich möglichst viele Likes und Follower habe, ich muss performen, eine eigene Marke sein.

profil: Wie sollten Eltern auf Inhalte reagieren, mit denen sie gar nichts anfangen können?
Prochazka: Eltern rate ich, ehrlich zu sagen, was sie von bestimmten Inhalten halten, aber trotzdem interessiert zu bleiben. Man kann das Kind ruhig fragen: Was taugt dir daran eigentlich so? Interesse ist wichtig. Aber man muss authentisch bleiben. Das gilt auch für Verbote. Man sollte erklären können, warum man etwas nicht will. Und man sollte sich auch erklären lassen, was das Kind eigentlich will.

Rat auf Draht:
Information und Beratung unter der Telefonnummer: 147 (ohne Vorwahl, von 0-24 Uhr)
www.rataufdraht.at

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