Sehnsucht nach dem schönen Fußballspiel
Gesellschaft

Sehnsucht nach dem schönen Fußballspiel

Marcel Koller hat das österreichische Fußballnationalteam einst stark gemacht. Die Öffentlichkeit sehnt sich nach dem schönen Spiel der letzten Jahre. Doch der Schweizer stolpert zunehmend über seine Schwächen.

Das Nationalteam bittet derzeit um Nachsicht. Man solle nicht alles schlecht sehen, meinte der Teamchef. Es sei nicht alles verkehrt, betonte ein Spieler. Man könnte die Worte auch als Aufruf zum Zudecken der Problemstellen verstehen. Denn: Bloß weil nicht alles schlecht ist, ist natürlich nicht alles gut. Die Worte scheinen mehr ein stilles Ausharren zu fordern als eine transparente Spurensuche. Während der Schweizer Heilsbringer Marcel Koller noch vor über einem Jahr kollektiv bejubelt wurde, wird zunehmend Kritik an dessen Schwächen laut.


Mit Koller haben wir einen Riesensprung gemacht. Im ausländischen Klubfußball war das aber normaler Standard.

Anfangs hatte Koller eine klare Idee, wie Österreichs Nationalteam Fußball spielen sollte. Das war für den heimischen Fußball ein Glücksfall. Die bloße Existenz eines Plans schlug mit Leichtigkeit das lange Dasein der Planlosigkeit, die Kollers Vorgänger launig zelebrierten. Das Nationalteam konnte sich auch deshalb so gut entwickeln, weil davor so wenig entwickelt war. Koller wurde zur Heldenfigur einer lange gescholtenen Fußballnation – jedoch ohne Wunderformel. Ein Spieler und Leistungsträger des Teams meinte einst: „Mit Koller haben wir einen Riesensprung gemacht. Im ausländischen Klubfußball war das aber normaler Standard.“ Koller wurde auch für Dinge bewundert, die hierzulande neu waren, im fußballaffinen Ausland aber niemanden vom Hocker rissen.

Koller hat Österreichs Fußballnationalteam in die Neuzeit geführt. Mit einem klaren Plan. Die Mannschaft hatte plötzlich Wiedererkennungswert mit ihrem aggressiven Pressing, den gut vorgetragenen Angriffen und dem dominanten Spielstil. Koller entwickelte zur Blütezeit des Teams eine Art alpenländischen Rock n´Roll auf dem Fußballplatz. Ein bislang untypisches Merkmal des österreichischen Fußballs.

Seit der Europameisterschaft wirkt es aber so, als wäre Koller nur der richtige Mann zur richtigen Zeit gewesen. Viele Gegner hatten das Spiel durchschaut und traten mit Gegenrezepten an. Die Reaktion darauf: Nach der verkorksten Europameisterschaft gab es in Interviews die Devise, nicht mehr nach den Spielen in Frankreich zu fragen. Während einer Pressekonferenz hatte Koller vor allem die Spieler kritisiert. Seine eigene Vorstellung wollte er nicht näher kommentieren. Der Teamchef schwieg zunehmend zu heiklen Themen.

Während in der erfolgreichen Qualifikation vor allem Kollers Stärken zur Geltung kamen, sind es jetzt seine Schwächen. Koller neigt zu Sturheit und zur Abschottung. Schon bei seinen Trainerstationen in Deutschland scheiterte er am Ende auch an einem zerrütteten Verhältnis zu Medien und Fans. Sein Berater Dino Lamberti vollzog für Koller den Imagewandel und betonte lange öffentlichkeitswirksam die Vorzüge des Schweizers. Auf dessen Facebookseite versucht er heute noch ein faltenfreies Bild Kollers zu vermitteln.

Doch Kollers Schwächen holen ihn gerade ein und beschädigen zunehmend sein lange positives Bild in der Öffentlichkeit. Vor allem am Feld kristallisierte sich schnell heraus, was Koller kann und was nicht. Koller verpasste dem Team eine klare Idee, wie es Fußball spielen sollte. Das funktionierte nahezu perfekt. Geht der Plan jedoch nicht auf, scheut Koller jede Korrektur. So hat es mittlerweile Tradition, dass sein Team mit einem guten Plan startet, der gegnerische Trainer in der Pause (oder früher) Umstellungen vornimmt und Koller damit in einem Zug aushebelt. Mittlerweile gibt es eine Palette an Spielen, die auf diese Weise verloren wurden. Er habe doch keinen Joystick, mit dem er Spieler wie auf der Konsole auf dem Feld herumdirigieren könne, erklärte Koller einmal. Dabei gibt es mittlerweile gar einen Fachbegriff, für das direkte Eingreifen des Trainers auf dem Feld: „Ingame-Coaching“. Zu Kollers Stärken zählen kosmetische Korrekturen dieser Art nicht.


Beim Nationalteam hat man einen Stil und den versucht man durchzuziehen.

Schon vor Jahren meinte er: „Beim Nationalteam ist es schwierig, etwas anderes hinein zu nehmen. Da ist es beim Klub einfacher ein zweites System oder eine Variante dazu zunehmen. Beim Nationalteam hat man einen Stil und den versucht man durchzuziehen.“ Derartige Ansätze hat er auch vor wenigen Monaten wiederholt, als klar wurde, dass der bisherige Stil nicht mehr durchzuziehen ist.

Fast schien es so, dass Koller erst nach öffentlichem Zuruf von Präsident Leo Windtner und Sportdirektor Willi Ruttensteiner verstärkt an mehr Unausrechenbarkeit zu werken begann. Seither gibt es immer wieder Ansätze eines Plan B. Koller ließ mit Dreierkette spielen, sogar David Alaba setzte er dafür auf eine linke Position. Immer mehr verschwindet aber das Spiel, dass das Nationalteam lange stark machte. Und der neue Plan ist schwer erkennbar.

Koller hat wohl den Zeitpunkt verpasst, das Nationalteam rechtzeitig variabel auszurichten. Große Fußballnationen wie Deutschland haben eigene Mitarbeiter, die vor allem die Trends im weltweiten Fußballzirkus durchleuchten und die eigene Spielweise danach adaptieren. Im heutigen Fußballzeitalter ist jede Mannschaft schnell gläsern. Dazu kommt: Marcel Koller glaubt nicht recht daran, dass mehr als eine gut funktionierende Spielweise innerhalb der kurzen Lehrgänge trainierbar ist. Eine neue Idee brauche viel Zeit, um gut geschmiert zu funktionieren. Somit steht Österreichs Fußballteam derzeit ohne Plan A und ohne Plan B da. Das große Problem dahinter: Im ÖFB scheint man nach Jahren des planvollen dominanten Fußballs derzeit nicht recht zu wissen, wohin man das Team aktuell entwickeln könnte.

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